Herr der Zeit
In Nordrhein-Westfalen ist Thomas Deckert einer von nur noch wenigen Uhrmachermeistern – und jung dazu: In seiner Werkstatt im Düsseldorfer Stadtteil Lörick hat er sich auf den Erhalt und die Restaurierung antiker Uhren spezialisiert. In seinem Keller ruhen besondere Kostbarkeiten.
Von Nicolas Berthold
Wer die Werkstatt von Thomas Deckert betritt, ist verwundert: Kein ungeordnetes Ticken unzähliger Uhren an der Wand und keine Pendel, die hin und her wanken. Ausgerechnet der Arbeitsplatz des 37-jährigen Uhrmachermeisters strahlt Gelassenheit aus. Selbst die Werkzeugkästen und kleinen und großen Ersatzteile für Uhren, die überall auf den Arbeitsplatten verteilt auf ihren Einsatz warten, verstärken die Stimmung, die Künstler wohl als Stillleben bezeichnen würden.
Die Räumlichkeiten im alten Teil des linksrheinischen Lörick strahlen eine wohltuende Zeitlosigkeit aus, die sich offensichtlich auch auf das Gemüt des gebürtigen Düsseldorfers übertragen hat. Thomas Deckert begrüßt seine Besucher und spricht mit einer angenehm-weichen Stimme. Vor einem Jahr zog die „Meisterwerkstatt für mechanische Uhren“, die er mit seinem Vater Bernd leitet, von der Suitbertusstraße in Bilk auf die andere Rheinseite. Im dörflichen Lörick ist von der Hektik und dem Straßenlärm des urbanen und multikulturellen Stadtteils Bilk nichts mehr zu spüren.
Er führt durch seine Werkstatt, von der aus er direkt in die private Küche gelangt, brüht sich einen fair gehandelten Kaffee und blickt auf den Rheindeich, der unmittelbar an seinen Garten grenzt. Deckert sieht zufrieden aus. Die Umbau- und Umzugsarbeiten, die im Oktober des vergangenen Jahres begannen, sind nun nahezu vollzogen, der Betrieb läuft wieder. Für Deckert, seine Frau und die beiden Kinder ist die Werkstatt ihr Zuhause – und das im wahrsten Sinne des Wortes: „Wir haben das Haus neu gebaut, direkt neben meinem Elternhaus, und für mich war es naheliegend, dass die Werkstatt ein Teil dieses Hauses wird“, sagt er.
Auf dem Weg zum Unikat
Deckert ist auf die Sammlung, den Handel und Erhalt sowie die Restaurierung mechanischer Uhren spezialisiert. „Von der modernen Armbanduhr bis zur historischen Stiluhr reparieren und restaurieren wir mechanische Uhren jeglicher Art.“ Für seine Arbeit benötigt er ein hohes Maß an Ruhe und Konzentration. „Die habe ich meistens erst dann, wenn der Nachwuchs im Kindergarten ist“, sagt er und lächelt dabei.
Angeregt durch seinen Vater führt er seit vielen Jahren die Leidenschaft für die Restaurierung antiker Uhren fort. Damit ist Deckert auf dem besten Weg, selbst zu einem Unikat zu werden: Er ist recht jung und übt eine Tätigkeit aus, die auf der Liste der aussterbenden Handwerksberufe steht. „Es stimmt, in NRW gibt es nur noch ganz wenige, die den Beruf ausüben und in meinem Alter sind. Unsere Kunden kommen daher nicht nur aus Düsseldorf, dem Umland oder dem Ruhrgebiet, sondern aus weiten Teilen des Bundeslandes zu uns.“
Ob Großuhren mit Feder- oder Gewichtsaufzug – das Prädikat ‚antik’ verdienen sich Zeitmesser, die älter als ein 100 Jahre sind. „Für mich ist das eine außergewöhnliche Arbeit, in die ich mich sehr gut und sehr lange vertiefen kann“, erklärt Deckert, der am Oberkasseler Comenius-Gymnasium sein Abitur ablegte. Während Schulfreunde sich für ein Jura-Studium oder eine Banklehre entschieden, schlug er im Jahr 2000 einen untypischen Weg ein: Er meldete sich an der Uhrmacherschule Hamburg an. „Ich habe diesen Schritt nie bereut. Wenn ich Uhren geliefert bekomme, sie auseinander baue, in ihre Einzelteile zerlege, sehe, was sie alles schon mitgemacht haben, sie anschließend restauriere und wieder zusammenbaue – das hat etwas Erhabenes. Ich hauche antiken Uhren Leben ein.“
Meisterprüfung in Frankfurt
Während der Ausbildung lernte er seinen Mentor, den Uhrmachermeister Klaus Ohle, kennen und arbeitete in seinem Laden. „Bei ihm habe ich unglaublich viel gelernt. Und ganz nebenbei konnte ich noch ein wenig Geld verdienen“, erinnert sich Deckert. Als er 2003 seine Ausbildung abgeschlossen hatte, übernahm Ohle den jungen Uhrmacher als Spezialist für antike Uhren. Nach einem anschließenden, kurzen Intermezzo in Freiburg verschlug es Deckert 2005 wieder in die Heimat: Er trat in den Familienbetrieb der Firma ein. Vier Jahre später belegte er im sächsischen Glashütte Vorbereitungskurse zur Meisterprüfung, 2010 folgte der erfolgreiche Abschluss an der Hessischen Uhrmacherschule in Frankfurt.
Die Erinnerungen an früher werden lebendig, wenn der Familienvater berichtet, wie er als kleiner Junge in die Werkstatt seines Vaters schlich und sich die in ihre Einzelteile zerlegten Uhren ganz genau anschaute. „Mein Vater zeigte mir schließlich, worauf ich achten muss, wenn ich Uhren zusammenbaue. Mich hat die Arbeit von Beginn an fasziniert. Schon damals habe ich immer gesagt, dass ich Uhrmacher werden möchte.“
Eine Faszination übt auch das aus, was eine Etage unterhalb der Werkstatt, im Keller des Hauses, auf rund 200 Quadratmetern zur Schau gestellt wird: Seit fast 40 Jahren tragen Vater und Sohn Deckert Comtoise-Uhren zusammen, Pendeluhren, die über 200 Jahre in der Franche Comté im französischen Jura gebaut wurden und die bei Antikuhren-Liebhabern ein beliebtes Sammelobjekt sind. Typisch ist ihr sehr lauter Stundenschlag. Eröffnet wurde das Museum, damals noch in der Werkstatt der Firma Deckert an der Suitbertusstraße, im Jahre 2001 durch den mittlerweile verstorbenen Oberbürgermeister Joachim Erwin.
Wer die Treppen von der Werkstatt hinab geht, taucht ein in eine andere Welt. Heute umfasst die beeindruckende Sammlung mehr als 250 Exemplare, die – Seite an Seite gedrängelt – nach vorheriger Absprache von Besuchern besichtigt werden können. Ältestes Exemplar ist eine Comtoise-Uhr aus dem Jahr 1710, auf die Deckert besonders stolz ist. „Ich komme gerne hier runter. Das Pendelticken empfinde ich als sehr beruhigend, und jede Comtoise Uhr ist für mich etwas Besonderes.“ Deckert sieht zufrieden aus.