EINE ZEITLOSE GESCHICHTE
Bernd Deckert hat jahrzehntelang mit Uhren gehandelt und die ganze Welt bereist. Heute besitzt er mehr als 500 antike Comtoise-Pendeluhren aus zwei Jahrhunderten und stellt diese in seinem privaten Museum aus.
Von Laura Wagener
ALT-LÖRICK. Als es in den 1990er-Jahren einen Boom um antike Uhren gab, war Bernd Deckert ganz vorne mit dabei. Ausstellungen in Hongkong und Las Vegas, Reisen um die ganze Welt und hohe Umsätze - das alles zählte zu seinem Tagesgeschäft als Uhrenhändler. Heute betreibt er ein privates Museum mit mehr als 500 Pendeluhren ind Alt-Lörick. Eine Sammlung, die vor 30 Jahren einen mindestens sechsstelligen Wert gehabt hätte.
Angefangen hat Deckerts Leidenschaft für Uhren Mitte der 1960er-Jahre. Sein Vater brachte ihm damals eine Uhr für 5 Mark aus dem Bergischen Land mit. Am heimischen Küchentisch wurde diese inspiziert, bewundert und funktionstüchtig gemacht. Wenig später kam der Vater mit einer Comtoise-Uhr aus Aachen zurück, eine französische Pendeluhr aus der Region Franche-Comté. Von dem Tag an war Deckerts Sammlerliebe entfacht.
Der heute 75-Jährige studierte Geschichte und Geographie und wollte eigentlich Lehrer werden. Während des Studiums verdiente er sich sein Geld mit dem Uhrenhandel. "Auf der Königsallee gab es Ende der 60er-Jahre einen Laden, das Fuchs-Greven, das Antiquitäten und exclusive Wohnaccessoires verkaufte", erinnert er sich. " Dort im Schaufenster hingen Uhren für 1500 D-Mark, die ich zuvor bei einer Klassenfahrt in Arles für 50 französische Francs, rund 33 Mark, gekauft hatte."
Deckerts Geschäftssinn war geweckt. Er begann, Comtoise Uhren in den Niederlanden für 80 Gulden anzukaufen und mit ihnen zu handeln. "Die Leute rannten mir die Bude einW", sagt er. 1970 meldete er eine Firma an. Nachdem er lange in Frankreich und den Niederlanden eingekauft hatte, stellte das Unternehmen von 1981 bis 2005 selbst originalgetreue Reproduktionen von Comtoise-Uhren her.
Anfang der 90-Jahre beschäftigte Deckert 16 Mitarbeitende und reiste für sein Geschäft mit den Reproduktionen um die ganze Welt. "Es war einungeheurer Boom, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen", erzählt er. "Alle Leute wollten Antiquitäten haben". Bereits Anfang der 70er seien die Preise für Uhren monatlich gestiegen. Besonders gute Objekte wurde weggelegt und aufbewahrt -als Wertanlage.
Um die Jahrtausendwende änderte sich das - das Interesse der Käufer war verschwunden. Deckerts Firma stellte die Produktion ein. Seine Leidenschaft für die Comtoise-Uhr blieb jedoch erhalten. 2001 eröffnete er in seinem Privathaus in Alt-Lörick das "Comtoise-Uhren-Museum", in dem er Besuchern Einblicke in die jahrhundertelange Entwicklung der Sammlerstücke gibt. Ursprünglich startete er mit 250 originalen Uhren, die er über die Jahre erstanden hatte. Mittlerweile ist der Bestand auf das Doppelte gewachsen. "Ich möchte im Museum das Spektrum der Comtoise zeigen, von den ältesten bis zu den jüngeren Modellen", sagt Deckert.
Seine älteste Comtoise, quasi die "Ur-Comtoise", stamme aus dem 17. Jahrhundert. Eine "richtige" Comtoise, wie sie ab Anfang des 18. Jahrhunderts im Hohen Jura gebaut wurde, ist sie aber noch nicht, sondern zeigt als Hybrid die Entwicklung von der frühen Laternenuhr zur Comtoise-uhr. Die älteste bekannte, reine Comtoise des Hohen Jura stamme aus dem Jahr 1709. "Für mich ist die Comtoise das modernste Erzeugnis der damaligen Zeit, was über mehr als zweihundert Jahre in Serie und in Heimarbeit produziert wurde", sagt Deckert.
Das Besondere liegt für ihn auf der Hand: "Diese Uhren sind im 18. Jahrhundert auf so einem hohen technischen Niveau gewesen, dass man sie mit vielen anderen Uhren eigentlich nicht vergleichen kann", sagt der Uhrenliebhaber. Denn sie sind alle mit Schrauben versehen - "das Komplizierteste, was man früher herstellen konnte". Zudem haben Räder und Achsen unterschiedliche Längen und Durchmesser, da sie proto-industriell hergestellt wurden. Eine Art "handwerkliche Massenproduktion", an der verschiedene Werkstätten und teils auch Heimarbeiter beteiligt waren. Dadurch waren die Teile untereinander nicht austauschbar. Läuft man entlang der Wände seines Museums, erkennt man schrittweise Veränderungen in der Optik und Mechanik. Die ältesten Modelle haben Gussverzierungen, bei den neueren wurde Messing verwendet. Während im 18. Jahrhundert oft drei bourbonische Lilien die Rahmen der Uhren zierten, prägte man in der französischen Revolution die Jacobinermütze in die Umrahmung - das Symbol der Revolutionäre. An Uhren aus dem 19. Jahrhundert findet man viele goldene Umrahmungen, romantische oder auc h geschichtliche Motive wie den Krieg. Bei den jüngeren Uhren sind immer mehr Blumen zu sehen, Ähren, Ornamente sowie Bauernmotive oder christliche Bilder. und in der napoleonischen Zeit dominierten Prägungen und Figuren von Napoleon und dessen Ehefrau, Kaiserin Joséphine de Beauharnais.
Für Deckert machen diese Verzierungen die Uhren datierbar. Bis auf fünf bis zehn Jahre kann er den Zeitpunkt ihrer Entstehung bestimmen - auch anhand von Zeigern, Zifferblättern oder Schriftarten, die unter den Königen verändert wurden.
Aktuell werde es wiedewr interessant, nach weiteren Uhren für die Sammlung zu suchen, sagt Deckert. "Durch den Generationenwechsel bieten Enkel von Verstorbenen diese im Internet an." Ab und zu fährt er auch heute noch nach frankreich, um sich auf Messen nach neuen Objekten umzuschauen. Der Blick alleine ins Internet reiche nicht. "Man muss schon ins Uhrwerk reinschauen, um zu erkennen, ob die Uhr etwas Besonderes ist."
INFO Zeitreise in die Entstehung der Comtoise
Eröffnung Das"Comtoise Uhren Museum" wurde 2001 von Ex-OB Joachim Erwin eröffnet.
Ausstellung In seinem privat geführten Museum bietet Bernd Deckert auf Anfrage auch Führungen an.