DAS JAHRHUNDERT-TICKEN

Seit genau fünf Jahren gibt es in einem Gewerbehof in Düsseldorf-Bilk das COMTOISE UHREN MUSEUM. Jetzt ist es um einen Raum erweitert worden. Eine Sammlung mit Stücken vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Von Jan Popp-Sewing.

Düsseldorf. Die vergehende Zeit war in den französischen Bauernhäusern des 18. und 19. Jahrhunderts allgegenwärtig. Dafür sorgten schon die weit verbreiteten Comtoise-Pendeluhren, die Wohnstuben oder Küchen zierten - und deren lauter Stundenschlag in allen Räumen vernehmbar war.

Mehr als 200 Jahre lang - bis 1914 - wurden die robusten Zeitmesser in der Provinz Franche-Comté hergestellt ( daher auch der Name Comtoise ) und oft über Generationen hinweg genutzt. Sie erwiesen sich als derart zuverlässig und einfach zu reparieren, dass auch Stücke aus den späten Jahren Ludwigs XIV. oxer der Zeit Napoleons nach kurzer Überholung heute wieder vernehmlich ticken und die Stunde schlagen.

Dieses Phänomen hat Bernd Deckert fasziniert, seit er die erste Comtoise-Uhr aus Frankreich mit nach Hause brachte, die erselbst restaurierte und sich ins Zimmer stellte. Das war Mitte der 60er Jahre.

Die antiken Chronometer mit ihren bemalten Emaille-Zifferblättern waren in den Folgejahren in Deutschland so beliebt, dass die Familie Deckert 1970 eine Firma gründete. Man handelte mit alten Comtoise-Uhren und Reproduktionen, restaurierte und stellte Ersatzteile her. 1981 begann die Großuhrenmanufaktur dann mit der Produktion von Comtoise-Nachbauten.

GLÜCK AUF FLOHMÄRKTEN

Und immer wieder fuhr der heute 58-Jährige auf Flohmärkte und Antiken-Börsen, erwarb Comtoise um Comtoise und restaurierte die Stücke. "Manchmal hatte ich richtig Glück, und die Leute wussten gar nicht, welche Schätzchen sie da verkauften", so Deckert. Als die Firma dann 2001 einen Erweiterungsbau fertigstellte, kam er auf die Idee, die inzwischen beatliche Sammlung in einem eigenen Museumsraum auszustellen und diesen interessierten Besuchern zu öffnen. Doch wie das mit wachsenden Kollektionen so ist, bald reichte auch der dortige Platz nicht mehr. Gestern, zum 5. Jahrestag seines Bestehens, eröffnete das Uhren-Museum einen weiteren Raum ( Besuch nach telefonischer Anmeldung, siehe Kasten )

Fast 200 funktionsfähige Comtoise-Exemplare sind dort inzwischen ausgestellt: Ein Reich des ständigen Tickens und Klingens. Jede Pendeluhr zeigt dabei eine andere Zeit. Das hat allerdings weniger mit dem weltweiten Interesse an den Minuten-Zählern zu tun, sondern dient der Schonung der Besucher. " Wenn alle Uhren gleichzeitig die Stunde schlagen würden, das wäre einfach zu laut", sagt Thomas Deckert, Sohn des Chefs. Der 27.Jährige macht gerade eine Ausbildung zum Uhrmachermeister.

Das Museum ist nicht nur eine Fundgrube für Freune alter Uhren, auch eine gehörige Portion Zeitgeschichte wird dort deutlich. Schließlich war auch die Zeit oftmals ein Politikum, zum Beispiel kurz nach der französischen Revolution. Die Revolutionäre kamen auf die krude Idee, 1793 einen eigenen Kalender mit zehntägiger Woche einzuführen und den Tag in zehn Stunden à 100 Minuten aufzuteilen.

DAS ZEIT-EXPERIMENT SCHEITERTE

Ein Experiment, das nur knapp zwölf Jahre überdauerte. Im Museum hängt eine der äußerst seltenen Comtoise-Uhren, die die traditionelle und die revolutionäre Zeiteinteilung anzeigen, an die sich die Franzosen partout nicht gewöhnen wollten.

 

1. RP 2000