Bernd Deckert
URSPRUNG DER
COMTOISE UHREN
Von der Laternenuhr zur Comtoise Uhr
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2022 Bernd Deckert, Comtoise Uhren Museum, Düsseldorf
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2BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
VORWORT.
Es begann im Herbst 2010, als ich Ton Bollen fragte, ob wir beide zusammen ein
Buch über die Ursprünge der Comtoise Uhren im späten 17. und frühen 18. Jahr-
hundert schreiben würden. Zu meiner Verwunderung, aber auch Freude, sagte
Ton spontan: „Ja, das machen wir.“
Die Frage nach den Ursprüngen der Comtoise Uhren hatten weder Ton in seinem
1974 erschienenem Buch „Comtoise Klokken“ noch ich in meinem 2009 erschiene-
nem Buch, Band 2. „Die Geschichte der Comtoise Uhr“ ausreichend beantwortet.
Es war uns klar, dass die Frage sehr schwer zu beantworten sein würde und haupt-
sächlich davon abhängen würde, ob wir Uhren finden würden, die eindeutig ins 17.
Jahrhundert datiert werden könnten, vielleicht sogar datierte und signierte Uhren
von Mayet oder von anderen Herstellern, deren Namen auf frühen Uhren des 18.
Jahrhunderts vorkommen.
Die Namen der Uhrmacher des Hohen Jura, welche die ersten Comtoise Uhren im
frühen 18. Jahrhundert gebaut hatten, kannten wir alle, denn schließlich hatten
wir zahlreiche ihrer Exemplare während unserer jahrzehntelangen Arbeit mit
Comtoise Uhren gesehen. Nicht jede Uhr hatten wir gekauft, aber wir hatten un-
zählige Uhren in unseren Händen gehalten, hatten gelernt, Veränderungen und
Reparaturen, die zwangsläufig an Uhren vorkommen, die 250 oder 300 Jahre alt
sind, zu erkennen und wir hatten gelernt, unverfälschte Exemplare von Mariagen
und Fälschungen zu unterscheiden. Die Summe solcher jahrzehntelanger Erfah-
rung mündet oft in einer kurzen Betrachtung einer Uhr mit der Feststellung:
„Bei dieser Uhr ist alles stimmig und bei dieser Uhr hier stimmt etwas nicht.“
Es war uns klar, dass wir die Uhren, die wir für unsere Arbeit suchten, nicht bei
einem einzigen Sammler finden würden und dass wir viele tausend Kilometer wer-
den fahren müssen.
Wir haben Sammler in den Niederlanden, Belgien, Deutschland, Frankreich und in
der Schweiz kennen gelernt, in deren Comtoise Uhren Sammlungen sich eine oder
auch zwei frühe Comtoise Uhren befanden, aber auch Sammler, die zwischen zehn
und zwanzig solcher Uhren besaßen.
Aufgrund von Suchaufrufen im niederländischen Rikketik Magazin und den Mit-
teilungen der DGC meldeten sich zahlreiche Sammler und boten Ihre Hilfe an.
Sammler untereinander kennen sich vielfach auch, so dass auch hier weitere Kon-
takte durch Empfehlung zustande kamen.
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3BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Unserem gemeinsamen, leider inzwischen verstorbenen Schweizer Uhrenfreund
Heinz Christeler verdanken wir viele Kontakte zu schweizerischen Sammlern.
Bei unserer Arbeit in der Zeit von 2010 bis Ende 2015 haben Ton und ich immer
wieder feststellen müssen, dass wir uns perfekt ergänzt haben. Was der eine nicht
erkannt hatte, hatte der andere erkannt und umgekehrt. Was der eine nicht wußte,
wußte der andere und umgekehrt. Beide haben wir viel Neues über Comtoise Uh-
ren gelernt.
Während unserer Arbeit hatte ich gegen Ende 2011 für meine Familie, meine Fir-
ma und mein Museum eine existenzielle Entscheidung getroffen, nämlich den Um-
zug in ein neu zu errichtendes Gebäude neben unserem Wohnhaus, d.h. Wohnen
und Arbeiten unter einem Dach. Mein zeitliches Engagement in dieses Neubaupro-
jekt hatte ich unterschätzt, so dass der von uns geplante Erscheinungstermin des
Buches Ende 2015 leider nicht gehalten werden konnte.
Ton Bollen hat leider im Herbst 2015 die gemeinsame Arbeit beendet. Wenn ich
heute zurückblicke, dann bin ich mir sicher, dass das Buch in 2016 erschienen
wäre.
Nach Ton’s Aufkündigung der gemeinsamen Arbeit in 2015 glaubte ich, dass er
nun ein eigenes Buch herausbringen würde, doch bis zum heutigen Tage ist dies
leider nicht geschehen.
Ich persönlich kann sagen, dass die letzten 11 Jahre sehr lehrhaft waren. Mein
Wissensstand ist aufgrund neuer Erkenntnisse bzgl. der Entstehung der Comtoise
Uhren heute ein anderer als zum Zeitpunkt Ende 2008, zum Zeitpunkt der Er-
scheinung meines Bands II der Geschichte der Comtoise Uhren.
Mein Wissen und meine erweiterten Erkenntnisse nach 2008, insgesamt fast 50
Jahre Erfahrung mit Comtoise Uhren, möchte ich jedoch weitergeben, so dass ich
mich entschlossen habe, meinen Wissensstand in Worte zu fassen und in gedruck-
ter Form allen interessierten Liebhabern und Sammlern antiker Comtoise Uhren
zugänglich zu machen.
Ein gedrucktes Buch würde bei den zu erwartenden Verkaufszahlen niemals die
Druckkosten wieder einspielen, denn die Gemeinde interessierter Sammler wird
ständig kleiner, neue Comtoise Uhren Sammler kommen fast nicht hinzu, so dass
ich mich entschlossen habe, eine gedruckte Version in Form eines Arbeitstextes,
versehen mit einigen Key Fotos zu veröffentlichen. Alle anderen Fotos werden den
interessierten Lesern dann über die Internetseite des Comtoise Uhren Museums -
www.morbier-clocks.de - zur Verfügung gestellt.
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4BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Da der bisherige Kenntnisstand über den Ursprung der Comtoise Uhr durch mich
radikal in Frage gestellt wird, wird vermutlich eine Diskussion darüber entstehen,
die hoffentlich sachlich geführt werden wird. Wenn sachliche Kritik mit nachprüf-
baren Quellen mir möglicherweise Irrtümer bescheren werden, so kann diese in
meinen ARBEITSTEXT einfließen.
Der Arbeitstext wird auch nach einigen Jahren auf der Internetseite des Comtoise
Uhren Museums erscheinen, so dass dann ab diesem Zeitpunkt evtl. Erweiterun-
gen aber auch Korrekturen noch einfacher möglich sein werden und natürlich
auch weitere Fotos von heute noch unbekannten Uhren zugefügt werden können.
An dieser Stelle möchte ich mich nochmals herzlich für die mir überall gewährte
Gastfreundschaft bedanken, die ich bei den Besuchen in den ‚europäischen’ Häu-
sern erfahren durften. Die Bewirtung ging oftmals weit über Kaffee und Tee hin-
aus. Zahlreiche neue Freunde wurden gefunden, zahlreiche Freundschaften wur-
den geschlossen.
Düsseldorf, im August 2018
VORWORT 2022
In meiner *GESCHICHTE DER COMTOISE UHREN* von 2008 hatte ich auf
Seite 27 geschrieben: „ Solang keine signierte und datierte bzw. eindeutig auf vor
1685 zu datierende Uhr Comtoise Bauart aus Haute-Saône, Haute Marne und Pla-
teau von Langres auftaucht ( ich glaube nicht die Existenz einer solchen Uhr ),
müssen wir die Entwicklung der Comtoise Uhr den Schmiede-Uhrmachern des
Jura zuschreiben.“
Jahrzehntelang hatte wohl jeder passionierte Sammler von Comtoise Uhren nach
der Ur-Comtoise gesucht, zumindest gehofft, eine solche Uhr wenigstens einmal zu
sehen.
Welch ein Glücksfall, als ich im Juni dieses Jahres auf einer Internet-Verkaufs-
plattform eine Haute-Saône Comtoise Uhr mit Radunrast entdeckte, die für mich
das Missing Link zwischen Laternenuhr und Haut-Jura Comtoise Uhr darstellt.
Obwohl bereits mehr als 100 Personen diese Uhr vor mir gesehen hatten, war die
Uhr noch nicht verkauft worden. Ich war zum Zeitpunkt der Auffindung dieser
Uhr im Urlaub auf den Kanaren und konnte den Verkäufer bewegen, mir die Uhr
bis zu meiner Rückkehr nach Deutschland zu reservieren, so dass ich die Uhr letzt-
endlich anschauen und kaufen konnte. Als mir der Verkäufer dann auch noch ver-
sicherte, dass nur ein einziger Sammler von mehr als 150 Personen, die sein Ange-
bot angeschaut hatten, ihn zwecks Preisabfrage kontaktiert hatte, verstand ich die
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5BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Welt nicht mehr. Vielleicht sollte es einfach so sein, dass diese Haute-Saône Com-
toise Uhr mit Radunrast ins Comtoise Uhren Museum nach Düsseldorf kommt.
In meinem Buch/Arbeitstext *URSPRUNG DER COMTOISE UHREN* von 2018
hatte ich schon den Beweis geführt und damit meine Ansicht von 2008 revidiert,
dass die Comtoise Uhr des Hohen Jura nicht im 17. Jahrhunderts, also ca.
1680/1690, von den Mayet entwickelt worden war, sondern entsprechende Uhren
aus Haute-Saône als Vorbilder gedient haben mussten. Mit der nun erworbenen
Haute-Saône Comtoise des 17. Jahrhunderts mit Radunrast sowie einer weiteren
*Hybrid Comtoise* kann dieser Nachweis nun auch anhand existierender Uhr-
werke anschaulich geführt werden.
Die Ur-Comtoise Uhr ist existent!
Düsseldorf, im März 2022
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6BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
INHALTSVERZEICHNIS
Seite 3 Vorwort
Seite 7 Inhaltsverzeichnis
Seite 9 1. Provokante Feststellungen am Anfang!
Seite 11 2. Autoren - Spiegel
Seite 27 3. Bilder - Spiegel
Seite 37 4. Laternenuhren
Seite 41 5. Comtoise Laternenuhren
Seite 53 6. Mayet Turmuhrwerke
Seite 67 7. Ur-Comtoise
Seite 85 8. Rechenschlagwerk
Seite 93 9. Im Jahr 1730
Seite 107 10. Schrauben - Befestigungsschrauben an Comtoise
Uhren des Haut-Jura Typs
Seite 121 11. Warum entstand die Comtoise im Hohen Jura?
Seite 139 12. Signaturen auf frühen Comtoise Uhren
Seite 147 13. Originale, Kopien, Reproduktionen, Imitationen,
Mariagen, Fälschungen, etc.
Seite 163 14. Literaturverzeichnis
Seite 169 Nachwort
Seite 171 Bilderteil ( 33 Seiten )
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7BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
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8BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
1. Provokante Feststellungen!
"Vers l'an 1660, d'après une tradition de famille non contestée,...........
"Um das Jahr 1660, nach einer nicht in Zweifel gezogenen familiären
Überlieferung,"
„Mais cette découverte ne pénétra qu'en 1675 dans les montagnes du
Jura. “
„Aber diese Erfindung drang nicht vor 1675 in die Berge des Jura
vor“.
Diese o.a Sätze hatten wir alle in der Mayet Legende gelesen und alle
hatten wir diese Aussagen für wahr gehalten: Um 1675 drang die Er-
findung des Pendels bis in der Berge des Jura vor.
Doch heute sind weitere Bausteine vorhanden, die beweisen, dass diese
Annahme „um 1675“ nicht mehr zu halten ist, so dass ich nun an den
Anfang meiner Untersuchung auch direkt einige Ergebnis stelle und
provokant feststelle:
Die Mayet können erst um 1688/89 von der Pendeluhr bzw. vom Pen-
del erfahren haben!
Die Haut-Jura Comtoise Uhr als Wanduhr ist nicht die Weiterentwick-
lung der durch die Mayet im Haut-Jura gebauten Turmuhren!
Die Haut-Jura Comtoise Uhr ist keine eigenständige Entwicklung
durch die Mayet.
Die ältesten Comtoise Uhren des Haut-Jura Typs stammen aus dem
ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts.
Die Mayet-Hemmung kann nur um 1710/1715 entwickelt worden sein,
denn um 1730 stirbt in London der französisch stämmige Uhrmacher
Claude Du Chesne.
Comtoise Uhren, welche die aus England kommenden technischen
Neuerungen, wie Hakengang und Rechenschlagwerk in ihren Kon-
struktionen verwendet hatten, wurde mit Sicherheit bereits gegen
Ende des 17. Jahrhunderts im Haute-Saône gebaut!
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9BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Die Haut-Jura Comtoise Uhr ist eine Weiterentwicklung der Haute-
Saône Comtoise!
Die Haut-Jura Comtoise Uhr ist die mit Abstand modernste Uhr ihrer
Zeit!
Es gibt eine Genealogie der Befestigungsschrauben der Haut-Jura
Comtoise Uhr!
Ohne die bereits im Hohen Jura vorhandenen wirtschaftlichen Rah-
menbedingungen hätte sich dort niemals eine derart erfolgreiche
Uhrenfertigung entwickeln können!
Von den zahlreichen Uhren, die ich während meiner Zusammenarbeit
mit Ton Bollen gesehen und fotografiert hatten, verblieb keine einzige
Uhr, die ich vor 1700 datieren würde. Alle untersuchten und fotogra-
fierten Uhren muss ich ins 18. Jahrhundert datieren.
Eine einzige Uhr, nämlich eine mit „Meon à Vesoul“ signierte Haute-
Saône Comtoise schien eine nähere Untersuchung wert zu sein!
Die älteste signierte und datierte Haut-Jura Comtoise, die ich gefunden
und und fotografiert hatte, stammte aus dem Jahr 1711!
Meiner Meinung nach hat Ton Bollen die „Ur-Comtoise“ oder zumin-
dest ein Exemplar, welches der Ur-Comtoise sehr nahe kommt, bereits
1977 in seinem Buch abgebildet!
Die in der einschlägigen Literatur abgebildeten Comtoise Uhren, die
daselbst vor 1700 datiert werden, bewerte und datiere ich zum grossen
Teil anders!
Bevor ich alle meine provokanten Behauptungen belegen werde, möch-
te ich Ihnen die einzelnen Autoren in der einschlägigen Comtoise Lite-
ratur hinsichtlich ihrer zeitlicher Einschätzung des Beginns der Com-
toise Uhren Fertigung im Hohen Jura sowie der Datierung ihrer be-
nutzen und abgebildeten Uhren vorstellen.
Deshalb zuerst Autoren-Spiegel und Bilder-Spiegel!
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10BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
2. AUTORENSPIEGEL
Nachfolgend möchte ich Ihnen einen Überblick über andere Autoren geben, wie
diese sich die Entstehung der Comtoise Uhr im Hohen Jura vorstellen.
Alle Autoren, und ich will mich hier nicht ausnehmen, die sich bisher mit dem
Thema ‚COMTOISE‘ beschäftigt haben, haben sich wohl durch die Mayet Legen-
de und durch das Studium der bereits vorhandenen Literatur beeinflussen lassen.
Wir wissen, dass Legenden auf mündlichen Überlieferungen basieren, und dass
diese Überlieferungen bis zu ihrer endgültigen schriftlichen Niederschrift schon
mannigfaltigen Änderungen - man könnte auch von Hinzudichtungen sprechen -
unterworfen gewesen sein können. Wenn aber in heutiger Zeit die Legende durch
weiteres Hinzudichten erweitert wird, hat nur das Papier etwas davon, weil es
dann schwarz bedruckt wird.
Trotzdem haben wohl alle Autoren ihre Nachforschungen, Überlegungen und Er-
gebnisse bzgl. der Comtoise Entstehung immer mit der Mayet Legende in Einklang
zu setzen versucht.
Wenn allerdings ein Autor angibt, eine signierte und datierte Mayet Comtoise von
1692 zu kennen, so ist wohl klar, dass diese Angabe alle möglichen Sammler und
andere Autoren auf ihrer Suche nach der Ur-Comtoise extrem beeinflusst. Es ist
sehr bedauerlich, dass es von 2004 bis heute gedauert hat, dass diese wohl irrtüm-
lich gemachte Angabe der Datierung 1692 zurückgenommen wurde.
Der erste Autor war im Jahr 1964 wohl TARDY, der in seinem Werk
„LA PENDULE FRANCAISE“ 3me Partie, Provinces et Etranger, Paris 1964 auf
Seite 275 schrieb:
„L‘autre centre de fabrication est la région de Morbier-Morez-Foncine. C‘est vers
1600 que Mayet, après avoir réparé l‘horloge du Couvent des Capucins de Sainte-
Claude, eut l‘idée de faire quelques horloges en fer. La fabrication, faite simple-
ment au compas, était grossière. Un simple cercle de laiton faisait office de cadran.
Ce ne fut que vers 1675 que l‘horloge à pendule fut connue. Alors commence la fa-
brication de la Comtoise, ou la Morbier comme on l‘appelle quelquefois.“
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11BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
( Ein anderes Fabrikationszentrum ist die Region von Morbier-Morez-Foncine.
Um das Jahr 1600 hatte Mayet die Idee, nachdem er die Uhr des Kapuzinerklos-
ters von Sainte-Claude repariert hatte, ein paar Eisenuhren zu bauen. Die Ferti-
gung, einfach mit dem Zirkel gemacht, war grob. Ein einfacher Ring aus Messing
machte das Zifferblatt. Erst um das Jahr 1675 wurde die Uhr mit Pendel bekannt.
Nun beginnt die Fertigung des Comtoise, oder der Morbier, wie man sie manchmal
nennt.)
Tardy geht also davon aus, dass die Pendeluhr im Hohen Jura um 1675 bekannt
wurde und dass daraufhin die Mayets begannen, Comtoise Uhren, d.h. Eisenuhren
zu bauen. Turmuhren hatten Sie auch gebaut, die aber nachweislich mit Waag
ausgestattet waren.
Im Jahr 1974, noch vor Erscheinen des Buchs von Ton Bollen, erschien in der
Fachzeitschrift l‘Estampille No. 51 März 1974 ein Artikel: „LES COMTOISES EN
HAUSSE“ ( DIE HAUSSE DER COMTOISEN ), in welchem der Verfasser -
BERNARD BUSSON - über die damalige riesige Nachfrage nach Comtoise Uhren
auf dem Pariser Flohmarkt berichtet. Er erklärt den Lesern auch die Entstehung
der Comtoise Uhren durch die Gebr. Mayet, wie er diese von einem Flohmarkt-
händler erfahren hatte: „ Trois siècles d‘efforts. Ce sont les cultivateurs Jurassiens
à qui revient l‘honneur d‘avoir créé les premières comtoises: les frères Mayet, qui
demeuraient à Morez, une petite localité perdue au milieu de forêts verdoyantes et
escarpées. Depuis le XVe siècle, le Jura était devenu un centre actif d‘horlogerie.
Pourtant dans la montagne, le soir après le travail, les paysans montaient des mé-
canismes et les vendaient aux habitants des grandes villes riches.
En 1670, les frères Mayet apprirent qu‘à Genève il existait une sorte de haute hor-
loge, munie d‘un balancier qui sonnait les heures et les demi-heures. Cette innova-
tion leur parut si surprenante que, sans hésiter, ils franchirent à pièd les montag-
nes, pour aller admirer sur place cette *merveille*. Un des premiers cas d‘espion-
nage industriel sans doute! De retour au pays, après bien des tracas, ils réalisèrent
la première comtoise francaise.“
( Drei Jahrhunderte Anstrengung. Es sind die Bauern des Jura, denen die Ehre zu-
teil wird, die ersten Comtoisen geschaffen zu haben: die Gebrüder Mayet, die in
Morez lebten, einer kleinen vergessenen Stadt, die inmitten von steil abfallenden
grünen Wäldern liegt. Seit dem 15. Jahrhundert war der Jura ein aktives Zentrum
der Uhrmacherkunst. Dennoch bauten die Bauern in den Bergen am Abend nach
der Arbeit Uhrwerke und verkauften sie an die Bewohner der großen reichen
Städte. 1670 erfuhren die Gebrüder Mayet, dass es in Genf eine Art hohe Uhr gab,
mit einem Pendel ausgestattet, die die Stunden und halben Stunden anzeigte. Diese
Innovation erschien ihnen so überraschend, dass sie ohne zu zögern über die Berge
gingen, um das "Wunder" auf der Stelle zu bewundern. Ohne Zweifel, einer der
ersten Fälle von Industriespionage! Wieder zu Hause, nach vielen Schwierigkeiten,
realisierten sie die erste französische Comtoise. )
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12BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Eine etwas abgewandelte Mayet Legende, die sich auch schön - insbesondere ver-
kaufsfördernd - anhört, bei welcher die erste Comtoise allerdings erst nach der
‚ersten Industriespionage‘ in Genf im heimischen Kämmerlein entstand.
Nach Lektüre dieses Artikels hatte jedenfalls jeder Brocanteur die kleine Geschich-
te für die ausländischen Kunden, die sich für die alten in Frankreich unmodern
gewordenen Comtoise Uhren interessierten, bereit. Flohmarktwissen verbreitet
sich sehr schnell, denn jeden Tag wird gehandelt und verkauft und erzählt! Der
Schneeball rollt und rollt!
Als zweiter Autor folgte im Jahr 1974 TON BOLLEN, welcher in seinem für alle
nachfolgenden Autoren grundlegenden Buch: „COMTOISEKLOKKEN“
schrieb:
Seite 9: „Uitgewaaierd over bijna de hele wereld hebben den Franse klokken uit de
Haut-Jura, de Haute-Saône, het Plateau van Langres, het district Calvados en de
Pyrenées Atlantiques en naam verworven, die onverbrekelijk verbonden is an kwa-
liteit en duurzaamheid........
De wieg van deze klokken heft hoog boven in den bergen van de Franse Jura ges-
taan, in het gebied dat als het Franche Comté, Contées volgens de oude spelling,
bekend is. Als Comtoises, afkomstig uit het Comté, zijn deze klokken de wereld in-
gegaan.“...........
Seite 13: „Over de begintijd van de klokkenfabricage in de Jura is nagenoeg niets
bekend en alleen de namen van enkele families geven enige aanknopingspunkten.
Het onstaan van de Comtoises is namelijk terug te brengen tot de aktiviteiten van
één familie of een group families. De familie, die volgens de overlevering het meest
direkt bij de ontwikkeling van de Comtoises betrokken is geweest, is de familie
Mayet. Bij de familie Mayet heeft de opvatting dat zij de eersten zijn geweest, die
Comtoises hebben gebouwd, altijd as waar en als enig juiste gang van zaken ge-
leefd. Historisch gezien is dit niet te achterhalen. Bovendien zijn er uit de beginpe-
riode van de Comtoises, na 1700, nog te weinig exemplaren bekend, om op grond
van vergeleijking en enigszins juist oordeel te kunnen geven.“
Seite 19: „ Vergelijken we beide typen klokken, dan doet die Comtoise uit de Jura
zeer modern aan en past volledig in de achttiende eeuw. Dit kan op grond van het
uiterlijk en de constructie van de Comtoises uit de Haute-Saône en van het Plateau
van Langres nauwelijks gezegd worden, die, wat de constructie betreffen nog vol-
ledig in de zeventiende eeuw thuishoren, ondanks, o.a. de toepassing van de voor
die tijd wel zeer moderne ankergang. Geenszins sluit dit meer traditionele werken
van de noordelijke gebieden uit, dat ze niet in een vroeger stadium ‚Comtoieses‘
gefabriceerd zouden hebben, eerder dan de Jura en dat zelfs he ontbrekende over-
gangstype voor de Jura gezocht moeten worden in den Haute-Saône of het Plateau
Seite
13BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
van Langres. De Jura heeft dan eerst later de produktie en wel het bestaande ni-
veau van de Haute-Saône overgenomen en in een kortere tijdsbestek en eigen
klokkenfabricage op poten gezet.“.................................
Concluderend is het basismodel van de Comtoise ontwikkeld in de Haute-
Saône.“............... Seite 20: „Onontkoombaar, als secundair gebied, is
het Franche Comté beinvloed geworden door de omliggende gebieden.“
( Seite 9: Verbreitet über beinah die gesamte Erde haben sich die Comtoise Uhren
aus dem Hohen Jura, aus der Haute-Saône, vom Plateau von Langres, aus dem Be-
zirk Calvados und der Pyreneen Atlantique einen Namen erworben, der unauflös-
lich verbunden ist an Qualität und Dauerhaftigkeit.......
Die Wiege dieser Uhren hat hoch oben in den Bergen des Französischen Jura ge-
standen, in einem Gebiet, welches als die Franche Comté, Contées gemäß der alten
Schreibweise, bekannt ist. Als Comtoisen, aus der Comté stammend, sind diese Uh-
ren in die Welt gegangen.“
Seite 13: Über die Anfangszeit der Uhrenfertigung im Jura ist beinah nichts be-
kannt, und nur die Namen einiger Familien geben einige Anknüpfungspunkte.
Die Entstehung der Comtoisen ist nämlich zurückzuführen auf die Aktivitäten ei-
ner Familie oder einer Gruppe von Familien. Diejenige Familie, die gemäß der
Überlieferung am meisten mit der Entwicklung der Comtoisen betroffen gewesen
ist, ist die Familie Mayet. Bei der Familie Mayet hat die Auffassung, dass sie die
ersten gewesen sind, die Comtoisen gebaut haben, als wahr und als einzig richtiger
Tatsachenverlauf bestanden. Historisch gesehen ist dies nicht nachzuvollziehen.
Darüber hinaus sind aus der Anfangszeit der Comtoisen, nach 1700, zu wenig Ex-
emplare bekannt, um auf Grund von Vergleichen ein einigermaßen richtiges Urteil
geben zu können.“
Seite 19: Vergleichen wir beide Uhrentypen, dann kommt die Comtoise aus dem
Jura sehr modern rüber und passt vollkommen in das achtzehnte Jahrhundert.
Dies kann auf Grund des Äußeren und der Konstruktion der Comtoisen aus der
Haute-Saône und des Plateau von Langres kaum gesagt werden, die, was die Kon-
struktion betreffend, noch vollkommen im 17. Jahrhundert zu Hause sind, undank
u.a. der Zufügung des für diese Zeit sehr modernen Ankergangs. Keineswegs
schließt dieses traditionellere Arbeiten in den nördlichen Gebieten aus, dass sie
nicht in einem früheren Stadium Comtoisen fabriziert haben könnten, eher als im
Jura, und dass selbst der fehlende Übergangstyp für den Jura in der Haute-Saône
oder auf dem Plateau von Langres gesucht werden muss. Der Jura hat dann erst
später die Fertigung und auch das bestehende Niveau der Haute-Saône übernom-
men und in einem kürzeren Zeitraum eine eigene Uhrenfertigung auf die Beine ge-
stellt.“...............
Schlussfolgernd ist das Basismodell der Comtoise in der Haute-Saône entwickelt
worden...... Seite 20: Unabwendbar ist die Franche Comté als zweitrangi-
ges Gebiet durch die umliegenden Gebiete beeinflusst worden. )
Seite
14BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Eigentlich hatten Ton Bollen bereits im Jahr 1974 die richtigen Schlüsse gezogen,
und er hatte nach meiner Überzeugung auch bereits ein *Basismodell* in den
Händen gehalten, ohne diesem allerdings die Bedeutung beizumessen, die das
Werk verdient.
Obwohl er bereits von Comtoise Uhren aus der Haute-Saône und aus der Haute-
Marne sprach, nannte er die Uhren aus dem Haut-Jura nicht folgerichtig auch
Haut-Jura Comtoise, sondern benutze die Bezeichnung Comtoise des Mayet Typs
oder Mayet Comtoise für die ältesten Exemplare. So implizierte er bei seinen Le-
sern, die dieser Bezeichnung sehr bald willig folgten, dass alle *Fachleute* nur
noch von Mayet Comtoise für diejenigen Comtoise Uhren mit einem einfachen
Messingreif-Zifferblatt sprachen. Mayet Signaturen waren im Verhältnis zu ande-
ren Signaturen und/oder Uhren aus Haute-Saône und Haute-Marne häufiger zu
finden. Da natürlich auch jeder die Legende kannte, die den Mayets sowieso die
Entwicklung der Comtoise Uhren angedichtet hatte, schien die Bezeichnung ‚May-
et Comtoise‘ nur folgerichtig zu sein. Ton Bollen ist sicherlich der erste Autor, der
in Schriftform von Mayet Comtoise spricht, was aber nicht bedeutet, dass nicht
schon vor 1974 in Frankreich im alltäglichen Sprachgebrauch unter Antikhänd-
lern und Brocanteuren die frühen Einzeiger-Comtoise mit Zifferblattreif als Mayet
Comtoise bezeichnet und verkauft wurden.
Im Jahr 1974 hatte er noch auf Seite 51 geschrieben: „Voor 1700 is niets met ze-
kerheid over Comtoises uit de Jura bekend.“ ( Vor 1700 ist nichts mit Sicherheit
über Comtoisen aus dem Jura bekannt ).
Während man dann bei den nachfolgenden Autoren Gustav Schmitt und Maitzner/
Moreau natürlich die Bezeichnungen Mayet Comtoise wiederfindet, wird auch bei
Schmitt, jedoch nicht bei Maitzner/Moreau, wieder von Comtoisen und Mayet in
der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gesprochen.
Doch TON BOLLEN schien inzwischen auch auf diese Linie eingeschwenkt zu
sein, denn im Jahr 2004 schrieb er im Katalog zur Ausstellung „MET FRANSE
SLAG Comtoise klokken 1680 – 1930“ des Nederlands Goud-, Silver- en Klok-
kenmuseum in seinem Abriss:
De historie van de Comtoiseklok: ( Die Geschichte der Comtoise Uhr)
„Van geen enkel ander Europees type uurwerk zijn er, in meer dan twee eeuwen
tijds (van 1675 to 1920), zo onvoorstelbar veel exemplaren geproduceerd en zijn er
so oneindig veel variaties op het oermodel (1675) bedacht.“ ...................................
„Het oermodel van de Comtoise is afgeleid van de vijftiende-en zestiende eeuwse
torenuurwerkconstructies. Gaand – en slagwerk werden naast elkaar
geplaatst.“.........
Seite
15BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
„De oudste mij bekende en gedateerde Comtoise van het type Mayet bevindt zich
in een particuliere collectie en is gesigneerd en gedateerd*Jean Baptiste Mayet
Morez 1692*
( Von keinem anderen Europäischen Uhrentyp sind in einer Zeitspanne von mehr
als 2. Jahrhunderten ( von 1675 - 1920 ) so unvorstellbar viele Exemplare produ-
ziert worden und sind so unendlich viele Variationen vom Urmodel ( 1675) abgelei-
tet..................................
Das Urmodel der Comtoise ist von den Turmuhrwerk Konstruktionen des 15. und
16. Jahrhunderts abgeleitet. Geh- und Schlagwerk werden nebeneinander plat-
ziert...................................
Die älteste mir bekannte datierte Comtoise des Mayet Typs befindet sich in einer
Privatsammlung und ist signiert und datiert: Jean Baptiste Mayet Morez 1692. )
Was Ton Bollen wohl bewogen hat, die Ableitung des Comtoise Uhrwerks in direk-
ter Linie zu den Turmuhren des 15. und 16. Jahrhunderts zu stellen, da Geh- und
Schlagwerk nebeneinander platziert werden, vermag ich nicht zu sagen, wider-
spricht aber allem, was ich über Uhrenentwicklung zu wissen glaube.
Es hat aber leider dazu geführt, dass die Initiatoren der Ausstellung von 2011 in
Schoonhoven den Titel wählten: „VAN TORENUURWERK TOT HUISKLOK.
Het Ontstaan van de comtoiseklok 1700 - 1750 ( VOM TURMUHRWERK ZUR
HAUSUHR. Die Entstehung der Comtoise Uhr 1700 - 1750 )
Auf Seite 3 des Ausstellungskatalogs heißt es denn auch: „Torenuurwerk. De eers-
te comtoises zijn afgeleid von den torenuurwerken uit de 16e en 17e eeuw. Gaand-
en slagwerk werden naast elkaar geplaatst. Dit in tegenstelling tot andere wand-
klokken waarbij het slagwerk achter het gaand werk werde geplaatst.....“ ( Turm-
uhrwerk. Die ersten Comtoisen sind von den Turmuhrwerken des 16. und 17.
Jahrhunderts abgeleitet. Dies im Gegensatz zu anderen Wanduhren, bei welchen
das Schlagwerk hinter dem Gehwerk platziert wird...... )
Als die ersten Comtoisen entstanden, gab es schon andere Uhren, bei welchen Geh-
und Schlagwerke nebeneinander gesetzt wurden. Die Tatsache, dass Geh- und
Schlagwerke nebeneinander gesetzt wurden, ist keine Erfindung der Comtoise Uh-
ren.
Als die ersten Comtoisen entstanden, gab es schon andere kleine Hausuhren; ich
denke nur an gotische Hausuhren und an Laternenuhren, und für mich ist die Ent-
stehung der Comtoiser Hausuhr eine Weiterentwicklung der Laternenuhren, die
bereits vielfältig in Frankreich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gebaut
werden. Davon später mehr.
Seite
16BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Ich denke, dass Ton Bollen diesen Satz aus dem Jahr 2004 über die Ableitung der
Comtoise Uhren von den Turmuhren heute sicherlich nicht mehr sagen würde.
Er spricht von einer Periode von 1675 bis 1920 und gibt an, eine signierte und da-
tierte Comtoise Uhr von Jean Baptiste Mayet Morez 1692 zu kennen.
Jeder, der dies damals im Ausstellungskatalog gelesen hat, wird sich wohl gesagt
haben: „Also doch, es gibt doch schon Comtoise Uhren im Hohen Jura im 17.
Jahrhundert. Wir müssen nur weitersuchen, vielleicht gibt es auch ein Exemplar
aus den 1680er Jahren?“
Was Ton Bollen aber mit seinem Irrtum angerichtet hat, kann leider in der danach
entstandenen Literatur nicht wieder gelöscht werden.
Ton Bollen ist aber inzwischen wieder auf das Niveau zurückgekehrt, welches er im
Jahr 1974 betreten hatte. Die älteste bisher bekannte signierte und datierte
Comtoise aus dem Hohen Jura stammt aus dem Jahr 1709.
Das Basismodell, das Urmodell ist im Haute-Saône entwickelt!
Im Jahr 1975 erschien in den USA das Buch mit dem Titel
„THE MORBIER 1680 - 1900" von STEVE NEMRAVA. Wie der Titel es schon
aussagt, wird auch hier angenommen, dass die Comtoise Uhr ( Morbier Uhr in den
USA ) ab 1680 hergestellt wurde.
Im Jahr 1976 erschien in Frankreich das Buch von MAITZNER/MOREAU
„LA COMTOISE - LA MORBIER - LA MOREZ“ ( weitere Auflagen in den Jah-
ren 1977, 1979, 1982 und 1985 )
Die Mayet Legend wird komplett angeführt, jedoch schreiben die Autoren auf Sei-
te 5 : „ Enfin, de toute facon, cette histoire est très belle et comme elle fut transmise
de génération en génération par voie orale, il est normal de se trouver devant une
histoire dont les sources sont réelles, mais le texte arrangé.“ ( Letztlich ist dies je-
denfalls eine schöne Geschichte und da sie von Generation zu Generation münd-
lich weitergegeben wurde, ist es normal, eine Geschichte vor sich zu haben, deren
Ursprünge existieren, der Text aber zurechtgemacht ist.)
Auf Seiten 69 + 70 unter der Überschrift: ÉVOLUTION DU MOUVEMENT DE
LA COMTOISE
„ Avant 1700. Peu de Comtoises connues.
Seite
17BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
1700 - 1730
Mouvement type Comté, de petites dimensions, approchant la forme carrée. Ca-
dran en forme de couronne en laiton ou en étain. 1 seule aiguille en laiton ou en fer.
Fronton en laiton découpé ou en étain. Absence presque totale de gravures. La fa-
cade souvent bordée d‘un filet de laiton plat, sur lequel peut-être frappé le nom de
l‘horloger. 2 pièces mobiles décoratives, en laiton, portant signature ou devise lati-
ne, cachent les trous de remontage toujours en dehors du cercle du cadran. Parfois,
écoincons décoratifs dans les angles supérieurs.
Ce modèle correspond à ce que l‘on appelle généralement l‘Horloge des MAYET.“
( ENTWICKLUNG DES COMTOISE UHRWERKS
Vor 1700. Wenige Comtoise bekannt.
1700 - 1730
Uhrwerk Comtoise Typ, von kleinen Abmessungen, sich der quadratischen Form
annähernd. Zifferblatt in Kranzform aus Messing oder Zinn. 1 einzelner Zeiger
aus Messing oder Eisen. Fronton aus Messing ausgeschnitten oder aus Zinn. Bei-
nah vollständiges Fehlen von Gravuren. Die Frontseite oftmals durch einen flachen
Messingstreifen umrahmt, auf welchem vielleicht der Name des Uhrmachers ein-
geschlagen ist. 2 dekorative bewegliche Messingstücke, welche die Signatur oder
einen lateinischen Spruch tragen, verdecken immer die Aufzugslöcher außerhalb
des Ziffernblattreifs. Manchmal in den oberen Ecken dekorative Eckverzierungen.
Dieses Modell entspricht dem, was man allgemein als MAYET Comtoise bezeich-
net. )
Maitzner Moreau schliessen nicht aus, dass es vor 1700 Comtoise Uhren gegeben
haben kann. Wenige sind bekannt. In ihrem Buch ist allerdings kein Beispiel einer
solchen Comtoise Uhr vor 1700 zu finden. Auch Maitzner/Moreau folgen entweder
der mündlichen Überlieferung bzw. des täglichen Sprachgebrauchs und/oder
übernehmen die von Ton Bollen erstmalig schriftliche Bezeichnung Mayet Comtoi-
se aus seinem Buch von 1974.
Im Jahr 1977 erschien die 1. Auflage des Buchs von GUSTAV SCHMITT
„DIE COMTOISE-UHR“, und auch er geht davon aus, dass die Fertigung von
Comtoise Uhren in den 1680er Jahren begann. Er schreibt in der 3.Auflage von
1983 auf Seite 7: „ Der Holländer Huygens erfand das Pendel im Jahr 1656, es
dürfte aber 20 Jahre gedauert haben, bis die Kenntnis von seiner Erfindung in der
Franche-Comté bekannt wurde. Demnach werden wohl die ersten Comtoise Uhren
um das Jahr 1680 gebaut worden sein. Eine der ältesten mit Jahreszahl und Uhr-
macher gezeichnete Comtoise-Uhr scheint eine Uhr mit Zahlenreif aus dem Uh-
renmuseum in Genf zu sein; sie trägt die Jahreszahl 1693 und den Uhrmacherna-
men „Moyse Golay du Chenit“. Mit „Chenit“ wird ein Landstrich im Tal von Joux
Seite
18BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
bezeichnet. Dieser Landstrich liegt in der Schweiz, 5 Km von der französischen
Grenze ( Departement Doubs ) entfernt.“
Weiterhin lesen wir auf Seite 309:“ Die Mayet Hemmung bei der Comtoise-Uhr.
Die älteste bekannte Comtoise-Uhr mit Mayet Hemmung ist eine mit der Jahres-
zahl 1693 gezeichnete Uhr im Uhrenmuseum Genf, die bereits erwähnt wurde.“
Man ist allgemein davon ausgegangen, dass die Kenntnis vom Pendel 20 Jahre ge-
braucht hatte, um im Jura bekannt zu werden. Was ist aber, wenn es 35 oder 40
Jahre gedauert hat? Dann können demnach auch die ersten Comtoise Uhren ver-
mutlich erst um 1700 erschienen sein. Dann kann es unmöglich eine signierte Com-
toise Uhr mit Mayet-Hemmung im Jahr 1693 gegeben haben. Eine signierte Uhr
mit Jahreszahl 1693 kann es wohl geben, die Frage ist halt nur, ob diese Uhr auch
authentisch ist.
Ich werde noch darlegen, dass es unmöglich eine Mayet-Hemmung bereits im 17.
Jahrhundert gegeben haben kann.
Der nächste Autor, der sich nun mit dem Thema Comtoise Uhren beschäftigt,
ist SIEGFRIED BERGMANN im Jahr 2005 mit seinem Buch:
„COMTOISE UHREN“
Auf Seite 13 schreibt er: „ Der Ursprung dieser Uhr, die ihren Namen von der Be-
zeichnung der Region Franche-Comté ableitet, geht auf Schmiede aus dem Fran-
zösischen Jura zurück, die um 1680 die erste Comtoise Uhr - die Ur-Comtoise -
hergestellt haben. Als Vorbild dienten ihnen Turmuhrkonstruktionen des 15. und
16. Jh. und die Erfindung des Pendels im Jahr 1656 durch Huygens war ihnen be-
reits bekannt. So wurden die Merkmale der gewichtsgetriebenen Turmuhren und
das Pendelsystem auf den neuen Uhrentyp - die Comtoise Uhr - übertragen.“
Auf Seite 25 schreibt er dann weiter: „ Die Herstellung dieses Uhrentyps breitete
sich ausgehend von Morbier und Morez rasch in andere Juradörfer, wie zum Bei-
spiel Belle Fontaine, La Chapelle des Bois, Forte du Plasne, Fourgs, Thonne, Fon-
cine le Haut und auch darüber hinaus in die Départements Doubs und Haute-Saô-
ne aus. Sogar außerhalb der Franche Comté in den Départements Haute-Marne,
Ain, Côte-d‘Or und Loire wurden später Comtoise Uhren hergestellt.“
Keine Abweichung von der bis dahin in der Literatur vorgegebenen Linie.
In seinem vierbändigen Werk von 2012 wird der o.a. Satz, nun auf Seite 17, dann
noch erweitert: „ Der Ursprung dieser Uhr, die ihren Namen von der Bezeichnung
der Region Franche-Comté ableitet, geht auf Schmiede aus dem Französischen
Jura zurück, die um 1680 die erste Comtoise Uhr - die Ur-Comtoise - hergestellt
haben. Als Vorbild dienten ihnen Turmuhrkonstruktionen des 15. und 16. Jh. und
die Anwendung des schwingenden Pendels im Jahr 1656 durch Huygens war ihnen
Seite
19BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
durch die im Jahr 1741 veröffentlichte Abhandlung von Antoine Thiout, der 1692 in
Jonvelle in der Franche Comté geboren wurde und 1767 in Paris verstarb, bekannt.
So wurden die Merkmale der gewichtsgetriebenen Turmuhren und das Pendelsys-
tem auf den neuen Uhrentyp - die Comtoise Uhr - übertragen.“
Im Jahr 2010 vertrat auch Francois Buffard in seiner ‚Petite Historie de l’horloge
comtoise‘ die Meinung, dass die Mayet die Comtoise von den Turmuhren abgeleitet
hätten. Auf Seite 5 schreibt er:
„Les Mayet ont alors cherché à réduire la taille des mécanismes des horloges d’édi-
fices pour créer l’horloge comtoise. Cette réduction s’est accompagnée de diverses
adaptions techniques comme la sonnerie à crémaillère et l’échappement.“
( Die Mayet haben dann versucht, die Größe der Turmuhrwerke zu verringern, um
die Comtoise Uhr zu erschaffen. Diese Verminderung ist begleitet durch diverse
technische Übernahme wie Rechenschlagwerk und Hemmung. )
‚In Petite histoire des horloges d’édifice' des Jahres 2013 kann man dann auf
Seite 7 lesen:
“Les frères Mayet ont acquis une grande connaissance de l’horlogerie. Ce sont des
maîtres horlogers. Non contents de fabriquer des horloges à clochers, ils cherchent
à réduire la taille des mécanismes. Ils inventent les premières horloges comtoise
entre 1680 et 1700.“
( Die Gebrüder Mayet haben große Kenntnisse der Uhrmacherei erlangt. Sie sind
Uhrmacher-Meister. Nicht zufrieden, Turmuhren zu bauen, versuchen sie die Grö-
ße der Uhrwerke zu reduzieren. Sie erfinden die ersten Comtoise Uhren zwischen
1680 und 1700.)
Im Jahr 2019 schreibt Francois Buffard schliesslich in seinem Buch ‚l’Horloge
comtoise et des horlogers‘ auf Seite 22 sogar von einem Geniestreich:
„ Le coup de génie des Frères Mayet est sans doute aussi d’avoir compris très vite
qu’ils pouvaient trouver leur place dans le monde de l’horlogerie, à côté d’horlo-
gers établis dans les grandes villes comme Paris, Londres et Genève.“
( Der Geniestreich der Gebrüder Mayet rührt auch ohne Zweifel daher, dass sie
sehr schnell verstanden hatten, dass sie ihren Platz in der Welt der Uhrmacherei
finden könnten, an der Seite der in den großen Städten wie Paris, London und
Genf etablierten Uhrmacher )
Auch für Francois Buffard sind die Mayet die Erfinder der Comtoise Uhr, deren
Entwicklung aus den Turmuhren abgeleitet wird. Allein aus dieser Ableitung und
den in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts entwickelten Neuerungen wie Pendelan-
wendung und Rechenschlagwerk entwickelten Sie dann *in einem Guss* das Com-
toise Uhrwerk des Hohen Jura. Eine Leistung, die Francois Buffard, aus heutiger
Seite
20BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Sicht dann sogar als Geniestreich bewertet, da sie sich ebenbürtig fühlten den gro-
ßen Uhrmachern in den damaligen Zentren der Uhrmacherei.
Von außen betrachtet, sicherlich ein wenig des Guten zu viel an Lokalpatriotismus.
Von innen betrachtet vielleicht verständlich. Es führt aber dazu, dass an der Mayet
Legende auch heute noch weitergeschrieben wird.
In der Zeitschrift CHRONOMÉTROPHILIA der Schweizerischen Gesellschaft
für die Geschichte der Zeitmessung, Ausgabe Été/Sommer 2012, No. 71, hatte
GEORG VON HOLTEY in seinem Aufsatz „HANDSCHRIFTEN DER UHRMA-
CHER DES HOHEN JURA IN IHREN UHREN AUS DEM FRÜHEN 18. JAHR-
HUNDERT“ auf Seiten 40/41 folgendes geschrieben:
„Bisher sind keine Comtoise Uhren aufgetaucht, die eindeutig ins 17. Jahrhundert
datiert werden können. Die frühesten Comtoise dieser Studie sind vermutlich die
zwölf verwandten Uhren der beiden Brüder Pierre Mayet aus Fort du Plasne und
Bellefontaine. Nur zwei dieser Werke sind datiert: 1709 ( oder 1702?) ( Abb.47 ).
Jedoch können die mit genügender Sicherheit jeweils einem der beiden Uhrmacher
Mayet zugeordnet werden.
Die Tatsache, dass zwölf Uhren aus diesen beiden Werkstätten, d.h 15% des stu-
dierten Ensembles, noch heute nach 300 Jahren erhalten sind, lässt vetermuten,
dass eine grosse Anzahl dieser Comtoise Uhren über Jahre hinweg hergestellt wur-
den. Damit ist man dann nicht mehr weit weg von der Feststellung, dass einige die-
ser „Pierre-Mayet-Uhren“ sehr wohl aus dem 17. Jahrhundert stammen könnten“.
Ich frage mich natürlich, warum nur 2 von 12 Uhren, die alle „mit genügender Si-
cherheit“ aus der Werkstatt der Mayet stammen sollen, signiert sind.
Warum soll ein Mayet sowohl signierte als auch nicht signierte Uhren bauen?
Warum einige sehr wohl aus dem 17. Jahrhundert stammen könnten, kann ich
nicht nachvollziehen.
Dann schreibt Georg von Holtey auf den Seiten 42 und 43 weiter:
„ Die Uhren der beiden Brüder Pierre und Petit-Pierre Mayet sind sich in ihren
wesentlichen Eigenschaften so ähnlich, dass die Annahme auf der Hand liegt, dass
sie von einem gemeinsamen Vorbild abstammen. Dieser gemeinsame Vorläufer ist
wahrscheinlich sehr nahe mit der uns bekannten Pierre Mayet Comtoise Uhr aus
Fort du Plasne verwandt, einem Werk mit eleganter und technisch versierter, ein-
heitlicher Handschrift, die es schwer macht zu glauben, sie sei das Ergebnis der
Beiträge mehrerer verschiedener Meister. Als mögliches Szenario sei hier das fol-
gende rein hypothetische Bild skizziert.
In den späten 1670er oder frühen 1680er Jahren denken die beiden jüngeren
Mayet Brüder Pierre und Petit-Pierre aus Morbier als junge, etwa 25-jährige
Seite
21BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Uhrmacher darüber nach, wie eine robuste, ländliche Hausuhr aussehen könnte,
die sich an die umliegenden Bauernhöfe verkaufen liesse. Ein Stundenschlag, und
möglicherweise auch ein Halbstundenschlag, sind wichtiger als eine aufwendige
Anzeige der Uhrzeit, ein Weckwerk dagegen ist nötig. Als Vorbilder kannten die
Mayet von Gewichten angetriebene Turmuhren und wohl auch Laternenuhren mit
ihren hintereinander angeordneten offenen Werken und von Schlossscheiben ge-
steuerten Schlagwerken. Der wesentliche Nachteil dieser Uhren für den ländlichen
Gebrauch war, neben der für Staub anfälligen offenen Bauweise, ihre kurze Lauf-
zeit von nur etwa 30 Stunden, die ein tägliches Aufziehen erforderte. Um die Lauf-
zeit auf eine realistische Spanne von einer Woche zu verlängern, musste eine grös-
sere Übersetzung durch Einfügen eines weiteren Zahnrades erreicht werden. Das
erforderte erhöhte Gewichte von zweieinhalb bis drei Kilogramm und schloss da-
mit einen Aufzug mit Gegengewichten aus. Man benötigte einen Schlüsselaufzug
mit Seiltrommel, also nebeneinander liegenden Geh- und Schlagwerken, damit sie
von vorne aufgezogen werden konnten.
Um diese Zeit hatte sich die Kunde des 1657 erfundenen Huyghen‘schen Pendels
bis in den Hohen Jura verbreitet (14) und die Brüder Mayet fügten diese, den
Gang ihrer Uhr wesentlich verbessernde Erfindung, zusammen mit der alt-be-
kannten, robusten Spindelhemmung ihrer Konstruktion hinzu................ Da kam
das in den späten 1670er Jahren in London eingeführte Rechenschlagwerk den
Brüdern zu Hilfe (15). Wie sie in so wenigen Jahren davon erfahren haben konn-
ten, bleibt ein Rätsel. Jedenfalls - in dem hypothetischen Szenario fortfahrend -
übernahmen die Brüder diese neue Technik nicht nur für ihre Uhr, sondern ent-
wickelten und vereinfachten sie weiter zu der von ihnen erfundenen Version mit
vertikal fallender, U-förmiger Zahnstange als Rechen mit Schöpfer und Sperrhe-
bel. Es scheint, dass dieser spezielle Rechen nur in Uhren aus dem Hohen Jura und
den Nachbargegenden verwendet wurde.“
Auf Seite 44 schreibt Georg von Holtey dann noch: „ Es passt gut in das obige hy-
pothetische Bild, dass Pierre Mayet, mit dieser neuen, viel versprechenden Uhr im
Gepäck 1685 nach Fort du Plasne übersiedelt und dort eine Werkstatt für Comtoi-
se-Uhren eröffnet.“
Es mag sein, dass Pierre Mayet im Jahr 1685 nach Fort du Plasne übersiedelte,
aber er hat sicherlich keine Werkstatt für Comtoise-Uhren, d.h. Hausuhren mit
Pendel und Rechenschlagwerk, eröffnet, denn um 1685 bauten die MAYETS noch
Turmuhren mit Waag und hatten keine Ahnung von der Pendelanwendung.
Vor 1709 lassen sich Comtoise Uhren im Hohen Jura bis heute nicht nachweisen, es
gibt weder eine entsprechende Uhr als Beweis noch irgendwelche schriftlichen
Aufzeichnungen, die den Bau von Comtoise Uhren belegen könnten. Sollten jedoch
signierte und mit Jahreszahl versehene Uhren von vor 1709 auftauchen, so ist
höchste Wachsamkeit angebracht, denn die Wahrscheinlichkeit, dass es sich dabei
um Fälschungen handelt ist wesentlich höher als dass es ich um Originale handelt.
Seite
22BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Hypothetische Annahmen, welcher Mayet was, wann, wo und mit wem gedacht
oder gemacht haben könnten, sind leider nur Annahmen, die nun wieder vom
Tisch sind, wenn nachgewiesen werden kann, dass die zugrunde gelegten Daten
nicht stimmen können.
Der (vorerst ) letzte Autor, der über die Comtoise Uhr geschrieben hat, ist im Jahr
2014 LEONHARD VAN VELDHOVEN mit seinem Buch: MAYET MORBIER
COMTOISE - Geburt und Entwicklung einer sagenhaften Uhr. Der Titel allein
sagt schon aus, dass die Comtoise von Mayet in die Welt geholt wurde.
Auch er geht von Annahmen aus und bettet die Geburt der Comtoise in die allge-
meinen Lebensumstände des Hohen Jura, bedingt durch französische Geschichte,
geografische und klimatische Faktoren. Das Buch ist sicherlich allein aus diesem
Grund lesenswert, da eine ungeheure Vielzahl an Informationen nicht nur über
französische Geschichte im allgemeinen und franc-comtoise Geschichte im beson-
deren geliefert werden, sondern auch die Entwicklung der Metallverarbeitung,
des Email-Gewerbes, der Zeitmessung, des Pendels ausgearbeitet werden.
Für ihn läuft die Entwicklung der Comtoise Uhr von der Turmuhr zum Turmuhr-
Modell ( Miniatur-Turmuhr ) und endet in der Hausuhr - der Comtoise Uhr.
Auf Seite 239 schreibt er: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass das Wissen des Pendels
als Regler, das am ersten Weihnachtstag 1656 von Christiaan Huygens erfunden
wurde, schon in den Siebzigerjahren den Haut-Jura erreichte.“
Auf Seite 248 schreibt er: „ Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Gebrüder Mayet in
der zweiten Hälfte der 1670er Jahre, als die Ruhe nach dem Tumult der dritten
( und letzten ) französischen Invasion von 1674 wieder einigermaßen eingekehrt
war, ein erstes Modell einer Turmuhr im Maßstab angefertigt haben, um die von
vielen Legenden umrankte nouveauté des Pendels auszuprobieren. Eine Miniatur-
Turmuhr ( später zweifelsohne verbessert ), die den Mayet bei der Akquisition von
Aufträgen für Turmuhren enorm nützlich war.“
Auf Seite 253 schreibt er:“ Wie dem auch sei, sie mussten etwas finden, was ihnen
die Möglichkeit verschaffte, einer folgenden Krise besser die Stirn bieten zu kön-
nen.
Als die schlimmste Zeit vorbei war, haben sie wahrscheinlich ein Turmuhr-Modell
im Maßstab auf den Tisch gestellt und miteinander darüber diskutiert, ob man
daraus nicht eine ordentliche Hausuhr machen könnte.“
Auf Seite 254 schreibt er: „Die Geburt der Comtoise war nicht einfach ein norma-
ler Entwicklungsschritt, sondern ein tollkühner Sprung nach vorn für einige ver-
zweifelte, durch Hungersnot und soziale Zerrüttung bedrohte Bauern-Schmiede,
die sich nebenbei als Hersteller von Turmuhrwerken betätigten“
Seite
23BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Das erste, spezifisch als Hausuhr gebaute Uhrwerk ( also mehr als nur eine Minia-
tur-Turmuhr, später Mayet, Morbier oder Comtoise genannt, datiert um oder kurz
nach dem Jahr 1700.“
Diese erwähnte Miniatur-Turmuhr wird auf den Seiten 249 und 250 abgebildet.
In den Büchern von Siegfried Bergmann, sowohl 2005 als als 2012, ist diese Uhr
auch abgebildet.
Beschreibt Siegfried Bergmann diese Uhr als „ Sehr frühe Einzeiger-Comtoise-Uhr
mit großer Ähnlichkeit zur Turmuhrkonstruktion in Abb. 2. - Zeit: um 1690.“
Band I 2012 Seite 31 Abb.4, so erkennt zumindest Leonhard van Veldhoven schon
auf Seite 255 unter der Überschrift: „Die ältesten (zurzeit bekannten) Comtoise
Uhren. In der Literatur werden einige Uhren genannt, die als Beweis dafür dienen
sollen, dass bereits lange vor 1700 Comtoise Uhren gebaut wurden. Leider scheint,
dass es entweder gar keine Comtoise Uhren sind, sondern (Akquisitions-) Modelle
von Turmuhren ( wie die Mini-Turmuhr von Hans-Ulrich W. ) oder Uhren bei de-
ren Datierung zumindest große Zweifel bestehen.“
Große Zweifel hat er an der Uhr, welche Ton Bollen in seinem Buch auf den Bil-
dern 1 + 2 abbildet und +/- 1685 datiert.
Dazu schreibt dann Leonhard van Veldhoven auf Seite 255: „ In das Buch Comtoi-
seklokken (L1) von Ton Bollen wurde eine neue unsignierte Uhr aufgenommen, die
dort um 1685 datiert wird.
Interessant ist, dass diese Uhr eine Ankerhemmung hat, damals eine absolute Neu-
heit, die erst 1670 zum ersten Mal in England in einer Uhr verwendet wurde. Diese
Hemmung würde noch eine lange Zeit brauchen, bis sie zum Haut-Jura durch-
dringen konnte. Erst in den 1840er Jahren wurde sie häufig in der Comtoise ver-
wendet. .................. Unter Berücksichtigung all dieser Tatsachen ( namentlich der
Ankerhemmung und des Herstellungsortes ) liegt es auf der Hand, dass diese Uhr
nach 1725 angefertigt wurde, als die Ankerhemmung etwas bekannter war und
immer mehr Comtoise auch außerhalb des Haut-Jura angefertigt wurden.“
Wenn Leonhard van Veldhoven zutiefst überzeugt ist und auch zu beweisen ver-
sucht, dass den Mayet die Ehre gebührt, um 1700 die Comtoise Uhr in ihre Wiege
im Hohen Jura gelegt zu haben, dann passt eine früher datierte Uhr nicht ins Kon-
zept. Da gemäß seiner Überzeugung die Comtoise Uhr anderen Uhren aus anderen
Regionen als Vorbild gedient haben muss, muss diese Datierung von 1685 falsch
sein. Also begründet er seine Datierung - um 1725 - mit den Argumenten *Anker-
hemmung* und *Herstellungsort*, die ich leider überhaupt nicht nachvollziehen
kann. Im Gegenteil!
Ton Bollen hat niemals behauptet, dass diese Uhr aus dem Hohen Jura stammt. Er
beschreibt diese Uhr als aus Haute-Saône stammend.
Seite
24BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Ich bin der Meinung, dass Ton Bollen vollkommen richtig mit +/- 1685 datiert hat.
Über diese Uhr später noch mehr, denn sie ist eines der wichtigsten Beweismittel,
dass die ältesten Comtoise Uhren, zumindest das Urmodell/Basismodell, gerade
nicht von den Mayet gebaut wurden!
Auch ich hatte in meiner GESCHICHTE DER COMTOISE UHREN, Band II
Textband erschienen im Jahr 2009, den Mayet die Entstehung der Comtoise Uhr
zugesprochen. Es ist natürlich müßig nun zu sagen, dass meine Geschichte der
Comtoise Uhren eine andere geworden wäre, wenn ich in 2008/2009 bereits ge-
wusst hätte, dass die von Ton Bollen erwähnte Mayet Comtoise von 1692 nicht
existiert.
Was ich allerdings sagen kann, ist, dass meine Geschichte der Comtoise Uhr eine
andere geworden wäre, wenn ich all das bereits gewusst hätte, was ich in den Jah-
ren nach 2009 erfahren, lernen und werten durfte.
Erfahrungen aufgrund von Sehen und Untersuchen zahlreicher sehr früher Com-
toise Uhren und anderer französischer Wanduhren inkl. deren Reparaturen/Re-
staurierungen, Auffinden einer bis heute unbekannten Mayet Turmuhr, Auffinden
einer bis zum Jahr 2011 mir unbekannten englischen Standuhr mit Mayet-Hem-
mung, Erwerb von zwei Stück Hybrid Comtoise/Laternen Uhrwerken im Jahr
2021 sowie neue Erkenntnisse über Schrauben und Muttern.
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25BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
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26BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
3. BILDER-SPIEGEL
Im vorangegangenen Kapitel hatte Ihnen die verschiedenen Darstellungen der Au-
toren aufgezeigt, nun möchte ich Ihnen die abgebildeten Uhren auflisten, die das
Vorhandensein von Comtoise Uhren im 17. Jahrhundert belegen sollten.
Aufgrund der Urheberrechte ist es leider nicht möglich, Abbildungen aus anderer
Literatur hier wieder abzudrucken, es sei denn mit entsprechender Genehmigung
des Autors oder des Eigentümers der Uhr. Ich kann also lediglich Hinweise geben,
in welcher Literatur und auf welchen Seiten Sie die Abbildung/en sehen können.
Für denjenigen von Ihnen, der die zitierte Literatur besitzt, ist dies dann sicherlich
kein Problem, auch dort nachzuschauen!
Es sind dies folgende Uhren:
Bei TARDY gibt es drei Uhrwerke, die eine nähere Betrachtung wert sind, abge-
bildet in 3me Partie, PROVINCES ET ETRANGER, auf den Seiten 280 und 281.
Bei TON BOLLEN sehen wir in seinem Buch von 1974 ( deutsche Ausgabe von
2006 ) mit Abb. 1 und 2 ein Haute-Saône Werk.
Bei STEVE NEMRAVA gibt es keine Comtoise Uhr, die er vor 1700 datiert. Aller-
dings beschreibt er in englisch sprachiger Literatur erstmals und bildet ab soge-
nannte Morbier Lantern Clocks ( Comtoise Laternenuhren ), die er in das 17.
Jahrhundert datiert. Über diese Uhren jedoch später mehr in einem gesonderten
Kapitel
Bei GUSTAV SCHMITT findet sich keine Comtoise Uhr, die er vor 1700 datiert.
Allerdings beschreibt er in deutscher Literatur erstmals und bildet ab sogenannte
Comtoise Laternenuhren. Über diese Uhren jedoch später mehr in einem geson-
derten Kapitel
Bei MAITZNER/MOREAU jedoch findet sich auch das Uhrwerk, welches bei
Tardy auf Seite 280 Abb. b) abgebildet ist; zusätzlich wird noch die Rückseite die-
ses Uhrwerks abgebildet, in den beiden Abbildungen Photo 196 und 197 auf den
Seiten 143/144. Außerdem wird hier dann mit Photo 198 noch das Stundenrad aus
Holz mit Stern und Stundenstaffel jedoch in rückseitiger Ansicht abgebildet.
Ansonsten findet sich bei Maitzner/Moreau keine Comtoise Uhr vor 1700.
Bei SIEGFRIED BERGMANN findet sich in seiner Ausgabe von 2005 nur eine
Uhr, die um 1700 datiert wird. Seiten 20-23, Abbildungen 3 bis 3.4
Bei Siegfried Bergmann finden sich in seiner Ausgabe von 2012 zwei Uhren, wo-
von die eine um 1690 datiert wird, die andere, eine identische Uhr bereits bekannt
Seite
27BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
aus der Ausgabe 2005, um 1700 datiert wird. Seiten 30 - 38, Abbildungen 4 - 4.3
und Abb. 5 - 5.4.
IN MEINEM BUCH von 2009 ‚Geschichte der Comtoise Uhren‘ finden sich keine
Uhren, die um 1700 oder älter datiert werden.
Im AUSSTELLUNGKATLOG SCHOONHOVEN von 2004 finden sich zwei Uh-
ren, Abb. 1a en 1b sowie 1c auf Seite 14, wovon eine Uhr mit 1685/1690 angegeben
wird ( diese Uhr ist identisch mit der bei Siegfried Bergmann in beiden Ausgaben
abgebildeten Uhr, datiert um 1690 ) , die andere Abb. 1 c mit +/- 1700 datiert ist.
Diese Uhr 1 c findet sich dann auch bei Siegfried Bergmann auf Seite 39 der Aus-
gabe von 2012, wird hier aber um 1720 datiert.
Im AUSSTELLUNGKATLOG SCHOONHOVEN von 2011 finden sich keine
Comtoise Uhren, die um 1700 oder älter datiert werden können. Alle Datumsanga-
ben sind nach 1725.
Im Buch von LEONHARD VAN VELDHOVEN aus dem Jahr 2014 erscheinen die
bereits aus der Literatur von Siegfried Bergmann bekannten Uhren; einmal die
Miniatur Turmuhr von 1685/1690 auf den Seiten 249 und 250 mit den Abbildungen
F6o und F61 sowie mit Abb. F61 ( Nummer kann nicht stimmen ) auf Seite 259
unten die um 1700 datierte Uhr, die bei Siegfried Bergmann und im Ausstellungs-
katalog Schoonhoven von 2004 erwähnt wird.
Zusätzlich wird noch die Uhr des Genfer Museums abgebildet, signiert Moyse Go-
lay 1693 cu Chenit. Leonhard van Veldhoven erklärt jedoch dazu, dass es sich bei
dieser Uhr nur um eine Fälschung handeln kann. Auch aufgrund meiner Ausfüh-
rungen ( davon mehr im Kapitel: 1730 ) über die Mayet-Hemmung muss klar sein,
dass diese Uhr nicht aus 1693 stammen kann, da es um diese Zeit die Mayet-Hem-
mung noch nicht gegeben haben kann.
In den Büchern von 2010 bis 2019 Francois Buffard finden sich keine Comtoise
Uhren, die vor 1720 datiert werden.
In der Zeitschrift CHRONOMÉTROPHILIA der Schweizerischen Gesellschaft
für die Geschichte der Zeitmessung, Ausgabe Été/Sommer 2012, No. 71, hatte
GEORG VON HOLTEY in seinem Aufsatz „Handschriften der Uhrmacher des
Hohen Jura in ihren Uhren aus dem frühen 18. Jahrhundert“ finden sich keine
Abbildungen von Uhren, die vor 1700 datiert werden.
Bei TARDY gibt es drei Uhrwerke, die eine nähere Betrachtung wert sind, abge-
bildet in 3me Partie, PROVINCES ET ÉTRANGER, auf den Seiten 280 und 281.
Seite
28BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Abb. a) Seite 280 unten links. Eisenplatinenwerk mit einem Zeiger, Seilzug, Anker-
gang und Schlag auf Glocke.
Die Uhr hat vermutlich ein Schlossscheibenschlagwerk, da auf dem Stundenrad 24
Stifte sitzen, die den Hebel zur Schlagwerkfreigabe hochheben. Der Hammerfuss
wird durch Stifte des Hebnägelrads angehoben. Ankerhemmung nicht sichtbar.
Warum Tardy dieses Uhrwerk den Comtoise Werken zuordnet, bleibt mir leider
verschlossen. Ich habe ein solches Werk, ehrlich gesagt, noch niemals in den Hän-
den gehalten, geschweige denn überhaupt gesehen. Es wäre also sehr interessant,
ein solches Werk, vielleicht aus dem Kreis der Leserschaft zu finden, um es besser
anschauen zu können.
Abb. b) Seite 280 unten rechts: Großer rechteckiger geschmiedeter Käfig ( 2 mal so
hoch wie breit ) mit Stabplatinen, Ankergang und Rechenschlagwerk, 2 Zeiger
Werk. Grobe rechteckig anmutende Verzahnung, spitzzahnige dreieckige Verzah-
nung des Stundenrads ( vergleiche Uhr Abb.1 von Ton Bollen ). Ein frühes Uhr-
werk, welches aus der Haute-Saône stammen dürfte.
Abb. unten auf Seite 281. Ein Werk mit Vorder- und Rückansicht, welches nicht
geschmiedet ist, sondern dessen Käfigpfeiler oben und unten durch Schrauben-
muttern zusammengehalten werden. Die Eisenplatinen werden sowohl unten als
auch oben durch kleine Eisenkeile gesichert. Kein Einstecken der Platine in die un-
tere Käfigplatte und Sicherung mittels Schrauben durch die obere Käfigplatte.
Schlägt und repetiert die Stunden und die Viertelstunden, gesteuert über eine
Schlossscheibe. Seitlich liegender Anker. Ein Werk, welches durch die Art der Fer-
tigung des Käfigs und Befestigung der Platinen noch in der Tradition des 17. Jahr-
hunderts steht, durch die Verwendung der doch vorhandenen Schrauben und des
Schlagwerks aber in die Zeit nach 1750 datiert werden muss. Tardy selbst datiert
es „fin Louis XV.“ ( Ende Louis XV. ) Ein Werk, welches aufgrund seines Aufbaus
mit Schraubenmuttern und Befestigungskeilen ein Urmodell, Basismodel, für die
Comtoise des 18. Jahrhunderts sein könnte, ein Zwitter von Laternenuhr und
Comtoise Uhr.
Bei Maitzner/Moreau 1985 ist auf Seite 14 mit Photo 17 eine Uhr abgebil-
det, die mit Comtoise typischen Elementen in Pondevaux gebaut wurde.
Zitat: „Horloge du type comtois, construite par Antoine Morand à Pondevaux,
horlogeur du Roy, en 1722. Cage en fer, piliers en fer, sonnerie à cremaillière, po-
ids, echappement à roue de rencontre“.
( Uhr nach Comtoiser Bauart, gefertigt von Antoine Morand aus Pondevaux,
Uhrmacher des Königs, im Jahr 1722. Eisenkäfig, Eisenplatinen, Rechenschlag-
werk, Gewichte, Spindelhemmung )
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29BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Maitzner/Moreau haben diese Uhr anscheinend gekannt, so dass sie auch den
Werksaufbau beschreiben.
Während der gemeinsamen Arbeit mit Ton Bollen hatten wir beim Museum in
Pondevaux angefragt, ob wir diese Uhr von Antoine Morand anschauen und unter-
suchen dürften, mussten aber leider erfahren, dass sie vor langer Zeit aus dem Mu-
seum gestohlen worden war.
In ihrem Buch zitieren Maitzner/Morau aus der Revue chronométrique N.681,
Juin 1913:
„ - à Pont de Vaux ( département de l’Ain ) un horloger célèbre sous Louis XIV,
Antoine Morand, né le 30 janvier 1674, décédé le 6 septembre 1757, fabriqua en
qualité d’ „Horologeur du Roy“, l’horloge du Château de Versailles, installée dans
le Salon de Mars, avec carillon et automates, à la gloire des victoires de Louis XIV.
Cette horloge fut fabriquée à pont de Vaux en 1706“.
( - in Pont de Vaux ( Departement Ain ) ein berühmter Uhrmacher zur Zeit Ludwig
XIV., Antoine Morand, geboren am 30. Januar 1674, verstorben am 6 September
1757, baute in seiner Eigenschaft als Uhrmacher des Königs die Uhr für das
Schloss von Versailles, eingebaut im Salon des Mars, mit Glockenspiel und Auto-
maten, zur Verherrlichung der Siege von Ludwig XIV. Diese Uhr wurde gebaut in
Pont de Vaux im Jahr 1706. )
Weiter heißt es bei Maitzner/Moreau auf Seite 15:
„La Mairie de Pont de Vaux conserve une horloge de Morand datée de 1722 et si-
gnée Antoine Morand à pondevaux, Horlogeur du Roy. (photo 17 – page 14 )“.
Und nun kommt der entscheidende Satz: „Dans ces deux horloges, les rouages sont
montés entre des piliers comme les horloges de Comté. Sonnerie à crémaillière,
échappement à roue de rencontre.
On retrouve ce type de montage jusque dans le région de Saint-Etienne ( départe-
ment de la Loire )“
( In diesen beiden Uhren sind die Radsätze zwischen Stabplatinen montiert wie bei
den Comtoise Uhren. Rechenschlagwerk, Spindelgang.
Man trifft diesen Montagetyp bis in die Region von Saint-Etienne ( Departement
Loire ) ).
Auch die Uhr, die sich sicherlich noch heute im Schloss von Versailles befindet,
wurde also schon in Comtoiser Bauart gefertigt.
Seite
30BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Jetzt habe ich noch einen Grund mehr, endlich dem Schloss in Versailles einen Be-
such abzustatten, um hoffentlich einen Blick ins Innere dieser Uhr werfen zu kön-
nen.
Bei Maitzner/Moreau ist auf Seite 15, Photo 19 eine Uhr abgebildet, deren Käfig-
pfeiler sowohl unten als auch oben mit Gewinden und Mutter versehen sind.
Beschreibung von Maitzner/Moreau:
„Photo19 – Horloge comtoise à cadran diam 14,5 cm et fronton en étain, une ai-
guille, sigle réligieux“.
( Photo 19 – Comtoise Uhr mit Zifferblatt 14,5 cm und Zinnfrontstück, einzeigrig,
religiöses Monogramm )
Deutlich kann man erkennen, dass die Käfigpfeiler oben und unten Gewinde ha-
ben, so dass große Vierkantmuttern die obere und untere Käfigplatte sichern. Da
sehr frühe Comtoise Uhren des Haut Jura Typs in der Regel sehr hohe Kamine zur
Pendelaufhängung haben, müsste dieser Kamin hinter dem Zinnfrontstück sicht-
bar sein. Für mich ist dies keine Comtoise Uhr aus dem Hohen Jura, da kein Seil-
zugwerk.
Maitzner/Moreau geben leider keine Beschreibung des Werkaufbaus. Von der An-
sicht her deute ich diese Uhr als aus dem Massif Central stammend, 1. Hälfte 18.
Jahrhundert.
Bei TON BOLLEN sehen wir in seinem Buch „COMTOISE KLOKKEN“
von 1974 ( deutsche Ausgabe von 2006 ) mit Abb. 1 und 2 ein Haute-Saône Werk,
welches schon einen Schritt weiter ist als das gerade vorstehend beschriebene
Uhrwerk aus Tardy. Im Buch von Leonhard van Velthoven gibt es ein weiteres Bild
dieses Uhrwerks von Ton Bollen, Seite 255 oben rechts, eine schräg rückseitige An-
sicht.
Der Käfig dieser Uhr ist unten geschmiedet und wird oben durch Schraubenmut-
tern gesichert. Auf Bild 1 kann man oben sehr gut die Schraubenmuttern sehen,
doch dort wo man die typischen Befestigungsschrauben der Platinen erwartet, er-
kennt man nur ganz kleine Zapfen. Schrauben können dies eigentlich nicht sein,
denn dafür wären sie viel zu klein. Ich denke, dass dies genauso Zapfen sind wie
die beiden am unteren Ende der Platine, die in die Käfigplatte eingesteckt werden.
Dies bedeutet gegenüber der Befestigung mit Keilen natürlich eine Verbesserung
hinsichtlich der Haltbarkeit der ganzen Konstruktion. Keile und Platinen können
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31BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
sich lösen, Schrauben, obere und untere Zapfen lösen sich nicht, selbst wenn die
Schraubenmuttern sich lösen sollten oder komplett fehlen würden, würde das Ge-
wicht der oberen Käfigplatte ein Auseinanderfallen der Konstruktion verhindern.
Die Montage dieses Uhrwerk geschah folgendermaßen: In den nach oben offenen
geschmiedeten Käfig werden zuerst die beiden vorderen Platinen von Geh - und
Schlagwerk eingesetzt, gesichert durch Stifte in der unteren Käfigplatte. Dann
wird die obere Käfigplatte aufgesetzt, so dass die Stifte der beiden Platinen bereits
in die Löcher der Käfigplatte eingreifen, die Schraubenmuttern vorn links und
vorn rechts werden aufgedreht, aber nur soweit, dass die Käfigplatte noch nach
hinten angehoben werden kann bei gleichzeitiger Fixierung der Platinen. Nun
kann man den kompletten Rädersatz des Schlagwerks einsetzen und entsprechend
ausrichten, evtl. die hintere rechte Schraubenmutter schon ein wenig ins Gewinde
eindrehen. Vordere und hintere Schlagwerkplatine müssen für den Zeitraum des
Einsetzens des Gehwerks inkl. der hinteren Gehwerkplatine fixierte werden. Dann
kann man nach Aufsetzen der Käfigplatte und komplettem Aufdrehen der Schrau-
benmuttern die Fixierung des Schlagwerks lösen, da nun alle Platinen und die zwi-
schen ihnen vorhandenen Räder und Hebel im Käfig eingebaut sind.
Der nächste Schritt auf dem Werk zu dem Comtoise Werk, wie es dann fast 2
Jahrhunderts gebaut wurde, ist ein komplett geschmiedeter Käfig, in welchem die
4 Platinen mittels Befestigungsschrauben durch die obere Käfigplatte gesichert
werden. Eine Fixierung des Schlagwerks während der Montage ist nicht mehr nö-
tig, denn die beiden Rädersätze können vollkommen unabhängig voreinander
montiert und demontiert werden.
Die Herstellung kleiner Befestigungsschrauben ist natürlich komplizierter als die
Herstellung von Schraubenmuttern mit größerem Gewinde.
Eine ganz einfache Regel: Je älter die Uhren, desto weniger Schrauben, insbeson-
dere weniger Befestigungsschrauben.
Es gilt auch die Regel: Uhren aus unterschiedlichen Zeiten haben auch unter-
schiedliche Typen von Befestigungsschrauben, d.h. insbesondere unterschiedliche
Schraubenköpfe. Es gibt also auch eine Genealogie der Schrauben.
Davon jedoch später mehr in dem entsprechenden Kapitel über die Schraubenfer-
tigung.
Somit können wir vorerst festhalten:
1. In einem Käfig werden die 3 Platinen des Laternenuhrwerks durch Keile gesi-
chert.
2. In einem Käfig werden nun aufgrund des notwendigen Nebeneinandersetzens
der 4 Platinen für eine 8- tägige Laufdauer mit Seilzugaufzug und Gewichten
die Platinen durch Keile gesichert.
3. In einem Käfig werden nun aufgrund des notwendigen Nebeneinandersetzens
der 4 Platinen für eine 8- tägige Laufdauer mit Seilzugaufzug und Gewichten die
Seite
32BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
unteren Enden der Käfigpfeiler geschmiedet und die oberen Enden der Käfigpfei-
ler durch Schraubenmuttern gesichert.
4. In einem komplett geschmiedeten Käfig werden nun aufgrund des notwendigen
Nebeneinandersetzens der Platinen für eine 8- tägige Laufdauer mit Seilzugaufzug
und Gewichten die Platinen durch Befestigungsschrauben gesichert.
Derart ist eine Entwicklung vom Laternenuhrkäfig zum Comtoisekäfig denkbar.
Denkbar allerdings nur durch den Gebrauch von Befestigungsschrauben.
Dieses Haute-Saône Werk scheint allerdings noch eine weitere Besonderheit auf-
zuweisen, die auf die englische Verwandtschaft hindeutet.
Das normale Comtoise Schlagwerk, wie jeder Sammler es kennt, besteht aus vier
übereinander liegenden Rädern. 1.Rad Walzenrad - 2 Rad Sternrad - 3 Rad
Bremsrad - 4 Rad Windfang.
Dieses Haute-Saône Werk allerdings hat zwischen dem 3. und 4. Rad noch ein wei-
teres kleines Rad, also 5 Räder übereinander. Das Schlagwerk hat keinen Bogenre-
chen, sondern bereits den senkrecht fallende Rechen. Der Rechen wird noch durch
einen Hebel geführt, d.h.in Position gehalten, der durch die obere Käfigplatte hin-
durchgeht. Welche Aufgabe hat also das zusätzliche 5. Rad?
Die Barlow‘sche Version des Rechenschlagwerks besitzt 5 Räder, von welchem ein
Rad als Vorlaufrad dient, d.h. der Rechen wird ausgelöst und fällt auf die Stunden-
staffel bei gleichzeitiger halber Drehung des Vorlaufrads. Ein Bremsstift auf dem
Vorlaufrad verhindert noch den Ablauf des Räderwerks. Zur vollen Stunde wird
der Bremshebel dann freigegeben, so dass das Räderwerk ablaufen kann und der
Schöpfer auf dem 4. Rad bei einer kompletten Umdrehung den Rechen um eine
Kerbe, d.h einen Schlag, weitertransportiert.
Solche Konstruktionen soll es bei Comtoise Uhren auch geben, und ich erinnere
mich, dass mir ein Sammler anlässlich einer Uhrenbörse vor vielen Jahren einmal
Fotos seiner entsprechenden Uhr gezeigt hat. In Band II Textband meiner Ge-
schichte der Comtoise Uhren hatte ich dies auch bereits erwähnt.
Möglicherweise handelt es sich bei dem bei Ton Bollen abgebildeten Uhrwerk um
eine solche Barlow‘sche Schlagwerkkonstruktion. Endgültige Sicherheit könnte
natürlich nur ein Wiederauffinden dieses Uhrwerks erbringen.
Die Barlow‘sche Schlagwerkkonstruktion würde jedenfalls auch eher auf ein Da-
tum von +/- 1685 als von 1725 hinweisen.
Das Uhrwerk weist noch eine Besonderheit auf, die meiner Meinung nach auch
auf ein eher frühes als ein spätes Datum hinweist. Die Verzahnung des Stunden-
rads ist spitz. Wären alle Räder in einem Rädersatz eine solche Verzahnung auf-
weisen, so wären Probleme im Ablauf bei der notwendigen Kraftübertragung vor-
programmiert. Am Ende eines Rädersatzes, wenn also keine weiteren Räder be-
Seite
33BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
wegt werden müssen, ist diese Verzahnung jedoch nicht problematisch. Diese Ver-
zahnung ist sicherlich viel einfacher, weil weniger präzise und somit kostengünsti-
ger herzustellen, als die ausgesägten und ausgefeilten Zähne der Räder.
Da das Angebot an sehr frühen Comtoise Uhren in der Literatur sehr gering ist,
muss ich zwangsläufig auf diese abgebildeten Uhren eingehen und sie aus meiner
Sicht bewerten.
SIEGFRIED BERGMANN bildet sowohl in seiner Ausgabe 2005 wie auch 2012
eine Uhr ab, die er als „ Eine der ersten Einzeiger-Comtoise-Uhren - hergestellt um
1700“ bezeichnet. Ausgabe 2005 Seiten 20 - 23, Abb.3 - Abb.3.4. Ausgabe 2012, Sei-
ten 34 - 38, Abb.5 - Abb.5.4 Text weitest gehendst identisch, allerdings in 2012 mit
der Ergänzung, dass die Glocke mit JEAN DUBOIS AU PUY signiert ist. Maßan-
gaben auch unterschiedlich, vermutlich wurde in 2005 die Gesamthöhe inkl. des
gesägten Messinggussaufsatzes irrtümlich für die Berechnung des Rauminhaltes
herangezogen.
Diese Uhr wurde nicht im Hohen Jura hergestellt.
Diese Uhr wurde auch nicht in Haute-Saône oder Haute-Marne hergestellt, denn
dagegen sprechen eindeutig Spindelgang und die Form des Rechens. Es ist zwar
ein Bogenrechnen, dessen Form aber von den in Haute-Saône oder Haute-Marne
gebrauchten Rechen abweicht. Außerdem ist der Rechnen aus Messing und nicht
aus Eisen. Mir ist kein aus Messing gefertigter Rechen bei einer Comtoise der
Franche Comté, d.h. weder Haute-Saône noch Haut-Jura, aus der Zeit 1710-1750
bekannt. Darüber hinaus kenne ich auch keinen Messing Rechen im 18. Jahrhun-
dert. Der Zeigertyp entspricht nicht dem Typ, den ich an einer Uhr des späten 17.
Jahrhunderts erwarten würde, dafür ist er viel zu sehr ausgearbeitet, zu kleintei-
lig.
Diese Uhr wurde auch nicht um 1700 hergestellt, denn dagegen sprechen einerseits
die verwendeten Schraubentypen, insbesondere die an der Rückseite sichtbaren
tropfenförmigen Schraubenköpfe, andererseits die Tatsache, dass diese Uhr einen
Stundenschlag mit Repetition aufweist. Die ersten Comtoise Uhren des Haut-Jura
Typs ( vormals Mayet Comtoise ) nach 1710 besitzen auch noch keinen Stunden-
schlag mit Repetition. Diese Besonderheit des Stundenschlags mit Repetition wird
bei den Haut-Jura Comtoise zwischen 1740 und 1750 eingeführt, um danach Stan-
dard zu werden.
Für mich ist diese Uhr um 1740/1750 im Massif Central oder evtl. Loire Gebiet
entstanden. Für das Loire Gebiet sprechen eher der Rechen aus Messing und der
stärker vorhandene Einfluss eines Uhrmachers bei der Fertigung der Räder und
Triebe. Die Triebe mit ihren Ritzeln scheinen eher aus einem Stück gefertigt zu
sein, was ein Meister seines Fachs wohl eher fertigt, als ein noch so guter Schmied-
Uhrmacher. Es besteht eine Diskrepanz zwischen den perfekt gearbeiteten Messing
Seite
34BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Rädern, Eisentrieben und Eisendrehteilen ( hintere Käfigpfeiler sowie Zapfen und
Füsse) und dem eher primitiv gearbeiteten Messinggussaufsatz. Neben Uhrmacher
und Schmied waren sicherlich weitere Zulieferer beteiligt, sicherlich der Glocken-
giesser Dubois, der evtl. auch das Messing für Räder und Zierteile lieferte.
Bei Siegfried Bergmann ist im Buch von 2005 auf den Seiten 78 + 79 mit den Abb.
45 bis 45.4 eine Haute Saône Comtoise Uhr abgebildet, die auch aus dem frühen
18. Jahrhundert stammen dürfte, sicherlich aus der Zeit 1720 bis 1730.
Maße des Käfigs: 190 mm hoch x 210 mm breit x 110 mm tief.
Hakenhemmung, kleiner Anker 4 Zähne des Ankerrads übergreifend, Hebnägel-
rad im Schlagwerk, typischer großer Sensenrechen, bei dessen Fallen sich auch der
Schöpfer zu drehen beginnt.
Im der 4-bändigen Ausgabe von 2012 von SIEGFRIED BERGMANN wird eine
weitere Uhr vorgestellt, die angeblich um 1690 hergestellt worden sein soll. Seiten
30 - 33, Abb.4 - Abb.4.3 Er schreibt: “ Abb 4 Sehr frühe Einzeiger-Comtoise-
Uhr mit großer Ähnlichkeit zur Turmuhrkonstruktion in Abb.2 -Zeit: um 1690.“
Wenn Siegfried Bergmann dann vorher auf Seite 28 zu Abb. 2 schreibt: „ Turmuhr
aus Südfrankreich - um 1700 - ................ Die Gebrüder Mayet nahmen Turmuhr-
konstruktionen als Vorbild für ihre ersten Comtoise Uhren.“ dann heißt dies doch
wohl, dass die ‚sehr frühe Einzeiger-Comtoise-Uhr mit großer Ähnlichkeit zur
Turmuhrkonstruktion in Abb.2“ von den Gebrüder Mayet hergestellt wurde.
Alle bekannten Turmuhren der Mayet sind Schmiedearbeiten, und man benötigte
ca. 1 Jahr und mehrere Schmiede für die Herstellung einer solchen Uhr. Um 1683
hatten die Mayet noch keinerlei Kenntnis der Pendelanwendung. Auch die späte-
ren Turmuhren von Orgelet und St.Nizier hatten ursprünglich nach die Waag,
Bei allen bekannten Mayet Turmuhren setzen die Mayet die Rädersätze nebenein-
ander und ausgerechnet für diese kleine Turmuhr wurden dann die Rädersätze
hintereinander gesetzt?
Einige andere Dinge, wie z.B. die Pendelaufhängung, die flache Glocke ( welche
natürlich ausgetauscht sein kann ), ganz entscheidend jedoch die verwendeten
Schrauben ( Gewindeschraube zur Befestigung des Stundenzeigers und Befesti-
gungsschrauben der Platinen mit runden Köpfen ), sprechen für eine andere Her-
kunft und spätere Entstehung dieser Uhr.
Ich datiere diese Uhr auf die Zeit zwischen 1740 und 1750.
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35BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
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36BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
4. LATERNENUHREN
Im 15. Jahrhunderts wurden erstmalig Wanduhren für den Gebrauch im Haus
entwickelt, die sogenannten Gotischen Hausuhren. Die Turmuhren des Mittelalters
hatten als Vorbild gedient, so dass der Werksaufbau dieser Uhren eine verkleinerte
Version der Turmuhren war, die Turmuhren sozusagen miniaturisiert wurden.
Turmuhren wie Gotische Hausuhren hatten die gleichen Hersteller, nämlich
Schmiede.
Besaßen die Turmuhren 2 Räder plus Hemmung und mussten alle 6 Stunden auf-
gezogen werden, so besaßen die Gotischen Hausuhren nun 3 Räder plus Hemmung
für eine längere Laufdauer und nur alle 12 bis 15 Stunden aufgezogen werden. Nur
sehr wohlhabende Klöster, Adelige oder reiche Kaufleute konnten sich diese Uhren
leisten, zur damaligen Zeit das ultimative Statussymbol.
Diese gotischen Hausuhren hatten die Form eines Turms mit Spitze einer Kathe-
drale, oftmals auch geschmückt mit ihren zahlreichen architektonischen gotischen
Stilelementen. Gehwerk und Schlagwerk waren hintereinander in den Werkkäfig
eingebaut. Spindelgang mit Waag war die Hemmung der Uhr, sowohl von Turm-
als auch Hausuhren.
Man konnte den Gang, also das Vor- oder Nachgehen, durch Verschieben kleiner
Gewichte auf dem Waagbalken beeinflussen. Wurden die kleinen Gewichte mehr
zum Drehpunkt gesetzt, ging die Uhr schneller, wurden sie mehr an das Balkenen-
de gesetzt, ging die Uhr langsamer. Nicht sehr praktisch, denn viele der Leute, die
sich diese Uhren überhaupt leisten konnten, wechselten häufig zwischen ihren ver-
schiedenen Wohnsitzen, und die Uhr ging natürlich mit auf Reise. Am neuen
Standort musste alles neu eingestellt werden.
Im 15. Jahrhundert wurde die Waag schon durch die Radunrast ersetzt. Nun
konnte man die Regulierung nicht mehr über das Verschieben der kleinen Gewich-
te auf dem Waagbalken erreichen, sondern durch Verändern des Aufzugsgewichts.
Schwereres Gewicht - die Radunrast dreht sich schneller hin und her, leichterer
Gewicht - die Radunrast dreht sich langsamer hin und her. War das richtige Ge-
wicht einmal gefunden, entfiel natürlich bei einem *Umzug* an einen anderen Ort
die Neujustierung. Große Ungenauigkeit blieb natürlich bei dieser Hemmung be-
stehen.
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurden dann die aus Eisen gefertigten
Räder immer mehr durch aus Messing gefertigte Räder ersetzt, gegen Ende des
Jahrhunderts erschienen dann die ersten komplett aus Messing gefertigten Uhr-
werke, d.h. Werkkäfig und Räder aus Messing. Nun waren es Uhrmacher, die mit
Messing arbeiteten und nach und nach die Schmiede, die aus Eisen gefertigte Uh-
ren herstellten, verdrängten. In den Städten waren es nun die Uhrmacher, die Uh-
ren produzierten, auf dem Land blieben es weiterhin die Schmiede, die einfachere,
d.h. insbesondere preiswertere Uhren für ihre ländliche Kundschaft, produzierten.
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37BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Die Uhrenteile konnte man aus Messing gießen, einfache Rohlinge im Sand oder
auch mit Formen, die der Uhrmacher dann bearbeiten konnte.
Diese ersten aus Messing gefertigten Uhren nach den Vorbildern des Kontinents
waren in England entstanden, erschienen dann als Laternenuhren ( Uhren aus
Messing - horloges en laiton ) zuerst in der Normandie, um sich schließlich über
ganz Frankreich zu verbreiten. Wohl bemerkt, neu war nicht die Form, denn diese
wurde bereits in Frankreich gebaut, sondern das Material für den Käfig.
Als Hemmung diente die bereits bei den gotischen Hausuhren benutze Radunrast,
die dann natürlich ab ca. 1660 in einer Übergangszeit nach und nach durch den
Spindelgang mit kurzem Pendel ersetzt wurde. Diese Uhren wurden vornehmlich
von Uhrmachern in den großen Städten, wie Paris und Lyon, aber auch von
Schmieden in der Provinz, wie im Massif Central, in der Normandie oder in der
Loire Region gebaut. Nach Erfindung des Hakengangs und des Rechenschlag-
werks in England, wurden diese Neuerungen dann von den Uhrmachern und
Schmieden der Normandie übernommen und wurden während der umfangreichen
Produktion des 18. Jahrhunderts und frühen 19. Jahrhunderts von Laternenuhren
Standard, man denke nur an die Laternenuhrenfertigung von Pont-Farcy. Über
die Normandie und über Paris hinaus hatten sich diese neuen englischen Erfin-
dungen wahrscheinlich unmittelbar nach der Annexion der Franche Comté durch
Frankreich im Jahr 1678 daselbst verbreitet, so dass eine Uhr mit Hakengang und
Rechenschlagwerk in der Haute-Saône entstehen konnte.
Die beiden Radsätze mit Hakengang und Rechenschlagwerk sind bei englischen
Uhrwerken auch nebeneinander zwischen Vorder - und Rückplatine eingebaut, die
durch Werkpfeiler/Abstandshalter gehalten wurden, Radsätze allerdings mit 8 Ta-
gen Laufdauer. Der traditionelle Werksaufbau der Laternenuhren wurde in Eng-
land auch weit ins 18. Jahrhundert weiter für ‚einfache und preiswertere‘ Stand-
uhren verwendet, diese typischen Uhrwerke im Käfig mit 36 Std. Laufdauer und
Schlossscheibenschlagwerken heißen nun nicht mehr ‚lantern clock movements‘
( Laternen Uhr Werk ), sondern ‚bird cage movement‘ ( Vogel Käfig Werk ).
Von der Funktion her sind ein englisches Standuhrwerk und das bei Ton Bollen
abgebildete Haute-Saône Uhrwerk ( Bilder 1-3 ) mit 8 Tage Laufdauer, Haken-
hemmung und Schlossscheibenschlagwerk identisch. Der fundamentale Unter-
schied besteht lediglich in der Trennung der Radsätze von Gehwerk und Schlag-
werk beim Haute-Saône Werk und keiner Trennung der Sätze beim englischen
Standuhrwerk. Vorder- und Rückplatine eines Radsatzes müssen natürlich fixiert
werden, damit die Räder einwandfrei ablaufen können. Diese Fixierung, anstelle
von Abstandshalter/Werkpfeilern beim englischen Platinenwerk übernehmen nun
die untere und obere Platte des Käfigs beim Haute-Saône Werk.
Der Vorteil getrennter Radsätze bei Reparaturen/Wartungen liegt in einfacherer
Montage und Demontage derselben, d.h Zeit/Kostenersparnis.
Englische Uhrwerke waren für den Einsatz in einem Holzgehäuse vorgesehen, d.h.
staubgeschützt. 8 Tage Uhrwerke, wie das Haute-Saône Uhrwerk oder auch das
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38BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
spätere Haut-Jura Uhrwerk wurden auf Holzkonsolen an die Wand gehängt, doch
es musste kein aufwendiger Schutz aus Holz gegen Staub um das Werk herum ge-
baut werden, denn zwei Blechtüren und eine Blechrückwand konnten direkt in den
Metallkäfig eingesetzt werden. Für die Produzenten dieser frühen Uhren, für die
Schmiede war dies also viel einfacher, als Holzgehäuse zu bauen oder zu beschaf-
fen. Wie wichtig der Staubschutz war, kann man ja daran erkennen, dass die meis-
ten der ganz frühen Comtoise Uhren verschiebbare Aufzugslochschließer montiert
haben
Das mit +- 1685 datierte Haute-Saône Uhrwerk, welches bei Ton Bollen abgebildet
ist, wurde jahrzehntelang als die Ur-Comtois angesehen, zumindest von Ton Bollen
und mir. Es ist definitiv ein unmittelbarer Vorläufer des Haut-Jura Comtoise Uhr-
werks, so dass ich auch nicht mehr von Mayet Typ Comtoise Uhren ( für die ersten
Haut-Jura Uhrwerke ) spreche, sondern eben von Haut-Jura Typ Comtoise Uh-
ren, da die Mayet nicht die Erfinder des Comtoise Uhrwerks sind, auch nicht die
alleinigen Uhrmacher, die den Haute-Saône Comtoise Typ als Vorbild für den
Haut-Jura Typ benutzten.
Im 17. Jahrhundert sind die Mayet jedenfalls nicht die Erfinder der Comtoise Uhr,
bzw. des Uhrentyps, der sich dann im Hohen Jura entwickelte. Die Mayet Familie
war sicherlich neben zahlreichen anderen Familie, deren Namen wir auch alle als
Signaturen auf den frühen Haut-Jura Comtoise ab ca. 1710 vorfinden, an der
Entwicklung beteiligt. Der Name MAYET findet sich als Signaur auf Uhren im
Verhältnis zu anderen Familiennamen wesentlich häufiger, was wahrscheinlich
daran lag, dass der Familienclan der Mayets wesentlich größer war als der anderer
Familien.
Dass der Familienclan der Mayet jedoch grundlegend beteiligt war, lässt sich allein
an der Tatsache ablesen, dass die Mayet ( les sieurs Mayet ) eine Hemmung entwi-
ckelten, die ihren Namen trägt. ( siehe Kapitel: 1730 )
Die handwerklichen Fähigkeiten der Schmiede waren vorhanden, die einzelnen
Bausteine, wie z.B. Spindelhemmung, Hakenhemmung, Schlossscheibenschlag-
werk, Rechenschlagwerk und Pendelanwendung waren sicherlich im Hohen Jura
um ca. 1690 bekannt, was aber noch nicht heißt, dass man nur durch Zusammen-
fügung dieser Bauteile eine funktionierende Uhr erhält.
Wissen und Fähigkeit, große geschmiedete Kirchturmuhren zu bauen, waren vor-
handen. Wissen und Fähigkeit, kleine Uhrwerke, die nun nicht mehr komplett ge-
schmiedet wurden, waren nicht vorhanden, und mussten erst noch erlernt werden.
Wenn nun allerdings in Morbier um das Jahr 1697 anscheinend von der Obrigkeit
Uhrmacherausbildung registriert wird, so scheint dies zu belegen, dass man die
Notwendigkeit zur Uhrmacherausbildung erkannt hatte und förderte!? Uhrma-
cherausbildung zur Förderung der Verdienstmöglichkeiten der Bevölkerung!?
Über die Möglichkeit der Ausbildung im Uhrmacherhandwerk lesen Sie später
mehr im Kapitel 8. IM JAHR 1730.....
Seite
39BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Die Haut-Jura Comtoise Uhr als Wanduhr ist nicht die Weiterentwicklung der
durch die Mayet im Haut-Jura gebauten Turmuhren! In der zweiten Hälfte des 17.
Jahrhunderts wurden bereits in vielen Landesteilen Frankreichs Laternenuhren
gebaut, die dann im Haute-Saône zu einer Uhr in einem geschraubten Eisenkäfig
unter dem Einfluss der technischen Neuerungen aus England entwickelt wurde,
die dann durch die Schmiede des Hohen Jura gegen Ende des 17. Jahrhunderts
und zu Beginn des 18. Jahrhunderts unter Weiterentwicklung der technischen
Neuerungen sowie der konsequenteren Verwendung von Befestigungsschrauben zu
dem neuen Uhrentyp der Haut-Jura Comtoise Uhr weiterentwickelt wurde, so dass
in dem Jahrzehnt 1710 bis 1720 ein Produkt zur Verfügung stand, dass den ande-
ren traditionell gefertigten Laternenuhren eine übergroße Konkurrenz wurde.
Neben einem bereits in Mitteleuropa und Westeuropa, also England,Frankreich,
Deutschland , Italien, Flandern und den Niederlanden, existierendem Wanduhr-
typ, nämlich der Laternenuhr, entwickelte sich die Comtoise Wanduhr im Hohen
Jura zu Beginn des 18. Jahrhunderts als neuer eigenständiger Uhrentyp.
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40BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
5. COMTOISE LATERNENUHREN
Neben der Comtoise Uhr, die sich im Hohen Jura entwickelt hatte, soll es nun noch
sogenannte Comtoise Laternenuhren geben, die sich im 18. Jahrhundert dann aus
den Comtoise Uhren entwickelt haben sollen.
Bei Gustav Schmitt heißt dieser Uhrentyp: COMTOISE-UHR AUF FÜßEN
Auf Seite 582, 3.Auflage 1983, schreibt er:“ Parallel zu der Entwicklung der nor-
malen Comtoise-Uhr erfolgte die Entwicklung der Comtoise-Uhr auf Füßen. Sie
wurde nur etwa 100 Jahre lang gebaut und zwar im 18. Jahrhundert. Die Comtoi-
se-Uhr auf Füßen ist erheblich weniger verbreitet als die normale Comtoise-Uhr.
Die Comtoise-Uhr auf Füßen hat einige Elemente der sog. Laternenuhr übernom-
men, die zur gleichen Zeit gebaut wurde, z.B. die Füße und die oberen Drehzapfen;
aber das Hauptmerkmal einer Laternenur, die Lage von Gehwerk und Schlagwerk
hintereinander, fehlt.“
Abgebildet werden dann auf den Seiten 586 - 591 verschiedene 8 Tage Seilzug
Comtoise-Uhren auf Füßen.
Jeder Leser wird nun vermutlich annehmen, dass diese Comtoise Uhren auch im
Hohen Jura gefertigt wurden. Es gibt keinerlei Hinweise, die darauf hindeuten
könnten, dass diese Comtoise Uhren auf Füßen nicht im Hohen Jura gefertigt
worden sein könnten. Dies ist leider vollkommen unverständlich, denn einige der
bei Schmitt abgebildeten Uhren stammen aus der Sammlung von René Schoppig
und sind identisch mit Uhren, die im Jahr 1985 in der Ausstellung: QUATRE SIÈ-
CLES D‘HORLOGERIE FRANCAISE À POIDS im Museum CROZATIER von
Le Puy-En-Velay ausgestellt und im Ausstellungskatalog abgebildet sind. Gustav
Schmitt schreibt auf den Vorseiten seines Buch von 1983 auf Seite XI unten:
„ Mein besonderer Dank gilt HERRN RENE SCHOPPIG für seine freundschaftli-
che und uneigennützige Mitwirkung bei der Bearbeitung der Periode von 1680 bis
1820, der wichtigsten Periode der Comtoise-Uhr, für die er ein wirkliche Kenner
ist.“ Demnach stammt die Zuordnung der Comtoise-Uhr auf Füßen als im Hohen
Jura gefertigter Uhrentyp von René Schoppig? Es ist für mich schwer vorstellbar,
dass Rene Schoppig seine Einschätzung bzgl. dieses Uhrentyps dann innerhalb von
einem Jahr radikal änderte, denn im
Ausstellungskatalog: QUATRE SIÈCLES D‘HORLOGERIE FRANCAISE À PO-
IDS im Museum CROZATIER von Le Puy-En-Velay schreibt er auf Seite 72 unter
der Überschrift: COMTOISES-LANTERNES AU XVIIIe SIÈCLE:“ Hybride de
l‘horloge lanterne et de l‘horloge franc-comtoise, la comtoise-lanterne eu une im-
portance considérable dans la production des forgerons-horlogers du Massif Cen-
tral surtout dans la deuxième moitié du XVIIIe siècle.“ ( Kreuzung einer Later-
nenuhr und einer Uhr der Franche-Comté, die Comtoise-Laternenuhr erreichte
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41BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
eine beachtliche Bedeutung in der Produktion der Schmiede-Uhrmacher des Mas-
sif Central besonders in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.“
Bei Rene Schoppig also eindeutig keine Produktion im Hohen Jura, sondern im
Massif Central.
Leider bezeichnet er diesen Uhrentyp, der bei Gustav Schmitt, *Comtoise-Uhr auf
Füßen* heißt, nun als *COMTOISES-LANTERNES*, die jeder Deutsche nun mit
*COMTOISE-LATERNENUHREN* übersetzen würde.
In seinem Buch: L‘HORLOGE FRANCAISE À POIDS von 1984 hatte er noch
nicht von *COMTOISES LANTERNES* gesprochen, In diesem Buch gibt es noch
nicht einmal Abbildungen dieser Laternenuhren mit 8 Tage Seilzugwerk. Aller-
dings beschreibt und bildet er auch ab, die *HORLOGE LANTERNE CAMPA-
GNARDE, d.h. die LÄNDLICHE ( BÄUERLICHE ) LATERNENUHR. Laternen-
uhren des Massif Central mit Tageswerk, Geh- und Schlagwerk hintereinander
angeordnet.
Im Ausstellungskatalog von 1985 tauchen dann erstmals die COMTOISE-LA-
TERNENUHREN auf, die sich von den HORLOGE LANTERNE CAMPA-
GNARD eigentlich nur dadurch unterscheiden, dass bei den COMTOISE LA-
TERNENUHREN 8 Tage Seilzugwerke eingebaut sind. Beide Typen werden jedoch
einträglich nebeneinander durch die Schmiede-Uhrmacher des Massif Central ge-
fertigt. Hätte René Schoppig diesen Uhrentyp nicht als COMTOISE-LANTERNE
( Comtoise Laternenuhr ) bezeichnet, sondern der Logik der Bezeichnung LAN-
TERNE CAMPAGNARDE folgend, nun auch als LANTERNE-COMTOISE (La-
ternenuhr nach Comtoiser Art ) bezeichnet, wäre diese unselige Fehldeutung -
möglicherweise nur auf deutscher Seite - der COMTOISE-LATERNENUHR - als
Comtoise Uhr mit Laternenuhrelementen nicht entstanden. Er jedenfalls hat expli-
cit darauf hingewiesen, dass diese Uhren nicht in der Franche-Comté, sondern aus
der Region des Massif Central stammten.
Doch einmal in der Welt, wird diese Bezeichnung - COMTOISE LATERNENUHR
- dann unkritisch weiterverbreitet. Heißen sie bei Gustav Schmitt noch *COM-
TOISE-UHR AUF FÜßEN*, so heißen sie bei Siegfried Bergmann * COMTOISE-
LATERNENUHREN*.
Auf Seite 385 seiner Ausgabe Comtoise-Uhren von 2005 schreibt Siegfried Berg-
mann: „ 15.3 Comtoise-Laternenuhren Die Uhrmacher der Franche-Comté waren
zu jeder Zeit offen für neue Entwicklungen auf dem Gebiet der Uhren. Sie haben
sich vertraut gemacht mit den am Markt verfügbaren Uhrentypen aus anderen
berühmten Uhrenzentren, haben Uhren gekauft, zerlegt, begutachtet und Vor-und
Nachteile der verschiedenen Konstruktionen gegenübergestellt. Und sie scheuten
sich nicht, gute Ideen, wenn möglich von Ihnen selbst noch verbessert, auf die ei-
Seite
42BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
genen Produkte zu übertragen. So ist auch anzunehmen, dass die französische La-
ternenuhr der Anfang des 18. Jahrhunderts entstandenen Comtoise-Laternenuhr
als Vorbild diente.
Comtoise-Laternenuhren wurden parallel zu den normalen Comtoise-Uhren wäh-
rend des gesamten 18. Jh. hergestellt. Allerdings haben sie weit weniger Verbrei-
tung gefunden.“
In seiner 2012 erschienenen 4-bändigen Ausgabe *COMTOISE-UHREN* von
Siegfried Bergmann ändert sich hinsichtlich der 2005 gemachten Aussage nichts, es
werden jedoch weitere Beispiele von COMTOISE-LATERNENUHREN abgebil-
det, siehe Kapitel 15.3 Comtoise-Laternenuhren auf den Seite 981 - 993.
Ich möchte deshalb als Ergebnis festhalten, dass es keine COMTOISE-LATER-
NENUHREN gibt, denn die Bezeichnung COMTOISE-LATERNENUHREN sug-
geriert, dass dieser Uhrtyp im Hohen Jura gebaut wurde,
IM HOHEN JURA WURDEN WEDER COMTOISE-LATERNENUHREN NOCH
LATERNENUHREN-COMTOISE GEBAUT!
UM JEDOCH JEGLICHE AFFINITÄT DIESES UHRTYPS MIT DEM HOHEN
JURA ZU VERMEIDEN, SOLLTE MAN VON *LATERNENUHREN MIT 8
TAGE SEILZUG* SPRECHEN!
Diese o.a Ausführungen halte ich für wichtig, insbesondere die Klarstellung, dass
im Hohen Jura weder Comtoise-Laternenuhren, noch Laternenuhren-Comtoise
und auch keine Laternenuhren mit 8 Tage Seilzugwerk gebaut wurden, die weder
als Vorbild für die Entwicklung der Comtoiseuhr des Hohen Jura hätten dienen
können, noch als Folgeprodukt nach der bereits entwickelten Comtoise Uhr des
Hohen Jura hätten entstehen können.
Ton Bollen bildet in seinem Buch *Franse Lantaarn Klokken, Bussum 1978, mit
den Abbildungen 101 und 103 zwei Laternenuhren ab, die er dem Jura zuordnet.
Es sind im übrigen die beiden einzigen Jura Laternenuhren seiner Arbeit.
Nr. 101: Eine wunderschöne Uhr, die äußerlich wie eine Laternenuhr aussieht
( Pinakel, Füsse, Spindelhemmung oberhalb der Deckplatine ), aber mit nebenein-
ander liegendem Geh - und Schlagwerk.
Er beschreibt folgendermaßen:“Ijzeren lantaarnklok uit de Jura. Gesigneerd F.
Lièvre op de belhamer, die voor het slaan buiten de klok komt. De klok is zorgvul-
dig gesmeed, ieder onderdeel is van ijzer, hel skelet is met de pinakels en de voeten
geschroefd, +- 1665-1670. De losse slingerophanging en de minutenaanduiding wij-
zen op grote vakmanschap. F. Lièvre was al in 1602 uurwerkmakersleerling in
Genève. Omdat der klok geen sporen vertoont van ombouw van balansgang naar
slinger kunnen we aannemen, dat Francois Lièvre de lantaarnklok op de gezegen-
Seite
43BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
de leeftijd van +- 70 jaren heft vervaardigt.“ ( Eiserne Laternenuhr aus dem Jura.
Signiert F .Lièvre auf dem Glockenhammer, der zum Schlagen außerhalb des
Uhrwerks ragt. Die Uhr ist sorgfältig geschmiedet, jedes Einzelteil ist aus Eisen,
der Käfig ist mit den Pinakeln und den Füßen verschraubt, +- 1665-1670. Die lose
Pendelaufhängung und die Minutenandeutung weisen auf große Fachmannschaft
hin. F. Lièvre war schon in 1602 Uhrmacherlehrling in Genf. Da die Uhr keine
Spuren eines Umbaus von Radunrast auf Pendel aufweist, können wir annehmen,
dass Francois Lièvre diese Laternenuhr im gesegneten Lebensalter von +- 70 Uh-
ren gebaut hat. )
Dieser Einschätzung Ton Bollen’s kann ich nun leider gar nicht folgen, denn ich
würde niemals auf die Idee kommen, diese Uhr dem Jura zu zuordnen. Ich folge
hier lieber Tardy, in dessen DICTIONNAIRE DES HORLOGERS FRANCAIS ich
auf Seite 414 folgenden Eintrag finde: „LIÈVRE Francois de. Barcelonne près
d’Ambrun (sic) App. à Genève, 1602.“
Francois de Lièvre war Lehrling in Genf im Jahr 1602 und er stammt aus Barce-
lonne, welches in der Nähe von Ambrun / Embrun liegt. Tardy erwähnt hier wohl
Ambrun, weil diese östlich von Barcelonne gelegene Stadt die wohl bedeutendste
Stadt dieser Region ist.
Barcelonne liegt bei Valence/Rhone, etwa halbwegs Lyon - Avignon. Wenn er be-
reits um 1602 als Uhrmacherlehrling in Genf erwähnt wird, dann dürfte er wohl
um 1592/94 geboren worden sein. Lehrling mit 8/10 Jahren könnte passen. Ob er
allerdings um 1665/1670 - dann bereits schon im gesegneten Alter von 75/80 Jah-
ren und nicht 70 Jahren, wie Ton Bollen angibt, - diese Uhr gebaut hat, etwa zur
gleicher Zeit, als Fromanteel in London seine ersten Pendeluhren baute, ist eine
gewagte Hypothese. Vielleicht wurde die Uhr auch später, nach 1665/1670 gebaut,
dann wäre Lièvre allerdings schon 80 bzw. 85 Jahre alt gewesen. Leider ist sein
Todesjahr nicht bekannt.
Doch unabhängig davon, ob das Entstehungsjahr der Uhr mit seinem Alter in
Übereinstimmung gebracht werden kann, gehört für mich diese Uhr auf keinen
Fall in den Jura, wohl eher auf die Schiene Lyon - Avignon.
Was für ein Schlagwerkmechanismus in diesem Werk vorhanden ist, gibt Ton Bol-
len leider nicht an. Ist die Uhr in der Zeit vor 1680 gebaut, dann muss zwangsläu-
fig ein Schlossscheibenschlagwerk drin sein. Nach 1680 ( der Patentantrag für das
Rechenschlagwerk von Barlow datiert aus dem Jahr 1686 ) könnte theoretisch ein
Rechenschlagwerk gewählt worden sein, was aber äußerst unwahrscheinlich ist,
denn diese Erfindung war sicherlich nicht vor 1686/1690 in der französischen Pro-
vinz bekannt. Auf der Abbildung Nr. 101, die die Schlagwerkseite zeigt, müsste
man eigentlich die Schlossscheibe erkennen können, wenn eine solche vorhanden
wäre. Eine Schlossscheibe ist weder an der Rückseite der Schlagwerkplatine er-
kennbar , wo man eine solche Scheibe zuerst erwarten würde, noch im Walzenrad
Seite
44BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
integriert zu sehen. Theoretisch, aber wenig wahrscheinlich, könnte die Schloss-
scheibe auch an der Vorderplatine des Schlagwerks montiert sein, also nicht auf
dem Foto erkennbar, da das Zifferblatt diese verdecken würde.
Die Konstruktion eines Rechenschlagwerks, dann also zeitmäßig frühestens um ca.
1690 ( Lièvre wäre dann schon fast 100 Jahre alt gewesen ), ist leider auch nicht
erkennbar. Die Uhr besitzt Stunden- und Minutenzeiger, unwahrscheinlich für eine
Uhr aus der Provinz um 1665/70, aber nicht unmöglich.
Das Zifferblatt ist nicht zu erkennen. Ist es original aus der Zeit?
Ein Uhrmacher, der eine Zweizeiger Uhr mit dem absolut neuen Gangsystem des
Spindelgangs angeblich ca. 10 Jahre nach dessen Erfindung baut, signiert nicht,
wie jeder andere Uhrmacher es getan hätte, auf dem Zifferblatt, sondern auf dem
Glockenhammer! Die Signatur auf dem Glockenhammer ist sehr ungewöhnlich.
Das Einzige, das wir gut erkennen können und uns an eine Comtoise Uhr denken
lässt, ist die Tatsache, dass Gehwerk und Schlagwerk nebeneinander liegen. Allein
dieser Umstand, nebeneinanderliegende Radsätze von Geh- und Schlagwerk in ei-
nem Laternenuhrkäfig, beweist, dass die Mayet nicht die Erfinder des Haut-Jura
Comtoise Uhrwerks waren, sofern angenommen wird bzw. bewiesen werden kann,
dass dieses Uhrwerk aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts stammt.
Nr. 103. Eine kleine Laternenuhr, die Ton Bollen dem Jura zuschreibt. „Een pri-
mitieve lantaarnklok uit de Jura, +- 1730. De messing wijzer en de voeten doen
denken an de Comtoise-wandklokken uit de Haut-Saône en de Haut-Marne.“
( Eine einfache Laternenuhr aus dem Jura, +- 1730. Der Messingzeiger und die
Füße lassen an die Comtoise Wanduhren aus Haute-Saône und Haute-Marne
denken ).
Wenn wir uns den nicht passenden Messingzeiger einmal wegdenken, dann bleiben
nur noch Haute-Saône und Haute Marne übrig. Der Messingzeiger an dieser Uhr
ist zu groß, der ursprüngliche Zeiger dürfte mit der Spitze genau in die Vierteltei-
lung des Zifferblatts gezeigt haben.
Werkbeschreibung Nr. 104: „ De werkzijde van den Lantaarnklok van foto 103.,
Het slaan op de bel wordt doorgevoerd door een groot sterrad op het grondrad van
het slagwerk. Het uitlichten van de zaag doet sterk denken an de toegepaste sys-
temen in Comtoises. De stelling is gesmeed, de vazen ontbreken.“
( Die Werkseite der Laternenuhr von Foto 103. Das Schlagen auf Glocke wird
durchgeführt durch ein großes Sternrad auf dem Grundrad des Schlagwerks. Das
Auslösen des Rechens lässt einen stark an die in Comtoisen angepassten Systeme
denken. Das Gestell ist geschmiedet, die Vasen fehlen.)
Ein 30 Tage Kettenzug-Laternenuhrwerk, zwar mit *Stern und Rechen*, würde
ich allein aufgrund des Kettenzugs dem Hohen Jura im frühen 18. Jahrhundert
nicht zuschreiben, schon eher Haute-Saône bzw. Haute-Marne.
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45BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Mit Nr. 105 bildet Ton Bollen dann noch eine Wanduhr ab, die er der Franche
Comté zuordnet. „ Een wandklok uit het Franke Comté, +- 1730. In deze wand-
klok is de Comtoise te erkennen. Het slagwerk liegt in tegenstelling met de Comtoi-
se achter het gaandewerk. Het is een dagwerk met ankergang, de ophang-beugel is
aan de zolderplaat bevestigt. Her skeletwerk is geschroefd.“
( Eine Wanduhr aus der Franche Comté, +- 1730. In dieser Wanduhr ist die Com-
toise zu erkennen. Das Schlagwerk liegt im Gegensatz zur Comtoise hinter dem
Gehwerk. Es ist ein Tageswerk mit Ankergang, der Aufhängebügel ist an der
Deckplatte befestigt. Das Skelettwerk ist geschraubt.)
In Zifferblatt, Weckerscheibe und Fronton kann man in der Tat die Comtoise des
Jura erkennen, nicht aber im Uhrwerk. Ton Bollen spricht selbst nur von einer
Uhr der Franche Comté, nicht wie bei den beiden vorherige Uhren von solchen des
Jura. Ankergang wird angegeben, leider erfährt man nichts über die Form des
Ankers. Die wichtigsten Merkmale, wie geschraubter Käfig, Schloßscheiben-
schlagwerk, Ankergang und hintereinander liegende Radsätze sprechen für mich
gegen eine Uhr des Hohen Jura.
Auch nach Lektüre des Buchs von Ton Bollen muss ich für mich abschliessend
feststellen, dass es keine Fertigung von Laternenuhren im Jura gegeben hat, in
dem Gebiet, in welchem sich die Haut-Jura Comtoise Uhr ( vormals Mayet Typ
Comtoise ) ab Anfang des 18. Jahrhunderts entwickelt hat.
Fromanteel brachte als erster nach 1657/1658 die Neuerung des Pendels aus den
Niederlanden nach England. Der in England zu dieser Zeit gebräuchliche Haus-
uhrtyp war die Laternenuhr, dessen Regulierungselement - die Radunrast - nun
durch das Regulierungselement - das Pendel - ersetzt wurde.
Nun dürfen wir allerdings nicht davon ausgehen, dass nach 1658/1660 alle Later-
nenuhren mit Spindelgang und Kurzpendel gebaut wurden, da das Pendel doch
wesentlich genauere Zeitangabe als die Radunrast ermöglichte; die Laternenuh-
ren mit Radunrast wurden in London noch 30 bis 40 Jahre weitergebaut, obwohl
London zu dieser Zeit die in der Welt führende Uhrmacherstadt war und *moder-
nere* Uhren entwickelt und verkauft wurden.
Für uns heute kaum vorstellbar, dass wir im Jahr 2020 noch in Autos fahren, die
seit 40 Jahren unverändert gebaut würden und der Technik des Jahres 1980 ent-
sprechen. Im 17. Jahrhundert jedoch existierte das Alte neben dem Neuen für lan-
ge Zeit unverändert fort.
Die neuen Modelle mit Spindelgang und Pendel waren teurer als diejenigen mit
Radunrast. Die Produktionsketten zur Herstellung der Uhren, wie z.B. Zulieferer
Seite
46BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
von Gussteilen, Trieben, Rädern usw., waren eingefahren, und da die Nachfrage
nach den preiswerteren Uhren weiter bestand, wurden sie auch weiter gebaut.
Die neuen Modelle mit Spindelgang und Pendel arbeiteten zwar genauer als dieje-
nigen mit Radunrast, aber wer benötigte denn wirklich eine auf die Minute genau
gehende Uhr in seinem Tagesablauf? Laternenuhren mit Radunrast wurden nach
wie vor gekauft, auch wenn diese mitunter Gangabweichungen von 15 oder 30 Mi-
nuten am Tag hatten.
Als dann in den 1670er Jahren der Ankergang in Verbindung mit dem Langpendel
aufkam, wird es ähnlich gewesen sein. Die meisten Uhrmacher folgten ihren einge-
tretenen Pfaden und bauten weiter ihre Uhren mit Radunrast, denn die Kunden
kauften weiterhin überwiegend die preiswerteren Uhren.
An vielen Laternenuhren finden wir Hinweise, dass diese ursprünglich eine Rad-
unrast als Hemmung hatten und irgendwann später auf Ankergang und Langpen-
del umgebaut worden waren. Die wenigsten Umbauten wurden schon im 17. Jahr-
hundert vorgenommen, die meisten dann sicher im 18. Jahrhundert, als sich der
Zeitbegriff und die Notwendigkeit einer genaueren Zeitanzeige geändert hatten.
Neben der Laternenuhr mit Spindelgang und kurzem Pendel, die bis weit ins 18.
Jahrhundert weiter gebaut wurde, entstand zeitgleich ein weiterer Uhrentyp, näm-
lich die Langkastenuhr mit Spindelgang und kurzem Pendel.
„The transition from the typical mid-seventeenth century lantern clock as descri-
bed in Chapter 1, to the earliest surviving longcase clock is very remarkable and
makes one wonder whether some intermediate stage has been lost. Some early wri-
ters (3) have stated that the first longcase clocks had thirty-hour movements but
there is no evidence to support this statement.
Figure 2/1 shows the movement of the earliest known longcase clock, c.1659-60,
signed *A.Fromanteel Londini*, who made all the very early examples which had
survived. It has an extremely early conversion to anchor escapement with 1 1/4 se-
conds pendulum, probably done by Fromanteel and with ten years of it being
made, but this will not described at this stage.
The trains are between brass plates joined by eight square pillars riveted into the
back plate and secured to the front plates by swivelling latches ( figure 2/2 ). The
front plate is divided vertically so that each train can be dismantled or assembled
independently. The gearing is of coarse pitch, as in lantern clocks of the period,
and in order to obtain a duration of eight days five wheels were used in each train,
a feature found only in the first few examples.
3. Notably H.Cescinsky and M.R.Webster, English Domestic Clocks, 1914, p.110.“
( Der Übergang von der typischen Laternenuhr der Mitte des 17. Jahrhunderts,
wie in Kapitel 1 beschrieben, zu den frühsten erhalten gebliebenen Langkasten
Seite
47BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Uhren ist wirklich bemerkenswert und lässt einen fragen, ob eine Zwischenstufe
verloren gegangen ist. Einige frühe Autoren haben angegeben, dass die ersten
Langkasten Uhren 30 Stunden Werke besaßen, aber es gibt keinen Beweis, der die-
se Behauptung unterstützt. Abbildung 2/1 zeigt das Uhrwerk der frühesten be-
kannten Langkasten Uhr, um 1659-60, signiert *A.Fromanteel Londini*, der alle
sehr frühen Exemplare gemacht hat, die erhalten geblieben sind. Es hat einen ex-
trem frühen Umbau zur Anker Hemmung mit 1 1/4 Sekunden Pendel, wahrschein-
lich gemacht durch Fromanteel innerhalb von 10 Jahren nach ihrer Entstehung,
aber dies wird in diesem Stadium nicht beschrieben werden. Die Radsätze befin-
den sich zwischen Messing Platinen verbunden durch 8 rechtwinklige in der Rück-
platine vernieteten Pfeiler, gesichert in der Vorderplatine durch schwenkbare Rie-
gel ( Abbildung 2/2 ). Die Vorderplatine ist senkrecht geteilt, so dass jeder Radsatz
unabhängig demontiert oder montiert werden kann. Die Verzahnung ist wie in
zeitgenössischen Laternenuhren grob und, um eine Laufzeit von 8 Tagen zu errei-
chen, wurden in jedem Radsatz 5 Räder gebraucht, ein Merkmal, welches nur in
den wenigen ersten Exemplaren gefunden wird.
3. Insbesondere H.Cescinsky und M.R.Webster, English Domestic Clocks, 1914,
Seite 110. )
Figure 2/3 zeigt das Kopfteil der Standuhr mit dem quadratischen Zifferblatt, in
welchem die Vierkante der Aufzüge von Geh- und Schlagwerk am unteren Rand
des Zifferblattreifs bei den Stundenzahlen V und VII zu sehen sind.
Ich zitiere Ihnen diesen Abschnitt aus dem Buch *THE LONGCASE CLOCK*
von Tom Robinson aus dem Jahr 1981, da hier ein extrem seltener Fall eines Zwi-
schenstadiums in der Entwicklung von der Laternenuhr zum Hausuhrwerk der
englischen Standuhr des 18. Jahrhunderts vorliegt.
In diesem Uhrwerk von Fromanteel sind noch Elemente der Laternenuhr und
schon Elemente des 8 Tage Hausuhrwerks der englischen Standuhr zu erkennen.
Dieses Beispiel zeigt eben eindrücklich, dass das uns allen bekannte 8 Tage Stand-
uhrwerk des 18. Jahrhunderts nicht aus einem Guss entstanden ist, sondern in
Folge eines Entwicklungsprozesses, welcher Uhrwerke in Zwischenstadien zeigt.
Zwischenstadien, die Werkelemente der alten Bauart mit Werkelementen der neu-
en Bauart vereinen. Wahrscheinlich hat es auch andere Einzelstücke, Zwischen-
stadien von Laternenuhr und 8 Tage Stand-/bzw.Wanduhrwerk, in Platinenbau-
weise gegeben, die aber alle, da Prototypen/Entwicklungswerke, die lange Spanne
von fast 350 Jahren bis in unsere Zeit nicht überlebt haben.
Aufgrund seiner niederländischen Herkunft arbeitete Ahasueras Fromanteel mit
Christian Huygens und Salomon Coster in den Niederlanden zusammen und
brachte die Kunde der Pendelanwendung um 1657/58 nach England.
Abb. 84 Bilderteil Seite 26 zeigt Ihnen, wie in einem Laternenuhrwerk/Stuhluhr-
werk mit ursprünglich Radunrast der Umbau auf Pendel vonstatten gegangen sein
Seite
48BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
könnte.
Fromanteel baute dann die ersten Uhrwerke mit Pendel ( Spindelgang und Kurz-
pendel ), die allerdings eine Laufdauer von 8 Tagen gegenüber den üblichen Later-
nenuhren mit einer Laufdauer von ca. 1 Tag hatten, und in Standuhrgehäuse ein-
gebaut wurden. Die 8-tägige Laufdauer machte es nicht nur notwendig, 5 Räder
zu montieren anstelle von 3 Rädern des Laternenuhrwerks, sondern auch die Rad-
sätze von Geh- und Schlagwerk nebeneinander zu konzipieren, um das Hochziehen
der Gewichte frontal zu ermöglichen.
Von Fromanteel sind auch Laternenuhren mit Radunrast aus der Zeit vor 1657/58
bekannt.
Ein grosser Vorteil der Laternenuhrkonstruktion mit hintereinander liegenden
Radsätzen gegenüber der Standuhrwerkkonstruktion in Platinenbauweise mit ne-
beneinander liegenden Radsätzen besteht in den einzeln montierbaren und demon-
tierbaren Radsätzen. Um diesen Vorteil in seinem neu konzipierten 8 Tage Uhr-
werk mit Pendel zu erhalten, gestaltete der das Uhrwerk aus einer zweigeteilten
Vorderplatine mit einer gemeinsamen Rückplatine.
„The front plate is divided vertically so that each train can be dismantled or as-
sembled independently.“ ( Die Vorderplatine ist senkrecht geteilt, so dass jeder
Radsatz unabhängig demontiert oder montiert werden kann ) , so hatten Sie es
oben im Zitat aus Tom Robinson’s Buch gelesenen.
Dies führte aber zwangsläufig dazu, da die Achsen der Räder, wie bei der Kon-
struktion der Laternenuhren, auch fast senkrecht übereinander stehen, dass der
Aufzugsvierkant des Grundrades am untersten Rand des Zifferblatts erscheint
und ein unpraktisches Aufziehen der Gewichte mittels eines Kurbelschlüssels nach
sich zog. Hätte er die Achse des Grundrades nach oben versetzt, so dass der Auf-
zugsvierkant im Mittelteil des Zifferblatts erscheint, dann wären die Werkplatinen
noch länger geworden, wesentlich höher als das Zifferblatt selbst.
Der Nachteil dieser ersten Bauart - ständiges beschwerliches Aufziehen der Ge-
wichte - war grösser als sein Vorteil - seltenes Demontieren und Montieren einzel-
ner Radsätze. Um diesen Nachteil des unpraktischen Aufziehens der Gewichte ab-
zustellen, mussten die Aufzugsvierkante nach oben wandern, was aber nur möglich
war, wenn die Räder nicht mehr senkrecht übereinander standen.
Ganz eindeutig kann man in den ersten Standuhrwerken Fromanteels, die glückli-
cherweise erhalten blieben, noch die Laternenuhr hinsichtlich ihrer montage-
freundlichen Radsätze erkennen.
Innerhalb von nur ca. 10 Jahren wurden dann in England über dieses erste Zwi-
schenstation das Standuhrwerk in Platinenbauweise entwickelt, in welchem zwi-
schen Vorder- und Rückplatine die beiden Radsätze von Geh- und Schlagwerk
platziert und durch 4 oder 5 Werkpfeiler zusammengehalten werden. Die einzelnen
Räder der Radsätze müssen nun nicht mehr übereinander stehen, so dass das Pla-
tinenwerk kleiner sein kann, als das von Fromanteel gebaute erste Werk.
In den ersten 10 bis 15 Jahren nach 1658/59 wurde das Standuhrwerk mit Spin-
Seite
49BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
delgang und Kurzpendel gebaut und dann nach Erfindung des Ankergangs in den
1670er Jahren überwiegend mit Ankergang und Langpendel. Spindelgang mit
Kurzpendel fand aber auch weiterhin Anwendung in anderen Uhrwerken des 18.
Jahrhunderts.
Wenn ich Ihnen von diesem ersten Standuhrwerk Fromanteel berichte, dann nur,
um Ihnen zu zeigen, dass selbst bei einem Uhrmachergenie wie Fromanteel die
Uhrwerkkonzeption ( 8 Tage Werk mit Pendel ) nicht aus einem Guss entstanden
ist, sondern einem Entwicklungsprozess unterlegen war. Dieses erste durch Fro-
manteel gebaute Uhrwerk finden Sie im Bilderteil auf Seite 27 mit Abb. 85. Die
Abbildungen 86 - 88 im Bilderteil auf Seite 28 zeigen Ihnen weitere durch Froman-
teel gebaute Uhrwerke, die im Zeitraum bis 1673 gebaut wurden. Zwei dieser
Werke besitzen sogar eine dreigeteilte Vorderplatine.
Wenn man die Haut-Jura Comtoise Uhr als Produkt eines Entwicklungsprozesses
versteht, dann wird klar, dass es auf dem Weg vom Anfang bis zum Produkt, d.h
von der Laternenuhr bis zur Comtoise Uhr im Zeitraum von 1657/58 bis
1700/1710 Zwischenstadien gegeben haben muss, denn niemand wird wohl an-
nehmen, dass die Haut-Jura Comtoise Uhr mit Spindelgang und Langpendel eine
Schöpfung am Reissbrett oder das Ergebnis einer Familienkonferenz der Mayet
gewesen ist.
Seit Jahrzehnten sucht jeder engagierte Comtoise Uhren Sammler nach einer
Haut-Jura Comtoise, die, wie in der Mayet Legende beschrieben, um 1680/1685,
zumindest im 17. Jahrhundert, gebaut wurde. Bis heute ist eine solche Uhr nicht
gefunden worden. Sie ist deshalb nicht gefunden worden, da es sie nach meiner
Überzeugung auch niemals gegeben hat.
Nachdem für mich klar war, dass die Mayet nicht, wie in der Legende behauptet,
bereits im 17. Jahrhundert die Haut-Jura Comtoise Uhr geschaffen hatten, und
dass die Geburt der Comtoise Uhr in Haute-Saône in der 2. Hälfte des 17. Jahr-
hunderts stattgefunden und den Uhrmacher-Schmieden des Hohen Jura dann um
die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert als Vorbild gedient haben musste, be-
trachtete ich Haute-Saône Comtoise Uhren nun mit anderen Augen und intensi-
vierte die Suche nach diesen Uhren.
Im Gegensatz zu England, insbesondere zu London, baute man in Frankreich,
vornehmlich natürlich in Paris, während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts
vergleichsweise wenige Laternenuhren, die während dieser Zeit natürlich eine
Radunrast als Gangregler besaßen.
Die Neuheit des Pendels wird auch in Paris in den Jahren 1658/59 bekannt gewe-
sen sein und die Uhrmacher inspiriert haben, diese in eigenen Uhren anzuwenden.
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Laternenuhren mit Spindelgang und kurzem Pendel wurden dann im 18. Jahr-
hundert in Paris, aber auch in der Normandie und anderen Regionen Frankreichs
gebaut, später dann auch mit Ankergang teilweise bis zur Mitte des 19. Jahrhun-
derts. In Paris entwickelte sich die Pendeluhr auch in Tischuhren, z.B. in der soge-
nannten Religieuse, und auch in Wanduhren, z.B. den Carteluhren, weiter.
Im Bilderteil auf den Seiten 32 und 33 sehen Sie typische einfache englische und
französische Laternenuhren des 18. Jahrhunderts. Es sind Uhren mit Spindelgang
und Kurzpendel.
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6. MAYET TURMUHRWERKE
Die Mayet können erst nach 1685 von der Pendeluhr bzw. vom Pendel erfahren
haben!
Diesen Schluss glaubte ich ziehen zu müssen, denn eine bisher unbekannte Turm-
uhr der Mayet in einer kleinen Sammlung ist aufgetaucht.
Es ist ein bildschönes Turmuhrwerk, ein Werk, welches nicht durch Besonderhei-
ten seiner Konstruktion auffällt, ein Werk, welches im Vergleich mit anderen
Turmuhrwerken der selben Epoche der damaligen Art und Weise des Aufbaus ent-
spricht, aber in jedem Fall ein Uhrwerk, welches den hohen Stand des Schmiede-
handwerks seiner Erbauer erkennen lässt.
Dieses Turmuhrwerk ist ca. 125 cm breit, 50 cm tief und 65 cm hoch. Der Antrieb
erfolgt durch Gewichte, deren Schnüre auf Seiltrommeln aufgedreht werden, auf-
gezogen wird mit einem großen Schlüssel. Das Uhrwerk besteht aus dem Radsatz
des Gehwerks auf der linken Seite, aus dem Radsatz des Schlagwerks für die Vier-
telstunden in der Mitte und aus dem Radsatz des Schlagwerks für den Stunden-
schlag auf der rechten Seite.
Im Hause des Eigentümers steht es inmitten anderer Turmuhrwerke im großen
Wohnzimmer, so dass sowohl er wie auch wir als Besucher auf der Couch mitten in
den Turmuhren wohnten.
Ich habe dieses Turmuhrwerk in allen seinen Einzelheiten fotografiert, doch leider
hat der Eigentümer seine Einwilligung zur Veröffentlichung der Bilder seines
Uhrwerks nach der Aufkündigung der gemeinsamen Arbeit mit Ton Bollen im Sep-
tember 2015 zurückgezogen. Es ist bedauerlich, dass die Bilder nicht gezeigt wer-
den dürfen, aber für das Ergebnis der Arbeit *Die Mayet Brüder hatten um 1683
keine Ahnung vom Pendel* ist die Uhr nicht der Beweis. Das Auffinden der Uhr
war Anlass zu tiefgreifender Untersuchung, die dann auch ein solches Ergebnis
brachte. Aus diesem Grunde hatte ich oben geschrieben: „Diesen Schluss glaubte
ich ziehen zu müssen.“
Es würde für Sie als Leser dieser Arbeit wenig bringen, wenn ich nun auf kleine
Details dieser Turmuhr verweise und sie nur beschreiben könnte.
Die Veröffentlichung der durch die Existenz und durch die Untersuchung des bis-
her unbekannten Turmuhrwerks gemachten Erkenntnisse, die sich für den Ur-
sprung der Comtoise Uhren im Hohen Jura ergeben, kann man mir jedoch nicht
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53BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
untersagen, zumal auch Leonhard van Velthoven in seinem Buch bereits die Exis-
tenz dieses Turmuhrwerk bestätigt. Auf Seite 241 schrieb er in seinem Buch MAY-
ET MORBIER COMTOISE: „ca. 1682 - Ort unbekannt. Kürzlich ist durch Zutun
von Ton Bollen (L1) und Bernd Deckert (L12) eine noch unbekannte Turmuhr mit
der Signatur Fait par Jean Claude Mayet et ses fréres à Moubier aufgetaucht.
Obwohl auf dem Uhrrahmen die Jahreszahl 1682 steht, kann die Uhr auch einige
Jahre älter sein. Die Entdecker dieses spektakulären Fundes sind dabei, ein Buch
zu schreiben, in dem unter anderem dieser Uhr viel Platz eingeräumt wird.“
Ohne auch nur die geringste Kenntnis von dieser Uhr zu haben, spekuliert LvV
hier bereits, dass die Uhr auch einige Jahre älter sein kann. Schon erstaunlich!
Zudem steht auch nicht die Jahreszahl 1682, sondern 1683, auf dem Uhrrahmen!
Das auffälligste Detail dieses Prachtexemplars eines Schmiedearbeit aus der Werk-
statt der Mayets ist das senkrecht stehende Spindelrad mit Pendel, auf dem sich
auch die Signatur befindet. Dieses senkrecht stehende Spindelrad weist uns sofort
darauf hin, dass das Uhrwerk ursprünglich mit einer Waag ausgestattet war. Bei
einer Waag befindet sich der Waagbalken in waagerechter Position über dem
Spindelrad, anders würde der Balken nicht vor- und zurück schwingen können.
Auf der senkrecht stehende Achse des Waagbalkens befinden sich die beiden Palet-
ten der Spindelachse, die somit auch in das senkrecht stehende Spindelrad eingrei-
fen.
Wie nah Spindelrad mit Waag und Spindelrad mit Pendel verwandt sind, lässt sich
am Umbau, d.h. Waag wird durch Pendel ersetzt, erkennen.
( Siehe hierzu auch ein anderes Beispiel im Bilderteil Seite 26, Abb. 84 )
Die Spindelachse wird durchgesägt, d.h. der Waagbalken wird entfernt. An der
Schnittstelle wird dann ein neuer Zapfen, wie bereits am unteren Ende des Spinde-
lachse vorhanden, angefeilt. Die so entstandene Spindelachse wird nun in zwei an-
zufertigenden Haltern waagerecht vor dem Spindelrad gelagert und erhält einen
Führungsarm, der dann das schwingende Pendel führt. Nun muss nur noch ein
Halter für die Pendelaufhängung geschaffen werden. Meistens sieht man dann eine
Art Galgen, oftmals der Galgen der ehemaligen Waaghemmung/Aufhängung des
Waagbalkens, das Uhrwerk überragen, an welchem das Pendel aufgehängt wird.
Hier bei dieser Uhr wurde aber lediglich an das seitliche Lager für die Spindelach-
se ein Halter angesetzt, der über den Rahmen des gesamten Käfigs der Turmuhr
hinausragt, so dass das Pendel dann auch außerhalb des Käfigs schwingen kann.
Da die Gesamthöhe des Käfigs für die notwendige Länge des Pendesl mit 65 cm zu
gering war, wurde das gesamte Uhrwerk im Wohnzimmer aufgebockt. Am ehema-
ligen Standort in einem - uns unbekannten - Kirchturm war sicherlich die für das
Pendel notwendige Höhe vorhanden. Der gesamte Rahmen des Turmuhrwerks so-
wie die von außen an den Rahmen angesetzten Platinen für die Radsätze werden
durch Keilverbindungen gesichert. Schrauben werden hierfür noch nicht ge-
braucht.
Beim Umbau, bei der Modernisierung dieses Uhrwerks, wurde das vorhandene
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54BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Spindelrad weiter verwendet, so dass die darauf vorhandene Signatur des Herstel-
lers erhalten blieb. Bei vielen Turmuhren wurden bei Modernisierungen, als die
Waag Hemmung durch Ankergang oder Stiftengang ersetzt wurde, die Spindelrä-
der, da keine Verwendung mehr für diese Räder bestand, verschrottet und die dar-
auf vorhandenen Signaturen vernichtet. Es ist ein absoluter Glücksfall, dass dieses
Turmuhrwerk der Mayet bereits wenige Jahre nach seiner Herstellung moderni-
siert wurde, das Spindelrad erhalten blieb, und auch der Uhrmacher, der die Mo-
dernisierung durchführte, auf dem Käfigrahmen signierte, so dass nun zwei Signa-
turen vorhanden sind.
Auf dem Spindelrad lesen wir:
„Fait par Jean Claude et ses freres horlogeurs a Moubier“ ( Gemacht durch Jean
Claude Mayet und seine Brüder Uhrmacher in Moubier )
Das Jahr der Produktion ist leider nicht angegeben, dafür aber eine weitere Signa-
tur auf einer Werkslängsseite. 1683 V. P. D. J. Bap. Arnaud.P.D.
1683 V. ( vait/ heute fait /gemacht ) P. ( Par / durch) D. ( Dieu / Gott ) J ( Jean ) Bap
( Baptiste ) Arnaud P. ( Par / durch ) D. ( Dieu / Gott )
Diese von den Mayers hergestellte Turmuhr wurde im Jahr 1683 modernisiert, d.h
mit einem Pendel ausgestattet!
Im Dictionnaire des Horlogers Francais von TARDY finden wir auf Seite 13 den
uns interessierenden Eintrag:
„ARNAUD Daniel. Grenobel 1602-15.
- - - - - Michel. Grenoble Aux Très Cloîtres, 1703
Bereits um 1602 ist ein Uhrmacher ARNAUD in Grenoble nachweisbar, auch noch
zu Anfang des 18. Jahrhunderts.
Die Signatur auf dieser Mayet Turmuhr kannte TARDY nicht, denn sonst hätte er
sicherlich den Uhrmacher ARNAUD auch mit dem Datum 1683 erwähnt.
Diese Modernisierung wurde nicht durch die Mayet selbst, sondern 1683 durch
den Uhrmacher ARNAUD aus Grenoble ausgeführt!
SCHLUSSFOLGERUNG!!!!
1683 hatten die Mayet noch keine Ahnung vom Pendel!
DOCH SO EINFACH IST ES NICHT!
Wir wissen leider nicht, wann diese Mayet Turmuhr gebaut wurde. Anscheinend
wurden ältere Turmuhren von den Mayet zwar mit ihrem Namen, aber doch nicht
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55BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
mit dem Jahr des Baus versehen. Mit Jahreszahl wurde anscheinend erst später
signiert.
Vermutlich wurde diese Uhr in den 1670er Jahren gebaut, also zu einer Zeit, als
die Franche Comté noch von den Habsburgern beherrscht wurde. Erst 1678 wur-
de die Franche Comté durch Ludwig XIV. endgültig dem französischen Staat ein-
verleibt. Jean Claude Mayet wurde 1646 geboren, Mitte der 1670er Jahre war er
also um die 30 Jahre alt und sicherlich ein gestandener *schlagkräftiger* Schmied,
der mit seinen jüngeren Brüdern diese Turmuhr mit Waag gebaut hatte.
Die Signatur von 1683 beweist jedenfalls, dass der Besitzer dieser Uhr vom Pendel,
von einer genaueren Hemmung für seine Uhr, erfahren hatte und darauf hin den
Uhrmacher Arnaud beauftragte, die alte Waag Hemmung gegen die neue Spindel-
hemmung mit Pendel auszutauschen.
Ob die Mayet als Hersteller dieser Uhr überhaupt vom Besitzer gefragt worden
waren, die Waag gegen das Pendel auszutauschen, wissen wir nicht. Es wäre zwar
naheliegend, als Hersteller gefragt zu werden, ob man die eigene Uhr modernisie-
ren könnte, doch dass der Uhrmacher Arnaud dann schliesslich die Modernisie-
rung durchführte und nicht die Mayet, beweisst leider nicht, dass die Mayet in den
Jahren 1682/1683 noch nichts vom Pendel wussten. Vielleicht war der Standort
dieser Mayet Turmuhr räumlich nur einfach näher an Grenoble, näher am Uhr-
macher Arnaud, so dass der ‚örtliche‘ Uhrmacher eher als die weit entfernten
Mayet gefragt wurde.
Wir wissen deshalb auch nicht, ob die Mayet bereits im Jahr 1683 Kenntnis vom
Pendel hatten.
Eine eingehende Untersuchung hatte ergeben, dass diese Turmuhr mindestens zwei
Mal modernisiert worden sein musste. es gibt zahlreiche *geschlossene* ehemalige
Löcher in den Platinen, die auf Änderungen am Werk hinweisen.
IM JAHR 1683 KÖNNEN DIE MAYETS NÄMLICH NOCH KEINE KENNTNIS
VON DER PENDELANWENDUNG GEHABT HABEN,
denn wir wissen, dass die Mayet im Jahr 1685 eine weitere Turmuhr bauten, die
für den Glockenturm der Stadt Orgelet bestimmt war. Dies Turmuhr war im Jahr
1685 noch mit Waag ausgerüstet, was also zwangsläufig bedeutet, dass die Mayet
zur Zeit der Anfertigung dieser Uhr, vermutlich in 1684 begonnen und 1685 gelie-
fert, noch keine Kenntnis der Pendelanwendung gehabt haben können. Nach ein-
gehender Untersuchung dieser Uhr in Orgelet bin ich mir heute sicher, dass diese
Uhr zum Zeitpunkt ihres Baus noch eine Waag als Hemmung hatte. Bereits 2009
hatte ich in meiner GESCHICHTE DER COMTOISE UHREN im Kapitel 4.
Mayet Legende auf Seite 4 geschrieben: „ Die Kirchturmuhr von Orgelet aus dem
Jahre 1685 hatte also vermutlich noch die Waag und wurde vermutlich nach Mitte
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56BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
des 18. Jahrhunderts mit einem Scherengang ausgestattet, in der Form, wie wir sie
heute sehen.“
Diese Turmuhr steht heute frei zugänglich im Rathaus der Stadt Orgelet. Diese-
Turmuhr ist mit einem Stiftengang nach Amant ausgestattet. Irgend wann nach
1741 wurde diese Uhr mit dieser Hemmung versehen. Das Zifferblatt mit einem
Zeiger verblieb am Turm, und die Zeit wurde fortan super genau mit einem Zeiger
angezeigt. Als das mit ‚Stiftengang‘ ausgestattete Uhrwerk dann durch ein moder-
nes elektrisches Uhrwerk ersetzt wurde, verblieb das Einzeiger-Zifferblatt immer
noch am Turm und zeigt heute noch die Zeit an. Das Mayet Turmuhrwerk wurde
glücklicherweise nicht verschrottet, sondern wanderte ins Magazin des Uhrenmu-
seums nach Besancon, um schliesslich doch im Rathaus - öffentlich zugänglich -
der Statd Orgelet auf- und ausgestellt zu werden.
Diese Mayet Turmuhrwerk aus dem Jahr 1685 ist ein fast quadratischer Käfig, be-
stehend aus 4 Werken, d.h. dem Gehwerk und 3 Schlagwerken. Ein Radsatz Stun-
denschlagwerk hinter dem Radsatz des Gehwerks. Das Viertelstundenschlagwerk
rechts neben dem Gehwerk ist mit dem hinter dem Viertelstundenschlagwerk ver-
bundenen weiteren Schlagwerk gekoppelt. Diese beiden Schlagwerke liefen syn-
chron, d.h. um zu jeder Viertelstunde den entsprechenden Viertelschlag zu schla-
gen, gefolgt vom entsprechenden Stundenschlag. Zwei Schlossscheiben der beiden
Werke deuten darauf hin. Normal schlug die Turmuhr also nur den Stunden-
schlag, durch Umlegen eines Hebels konnten dann auch die Viertelstunden mit ent-
sprechenden Stundenschlägen, also eine Grande-Sonnerie, geschlagen werden.
Diese Grande-Sonnerie wurde dann vermutlich nur an besonderen Tagen, wie ho-
hen christlichen Feiertagen, benutzt.
Das Pendel läuft mitten im Uhrwerk, und nicht, wie bei den meisten Turmuhren,
außerhalb des Käfigs. Der für die Waag notwendige Galgen zu ihrer Aufhängung
ist erhalten geblieben und wurde dann nach der Modernisierung, d.h. Austausch
der Waag gegen den Stiftengang, zur Aufhängung des Pendels benutzt. Diese
Turmuhr in Orgelet ist auf dem Rahmen signiert: Fait à MorbierPar Jean Claude
Mayet et ses frères Horlogeurs L‘an mille six cent huictante cinq ( Gemacht in
Morbier durch Jean Claude Mayet und seine Brüder Uhrmacher im Jahr 1685 )
Der gesamte Rahmen des Turmuhrwerks sowie die von außen an den Rahmen an-
gesetzten Platinen für die Radsätze werden durch Keilverbindungen gesichert.
Schrauben werden hierfür noch nicht gebraucht.
Auf dem Rahmen gibt es dann eine weitere Signatur, vermutlich diejenige der Mo-
dernisierung aus dem Jahr 1819: I.H.I. 1819
In diesem Zusammenhang ist interessant, dass im Archiv der Stadt Orgelet ein
Dokument vorhanden ist, welches sozusagen die Bestellung der Kirchturmuhr bei
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57BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
den Mayet am 10. April 1684 belegt, beurkundet durch den Notar Perraud von
Orgelet und bezeugt durch die Herren Tardy und Chapuis. Jean Claude Mayet aus
Moubie ( Morbier ) erhielt den Auftrag zur Lieferung eines Turmuhrwerks zum
Preis von 633 Livres. Kurz nach dem 25. Juli 1685 wurde dann das Turmuhrwerk
geliefert und installiert. Ein wenig mehr als 15 Monate nach Bestellung erfolgte
also die Lieferung. Daraus darf man dann wohl schliessen, dass die Mayet als
Schmiede, Jean Claude Mayet, Pierre Mayet und Brüder, also wahrscheinlich alle
4 Mayet Brüder, ein Jahr benötigten, um eine solche Kirchturmuhr zu schmieden.
Konnte man aus der Tatsache, dass das bisher unbekannte und vermutlich in den
1670er Jahren gefertigte und 1683 auf Pendel umgebaute Turmuhrwerk, noch mit
Waag ausgestattet gewesen sein musste, noch nicht schliessen, dass die Mayet im
Jahr 1683 noch keine Ahnung vom Pendel hatten, so darf nun aber bei Lieferung
des Turmuhrwerks mit Waag von 1685 für die Stadt Orgelet geschlossen werden,
dass die Mayet im Jahr 1685 ( und folgerichtig natürlich auch schon im Jahr 1683 )
noch keine Ahnung vom Pendel hatten.
Nachhaltig in Erinnerung geblieben ist der Besuch in Lyon, um in der Kirche
SAINT NIZIER ein weiteres Turmuhrwerk aus der Werkstatt der Mayet anzu-
schauen. In Erinnerung geblieben ist nicht so sehr das Turmuhrwerk, welches
nach diversen Umbauten kaum noch als Turmuhrwerk des 17. Jahrhunderts ange-
sehen werden kann, als vielmehr der Empfang durch Monsieur Marc, der uns die
steinerne gotische Wendeltreppe zum Turmuhrwerk erklimmen ließ. Umgeben von
altem Gemäuer und Jahrhunderte altem Staub auf Balken und in Ecken, vorbei an
riesigen Blasebälgen, notwendig für die große Orgel, die durch kräftige Männer in
Aktion gebracht werden mussten, stand man schliesslich oben im Turm vor dem
Uhrwerk. Der Uhrmacher Charmy aus Lyon restaurierte die Uhr im Jahr 1768
erstmalig, gefolgt dann im Jahr 1826 durch Dussuc, bevor schliesslich dann der
Uhrmacher Hemmel aus Lyon im Jahr 1896 die Uhr *von Grund auf* moderni-
sierte, vgl. Tardy, Dictionnaire des Horlogers Francais, Seite 295. „Hemmel -Lyon.
Il répara l‘horloge de l‘Eglise St-Nizier, 1896“
Interessant bleibt diese Turmuhr der Mayet aufgrund zweier Signaturen, einer
französischen und einer lateinischen Signatur.
Die französische Signatur lautet: Le pnt (présent) horloge a Esté facit à Morbier
est destiné par Messieurs les confrères de la Confrèrie du très St. Sacrement de
l‘Autel, Érigé en l‘Église St.Nizier A Lyon. L‘an Seize cents quatre vingt quatre,
(Dieses Uhrwerk wurde gefertigt in Morbier und ist bestimmt für die Herren der
Bruderschaft des allerheiligsten Altars, errichtet in der Kirche St. Nizier im Jahr
1684)
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58BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Die lateinische Signatur lautet: „Morberii in libero Burgundiae comitatum factum
est horlogium ist .....anno Dui....4 sumptibus minorum confratrum confraterintas
sanctissimi sacramenti erectae in ecclesia sancti Nisii Lugduni. ( In Morbier in der
Freien Grafschaft Burgund wurde diese Uhr im Jahr...4 des Herrn angefertigt, auf
Kosten der Minder Bruderschaft des Allerheiligsten Sakraments eingerichtet in
der Kirche von Sait Nizier in Lyon )
Im französischen Text eindeutig die Jahreszahl 1684, im lateinischen Text ist von
der Jahreszahl nur noch die letzte Ziffer lesbar. Die zahlreichen *Modernisierun-
gen* und Veränderungen an diesem Uhrwerk haben leider die ersten 3 Ziffern der
Jahreszahl verschwinden lassen.
Da im französischen Text die Jahreszahl 1684 genannt ist und auch draußen am
Turm die Jahreszahl 1684 prangt, hat wohl jeder gedacht, dass im lateinischen
Text auch die Jahreszahl 1684 stand.
Die beiden Texte scheinen im Widerspruch zu stehen. Die Freie Grafschaft Bur-
gund bestand bis 1678 und wurde dann durch Ludwig XIV. dem französischen
Staat einverleibt. Somit war die Jahreszahl 1684 als Herstellungsjahr nicht in Ein-
klang zu bringen mit der Tatsache, dass Morbier im Jahr 1684 doch bereits auf
französischen Staatsgebiet lag. Wie konnten die Mayet eine Turmuhr nach Lyon
verkaufen, die noch mit ‚libero Burgundiae‘ ( Freies Burgund ) signiert war?
Eigentlich undenkbar! Ludwig XIV. bzw. seine Statthalter vor Ort hätten dies si-
cherlich nicht akzeptiert.
WAS IST ABER,WENN IM LATEINISCHEN TEXT NICHT DIE JAHRESZAHL
1884 SONDERN 1674 stand?
DIES WÜRDE NUN EINEN SINN MACHEN!
Die Mayet Turmuhr wurde im Jahr 1674 gebaut und installiert.
IM FRANZÖSISCHEN TEXT BEZIEHT SICH Érigé en l‘Église St.-
Nizier A Lyon. L‘an Seize cents quatre vingt et quatre NICHT AUF Le
pnt horloge SONDERN AUF très St.Sacrement de l‘Autel.
Unter dem Suchbegriff: 1684 La Confrerie Du Saint Sacrement findet man dann
im Internet unter: https://bracieux-histoire.blogspot.com/.../1684-la-confrerie-du-
saint....
diesen Eintrag
„......... a esté envoyé et ratifié par tous les confrères......l L présent Règlement sera
lu tous les ans en...de confrérie, afin que chacun se souvienne de son petit devoir. Et
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59BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
ce jour qu‘on est assemblé au logis de celui qui sera élu Roy de la confrérie...... a
esté envoyé et ratifié tous les confrères .....le jour de St.Sacrement premier juin
1684.“
Der 1.Juni 1684 ist der Jahrestag, an welchem die Bruderschaft zusammenkam,
um das Reglement vorzulesen und das Oberhaupt der Bruderschaft zu wählen.
1684 draußen sichtbar an der Kirche im Zifferblatt weist nicht auf das Jahr der
Installation der Turmuhr aus Morbier hin, sondern auf die Bruderschaft.
Auch im lateinischen Text bezieht sich erectae auf confraternitas sanctissimi
sacramenti und nicht auf horlogium.
Dies ist meine Deutung der französischen und lateinischen Signaturen! Es gibt si-
cherlich kundige Altphilologen oder Romanisten, die es besser begründen oder wi-
derlegen können. Ich bin gespannt, ob ich hierzu aus der Leserschaft etwas hören
werde.
Die endgültige Klärung dieser Frage wird allerdings für den Ursprung der Com-
toise Uhren im Hohen Jura keine Relevanz haben, denn unabhängig davon, ob
meine Deutung der beiden Signaturen schlüssig ist, bleibt die Tatsache, dass das
Uhrwerk der Mayet in der Kirche von St. Niziers ( 1674 oder 1684 installiert ) ur-
sprünglich mit der Waag ausgestattet war.
Eine weitere einfache Überlegung soll aber dennoch verdeutlichen, dass das Turm-
uhrwerk in St. Niziers eigentlich nicht im Jahr 1684 installiert worden sein kann,
denn die Mayet werden wohl kaum nach dem 10. April 1684, als sie nämlich den
Auftrag für den Bau der Turmuhr in Orgelet erhielten, noch die Zeit gehabt ha-
ben, im restlichen Jahr 1684 noch die Turmuhr in St. Niziers zu installieren, da sie
mit der Fertigung des bestellten Turmuhr von Orgelet beschäftigt waren. Auch in
der Zeit vor Erhalt des Auftrags aus Orgelet, also in der Zeit von Januar bis An-
fang April 1684 wir die Installation wohl kaum möglich gewesen sein.
Die Winter im Hohen Jura waren hart und lang - es herrschte in dieser Zeit gerade
die sogen. Kleine Eiszeit in Europa - mit Eis und Schnee von Oktober bis April , so
dass es sehr unwahrscheinlich war, dass während dieser Monate Januar bis April
überhaupt der Transport der großen geschmiedeten Uhrenteile von Morbier nach
Lyon stattgefunden haben könnte. Ein schlechtes Wegenetz mit zusätzlichen widri-
gen Witterungsverhältnissen werden wohl den Transport mit Fuhrwerken im Win-
ter unmöglich gemacht haben. im Jahr 1684 ist die Turmuhr in St. Niziers aus die-
sen Gründen höchst wahrscheinlich nicht installiert worden.
Die beste Jahreszeit für Transport der Uhrenteile und Installation war natürlich
der Sommer eines Jahres. Nicht umsonst wird aus diesem Grund wohl auch die
Installation der Turmuhr in Orgelet ab dem 25. Juli 1685 vonstatten gegangen sein.
Dieses Datum ist durch eine Quelle belegt!
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60BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Im Jahr 1689 mussten die Mayet dann ein weiteres Turmuhrwerk für die Gemein-
de Saint Claude liefern. Im entsprechenden Kaufvertrag wird nun erstmalig er-
wähnt, dass das zu liefernde Uhrwerk ein Pendel haben musste.
Jean Marc Oliver verweist auf Seite 144 in seinem Buch „Des clous, des horloges et
des lunettes, Les campagnards moréziens en industrie ( 1780 - 1914 )“ Comité des
travaux historiqiues et scientifiques, CTHS Paris 2004, auf ein entsprechendes Do-
kument, welches sich im Archiv Départemental du Jura befindet (2H143) und in
welchem es heißt: „ as savoir un grand orloge a pendule“.
AB 1689 WAREN DIE MAYET DANN TECHNISCH IN DER NEUZEIT ANGE-
KOMMEN, DENN SIE MUSSTEN EINE TURMUHR MIT PENDEL LIEFERN.
Über den Verbleib dieser Uhr ist nichts bekannt, vermutlich im 19. Jahrhundert
anlässlich des Austauschs gegen ein ‚modernes‘Uhrwerk verschrottet.
Dies heißt nun konkret: Wenn die Mayet erst ab 1689 über die Kenntnis der Pen-
delanwendung verfügten, dann kann es auch keine mit Jahreszahl signierte Com-
toise Uhr des Haut-Jura Typs von Jean Baptiste Mayet Morez 1692 gegeben ha-
ben.
In der Ausstellungsbroschüre MET FRANSE SLAG des Nederlands Goud-, Zilver-
en Klokkenmuseum, 2004, schrieb Ton Bollen in seiner Abhandlung ‚De historie
van de Comtoiseklok’ auf Seite 5: „De oudste mij bekende en gedaterde Comtoise
van het type Mayet bevindt zich in een particuliere collectie en is gesigneerd en ge-
date erd Jean Baptiste Mayet Morez 1692“ ( Die älteste mir bekannte und datierte
Comtoise des Mayet Typs befindet sich in einer privaten Sammlung und ist signiert
und datiert Jean Baptiste Mayet Morez 1692 ).
Welche Auswirkungen diese Angabe der Jahreszahl *1692* durch Ton Bollen aus-
löste, kann man an den verschiedenen Erklärungsversuchen der verschiedenen Au-
toren ( siehe Autoren-Spiegel ), mich eingeschlossen, ablesen, denn sonst hätte ich
gewiss nicht auf Seite 11 meiner GESCHICHTE DER COMTOISE UHREN ge-
schrieben: „ Es gibt Werke Comtoiser Bauart mit Rechenschlagwerk, die auch aus
der Zeit um das Ende des 17. Jahrhunderts stammen, die aber nicht mit Spindel-
gang, sondern mit Hakengang ausgestattet sind und die nicht direkt im Jura son-
dern in Haute-Saône, Haute-Marne Gebiet oder auf dem Plateau von Langres ge-
fertigt wurden. es sind bisher keinerlei signierte und datierte Uhren dieser Prove-
nienz aus dieser fraglichen Zeit aufgetaucht. Denkbar wäre es natürlich, dass die
Schmiede-Uhrmacher des Jura von diesen Werken Kenntnis erhalten haben könn-
ten, so dass sie die Neuerungen in ihren eigenen Werken umsetzten.
Die Schmiede des Jura fertigten eiserne Gerätschaften und Werkzeuge für die
Landbevölkerung und verkauften diese selbst während ihrer Verkaufswanderun-
gen, so dass sie regelmässigen jährlichen Kontakt zu anderen Menschen fern ihrer
Seite
61BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Heimat hatten. Wenn man also unterstellt, das die Schmiede-Uhrmacher des Jura
ihre Kenntnis von der Pendelanwendung und dem Rechenschlagwerk bei ihren
Besuchen in anderen Landesteilen, wie z.B. Haute-Saône oder Haute-Marne, er-
hielten, so kann dies auch frühstens um 1680/85 geschehen sein, weil anzunehmen
ist, dass vorher die Kenntnis vom Hakengang in diesen Gebieten nicht vorhanden
war.“
Die Erkenntnisse über die Turmuhren haben ja nun gerade ergeben, dass sie vor
1688/1689 nichts erfahren hatten.
1692 kann es also unmöglich eine Mayet signierte und 1692 datierte Comtoise des
Hohen Jura Typs gegeben haben!
Ich hoffe sehr, dass Ton Bollen noch ‚öffentlich‘ erklären wird, dass er sich bezüg-
lich seiner Aussage von *1692* geirrt hat. Mündlich mir gegenüber hat er dies
während unserer Zusammenarbeit in der Zeit vor September 2015 getan. Diese
Klarstellung ist er nicht nur den Autoren, sondern insbesondere der
*GESCHICHTE* schuldig!
Hatte es bisher in der Literatur immer geheißen, dass die Mayet die Comtoise Uhr
des Hohen Jura entwickelt haben, so ist durch die neuen Erkenntnisse rund um die
Turmuhren der Mayet auch diese Einschätzung nicht mehr haltbar.
Dies heißt nun konkret: Wenn die Mayet im Jahre 1685 noch nicht über die
Kenntnis der Pendelanwendung verfügten, und diese Erkenntnis erst in den Jah-
ren 1688/89 erlangten, dann können sie unmöglich im letzten Jahrzehnt des 17.
Jahrhunderts für die alleinige Entwicklung der Comtoise Uhr verantwortlich sein.
Im ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts sind signierte und datierte Comtoise
Uhren nachweisbar.
Was geschah also im letzten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts im Hohen Jura, so
dass es innerhalb von 10 - 15 Jahren, also im ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhun-
derts plötzlich Comtoise Uhren des Hohen Jura Typs gab?
Im Hohen Jura waren die Mayet nicht die einzigen Schmiede, die Turmuhren bau-
ten. Die Mayet Legende vermittelt allerdings diesen Eindruck, die einzigen gewe-
sen zu sein und somit die Uhrmacherei in den Hohen Jura geholt zu haben. Auch
in den Familien Cart und Fumey sowie Malfroy und Morel, alles Namen, die im
frühen 18. Jahrhundert als Signaturen auf Comtoise Uhren des Hohen Jura wieder
auftauchen, wurden Turmuhren im 17. Jahrhundert gebaut. Auch die Brüder Cat-
tin gehören zu den Turmuhrenbauern, allerdings erst im 18. Jahrhundert.
Damit ist aber auch die allgemeine Behauptung, dass die Mayet die Uhrmacherei
in den Hohen Jura brachten, hinfällig.
Seite
62BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Diese Behauptung ist auch noch durch andere Quellen hinfällig, die von Fertigung
hölzerner Uhren aus Foncine ( Uhren der Fonciner Art ) sowie Fourgs und Saint
Claude berichten.
Da die Comtoise Uhr zur ihrer Entwicklung sicherlich Schmiede benötigte, darf
man davon ausgehen, dass die Mayet an der Entwicklung doch massgeblich betei-
ligt waren, denn zahlreiche Exemplare früher Comtoise Uhren des 18. Jahrhun-
derts tragen eine Mayet Signatur, jedenfalls wesentlich häufiger als andere
Familiennamen des Hohen Jura.
Erst als man im 19. Jahrhundert erkannte, welch eine Erfolgsgeschichte eines Pro-
dukts des Hohen Jura man schreiben konnte, schrieb man die Geschichte auf und
schuf die Mayet Legende. Man begann sich der Erfolgsgeschichte bewusst zu wer-
den, als von der Gründergeneration und evtl. der nachfolgenden Generation nie-
mand mehr lebte. Spätere Generationen schrieben auf, was sie vom Hörensagen
kannten. Sehr viele frühe Uhren des 18. Jahrhunderts tragen eine Mayet
Signatur, die Mayet waren ein großer Familienclan, der zahlreiche signierte Uhren
hinterlassen hat.
Der somit sehr oft vorkommende Name Mayet auf Comtoise Uhren der
ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts hat dann die Menschen des 19. Jahrhunderts
glauben lassen, dass die Mayet die Comtoise Uhr schufen und die Uhrmacherei in
den Hohen Jura brachten.
Diese neue Erkenntnis über die *nur* Beteiligung des Mayet Clans an der Entste-
hung der Comtoise Uhr im Hohen Jura sollte meiner Meinung nach nun auch in
der bisher allgemein gültigen Bezeichnung früher Comtoise Uhren berücksichtigt
werden, welche als Mayet Typ Comtoise Uhren bezeichnet werden.
Da allgemein bei den Comtoise Uhren auch vom Haute-Saône Typ und vom Hau-
te-Marne Typ gesprochen wird, halte ich es nur für konsequent den Begriff Mayet
Typ durch den Begriff Haut-Jura ( Hoher Jura ) Typ zu ersetzen.
Bedingt durch das im Hohen Jura auf Grund des Erbrechts der *Mainmorte*
( der toten Hand ) entstandene enge Zusammenleben der Familien auf einem Stück
Land, vielfach in mehreren Häusern, so dass sich kleine Weiler entwickelt hatten,
gab es traditionell einen stärkeren Zusammenhalt innerhalb der Familien. Im da-
maligen Sprachgebrauch sprach man von *feu* ( Feuer ). Der *Chef du feu* war
das Oberhaupt der Familie, der verschiedenen Haushalte/Feuerstellen, die den
Weiler ausmachten. Er war der Erbberechtigte, der Hörige, der aufgrund des Er-
bechts ( Mainmorte ) das Land nutzen durfte. In diesen Familienclans ( dies wäre
unserer heutiger Sprachgebrauch ) wurde oftmals untereinander geheiratet oder
verheiratet, damit einerseits das Eigentum der Familie, welches durchaus aus Geld
und Fachwissen ( erworben durch den Verkauf von in Heimarbeit gefertigten Pro-
Seite
63BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
dukten ) bestehen konnte und an den Grundherrn, der das Land in ‚Hörigkeit‘
vergeben hatte, nicht abgabepflichtig war, in der Familie verblieb. Geld wird mit
Geld verheiratet. Dieser Grundsatz bestand wohl schon immer. Die Bevölkerungs-
dichte im Hohen Jura war nicht hoch, andere Clans hatten gleiche Probleme. Die
Clans waren auch untereinander durch zahlreiche Heiraten verbandelt.
Als Ludwig XIV. die Franche Comté französisch gemacht hatte, hatte er doch das
von Alters her vorhandene Erbrecht ( Mainmorte ) und die damit verbundenen
Bedingungen für die Menschen nicht aufgehoben, obwohl diese Art der Hörigkeit
in seinem Frankreich schon nicht mehr bestand. Die Bauern waren vielfach Päch-
ter auf dem Grund und Boden, den sie bearbeiteten, und sie waren dadurch von
ihren Grundherren abhängig, aber sie konnten den Grund und Boden mit ihren
Habseligkeiten verlassen. Die Hörigen unter der Mainmorte waren Leibeigene, die
manchmal noch nicht einmal das Hemd und die Schuhe ihr Eigen nennen konnten.
Das Land war durch Hungersnöte und auch die Pest ausgeblutet, vermutlich wä-
ren ganze Landstriche verwaist, wenn man die Hörigen nicht mit Gewalt auf
ihrem Land gehalten hätte.
Auf dem Land gab es das Zunftwesen nicht, welches in den großen Städten die
Handwerke regelte und kontrollierte. Das Erbrecht der Mainmorte regelte und
kontrollierte nicht die Heimarbeit, den Nebenverdienst, der Bauern-Mechaniker.
Der Druck des Ackermanns unter der Mainmorte war groß, denn die Erträge wa-
ren auf Grund der Höhenlage und des Klimas mäßig. Er musste auch noch Abga-
ben oder Arbeiten an/für den Grundherrn leisten, aber die *Freiheit im Gewerbe*
war groß, denn man war frei und konnte in Heimarbeit nach Bedarf etwas produ-
zieren. Die Mainmorte bot also auch Chancen, denn in den langen Wintern war
man ans Haus gebunden und hatte die notwendige Zeit, um etwas herzustellen.
In einem solchen Umfeld der Verwandtschaftsverhältnisse der Familienclans, der
Suche nach Chancen unter der Regie der Mainmorte, weiß natürlich jeder, was im
Umfeld des/der verwandten Clans passiert. Technische Entwicklungen können
nicht geheim bleiben, neue Produkte können nicht geheim produziert und verkauft
werden, so dass wohl einige Clans an der Entwicklung der Comtoise Hausuhr mit-
gewirkt haben dürften. Einige wenige Personen werden sicherlich Einzellösungen
bestimmter Teile gefunden haben, die aber dann wieder als Grundlage für Weiter-
entwicklungen des Produktes durch andere Personen dienten. Die Haut-Jura Com-
toise wurde im letzten Jahrzehnt des 17. und im ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhun-
derts entwickelt. Ob diese Entwicklung zielstrebig und kontinuierlich vorangetrie-
ben wurde, ist auf Grund der widrigen klimatischen und schlechten wirtschaftli-
chen Bedingungen, die für viel Elend, Hunger und Tod in diesen beiden Jahrzehn-
ten verantwortlich sind, sehr zu bezweifeln.
Die Haut-Jura Comtoise Uhr ist sicherlich nicht als völlig neues, geplantes Produkt
entstanden, nach dem Motto: Uns geht es hier oben in den Bergen so schlecht, dass
Seite
64BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
wir etwas erfinden müssen, dass wir verkaufen können. Ein solcher Entwicklungs-
prozess verläuft schleichend über Jahre.
Da die Bewohner des Hohen Jura vielfältige Kontakte zu anderen Menschen in
anderen Gegenden Frankreichs wegen ihrer dort verkauften Produkte ( Käse, ge-
schmiedete Nägel, bäuerliche Gerätschaften und aus Naturmaterialien gefertigte
Produkte ) hatten, kam man auch mit anderen Produkten in Berührung, die es im
Hohen Jura nicht gab.
Eine aus Eisen gefertigte Hausuhr gab es im Hohen Jura nicht. Laternenuhren
wurden dort nicht gebaut. Man hatte zwar durchaus Kenntnisse im Uhrenbau,
aber es waren hölzerne Uhren ( Foncine, Fourgs, Saint Claude ) und geschmiedete
Turmuhren. Eine solche eiserne Uhr, wie z.B. eine Haute-Saône Uhr in einem ge-
schraubten Eisenkäfig, würde man aber sicher im Hohen Jura auch bauen können,
denn alle Voraussetzungen für den Bau solcher Uhren waren vorhanden. Die Vor-
aussetzungen waren sogar noch besser, denn es gab Eisen, große und kleine
Schmieden, Wasserkraft, Arbeitskräfte.
Alles, was notwendig war, war vorhanden! Solche Erkenntnisse waren den Bauern,
den Bauern-Schmieden und den Bauern-Mechanikern durchaus zuzutrauen.
Anmerkung nebenbei. In einem oberen Abschnitt hatte ich von aus „Naturmate-
rialien gefertigten Produkten“ gesprochen. Im Kapitel 11 werden Sie noch mehr
von den klimatischen, wirtschaftlichen und sozialen Voraussetzungen lesen, unter
anderem werden Sie lesen, dass viele Bauern einen eigenen kleinen Garten hatten,
in dem etwas Gemüse für den Eigenbedarf kultiviert wurde, aber auch der Anbau
der Hanfpflanzen, welche die Fasern lieferten, aus denen Seilerwaren hergestellt
wurden. In früheren Zeiten konnte man die vielfach benötigten Seile ( Schifffahrt,
Bauwesen usw. ) nur aus Hanf herstellen. Hanfseile! Da die Wälder der Franche-
Comté die Bäume für die Masten der französischen Segelschiffe lieferte, war der
Absatz der Seile für die Segelschiffe als Beiverkauf gesichert.
Auch an den Comtoise Uhren finden wir traditionell Hanfseile, da diese sowieso
für die Schifffahrt produziert wurden.
Eiserne Comté ( Comtoise ) Uhren aus Haute-Saône oder aus Haute-Marne haben
den Familienclans als Vorbilder für die Weiterentwicklung der Haut-Jura Comté
(Comtoise ) Uhr gedient. In den beiden Jahrzehnten 1690 bis 1710 könnten schon
Haut-Jura Comtoise Uhren gefertigt worden sein, leider sind bis heute keine der-
artigen Uhren aufgetaucht, die wir eindeutig als Haut-Jura Comtoise Uhr aus die-
ser Zeit datieren können. Erste Haut-Jura Comtoise Uhren können wir um 1710
erkennen ( die wahrscheinlich älteste datiert und signierte Comtoise des Haut-Jura
Typs stammt aus dem Jahr 1709 ) . Doch die Entwicklung ist zu diesem Zeitpunkt
noch nicht abgeschlossen, denn wir finden zahlreiche unterschiedlichen Lösungen
für bestimmte Teilbereiche, bevor dann ab 1740/50 ein einheitliches Modell produ-
ziert wird, deren Teile dann nicht mehr Schmieden/Uhrmachern, sondern von
Seite
65BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Heimarbeitern produziert werden. Es ist das Endprodukt von Schmieden/Uhrma-
chern, die sich als Unternehmer weiterentwickelt hatten und nur noch organisier-
ten und überwachten.
Seite
66BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
7. URCOMTOISE
Die Haut-Jura Comtoise ist keinesfalls eine Weiterentwicklung aus Turmuhren
heraus, weder aus Turmuhren der Mayet noch aus Turmuhren des 15., 16. oder 17.
Jahrhunderts anderer Uhrmacher.
Die Haute-Saône Comtoise Uhr ist eine Weiterentwicklung der Laternenuhr, wel-
che die neuen aus England kommenden Elemente wie Ankergang und Rechen-
schlagwerk bereits Ende des 17. Jahrhunderts übernommen hatte.
Die Haut-Jura Comtoise Uhr ist eine Weiterentwicklung der Haute-Saône Comtoi-
se Uhr, die sich um ca. 1710 in ersten eigenen Uhren daselbst manifestierte. Die
bisher älteste datierte und signierte Comtoise Uhr des Haut-Jura Typs stammt aus
dem Jahr 1709.
Leider kann ich in der Literatur abgebildete Uhren auf Grund der Urheberrechte
hier nicht einfach abdrucken. Ich kann nur beschreiben und Schlussfolgerungen
ziehen und mit Hinweisen auf geeignete in der Literatur abgebildete Uhren verwei-
sen. Für denjenigen von Ihnen, der die zitierte Literatur besitzt, ist es dann sicher-
lich kein Problem, dort entsprechende Abbildungen anzuschauen!
Wenn ich auf bestimmte Abbildungen verweise, die im ANHANG BILDER abge-
lichtet sind, dann können es nur die *Schlüssel Bilder*, also die wichtigsten Bilder
sein. Weitere Abbildungen von Uhren und ihren Detailaufnahmen können Sie al-
lerdings dann auf der Internetseite des Online Comtoise Uhren Museums finden:
www.morbier-clocks.de
Das wichtigste Comtoise Werk, für mich sehr nah dran oder doch schon das Ur-
Comtoise Werk schlechthin, war das bei Ton Bollen in seinem Buch von 1974
( deutsche Ausgabe von 2006 ) : Comtoise Klokken/Comtoise Uhren mit den Abb. 1
und 2 auf den Seiten 69 und 70 abgebildete Haute-Saône Comtoise Werk. Im Buch
von Leonhard van Velthoven gibt es ein weiteres Bild dieses Uhrwerk, Seite 255
oben rechts, eine schräg rückseitige Ansicht.
Ton Bollen schreibt dazu auf Seite 63:
„1. Een Comtoise +/- 1685. De klok is puur smedenwerk en geheel van ijzer ver-
vaardigd. Op de vier hoeken van de zolderplaat zijn de vier moeren zichtbar, war-
mee de klok in elkaar geschroef is. Waarschijnlijk is de klok van een geschilderde
wijzerplaat voorzien geweest en is de tinnen cijferring van latere datum. Deze
Seite
67BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Comtoise is tot op heden het enige bekende zeventiende-eeuwse exemplaar, dat bo-
vendien nog met een ankergang uitgevoerd is.
2. Vooranzicht van afb. 1. Het ankerrad en en gedeelte van het anker zijn linksbo-
ven in de klok zichtbaar. De geleiding van de zaag vindt plaats door een uitsparing
in der zolderplaat.“
( 1. Eine Comtoise Uhr von ca. 1685. Diese Uhr ist reines Schmiedehandwerk und
ganz aus Eisen gefertigt. An den vier Ecken der Deckplatte sind vier Muttern zu
erkennen, mit denen die Uhr zusammengeschraubt ist. Wahrscheinlich besaß die
Uhr ein bemaltes Zifferblatt, der Ziffernring aus Zinn ist späteren Datums. Diese
Comtoise Uhr ist bis heute das einzige bekannte Exemplar aus dem 17. Jahrhun-
dert, welches außerdem noch mit Ankergang ausgestattet ist.
2. Vorderansicht von Abb. 1. Das Ankerrad und ein Teil des Ankers sind links oben
in der Uhr sichtbar.)
ALS DIESE UHR IN HAUTE-SAÔNE GEBAUT WURDE HATTEN DIE
MAYET NOCH KEINE AHNUNG VOM PENDEL BZW. ERFUHREN GERADE
UM 1688/89 VON DER PENDELANWENDUNG!
Der Käfig dieser Uhr ist unten geschmiedet und wird oben durch Schraubenmut-
tern gesichert. Auf Bild 1 kann man oben sehr gut die Schraubenmuttern sehen,
doch dort, wo man die typischen Befestigungsschrauben der Platinen erwartet, er-
kennt man nur ganz kleine Eisenzapfen. Schrauben können dies eigentlich nicht
sein, denn dafür wären sie viel zu klein. Ich denke, dass dies genauso Eisenzapfen
sind wie die beiden unteren am Fuss der Platine, die in die untere Käfigplatte ein-
gesteckt werden. Dies bedeutet gegenüber der Befestigung mit Keilen natürlich
eine Verbesserung hinsichtlich Haltbarkeit der ganzen Konstruktion. Keile und
Platinen können sich lösen. Befestigungsschrauben und obere und/oder untere
Zapfen lösen sich nicht. Selbst wenn die Schraubenmuttern sich lösen sollten oder
komplett fehlen würden, würde das Gewicht der oberen Käfigplatte ein Auseinan-
derfallen der Konstruktion verhindern. Die Montage dieses Uhrwerks geschah fol-
gendermaßen: In den nach oben offenen geschmiedeten Käfig werden zuerst die
beiden vorderen Platinen von Geh- und Schlagwerk eingesetzt, in ihrer Position
gesichert durch die unteren Eisenzapfen der Platinen. Dann wird die obere Käfig-
platte aufgesetzt, so dass die oberen Eisenzapfen der beiden Platinen bereits in die
Löcher der Käfigplatte eingreifen, die Schraubenmuttern vorn links und rechts
werden aufgedreht, aber nur soweit, dass die Käfigplatte noch nach hinten ange-
hoben werden kann. Nun kann man den kompletten Radsatz des Schlagwerks ein-
setzen und entsprechend ausrichten, evtl. die hintere rechts Schraubenmutter
schon ein wenig auf das Gewinde aufdrehen. Dann wird der Radsatz des Gehwerks
eingesetzt, die hintere Gehwerkplatine eingesetzt, die 4 Schraubenmuttern kom-
plett aufgedreht und angezogen, so dass nun beide Radsätze sicher im Käfig fixiert
sind. Auf dem Bild kann man erkennen, dass der Führungsarm des Rechens nach
oben weist und durch einen Schlitz in der oberen Käfigplatte geführt und gehalten
wird. Demontage bzw. Montage der vorderen Schlagwerkplatine können natürlich
Seite
68BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
nur ohne Rechen erfolgen.
Der nächste Schritt auf dem Weg zum Haut-Jura Comtoise Uhrwerk, wie es dann
fast zwei Jahrhunderte gebaut wurde, ist ein komplett geschmiedeter Käfig, in
welchem die 4 Stabplatinen mittels Befestigungsschrauben durch die obere Käfig-
platte gesichert werden. Fixierung des Schlagwerk-Radsatzes während der Monta-
ge ist nicht mehr notwendig, denn die beiden Rädersätze können vollkommen un-
abhängig voneinander montiert und auch demontiert werden.
Beachtlich ist, dass dieses Haute-Saône Uhrwerk ein Rechenschlagwerk mit einer
einzelnen Zahnstange mit Verzahnung auf beiden Längsseiten besitzt, Obwohl die-
ser Rechentyp von den Herstellern der hölzernen Uhren aus Fourg Anfang des 18.
Jahrhunderts übernommen wurde, tauchte bei den ersten Haut-Jura Comtoise
Werken die U-förmige Rechenstange mit den beiden Verzahnungen an den Außen-
längsseiten des U auf. Die Arbeitsweise des Rechenschlagwerks bleibt bei beiden
Rechentypen gleich, lediglich wurde aus einer Zahnstange mit zwei Reihen Ver-
zahnungen auf einer Stange nun zwei parallel laufende Stangen mit jeweils einer
Reihe Verzahnung gemacht. Die U-förmige Zahnstange bietet bessere Sicht auf
Schöpfer und Einfallhebel beim Einstellen der Abstände und Eingriffe. Da beide
Rechentypen problemlos arbeiten, wird man sich wohl sehr bald für die einfachere
Version mit einer zweireihig verzahnten Rechenstange entschieden haben, die au-
ßerdem noch den Vorteil eines direkt an der Stabplatine montierten Rechens bot.
Die Maße dieses Haute-Saône Comtoise Uhrwerks sind nicht bekannt.
2.
In der Sammlung des Comtoise Uhren Museums befindet sich eine Haute-Saône
Comtoise Uhr, Inventar Nr. 434 CUM, siehe Bilderteil Seiten 4 + 6 Abb. 14 - 26,
welche aus der Zeit um 1700/1710 stammen dürfte. Diese und ähnliche Uhren sind
ganz typische Exemplare früher Comtoise Uhren, die das neue Baukonzept der
Comtoise Uhren, d.h. geschmiedeter Käfig mit separaten Stabplatinen für Geh-
und Schlagwerk nebeneinander für 8 Tage Seilzug, mit den neuen englischen Er-
findungen von Hakengang, siehe Abb. 18, und Rechenschlagwerk, siehe Abb. 17,
vereinen. Der Hakengang weist die typische Form des Clement Ankers auf, das
Rechenschlagwerk ist bereits zum Bogenrechen ( sichelförmiger Rechen ) weiter
entwickelt. Die Unterschiede der verschiedenen Rechenschlagwerke werden noch
in Kapitel 8 beschrieben werden.
Dieses Haute-Saône Uhrwerk weist hinsichtlich der Schlagauslösung auch eine Be-
sonderheit auf, die an den Barlow‘schen Rechen denken lässt, da der Rechen 10
Minuten vor voller Stunde bereits mit seinem Abtastarm auf die Stundenstaffel
fällt, die Radfreigabe dann erst zur vollen Stunde erfolgt.
Das Schlagwerk weist 4 Räder auf, somit kann auch kein Vorlauf eines Rads erfol-
gen.
Seite
69BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Beim Barlow‘schen Rechenschlagwerk besteht der Radsatz aus 5 Rädern. Der Re-
chen wird vor der vollen Uhrzeit freigegeben und fällt mit dem Abtastarm auf die
Stundenstaffel bei gleichzeitigem Vorlauf des 4. Rads um eine halbe Umdrehung.
Freigabe des 4 Rads dann zur vollen Stunde, so dass sich die Räder drehen können
und der Rechen transportiert werden kann.
Beim betrachteten Haute-Saône Uhrwerk fällt der Rechen 10 Minuten vor voller
Uhrzeit mit dem Abtastarm auf die Stundenstaffel, der Radablauf mit Transport
des Rechens geschieht aber erst zur vollen Stunde.
Beim Rechenschlagwerk der Haut-Jura Uhrwerke geschehen Rechenabfall und
Räderablauf gleichzeitig.
Unser hier betrachtetes Haut-Saône Uhrwerk könnte man als Zwischenstadium
zwischen den Konstruktionen von Barlow und Haut-Jura bezeichnen.
Maße des Käfigs: 222 mm hoch x 188 mm breit x 110 mm tief.
Maße des Werks: 331 mm noch x 188 mm breit x 180 mm tief.
Tiefe der Abstandshalter: 65 mm.
Breite des Platinen: 25 mm Dicke der Platinen: 5,2 bis 5,3 mm
Länge der Platinen: 217 mm
Dicke der Käfigpfeiler: 10,1/11,0 mm
Dicke der oberen Käfigplatte: 3,0 bis 3,1 mm
Dicke der unteren Käfigplatte: 2,3 bis 2,8 mm
Maß des Frontons: 185 x 110 mm Dicke: 0,57 – 0,62 mm
Maß des Zifferblatts: außen 178mm u. innen 93 mm Durchmesser
Schließer / Dicke: 0,57 – 0,62 mm
Zeiger Gesamtlänge: 90 mm - von Spitze bis Mitte Zeigerfutter: 62 mm
Dicke Zeiger: 2,7 bis 2,8mm
Dicke der Zifferblatt-Grundplatte: 0,8 - 1,2 mm
Dicke der Rückwandblechs: 0,8 - 1,2 mm
Seite
70BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Dicke des Türblechs: 0,8 - 1,2 mm
Platinenmarkierungen. Gehwerk vorn * Schlagwerk vorn **
Gehwerk hinten *** Schlagwerk hinten ***
Platinenschrauben eckig, gefeilte Gewindegänge, markiert entsprechend der Pla-
tinen. siehe Bilderteil Seite 5, Abb. 20.
Gehwerk rechts, Schlagwerk links. Bogenrechen auf vorderer Schlagwerkplatine
gelagert.
Siehe Bilder dieser Uhr im BILDER ANHANG, Seiten 4 + 5 Abb. 14 - 26
In der Sammlung des Comtoise Uhren Museums befindet sich eine Haute-Marne
Comtoise Uhr, Inventar Nr. 435 CUM, siehe Bilderteil Seiten 7 + 8, Abb. 27 - 35,
welche aus der Zeit um 1700 stammen dürfte.
Maße des Käfigs: 228 mm hoch x 198 mm breit x 120 mm tief.
Maße des Werks: 290 mm noch x 198 mm breit x 185 mm tief.
Tiefe der Abstandshalter: 55 mm.
Breite des Platinen: 27 mm Dicke der Platinen: 5,5 mm
Länge der Platinen: 222 mm
Dicke der Käfigpfeiler: 10,8/11,1 mm
Dicke der oberen Käfigplatte: 2,8 bis 3,3 mm
Dicke der unteren Käfigplatte: 2,6 bis 3,2 mm
Maß des Frontons: nicht vorhanden Dicke:
Maß des Emailzifferblatts: 172 mm Durchmesser / später montiert!
Maß des ursprünglich vorhandenen Zifferblattreifs: außen 171 mm u. innen 91
mm Durchmesser
Zeiger Gesamtlänge: 75 mm - von Spitze bis Mitte Zeigerfutter: 53 mm
Dicke Zeiger: 1,4 bis 2,0mm
Seite
71BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Dicke der Zifferblatt-Grundplatte: 1,3 bis 1,7 mm
Dicke der Rückwandblechs: 0,8 bis 1,0 mm
Dicke des Türblechs: 0,8 – 1,0 mm
Platinenmarkierungen. Gehwerk vorn * Schlagwerk vorn **
Gehwerk hinten **** Schlagwerk hinten ***
Platinenschrauben eckig, gefeilte Gewindegänge, markiert entsprechend der Plati-
nen, siehe Abb. 32 Bilderteil Seite 8.
Gehwerk links, Schlagwerk rechts.
Bogenrechen auf vorderer Gehwerkplatine gelagert.
Der Rechnen fällt zur vollen Stunde mit sofortigem Räderanlauf und Arbeit des
Schöpfers.
Der Halter des Frontons ist ein wenig nach hinten versetzt, da das ursprünglich
montierte Fronton aus Zinn oder gegossenem Messing eine Stärke von mehreren
Millimetern hatte. Die Schraube zur Fixierung des Frontons ist entsprechend lang.
Ein dickes Fronton würde dann auch wieder auf gleicher Höhe wie das Zifferblatt
sitzen.
Aus diesem Grund und wegen der vorhandenen 3 kleinen Bohrungen, durch wel-
che die Befestigungsschrauben für das ursprünglich montierte - vermutlich - Zif-
ferblatt gedreht wurden, nehme ich auch an, dass es sich um einen Zinnreif han-
delte.
Der Anker hat die exakt gleiche Form wie der Clement Anker. siehe Abb.27
Würde man sich die beiden Rädersätze zwischen zwei Platinen vorstellen, die
durch vier Halter verbunden werden, also keine Stabplatinen in einem geschmie-
deten Käfig eingeschoben, so würde man wohl eher an ein englisches Standuhr-
werk denken als an eine Uhr, die im Haute-Marne gebaut worden wäre.
Hakenhemmung, noch in dieser typischen V Form, mit Langpendel und Schlag-
werk mit Bogenrechen, sind die technischen Neuheiten, die gegen Ende des 17.
Jahrhunderts aus England den Kontinent erreichen.
Siehe Bilder dieser Uhr im BILDERTEIL Seiten 7 + 8 Abb. 27 - 35
Seite
72BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
4. Uhrentyp: Haut-Jura Comtoise, einzeigerig, um 1715/20. Aufzugslochschliesser
mit punzierter Signatur: A P ( Alexis Perrad ) siehe Bilderteil Seiten 11 + 12,
Abb. 43 - 49.
Gehwerk rechts, Schlagwerk links, 8 Tage Seilzug, Stundenschlag auf Glocke -
Rechenschlagwerk mit U-förmigem Rechen, Halbstundenschlag en passant,
Maße der Uhr / H Höhe x B Breite x T Tiefe: Käfig: 228 x 202 x 136
Rauminhalt: 6,26 Lite
Werk: 320 x 202 x 155
Zifferblatt D außen: 200 innen: 123 Messingstärke: 0,6/0,7
Platinenbreite: 20 Platinenstärke: 5
Abstand zwischen den Platinen bzw. Länge der Achsen ohne Zapfen:
Zifferblattgrundplatte: 232 x 202 H x B Materialstärke:0,9/1,2
Rückseitenblech: 232 x 202 H x B Materialstärke:0,8/1,4 an Ecken: 1,8/2,4
Seitentüren: 232 x 126 H x B Materialstärke:0,9/1,2
Materialstärke Käfigplatten: oben: 2,9 – 3,2 unten: 2,5 – 3,2
Pfeiler: 10 x 10 Vernietungen: glatt/leicht erhöht
Kamin: 88 H runder Kopf
Fronton: 200 x 81 B x H Materialstärke: 0,4 – 0,8
Zierecken: 61 x 38 B x H Materialstärek: 0,4 – 0,6
Aufzugslochschliesser: 82 x 46 B x H Materialstärke: 0,5 - 0,7
Minutenzeiger: Stundenzeiger: Materialstärke:
Zeiger: 60 ( Mitte Futter bis Spitze ) Materialstärke: 2,9 – 3,2
Materialstärken von:
Aufzugsrad: 4,2 Sternrad: 3,9 Bremsrad: 3,0 Grossbodenrad: 4
Pendellänge: 1700 alle Maße: mm Millimeter
Platinenschrauben: eckige Köpfe. siehe Abb.45
Befestigungsschrauben des Kamins: eckige Köpfe. siehe Abb.44
Ansonsten: Rundkopfschrauben und Zylinderschrauben ( flache Köpfe )
Befestigungsschraube des Spindellagers obere Käfigplatte: LINSENFORM,
die sich in Senke des Spindellagers einpasst.
( Dies ist die einzige Linsenkopfschraube, die ich jemals an einer frühen
Comtoise Uhr gesehen habe ) Alle Schrauben der Uhr sind markiert.
Keine Befestigungsschrauben für Andruckfeder der Halbstundenschlagachse
und Auslösegestänge des Stundenschlags, sondern Sicherung durch Vorsteckstifte.
5. Haut-Jura Comtoise, sign. Antoine Morand Pondevaux 1711, siehe Bilderteil
Seiten 13 - 16, Abb. 50 - 59
Maße der Uhr in Höhe x Breite x Tiefe:
Käfig: 193 x 172 x 132 Rauminhalt: 4,38 L
Werk: 292 x 172 x 135 Zifferblatt: D außen 150 D innen 85
Abstand zwischen den Platinen bzw. Länge der Achsen ohne Zapfen:
Zifferblattgrundplatte:
Seite
73BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Fronton: 170 x 100 Zierecken: 70 x 42
Minutenzeiger: Stundenzeiger: 55 ( gesamt 90 ) dick: 2
Materialstärken:
Platinen:
Käfigplatten: : oben: 2 unten: 2
Pfeiler: 10 x 10 Vernietungen: flach geschliffen
Frontplatte: 1 Rückseite: 1 Türen: 1
Zifferblatt: 0,9
Fronton: 0,9 Weckerscheibe: 0,9
Pendellänge: Höhe Kamin: ( alle Maße in mm )
Obwohl Ton Bollen bereits 1977 in seinem Buch eine Haute-Saône Comtoise aus
der Zeit um 1685, zumindest aus dem 17. Jahrhundert, abgebildet hat, hatte ich in
den Jahrzehnten danach bis zum Juni 2021 keine andere Haute-Saône Comtoise
gesehen, die ich eindeutig ins 17. Jahrhundert, geschweige denn vor 1685 hätte da-
tieren können. Auch an dieser Tatsache ist erkennbar, wie extrem selten Haute-
Saône Comtoise Uhren des 17. Jahrhunderts sind.
Eine einzige bekannte Haute-Saône Comtoise Uhr des 17. Jahrhunderts im Jahr
2021 ist natürlich ein dünner Beweis für die Entstehung der Haut-Jura Comtoise
Uhr.
Die große Herausforderung für mich bestand nun darin, weitere Haute-Saône
Comtoise des 17. Jahrhunderts zu finden, bzw. solche Uhrwerke zu finden, die als
Übergangsformen bzw. Zwischenformen einer Laternenuhr und einer Comtoise
Uhr gelten konnten.
Hätte man mich vor ein paar Monaten gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, je-
mals ein ältere Haute-Saône Uhr als diejenige in Ton Bollen’s Buch von +- 1685 zu
finden, geschweige denn eine Haute-Saône Uhr mit einer Radunrast jemals zu se-
hen zu bekommen, ich hätte dies nach all den Jahrzehnten des Suchens sicherlich
verneint.
Eine solche Haute-Saône Comtoise Uhr mit Radunrast ist nun nicht nur aufge-
taucht, sondern steht sogar im Comtoise Uhren Museum zur Ansicht bereit.
Welch ein Glücksfall! Ein echter Glücksfall, denn diese Uhr wurde über ein be-
kanntes Internet-Verkaufsportal angeboten, und als ich die Uhr dort entdeckte,
hatten bereits mehr als 100 Besucher diese Uhr angeschaut. Wäre die Uhr verkauft
Seite
74BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
worden und in einer Sammlung verschwunden, wären vielleicht wieder Jahrzehnte
vergangen, bevor sie wieder öffentlich geworden wäre. Ich war zum Zeitpunkt des
Auffindens dieser Uhr im Urlaub und konnte den Verkäufer dann in unserer
e-Mail Korrespondenz glücklicherweise überzeugen, mir das Vorkaufsrecht nach
Besichtigung 3 Wochen später zu gewähren.
Diese Uhr kann nun sicherlich als *DIE UR-COMTOISE* bezeichnet werden, zu-
mindest solang, bis eine andere evtl. noch ältere Haute-Saône Comtoise Uhr auf-
taucht.
Mit Abb. 77 auf Seite 23 und den Abb. 78 - 83 auf den Seiten 24 und 25 des Bil-
derteils stelle ich Ihnen eine Uhr vor, deren äußere Merkmale, wie Zinnzifferblatt
und Zinnfronton, Einzeiger, Aufhängebügel und untere Abstandshalter, Glocke
mittig oben auf dem Werk und in einem geschmiedeten Werkkäfig mit seitlichen
Werktüren sofort auf ein Haute-Saône Comtoise Werk hindeuten. Einen Galgen
als Pendelaufhängung gibt es jedoch nicht, eine Pendelstange hinter dem Werk
somit auch nicht. Es gibt auch keinen Schlitz an der unteren Rückseite der Werk-
käfigplatte, durch welche das Pendel schwingen könnte. Diese Uhrwerk besitzt
kein Pendel, dies wird schnell klar.
Anstelle eines Pendels besitzt dieses Uhrwerk nämlich eine Radunrast.
Vermutlich wird niemand erwarten, nach fast 350 Jahren eine Uhr vorzufinden,
die sich noch im Originalzustand des Jahres +- 1670 befindet. Selbstverständlich
hat es an diesem Uhrwerk Reparaturen und/oder Veränderungen gegeben, aber
die Grundsubstanz zeigt ein Hybrid Uhrwerk mit Anteilen aus Laternenuhr und
Comtoise Uhr.
Ganz offensichtlich ist der Zeiger ersetzt worden, denn er stammt eindeutig nicht
aus dem 17. Jahrhundert, sondern aus dem 18. Jahrhundert. Der ursprüngliche
Zeiger war wesentlich dicker als der vorhandene. Die aktuelle Glocke dürfte ein
Exemplar des 19. Jahrhunderts sein. Das Zinnzifferblatt könnte durchaus authen-
tisch sein, wird aber wahrscheinlich ein Exemplar des frühen 18. Jahrhunderts
sein. Das Zinnfronton stammt mit Sicherheit aus dem 18. Jahrhundert, denn es
weist die typischen Rocaillen des Rokoko auf. Vermutlich wurde dieses Uhrwerk in
der Zeit 1730/1740 mit neuem Zifferblatt, Fronton und Zeiger im Stil des Rokoko
modernisiert.
Die kleinen Befestigungsschrauben ( siehe Abb. 83 Bilderteil Seite 25 ) des Zinnzif-
ferblatts sind von Hand gefeilte Einzelstücke und nichts deutet auf irgendeine wei-
tere Veränderung nach der Modernisierung im frühen 18. Jahrhundert hin.
Veränderungen hingegen kann man an dem oberen Halter der Spindelachse er-
kennen, denn diese ist nicht original, sondern wurde aus alten Bestandteilen einer
anderen Uhr ersetzt. Die Spindelachse selbst sowie die Radunrast sind unverän-
dert, es lassen sich keine anderen Veränderungen am Gehwerk-Radsatz erkennen.
Im Rädersatz des Schlagwerks wurden die Flügel des Windfangs ersetzt, ur-
sprünglich sicher aus Eisen, nun nach Reparatur aus Messing. Hammer und
Seite
75BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Hammerandruckfeder wurden ebenfalls erneuert.
Schaut man sich die Achsen an, so fällt auf, dass diese konisch sind, ein typisches
Zeichen früher Werke des 17. Jahrhunderts. Besonders auffällig ist die konische
Form der Achse der Schlagwerkauslösung.
Dieses Haute-Saône Hybrid Comtoise Uhrwerk ist natürlich in der Zeit nach 1660
entstanden, als noch überwiegend Laternenuhren gebaut wurden. Laternenuhren
hatten üblicherweise eine Laufdauer von ca. 30 Stunden, die Radsätze waren hin-
tereinander angeordnet. Der Schöpfer dieses Uhrwerks jedoch wollte eine Later-
nenuhr mit 8 Tage Laufdauer bauen und schuf somit diese Hybrid-Uhr. Er setzte
die beiden Radsätze des Laternenuhrwerks ohne das Aufzugsrad - kurze Achsen
von ca. 47mm Länge - nebeneinander, damit er auch 2 Aufzugsrollen - lange Ach-
sen von ca. 69 mm Länge - für die Aufnahme der notwendigen Schnur für die 8-
tägige Fallhöhe der Gewichte montieren konnte. Die beiden vorderen Platinen sind
senkrechte Platinen, wohingegen die hinteren Platinen im unteren Bereich nach
hinten abgewinkelt wurden, um die längeren Achsen der Aufzugsrollen aufzuneh-
men. Bei einer Platinenstärke von 3 mm würde sich eine Werktiefe in einem La-
ternenuhrwerk ( 2 Radsätze und 3 Platinen ) von 103 mm ergeben, in einem Com-
toise Uhrwerk würde die Tiefe eines Radsatzes ( 2 Platinen ) von 75 mm ergeben.
Vergleichen wir diese beiden Maße einmal mit den üblichen Maßen von Laternen-
uhren und frühen Comtoise Uhren, dann finden sich kaum Abweichungen.
Die große Besonderheit dieses Uhrwerks besteht nun neben der Radunrast gerade
darin, dass es diese hinteren abgewinkelten Platinen besitzt, denn die Konstruktion
wäre natürlich auch mit hinteren senkrechten Platinen und 75mm Achsen aller
Räder sowie Ausstattung mit Radunrast möglich gewesen.
Wie bei Laternenuhren üblich, gibt es extrem wenige Schrauben. Lediglich die
Schlossscheibe sitzt auf einer Ansatzschraube, alles andere wird durch Stifte und
Keile befestigt bzw. gesichert. Die Befestigungsschrauben des Frontons und des
Zifferblatts sind 18. Jahrhundert, die Rundkopfschraube des Glockenhalters ist
19. Jahrhundert. Dicke geschmiedete Käfigplatten von teilweise mehr als 3 mm
Stärke, Werkpfeiler von 10 x 10 mm, genauso wie man es auch in den frühsten
Haute Saône oder Haut-Jura Comtoise Uhrwerken wiederfindet.
Das Werk besitzt einen Aufhängebügel, die Abstandsdornen fehlen, die Bohrungen
dafür sind jedoch vorhanden. Das Werk besass Türen, die entsprechenden Boh-
rungen in den Käfigplatten sind vorhanden. Rechts und links neben dem Fronton
standen ursprünglich kleine Pinakel, Zapfen/Vasen montiert. Die Bohrungen in
der Käfigplatte sind vorhanden, in der rechten Bohrung steckt noch das Gewinde-
stück, auf welches das Pinakel aufgedreht wurde.
Seite
76BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Nachfolgend diverse Maße und Daten dieses Uhrwerks.
Käfig: 203 mm Höhe x 181 mm Breite x 103 mm Tiefe.
Käfigoberplatte: Stärke 2,7 mm bis 3,1 mm
Käfigunterplatte: 2,7 mm bis 3,2 mm
Pfeiler 10 x 10 mm. ( 9,9 mm bis 10, 1 mm )
Uhr: 300 mm Höhe x 181 mm Breite x 158 mm Tiefe.
Zinnzifferblatt: 168 mm Außendurchmesser, 98 mm Innendurchmesser.
Stärke des Zinnzifferblatts: 2,3 mm bis 2,9 mm
Platinen sind 19,5 mm breit und 4,7 bis 5 mm dick.
Der vorhandene Zeiger ist 52 mm lang und 1,5 mm dick. Der ursprüngliche Zeiger
dürfte ca. 4 mm dick gewesen sein ( gemäß möglicher Aufnahme des Zeigervier-
kants )
Das rückseitige Werkblech ist 1,8 mm bis 2,0 mm dick, das Frontblech 1,6 mm bis
1,7 mm dick.
Dicke der konischen Achse der Schlagwerkauslösung zwischen 6,25 mm und 7,8
mm.
Dicke der konischen Achse des Hebnägelrads zwischen 5,1 mm und 5,9 mm.
Dicke der konischen Achse des Großbodenrads zwischen 5,5 mm und 6,1 mm
Das Gehwerk auf der rechten Seite wird gegen den Uhrzeigersinn aufgezogen. Das
Schlagwerk auf der linken Käfigseite wird im Uhrzeigersinn aufgezogen. Optisch
kann man dies dann daran sehen, dass die beiden Gewichte nah an den Rändern
der Käfigseiten hängen. Dieses gegenläufige System des Aufziehens der Gewichte
ist eine Übernahme aus den Laternenuhren.
In den Laternenuhren sind die beiden Aufzugsräder hintereinander angeordnet.
Durch Ziehen an Schnur oder Ketten werden die Gewichte nach oben gezogen. Das
vordere Gehwerk wird an der rechten Seite - Drehrichtung des Kettenrades gegen
den Uhrzeigersinn - und das hintere Schlagwerk wird an der linken Seite - Dreh-
richtung des Kettenrades im Uhrzeigersinn - aufgezogen. Dadurch hängen die bei-
den Gewichte mittig links und rechts. Würden beide Gewichte auf einer Seite hän-
gen, könnte sich das hängende Uhrwerk an der Wand verschieben, auch könnten
sich die Gewichte berühren.
Da Christian Huygens auch den Endlosaufzug für Schnur/Kette erfand, wurde
dann bei den Laternenuhren nur noch das Grundrad/Kettenrad des Gehwerks ge-
dreht, wohingegen das Grundrad/Kettenrad des Schlagwerks nicht mehr drehbar
Seite
77BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
war. Die Umlenkrolle, an welcher das Gewicht hing, verteilte den Druck sowohl
auf Gehwerk und Schlagwerk, außerdem hing das Gewicht mittig unter dem
Werk.
Wenn man nun die beiden Radsätze einer Laternenuhr nebeneinander in einen
Käfig einbaut, so muss man den Gehwerkradsatz rechts im Käfig und den Schlag-
werkradsatz links im Käfig platzieren, da sich sonst die beiden Gewichte in der
Mitte berühren/behindern würden.
In der Weiterentwicklung der Haute-Saône Comtoise Uhr zur Haut-Jura Comtoise
Uhr wird das Aufzugssystem der Grundräder dahingehend geändert, dass nun
beide Radsätze im Uhrzeigersinn aufgezogen werden, so dass das linke Gewicht
links neben der Mitte des Käfigs und das rechte Gewicht am Rand des Käfigs hän-
gen.
Das markante Aussehen der an den linken und rechten Seiten hängenden Gewichte
der Haute-Saône Comtoise Uhrwerke zeigt nachdrücklich die Verwandtschaft zu
den Laternenuhren. vgl. im BILDERTEIL Seite 4 auch die Uhr der Abb. 14 und
15, sign. Jacquot à Vesoul.
Sicherlich ist das Aufziehen der Gewichte einer Uhr einfacher, praktischer und un-
gefährlicher für den Benutzer, wenn beide Aufzüge die gleiche Drehrichtung auf-
weisen. In den Haut-Jura Comtoise Uhren ist dies ( mit extrem wenigen Ausnah-
men späterer Exemplare ) Standard von Anfang an. Auch in solchen Haut-Jura
Werken, bei welchen die Radsätze von Gehwerk rechts und von Schlagwerk links
angeordnet sind, werden beide Radsätze gegen den Uhrzeigersinn aufgedreht.
Übergangsformen bzw. Zwischenformen einer Laternenuhr und einer Comtoise
Uhr oder eines anderen Uhrentyps dürften extrem selten sein. Vielfach waren es
Einzelstücke und nach fast 350 ist es wirklich als Wunder zu bezeichnen, solch eine
Hybrid-Uhr zu finden. Wenn aber solche Uhren aufgefunden werden, beweisen
diese Uhren dann doch eindringlich, dass die uns bekannten Uhrentypen das Er-
gebnis eines Entwicklungsprozesses sind. Nachfolgend möchte ich Ihnen noch 2
solcher Hybrid-Uhrwerke vorstellen, die sowohl Eigenschaften der Laternenuhr
wie auch der Comtoise Uhr aufweisen.
A: Ein grosses Uhrwerk des 17. Jahrhunderts, welches eine markante Eigenschaft
des oben beschriebenen Haute-Saône Comtoise Uhrwerks mit Radunrast aufweist,
nämlich die Platinen mit unterer Verbreiterung für die Montage einer grösseren
Aufzugswalze. ( siehe Abb. 89 Bilderteil Seite 29 sowie Abb. 90 und 91 Bilderteil
Seite 30 )
und
B: ein Laternenuhrwerk des 18. Jahrhunderts, welches für die Aufnahme von 2
Seite
78BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Aufzugswalzen für eine 8 tägige Laufdauer modifiziert wurde. Dieses Laternen-
uhrwerk wurde derart gestaltet, dass es wie ein klassisches Comtoise Uhrwerk ge-
braucht werden konnte. ( siehe Abb. 95 - 98 Bilderteil Seite 31 )
Zu A. Obwohl dieses Uhrwerk ( siehe Abb. 89 Bilderteil Seite 29 sowie Abb. 90
und 91 Bilderteil Seite 30 ) mit zahlreichen Neuteilen restauriert worden war, habe
ich es aufgrund der markanten Platinen gekauft, da es als typisches Hybrid Uhr-
werk zwischen Laternenuhr und Comtoise Uhr dienen kann. Zeiger, Zifferblatt
mit Grundplatte und Gusszierteil sind neu. Rückseite, Türen und Glocke sind neu.
Vom Räderwerk selbst sind das Wechselrad und das Stundenrad erneuert worden.
Die Spindelachse ist neu. Ich hätte auch angeben können, dass von dieser Uhr nur
der Käfig mit den beiden Rädersätzen original ist, mit erneuerter Spindelachse.
Dieses Uhrwerk ist vermutlich im 20. Jahrhundert restauriert worden und in die
heutige Form gebracht worden. Es wurden anscheinend alle *alten* Schrauben
durch *neue* Schrauben ersetzt, bis eben auf die 4 großen Muttern auf den Werk-
pfeilern. Es finden sich nur metrische Schrauben mit Rundköpfen oder Zylinder-
köpfen.
An dem markanten Kronrad, welches als Windfang fungiert ( auch dieser *Wind-
fang* war einer der entscheidenden Gründe für den Kauf dieses Uhrwerks ), sind
die eingesetzten Holzteile erneuert worden.
Der schwere, geschmiedete Käfig weist an den oberen und unteren Enden der
Käfigpfeiler Verstärkungen/Verdickungen auf, die optisch an die Pfeiler englischer
oder französischer Laternenuhren in Messingbauweise erinnern.
Mit seinen markanten großen Muttern auf den oberen Werkpfeilern und den Pfei-
lern mit breiteren Enden erinnert das Uhrwerk auf den ersten Blick an einen grob
geschmiedeten Käfig einer Laternenuhr. Die nebeneinander liegenden Radsätze
weisen dann allerdings den Weg in Richtung einer späteren Comtoise Uhr.
Nicht nur die Rädersätze weisen in diese Richtung, sondern auch das Rechen-
schlagwerk mit senkrecht fallendem Rechen. Allein das Rechenschlagwerk qualifi-
ziert dieses Hybrid Uhrwerk des 17. Jahrhunderts als eine besondere Rarität.
Da das Uhrwerk ein Rechenschlagwerk aufweist, kann es nur in der Zeit um
1680/1690 entstanden sein. Diese besondere Rarität besteht nun auch noch darin,
dass der Rechen dieser Uhr mit doppelter Verzahnung U-förmig ( siehe Abb. 92 -
94 Bilderteil Seite 30 ) ausgebildet ist. Edward Barlow in England soll der Erfin-
der des Rechenschlagwerk gewesen sein, aber sein Rechen war sicherlich der bo-
genförmige Rechen, wie wir ihn alle von den englischen Platinenwerken kennen,
die wir in den Bodenstanduhren vorfinden.
Seite
79BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Bei den Haut-Jura Comtoise Uhren kommt der senkrecht fallende Rechen schon in
den frühsten Exemplaren vor, der bogenförmige Rechen kommt zwar auch vor,
aber wesentlich seltener.
Dies wirklich große Besonderheit dieses Hybrid Uhrwerks zwischen Laternenuhr
und Comtoise Uhr ist nun dieser senkrecht fallende Rechen, dann noch in der U-
förmigen Ausführung, aus einer Zeit, als es noch keine Haut-Jura Comtoise Uhren
gab, d.h. aus der Zeit frühestens um 1680 und spätestens um 1690, also ca. 20/30
Jahre vor dem ersten Auftauchen der Haut-Jura Comtoise um ca. 1710.
Wer der Erfinder des senkrecht fallenden Rechens mit einzelner Zahnstange nun
ist, wissen wir leider nicht.
Wer der Erfinder des senkrecht fallenden Rechens mit U-förmiger Zahnstange nun
ist, wissen wir leider auch nicht.
Wir wissen jetzt aber wohl, dass beide Rechentypen bereits existierten, als die
Mayet und andere Uhrmacher/Schmiede begannen, die ersten Hausuhren zu bau-
en.
In der Zeitschrift CHRONOMÉTROPHILIA der Schweizerischen Gesellschaft
für die Geschichte der Zeitmessung, Ausgabe Été/Sommer 2012, No. 71, hatte
GEORG VON HOLTEY in seinem Aufsatz „Handschriften der Uhrmacher des
Hohen Jura in ihren Uhren aus dem frühen 18. Jahrhundert“ auf Seite 43 ge-
schrieben: „Jedenfalls - in dem hypothetischen Szenario fortfahrend - übernahmen
die Brüder diese neue Technik nicht nur für ihre Uhr, sondern entwickelten und
vereinfachten sie weiter zu der von ihnen erfundenen Version mit vertikal fal-
lender U-förmiger Zahnstange als Rechen mit Schöpfer und Sperrhebel. Es
scheint, dass dieser spezielle Rechen nur in Uhren aus dem Hohen Jura und den
Nachbargegenden verwendet wurde.“
Es ist nun natürlich extrem schwer, dieses Hybrid Uhrwerk einer bestimmten Ge-
gend zu zuschreiben. Es ist eher das Produkt eines Schmiedes des 17. Jahrhun-
derts, der sich als Uhrmacher versuchte, aus dem östlichen Frankreich, vielleicht
aus Haute-Saône oder Haute-Marne als aus dem westlichen Frankreich, denn die
Qualität des Hybrid Uhrwerk ist unvergleichlich mit der hohen Qualität von La-
ternenuhren der Normandie oder von Paris.
Nachfolgend nun Maße und Einzelheiten dieses Hybrid Uhrwerks.
Käfig: 250 mm Höhe x 258 mm Breite x 179 mm Tiefe,
diese Maße ohne die oberen 4 Schrauben der Werkpfeiler.
Käfigoberplatte: Stärke 1,8 mm bis 2,0 mm
Käfigunterplatte: 3,8 mm bis 4,2 mm,
vorn links ist ein Stück der Käfigplatte bis 8 mm dick.
Seite
80BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Pfeiler ca. 8 mm x 8 mm. ( unterschiedlich dick zwischen 7,8 mm bis 8,5 mm ).
Die großen sichtbaren Muttern auf den Werkpfeilern sind ca. 20 mm x 20 mm und
zwischen 6 mm und 10 mm dick. Das grobe Gewinde würde ca. M8 entsprechen.
Uhr: 395 mm Höhe x 260 mm Breite x 200 mm Tiefe, wobei das montierte Zif-
ferblatt und die Gussspange mit Hahn Reproteile sind.
Platinen sind zwischen 19 mm und 25 mm breit, bei einer Dicke von 5 mm
Das rückseitige Werksblech ist 1,8 mm bis 2,0 mm dick, das Frontblech 1,6 mm bis
1,7 mm dick.
Gehwerk:
Dicke der Grossbodenradachse zwischen 5,0 mm und 5,5 mm.
Dicke der Kronradachse zwischen 3,9 mm und 4,5 mm.
Der Abstand zwischen den Platinen beträgt unten 99 mm und oben 83 mm.
Das Walzenrad besitzt jeweils vorn und hinten Vierkante, so dass man das Gewicht
sowohl von der Werkvorderseite als auch von der Werkrückseite aufziehen konnte.
Schlagwerk:
Dicke der Sternradachse zwischen 4,1 mm und 4,8 mm.
Dicke der Kronradachse zwischen 3,2 mm und 3,8 mm.
Der Abstand zwischen den Platinen beträgt unten 90 mm und oben 81 mm.
Das Walzenrad besitzt jeweils vorn und hinten Vierkante, so dass man das Gewicht
sowohl von der Werkvorderseite als auch von der Werkrückseite aufziehen konnte.
Die vordere linke Platine ( Schlagwerk ) besitzt unten 2 kleine Nocken, die in Lö-
chern der Käfigplatte stecken. In der oberen Käfigplatte wird diese Platine dann
durch eine Schraube gesichert, wie bei einer Comtoise Uhr.
Die vordere rechte Platine ( Gehwerk ) besitzt unten und oben jeweils 2 kleine No-
cken, die in Löchern der Käfigplatten stecken.
Die beiden hinteren Platinen besitzen oben jeweils 2 kleine Nocken, die in Löchern
der Käfigplatte stecken. Unten werden diese Platinen dann durch 2 Schrauben in
Winkeln gesichert, die an die Käfigplatte angeschmiedet sind.
Die Mittel-Platine als Träger des Zeigerwerks wird oben in der Käfigplatte durch
eine Schraube gesichert, unten an der Käfigplatte durch eine Schraube in einem
angeschraubten Winkelfuss gesichert.
Das Haute-Saône Uhrwerk mit Radunrast sowie das grosse Uhrwerk mit U-förmi-
gem Rechen zeigen eindringlich, dass das Haut-Jura Comtoise Uhrwerk nicht als
Fertigprodukt vom Himmel gefallen ist und auch nicht am Reissbrett entstanden
ist, sondern über Zwischenstadien über mehrere Jahrzehnte entwickelt wurde.
Seite
81BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Zu B: Laternenuhren wurden während des gesamten 18. Jahrhunderts in Frank-
reich gebaut, in der Normandie in Pont-Farcy sogar bis gegen Mitte des 19. Jahr-
hunderts. Die Haut-Jura Comtoise Uhr war dieser Produktion immer ein starker
Konkurrent und sorgte schliesslich auch für das Aus dieses Uhrentyps im 19.
Jahrhundert.
Das hier vorgestellte Laternenuhr Hybrid Uhrwerk ist die Schöpfung eines Later-
nenuhr-Produzenten, dem eigenen Laternen Uhrwerk durch Hinzufügen von Auf-
zugswalzen zur Aufnahme von längerer Schnur zu einer längeren Laufdauer von
einer Woche zu verhelfen.
Die Rädersätze von Geh- und Schlagwerk entsprechen dem üblichen Werkbau,
denn sie sind hintereinander angeordnet. Nicht typisch sind jedoch die Aufzugs-
walzen, die jeweils der Gesamttiefe beider Rädersätze entsprechen. Dazu wurden
die Vorder- und Rückplatine im unteren Bereich verbreitert, sie wurden sozusagen
auf 2 Beine gestellt. Die links und rechts neben Geh- und Schlagwerk liegenden
Walzenräder können nun mittels der Vierkante durch Kurbelschlüssel aufgezogen
worden.
Nachfolgend nun Maße und Einzelheiten dieses Hybrid Uhrwerks.
Käfig: 165 mm Höhe x 157 mm Breite x 123 mm Tiefe,
diese Maße ohne die oberen und unteren Zapfen der Werkpfeiler.
Die Gesamttiefe incl. der Pendelaufhängung und der Zeigerachse beträgt 185 mm.
Käfigoberplatte: Stärke 1,8 mm bis 2,2 mm
Käfigunterplatte: Stärke 2,2 mm bis 2,6 mm
Pfeiler ca. 10 mm x 6 mm. Füsse und Zapfen der Pfeiler oben / unten 8 mm lang.
Maße des Uhrwerks inkl. Glocke ( Zifferblatt nicht vorhanden)
260 mm Höhe x 157 mm Breite x 185 mm Tiefe.
Platinen sind 15 mm breit, bei einer Dicke von 3 mm.
Gehwerk:
Der Abstand zwischen Vorder- und Mittelplatine beträgt 41mm.
Schlagwerk:
Der Abstand zwischen Mittelplatine und Rückplatine beträgt 43mm.
Der Abstand zwischen der zweibeinigen Vorder- und Hinterplatine für die Auf-
zugsräder beträgt 83 mm.
Die Aufnahmetiefe für die Aufzugsschnur auf dem Walzenrad beträgt 53 mm.
Sperrklinke und Sperrklinkenfeder sind durch eine Messingabdeckung von der
Aufzugsschnur getrennt. Diese Größenordnung des Walzenrades entspricht
durchaus üblichen Abmessungen in einem Comtoise Uhrwerk.
Seite
82BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Das Uhrwerk hat Hakengang, 1/2 Std. Schlag en Passant sowie Stundenschlag auf
Glocke. Rechenschlagwerk mit Bogenrechen. Platinen sind durch Keile in der obe-
ren Käfigplatte gesichert.
Dieses Hybrid Uhrwerk wird hier als Beispiel für ein Laternenuhrwerk mit 8 Tage
Seilzug in Anlehnung an ein Comtoise Uhrwerk vorgestellt, welches aus der Zeit
nach 1750 und vermutlich aus der Normandie aus Pont-Farcy stammen dürfte.
Vermutlich war dieser Versuch kommerziell nicht erfolgreich, denn ein solches
Hybrid-Uhrwerk findet man als Sammler extrem selten. ( siehe Bilderteil Seite 31
Abb. 95 - 98 )
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83BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
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84BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
8. RECHENSCHLAGWERK
SENKRECHT FALLENDER RECHEN
UND
BOGENRECHEN
Der Bogenrechen wurde in England um 1670 von Barlow erfunden. Jeder kennt
die typische Form des Bogenrechens, wie dieser dann bei den englischen Stand-
uhrwerken des 18. und 19. Jahrhunderts verwendet wurde und auch in modernen
mechanischen Uhrwerken bis heute millionenfach verbaut wurde.
Bei den Comtoise Uhren des Haut-Jura Typs, die dann auch über 200 Jahre lang
millionenfach gebaut wurden, wurde ein senkrecht fallender Rechen verwendet. Es
werden zwei Arten des senkrecht fallenden Rechens unterschieden.
1) der Rechen besitzt eine U-förmige Zahnstange mit Verzahnung an beiden äuße-
ren Längsseiten des U.
2) der Rechen besitzt eine einzelne Zahnstange mit Verzahnung an beiden Längs-
seiten.
Die U-förmige Zahnstange kommt nur an den frühsten Exemplaren der Haut-Jura
Comtoise vor, wird dann aber schon nach wenigen Jahren durch die einzelne
Zahnstange ersetzt, die dann bei 99,99% aller jemals gebauten Comtoise Uhren
verwendet wird. Der U-förmige Rechen kommt dann bei Comtoise Uhren nicht
mehr vor, jedoch findet der Bogenrechen vereinzelt immer wieder mal Verwen-
dung.
Der Vorteil des Rechenschlagwerks gegenüber dem Schlossscheibenschlagwerk
besteht darin, dass die Schlagfolge beim Rechenschlagwerk immer wieder ausge-
löst werden kann, wohingegen die Schlagwerkauslösung beim Schlossscheiben-
schlagwerk nur einmal erfolgen kann, und jede erneute Auslösung die nächst fol-
gende Schlagzahl zur Folge hat. Das Rechenschlagwerk wird deshalb auch als Ruf-
schlagwerk bezeichnet, denn man konnte z.B. durch Schnurzug ( sehr praktisch
des Nachts vom Bett aus per Schnurzug über Umlenkrollen ) immer wieder die
Schlagfolge abrufen. Erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts wird dann bei den
Comtoise Uhren die automatische Schlagwiederholung des vollen Stundenschlags
nach ein bis zwei Minuten eingeführt.
Der Bogenrechen, wie er in Haute-Saône Comtoise Uhren oder auch in Haut-Jura
Comtoise Uhren verwendet wird, entspricht nicht dem Barlow‘schen Rechen. Der
englische Rechen von Barlow ist mit seinem Drehpunkt auf der Seite des Schlag-
werk positioniert und benötigt deshalb eine Andruckfeder, die den Rechen mit sei-
nem Abtastarm auf die Stundenstaffel fallen lässt. Der Bogenrechen in den Haute-
Seite
85BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Saône und Haut-Jura Comtoise Uhren ist mit seinem Drehpunkt nicht mehr auf
der Schlagwerkseite, sondern der Gehwerkseite positioniert, so dass das Eigenge-
wicht des Rechens diesen bei Auslösung mit dem Abtastarm auf die Stundenstaffel
abfallen lässt.
Die Barlow‘sche Version des Rechens mit Andruckfeder kommt ( anscheinend ) an
Comtoise Uhren nicht vor. Dieses Rechenschlagwerk arbeitet auch mit einem Vor-
laufrad, d.h. der Rechen mit Andruckfeder fällt einige Minuten vor Schlagauslö-
sung zur vollen Stunde bereits mit seinem Abtastarm auf die Stundenstaffel ab,
und das Vorlaufrad dreht sich dabei in der Regel um eine halbe Umdrehung wei-
ter, bevor es wieder gestoppt wird. Bei Schlagauslösung zur vollen Stunde wird das
gestoppte Anlaufrad frei gegeben, so dass dann auch das drehende Rad mit dem
Schöpfer den Rechen transportieren kann. Der Rechen ist auf Seite des Schlag-
werks gelagert.
Bei den frühsten Comtoise Uhren des Haut-Jura Typs ab ca. 1710 findet sich
überwiegend der U-förmige senkrecht fallende Rechen Rechen sowie der Bogenre-
chen. Ich schätze, dass nur etwa 10% bis 20% der Uhren einen Bogenrechen hat-
ten, der dann nach Ausbildung eines Einheitstyps der Haut-Jura Comtoise um
1740/50 extrem selten wird. 99,99% der gebauten Uhren besaßen dann den senk-
recht fallenden Rechen mit einzelner Zahnstange.
Innerhalb von 40 Jahren nach seiner Erfindung muss sich also diese Rechenversi-
on gebildet haben.
Es scheint hölzerne Uhren mit einem senkrecht fallenden Rechen gegeben zu ha-
ben, die auch im Hohen Jura zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Fourgs gefertigt
wurden. Davon unten stehend mehr.
Auf Seite 21 seiner Untersuchung, veröffentlicht in der Zeitschrift CHRONMÉ-
TROPHILIA der Schweizerischen Gesellschaft für die Geschichte der Zeitmess-
unfg, Ausgabe Été/Sommer 2012, No. 71, schreibt Georg von Holtey: „Fast alle
frühen Comtoise Uhren haben ein Rechenschlagwerk, wobei der Rechen in den
meisten Fällen in der Form einer vertikal fallenden Zahnstange ausgeführt ist. Nur
zwölf von 80 untersuchten Uhren vom „Mayet Typ“ haben einen langen sichelför-
migen Rechen, der auf der Seite des Gehwerks drehend gelagert ist. Diesen findet
man besonders bei den Uhren der Meister Pierre Claude Mayet aus Morbier, Jean
Guidevaux und Blondeau, aber vereinzelt auch bei anderen Uhrmachern.“
Nur 12 von 80 untersuchten Uhren! Ich finde, dass zwölf Uhren mit Bogenrechen
( sichelförmiger Rechen ) ziemlich viele sind!
Auf Seite 28 seiner Untersuchung werden zwei sehr frühe Uhren des Meisters Pier-
re Claude Mayet beschrieben, die beide einen sichelförmigen Rechen aufweisen.
Seite
86BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Wie früh sind diese Uhren? Aus der Zeit 1710-1720/25 oder später? Aus welcher
Zeit stammen die anderen 10 Uhren, die auch einen sichelförmigen Rechen aufwei-
sen? Stammen alle Uhren mit sichelförmigem Rechen eher aus der Zeit
1710-1720/25 als aus der Zeit 1725-1740?, dann ist dies doch ein wichtiger Hinweis
auf einen Einfluss der Haute-Saône Uhren mit sichelförmigem Rechen / Bogenre-
chen bei der Entwicklung der Comtoise Uhren des Haut-Jura Typs. In den ersten
Jahren noch vermehrt Bogenrechen wie das Vorbild aus Haute-Saône, später dann
fast nur noch der vertikal fallende Rechen, nachdem sich das Einheitsmodell des
Haut-Jura Typs zu bilden begann.
Die Benutzung des senkrecht fallenden Rechens, unabhängig ob U-förmige oder
einzelne Zahnstange, scheint also für die Hersteller der Comtoise Uhren im Hohen
Jura Vorteile gegenüber dem Bogenrechen gehabt zu haben.
Was könnten das für Vorteile gewesen sein? Die Konzeption des Comtoise Uhr-
werks bestand ja gerade im Gegensatz zu den Platinenuhrwerken darin, dass die
Radsätze von Gehwerk und Schlagwerk eigene Platinen ( Stabplatinen ) hatten
und demzufolge auch einzeln montiert und demontiert werden konnten. Das Bar-
low‘sche Rechenschlagwerk hätte benutzt werden können, da der Drehpunkt des
Rechens vor dem Schlagwerk ist, und somit die Radsätze von Geh- und Schlag-
werk getrennt sind, aber bei 5 Rädern senkrecht übereinander hätte der Werkkä-
fig größer ( höher ) gemacht werden müssen. Bei Benutzung des Bogenrechens,
dessen Radsatz nur 4 Räder übereinander benötigt, muss der Rechen wegen des
Drehpunkts auf der vorderen Gehwerkplatine gelagert werden, was wieder den
Nachteil brachte, dass Geh -und Schlagwerk nicht unabhängig voneinander mon-
tiert und demontiert werden konnten. Egal ob Montage oder Demontage von
Gehwerk oder Schlagwerk, immer war der andere Radsatz beteiligt.
Ausschliesslich der senkrecht fallende Rechen bietet den Vorteil der unabhängigen
Montage und Demontage der beiden Radsätze. Der U-förmige Rechen kann nur
auf der Schlagwerkseite montiert werden. Die sehr zügige Auswechslung des U-
förmigen Rechens durch die einzelne Zahnstange mit Verzahnung auf beiden
Längsseiten brachte dann noch einen weiteren entscheidenden Vorteil, da der
senkrecht fallende Rechen nun direkt mit der Stabplatine ein zusammenhängendes
Bauteil bildet - für Produktion, Montage und Wartung. Nur Vorteile!
Dass die Entscheidung dieser Detailkonzeption für diese Schlagwerkvariante in der
Gesamtentwicklung der Comtoise Uhr die richtige war, beweisen eindrucksvoll
mehr als 5 Millionen Kaufentscheidungen für diese so erfolgreiche Uhr.
Bei Maitnzer/Moreau sind auf Seite 146 3 Abbildungen mit hölzernen Uhrenwer-
ken ( im Hohen Jura gefertigt ) abgebildet.
Seite
87BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
„Photo 201. Vue arrière du mouvement de la 2ème époque, axes en bois, roues en
laiton, montrant la crémaillière, detentes à ressorts - ( pages 14 voir „aux
Fourgs“).“
(Foto 201, Rückseitige Ansicht des Werks der 2.Epoche, Achsen aus Holz, Räder
aus Messing, den rechen zeigend, Hebel mit Feder - ( Seite 14, siehe „aux Fourgs“))
„Photo 202 Vue arrière du mouvement de la 1ère époque, axes et roues en bois,
crémaillière, détentes à ressorts, ancre de côtés.“
(Foto 202 Rückseitige Ansicht des Werks der 1. Epoche, Achsen und Räder aus
Holz, Rechen, Hebel mit Feder, Anker seitwärts.)
„Photo 203 Vue de 3/4 avant du mouvemenbt de la 2ème époque. L‘on remarque
de limacon et le doigt de la crémaillière. ancre de côté.“
(Foto 203 3/4 Ansicht des Uhrwerks der 2.Epoche von vorn. Man bemerkt die
Schnecke und den Abtastarm des Rechens. Anker seitwärts.)
die zugehörige textliche Erklärung findet sich auf Seite 14 innerhalb der Auflis-
tung anderer Fabrikationszentren. - LES AUTRES CENTRES DE FABRICATI-
ON
..........
„ – aux Fourgs ( près du Château de Joux-Pontarlier ), petit village à 1000 mètres
d’altitude, où les horlogers paysans, environ 22 en 1870, fabriquaient, depuis 1715,
les pièces chez eux et se retrouvaient chez Côte dit Jacques, pour terminer en
commun ces mouvements Comtois. Ils travaillaient „en famille de Bourg“, il est
possible qu’au 18ème siècle il se fabriqua ici des horloges en bois, comme a Saint-
Claude, car à la fin du 19ème siècle, il se faisait encore des engrenages en bois pour
les métiers à tisser, taillés dans du hêtre plané, ou dans de l’érable, que l’on devait
laisser de nombreux mois à tremper dans le purin, afin de durcir et de l’empêcher
de se fendre. Le bois obtenait ainsi la resistance du métal. A la fin du 19ème siècle,
ces horlogers se transformèrent en „faiseurs de molettes“ pour couper le verre, en
en „faiseurs de rouleaux et de rouages“ à facon pour les mouvements à musiques
de Sainte-Croix ( Village suisse célèbre pour cette spécialité ), tandis que les
femmes tissaient la paille pour en fair des chapeux.
Sur les mouvements en fer provenant des Fourgs on trouve les noms suivants:
Francois CLÉMENT-TISSOT – COTE dit JACQUES – COTE – COTE DES
COMBES –
Seite
88BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Le dernier fur Francois CLÉMENT-TISSOT dont son petit-fils, Monsieur Charles
TISSOT, me fournit ces renseignements (35) „
Seite 412
„(35) L’évolution écononmique d’une commune rurale „Les Fourgs“ 1827 – 1939
par Simon CARREZ
„Les Fourgs“ du Professeur J.TISSOT Doyen honoraire de la Faculté des Lettres
de Dijon – Besancon 1873“
( in Fourgs ( nahe dem Schloss von Joux-Pontarlier ), kleines Dorf auf 1000 Meter
Höhe, wo die Uhrmacher-Bauern, ungefähr 22 im Jahr 1870, seit 1715 die Werke
zu Hause fertigten und sich bei Côte, genannt Jacques, zusammenfanden, um ge-
meinsam diese Uhrwerke Comtoiser Art fertig zustellen. Sie arbeiteten „in der
Familie von Bourg“, es ist möglich, dass sie hier im 18. Jahrhundert Holzuhren,
wie in Saint-Claude, fertigten, denn Ende des 19. Jahrhunderts stellten sie immer
noch Räderwerke für Handwebstühle her, zugeschnitten aus geraden Buchen oder
aus Ahorn, die man Monate lang in Jauche eingesteckt hatte, um sie zu härten und
um Risse zu verhindern. Das Holz erhielt dadurch die Widerstandskraft von Me-
tall. Ende des 19. Jahrhunderts wandelten sich diese Uhrmacher in Rändeleisen-
Hersteller, um Glas zu schneiden und um Walzen - Räderhersteller für die Musik-
werke von Sainte-Croix zu werden ( berühmter Ort für diese Spezialität ), wäh-
rend die Frauen das Stroh webten, um daraus Hüte zu machen.
Auf den eisernen Uhrwerken, die aus Fourg kamen, findet man die folgenden Na-
men: Francois CLÉMENT-TISSOT - COTE genannt JACQUES - COTE - COTE
DES COMBES -
Der letzte war Francois CLÉMENT-TISSOT dessen Enkel, Monsieur Charles
TISSOT, mir diese Auskünfte lieferte (35)“
Seite 412
35) Die wirtschaftliche Entwicklung einer bäuerlichen Gemeinde „Les Fourgs“
1827-1939 von Simon CARRE
„Les Fourgs“ von Professor J.TISSOT Honorar-Dekan der Geisteswissenschaft
von Dijon, - Besancon 1873“
Schaut man sich die Holzwerke an, Holzkäfig mit gemeinsamer hölzerner Vorder-
platine für Geh- und Schlagwerk und zwei demontablen rückseitigen Stabplatinen,
so ist die Ähnlichkeit zu den eisernen Comtoise Werken des Hohen Jura doch of-
fensichtlich, insbesondere auch durch die Verwendung des senkrecht fallenden Re-
Seite
89BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
chens. Der Rechen dieser Uhren besteht aus einer Zahnstange mit beidseitiger
Einkerbung.
Der senkrecht fallende Rechen ist das eigentlich Verblüffende dieser hölzernen
Uhrwerke, denn es ist ja wohl offensichtlich, dass die Erfindung *des senkrecht
fallenden Rechens* nicht vom Himmel gefallen ist und nicht allein bei den Comtoi-
se Uhren des Haut-Jura Typs vorkommt.
Angeblich wurden *hölzerne Comtoise Werke* seit 1715 in Fourgs gefertigt, also
auch hier ein Beginn im frühen 18. Jahrhundert wie in Morbier.
Haben die Uhrenbauer in Fourgs den senkrecht fallenden Rechen bei den Uhren-
bauern in Morbier um 1710/15 abgeschaut und dann unverzüglich ihr Werk ent-
wickelt, mit senkrecht fallendem Rechen aber nicht mit Spindelgang, wie die Mor-
bier Werke, sondern mit Ankergang, wie die Haute-Saône Werke? Wenig wahr-
scheinlich, denn die frühsten Comtoise Uhrwerke des Haut-Jura Typs hatten zwar
einen senkrecht fallenden, aber U-förmigen Rechen. Der senkrecht fallende Re-
chen mit einer Zahnstange mit beidseitiger Verzahnung wurde erst einige Jahre
später eingeführt.
Haben die Uhrenbauer in Morbier den senkrecht fallenden Rechen bei den Uhren-
bauern um 1715/1720 in Fourgs abgeschaut und dann unverzüglich ihr Werk wei-
terentwickelt und den bis dahin u-förmigen Rechen durch die einzelne Zahnstange
ersetzt? Wenig wahrscheinlich.
Bei fast gleichzeitigem Beginn der Uhrenfertigung in Fourgs und Morbier bleibt
keine Zeit, um die durch *Abschauen* erhaltenen Erkenntnisse in eigenen Uhren
produktionsreif zu verarbeiten.
Zu vermuten ist, dass beide Uhrentypen durch die Uhrwerke aus Haute-Saône, da
sicher vor 1700 vorhanden, beeinflusst wurden.
In Morbier wurde der Spindelgang dem Ankergang vorgezogen, da man vermut-
lich schon Erfahrungen mit dem Spindelgang beim Bau und Einsatz von Turmuh-
ren nach 1689 hatte.
Die Uhrenbauer aus Fourgs übernahmen den Ankergang von den Haute-Saône
Uhren.
Beide entschieden sich aber für das Rechenschlagwerk und nicht für ein Schloss-
scheibenschlagwerk.
In Fourgs wurde der senkrecht fallende Rechen mit einer einzelnen Zahnstange
für die Produktion der hölzernen Uhren vorgezogen. Bei den frühsten Comtoise
Uhren des Haut-Jura Typs zog man auch den senkrecht fallenden Rechen, aller-
dings in der Variante der U-förmigen doppelten Zahnstange, der einzelnen Zahn-
stange ( bekannt durch das Haute-Saône Werk des späten 17. Jahrhunderts, abge-
bildet bei Ton Bollen ) dem Schlossscheibenschlagwerk vor.
Seite
90BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Die Vorbilder von Haute-Saône Uhren mit Bogenrechen und auch mit einzelner
Zahnstange gab es!
Hatte ich noch im Jahr 2018 in meinem Buch/Arbeitstext. * Ursprung der Comtoi-
se Uhren* an dieser Stelle geschrieben:
„Doch gab es auch Vorbilder mit U-förmiger Zahnstange? Bekannt ist mir kein
Vorbild einer anderen Uhr mit solch einer U-förmigen Zahnstange!“ so kann ich
nun glücklicherweise belegen, dass es bereits im 17. Jahrhundert den U-förmigen
senkrecht fallenden Rechen gab ( Siehe Abb. 92 - 94 Bilderteil Seite 30 ), wenn-
gleich ich dieses Werk nicht der Haute-Saône zuordnen kann.
Die U-formige Zahnstange bietet bessere Sicht auf Schöpfer und Einfallhebel beim
Einstellen der Abstände und Eingriffe.
Das Auffinden eines Haute-Saône Uhrwerks mit U-förmigem Rechen wäre natür-
lich möglich, würde aber nur beweisen, dass bereits ein Haute-Saône Uhrenbauer
diesen U-förmigen Rechen kannte, würde aber leider nicht beweisen, dass der U-
förmige Rechen auch in Haute-Saône erfunden wurde.
Klar ist heute nun im Jahr 2022, dass die U-förmige Zahnstange des Rechens nicht
durch die Schmiede/Uhrmacher des Hohen Jura entwickelt wurde.
Seite
91BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Seite
92BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
9. Im Jahr 1730.....
im Jahr 1730 verstarb in London der Uhrmacher CLAUDE DU CHESNE!
Was hat diese Tatsache mit Comtoise Uhren zu tun?
Siehe Bilderteil Seiten 9 + 10, Abb.36 - 42
Die Sammlung des Comtoise Uhren Museums in Düsseldorf beherbergt ein
Standuhrwerk mit Mayet-Hemmung, signiert: Claudius Du Chesne Londini.
Ein englisches Standuhrwerk von bester Qualität des ganz frühen 18. Jahrhun-
derts, mit Stundenschlag auf Glocke, Viertelstunden-Rufschlagwerk auf 6 Glocken
und Mayet-Hemmung mit 4,5 KG schwerer Pendellinse.
Es ist schon fast ein kleines Wunder, dass dieses Uhrwerk von Claude du Chesne
Jahrzehnte lang unentdeckt blieb, und nun als ein sehr wichtiger Baustein für die-
se Untersuchung hier über den Ursprung der Comtoise Uhren als Bestandsuhr des
Comtoise Uhren Museums zur Verfügung steht. Wie konnte dies geschehen?
Ich hatte diese Uhr im Jahr 1971 oder 1972 in den Niederlanden bei einem Händler
in Tilburg, einem Brückenwärter, der nebenbei ein einträgliches Geschäft mit eng-
lischen Standuhren betrieb, gekauft. Ein interessantes Uhrwerk in einem nicht da-
zugehörigen Eichengehäuse zu einem niedrigen Preis. Das Werk hatte ein senk-
recht stehendes Ankerrad, wie jedes andere Werk auch. Dass es sich dabei um eine
Mayet-Hemmung handelte, wußte ich zum Zeitpunkt meines Einkaufs noch nicht.
Von einer Mayet-Hemmung hatte ich auch in den Jahren 1971 oder 1972 noch kei-
nerlei Ahnung, hatte ich doch gerade erst mit dem Handel antiker Uhren neben
meinem Studium an der Uni begonnen.
Die Uhr wurde in meinem Elternhaus aufgestellt und stand zum Verkauf. Die Uhr
hatte einen winzigen Schönheitsfehler, denn die linke obere Zierecke des Ziffer-
blatts fehlte. „Werde ich mir halt mal nachgiessen lassen“, hatte ich mir schon
beim Einkauf gedacht. Diese Zierecke wurde aber niemals nachgegossen, und an-
dere Uhren standen reichlich zum Verkauf, so dass auch niemals jemand an dieser
nicht sehr attraktiven Uhr Kaufinteresse zeigte. Dies Uhr war eine echte Standuhr,
sie stand und stand, Jahrzehnte lang.
Nachdem meine Mutter verstorben war, räumte ich mein Elternhaus dann in
2010/2011 leer und als ich dann diese Standuhr mit dem Claude du Chesne
Uhrwerk auseinander baute, traute ich meinen Augen nicht, als ich diese
Mayet - Hemmung entdeckte.
40 Jahre hatte dieser Schatz dort im Treppenhaus auf der 1. Etage tief und fest ge-
Seite
93BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
schlafen. Diese Uhr wurde natürlich sofort in die Sammlung des Comtoise Uhren
Museums eingereiht, welches zu diesem Zeitpunkt bereits seit 10 Jahren bestand.
Nach der Entscheidung zur Arbeit an diesem Buch, wurde die Existenz der Mayet-
Hemmung in diesem englischen Uhrwerk eines französischen Uhrmachers ein ganz
wichtiger Baustein bei der Klärung nach dem Ursprung der Comtoise Uhren im
Hohen Jura.
Im Baillie, Watchmakers And Clockmakers Of The World, Reprintrd 1966 lesen
wir auf Seite 90:
DUCHESNE, Claude. London 1689. CC.1693-1730. Paris an.1689. His equitation
clock desc.in Gallon, „Machines et Inventions“, Vol. IV. Two fine cal. And mus.
Clocks Dresden M.l.c. and br. clocks. Regulator mt C.A.& M. l.c. clock Virginia M.
Im Britten, Old Clocks & Watches And Their Makers, Republished 1971 From the
Sixth Edition 1932 lesen wir auf Seite 738:
Duchesne, Claude, in Long Acre ( of Paris ); C.C. 1693; square full-repeating bra-
cket clock, inscription on back plate, „Claudius du Chesne, in Long Acre“; long-
case clock in lacquer case, Agence de Commerce Etranger Ltd.; John Wesley’s
long-case clock by him, arch dial, age oft he moon, walnut case, is still preserved in
the Wesley Museum, City Rd. In the Green Vaulted Chambers oft he Treasury at
Dresden is a pair of long-case clocks in walnut case signed: „Claudius du Chesne
Londini fecit“; they started about 12 ft.high; the dials show the phases of the
moon, the months, and days oft he month, which are written in French; both clocks
chime any play tunes before striking the hour; on the dial of one is a list in Dutch
of he tunes played, and the repertory oft he other consists of „Air Polonais No. 1“,
„Air Polonais No. 2“, „Air Italien“, and „The King enjoys his own“. Fine bracket
clock ( Mr. J.Drummond Robertson ), see pp.569 and 570; 1690-1720. Johannes,
Amsterdam; fine clock, about 1750, Mr. Lawrence Bentall ( see pp. 521, 554 )
Im Tardy, Dictionnaire Des Horlogers Francais, Paris, 1972 lesen wir auf Seite
194:
DUCHESNE Claude. Refugié à Londres en 1693. Sur une montre: Claudius Du-
chesne Londini.
Wir lesen außerdem: DUCHESNE Pierre.Paris M. Fg.Saint-Germain, 1675. Gran-
de Cour du Palais, 1687 – 1700. En 1701, on envoie ses filles aux Nouvelles Catho-
Seite
94BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
liques pour se convertir. Ensuite on leur donne 5 ou 6 pistoles pour convaincre leur
père.
In présente, en 1726, à l’A.R.S. une pendule à équation.
Sur une pendule du Musée des A.D. Paris: Du Chesne.
Sur une pendule du Musée de Besancon: Duchesne à Paris.
In *CLOCKMAKERS OF BRITAIN* 1286 - 1700 von Brian Loomes aus dem
Jahr 2014 lesen wir auf den Seiten 165 + 166:
„DU CHESNE, Claude. London. Also Duchesne. Signed Du Chesne. He came from
Paris, where he was probably born in the 166os and where he must have been app-
renticed, though the records are lost. He came as a Huguenot refugee here in 1685
with his brother Antoine, who was admitted to the French Hospital in London in
April 1728 and whose keep was paid for by Claude till Antoine died later that
month aged 65. He was made a Free Brother in the Clockmakers‘ Company in
September 1693.
He was ‚of St Paul‘s Covent Garden‘ when he was married firstly on 1 June 1693
at St Dunstan‘s Stepney to Elizabeth Rossu, by whom he had a daughter. Eliza-
beth, baptised in 1706 at St Ann‘s Soho. Other children were: Claude ( born about
1699 ), who was apprenticed in 1711 to Henry Alexander of Weaver‘s Company
( but was described as a clockmaker when he married in 1721), Antoine, who was
apprenticed in 1720 to William Richards as a Goldsmith becoming free in 1729 and
married Anne Gagnon ( sister of Catherine Gagnon, who married clockmaker Ste-
phen Rimbault ), Mary and Anne. Anne was married in 1721 at St Martin in the
Fields to John Vale, who was also a clockmaker. He was godfather in 1694 and
1702 to two sons of clockmaker Samuel de la Fosse. In 1697 he signed the Clock-
makers‘ Company oath of allegiance.
He took several apprentices between 1716 and 1725: Richard Bullock 1715, Isaac
Tierrelin 1716, John Talbot 1725. In 1718 he was often excused Company obligati-
ons ‚because he has five children and pleads inability‘ (to pay). In 1719 he was a
witness to the will of Pierre Gobert. In 1720 he is recored as living in St Ann‘s pa-
rish, Westminster. He died in 1730 leaving a will in which he mentioned his unmar-
ried daughter, Mary, but stipulated that his ‚other children are capable of earning
their own bread‘. One executor was Samuel De la Fosse, also a clockmaker. qv
Children baptised at St Anne‘s Soho by a wife named Anne were probably those of
his son. Claude junior: 1724 Elizabeth, 1727 Claude, 1732 Thomas. Various types
of clock are known, some very complex ( including a longcase of three months‘ du-
ration and musical bracket clocks),signed variously ‚Claudius de Chesne Londini‘,
‚Claudius Du Chesne Londini‘, Claude du Chesne in Long Aker‘, Claudius Du
Chesne Lang Aker‘,‘Claude du Chesne Dean Street Soho Londini‘,‘Claudius Du
Chesne In Dean Street At Ann Soho‘. The Du Chesne business in London was pri-
Seite
95BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
cipally in leather from the late 18th century to the mid 1900s. See article in Anti-
quarian Horology, March 2010“.
( „DU CHESNE, Claude. London. Auch Duchesne. Signierte Du Chesne. Er kam
aus Paris, wo er wahrscheinlich in den 1660er Jahren geboren wurde, und wo er in
die Lehre gegangen sein musste, obwohl die Aufzeichnungen verloren gingen. Er
kam im Jahr 1685 hierher als ein hugenottischer Flüchtling mit seinem Bruder An-
toine, der in das französische Krankenhaus in London im April 1728 eingeliefert
wurde, und dessen Unterhalt von Claude bezahlt wurde, bis Antoine später in die-
sem Monat im Alter von 65 starb. Er wurde ein Freier Bruder in der Uhrmacher-
gilde im September 1693.
Er war von St Paul‘s Covent Garden als er zum ersten Mal am 1. Juni 1693 in St
Dunstan‘s Stepney Elizabeth Rossu heiratete, mit welcher er eine Tochter hatte.E-
lizabeth, getauft im Jahr 1706 in St Anns Soho. Andere Kinder waren: Claude (ge-
boren 1699), der im Jahr 1711 bei Henry Alexander of Weaver‘s Company in die
Lehre ging. ( wurde aber als Uhrmacher bezeichnet, als er 1721 heiratete, Antoine,
der im Jahre 1720 bei William Richards als Goldschmied ausgebildet worden war,
kam in 1729 frei und heiratete Anne Gagnon (Schwester von Catherine Gagnon,
die den Uhrmacher Stephen Rimbault geheiratet hat), Mary und Anne. Anne hei-
ratete John Vale im Jahre 1721 in St. Martin-in-the-Fields, der auch ein Uhrma-
cher war. Er war Pate 1694 und 1702 für zwei Söhnen des Uhrmachers Samuel de
la Fosse. Im Jahr 1697 legte er den Treueschwur der Uhrmachergilde ab.
Er hat mehrere Lehrlinge zwischen 1716 und 1725 genommen: Richard Bullock
1715, Isaac Tierrelin 1716, John Talbot 1725. 1718 hatte er häufig entschuldigte
Firmenverpflichtungen, weil er fünf Kinder hat, und Unfähigkeit' vorschützt (um
zu zahlen). 1719 war er ein Zeuge zum letzen Willen von Pierre Gobert. 1720 wird
er als lebend in St Anns Kirchspiel, dem Westminster geführt. Er ist 1730 gestor-
ben, einen Willen hinterlassend, in dem er seine unverheiratete Tochter, Mary er-
wähnt hat, aber festgesetzt hat, dass seine anderen Kinder dazu fähig sind, ihr ei-
genes Brot zu verdienen'. Ein Testamentsvollstrecker war Samuel De la Fosse,
auch ein Uhrmacher. Kinder, die an Soho von St Anne durch eine Frau genannt
Anne getauft sind, waren wahrscheinlich diejenigen seines Sohnes. Jugendlicher
von Claude: 1724 Elizabeth, 1727 Claude, 1732 Thomas. Verschiedene Typen von
Uhren sind bekannt, einige sehr komplizierte (einschließlich einer Standuhr mit
der Dauer von drei Monaten und Musik Bracket Clocks ) bekannt, verschiedenar-
tige Signaturen, Claudius de Chesne Londini', Claudius Du Chesner Londini',
Claude du Chesne in Long Aker', Claudius Du Chesne Lang Aker', 'die Claude du
Chesne Dean Street Soho Londini', 'Claudius Du Chesne In der Dean Street An
Ann Soho' unterzeichnet. Das Geschäft von Du Chesne in London war hauptsäch-
lich Leder vom späten 18. Jahrhundert bis Mitte des 19.Jahrhunderts. Siehe Arti-
kel in Antiquarian Horology, März 2010 ).
Folgende Schlüsse können wir aus diesen Angabe dieser 3 Dictionnaire und der
vorhandenen Uhr mit Mayet-Hemmung schließen:
Seite
96BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Die Uhrmacher mit dem Namen Duchesne waren keine Provinzuhrmacher, son-
dern gehören in die erste Garde der europäischen Uhrmacher um die Wende des
17./18. Jahrhunderts.
Die Familie Du Chesne waren Hugenotten und somit Ende des 18. Jahrhunderts
den Verfolgungen der katholischen Kirche ausgesetzt. Der Vater, Pierre Du Ches-
ne, verblieb in Paris, seine Töchter wurden den „Nouvelles Catholiques“ zur Kon-
vertierung zugeführt, wohingegen seine beiden Söhne ( oder zumindest 2 seiner
Söhne ) auswanderten.
Johannes Du Chesne emigrierte nach Amsterdam, wo er im Jahr 1720 starb.
Claude Du Chesne emigrierte im Jahr 1693 nach London, wo er im Jahr 1730
starb.
Der Name Du Chesne findet sich somit in Paris, London und Amsterdam.
Wenn es noch von Claude Du Chesne in England signierte Uhren gibt, die hollän-
dische Beschriftung für die Lieder aufweist. „on the dial of one is a list in Dutch of
the tunes played“, so darf daraus geschlossen werden, daß die Familie Du Chesne
weiterhin in Kontakt stand, ja sogar Erzeugnisse des Bruders, d.h. holländische
Spielwerke, in in England gefertigte Uhren einbaute.
Die Familie hielt Kontakt, so dass man durchaus untereinander „ über Neuheiten
des Marktes“ informiert wurde.
Nur so ist zu verstehen, dass Claude Du Chesne in London in einem Standuhrwerk
eine Mayet-Hemmung einbaute.
Die Mayet-Hemmung wird erstmalig in der Literatur bei Thiout um 1741 erwähnt,
allerdings ohne Angabe eines Datums ihrer Entstehung. Sie muss natürlich vor
1730 entstanden sein, denn Claude Du Chesne verstarb 1730 in London. Und die
Mayet Hemmung ist natürlich nicht 1729 entstanden, sondern wesentlich früher.
Bei Thiout wird auch die Chevalier de Béthune Hemmung erwähnt, entstanden
1727. Der Unterschied zwischen Mayet- und Béthune-Hemmung besteht darin,
dass das Verbindungsgestänge zwischen den beiden Achsen mit den jeweiligen Pa-
letten bei der Mayet-Hemmung eine starre Verbindung bildet, wohingegen sie bei
der Béthune-Hemmung durch eine Schraube veränderlich ist. Muss evtl. der Ein-
griff der Paletten bei der Mayet-Hemmung korrigiert werden, so kann dies nur
durch Verbiegen des starren Gestänges erfolgen. Bei der Béthune-Hemmung kann
die Korrektur der Paletten durch die vorhandene Justierschraube vorgenommen
werden. Die Béthune-Hemmung ist also eine Verbesserung, d.h. Vereinfachung, in
der Handhabung der Mayet-Hammung, was somit den Schluss zulässt, dass die
Mayet-Hemmung älter als die Béthune-Hemmung ist.
Seite
97BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Mayet-Hemmung wie auch Béthune-Hemmung sind Hakenhemmungen, also rück-
führende Hemmungen. Bei der rückführenden Hemmung wird der Zahn des An-
kerrads durch die Palette rückgeführt. Bei den englischen Standuhren des 18. und
19. Jahrhunderts, die eine normale Hakenhemmung besitzen, kann man dies bei-
spielhaft an den kleinen Sekundenzeigern sehen, die, da sie auf der Ankerradachse
sitzen, nach jeder vorrückenden Sekunde ein klein wenig zurückschwingen. Rück-
führung bedeutet Reibung der Palette auf dem Radzahn, und Reibung ist eine Ur-
sache für Ungenauigkeit.
Diese von Claude Du Chesne mit Mayet-Hemmung in England gebaute Uhr kann
aufgrund aller Ihrer Merkmale sicherlich auf die Zeit 1710 - 1720 datiert werden.
Claude Du Chesne hat als gebürtiger Franzose sicherlich von der Mayet-Hem-
mung erfahren und eine solche in einem der Zeit entsprechenden englischen
Standuhrwerk eingebaut. Was hat er sich davon versprochen?
Vermutlich wollte er testen, ob die Mayet-Hemmung eine geringere Rückführung
des Ankerrads hatte als die Hakenhemmungen, die in England im Gebrauch wa-
ren. Die Uhr, die er baute, stattete er mit einem 4,5 KG schweren Pendel aus, das
Gehwerkgewicht ist ca. 10 KG schwer, die Uhr läuft sehr ruhig und sehr genau.
Die Rückführung des Ankerrads ist sehr gering, so dass die Rückführung des Se-
kundenzeigers kaum mit dem Auge wahrnehmbar ist. Diese rückführende Mayet-
Hemmung dürfte also genauer arbeiten, als die zu diesem Zeitpunkt gebräuchliche
englische Hakenhemmung mit stärkerer Rückführung des Ankerrads.
1715 erfand nun George Graham seine ruhende Hakenhemmung, eine bedeutende
Verbesserung der Ganggenauigkeit. Ab 1715 war das Problem somit gelöst und
Claude Du Chesne wusste sicherlich, dass die Ganggenauigkeit der Graham-
Hemmung derjenigen seiner Mayet-Hemmung weit überlegen war. Eine Anwen-
dung nach 1715 hätte also keinen Sinn gemacht, zumindest nicht in England.
Das englische Standuhrwerk mit Mayet-Hemmung muss also vor 1715 oder
gleichzeitig mit dem Uhrwerk von Graham im Jahr 1715 gebaut worden sein.
Die Gebrüder Mayet mussten also ihre Hemmung spätestens in der Zeit um 1710
entwickelt haben, so dass Claude Du Chesne davon Kenntnis erlangt haben kann.
Dieses Uhrwerk mit Mayet-Hemmung von Claude Du Chesne ist ein weiterer Be-
weis dafür, dass die Uhrenfertigung im Jura nicht im 17. Jahrhundert begonnen
haben kann, zumal auch die Mayet von der Anwendung des Pendels bis um
1688/89 kein Kenntnis hatten.
Um 1685 bauten die Mayet noch Turmuhren ohne Pendel und knapp 25/30 Jahre
später sind sie in der Lage, eine eigene veränderte Hakenhemmung in Uhren ein-
zubauen. Wie war in einer solch kurzen Zeitspanne eine solche Entwicklung mög-
lich.
Seite
98BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Thiout hat in seiner Erwähnung im Jahre 1741 leider nur von *Mayet- Hemmung*
gesprochen. Ob nur einer oder mehrere der 4 Mayet Brüder an Ihrer Entwicklung
beteiligt waren, wissen wir leider bis heute nicht. Es dürfte jedoch klar sein, dass
nur ein*ausgebildeter* Uhrmacher oder ein begnadeter autodidaktischer Hand-
werker eine solche Leistung vollbringen konnte. Wir wissen weder das eine noch
das andere, aber wir können annehmen, dass zumindest einer der Mayet Brüder
eine Uhrmacherausbildung gegen Ende des 17. Jahrhunderts aufnahm oder bereits
erhalten hatte, denn in seinem Buch von 2004, Des clous, des horloges et des lunet-
tes. Les campagnards moréziens en industrie (1780-1914) weist Jean Marc Olivier
auf Seite 151 auf ein Ausbildungs- und Kontrollregister des Distrikts Morbier hin,
welches seit 1697 bestand. Quelle des Archivs Départemental du Jura 2C
1102-1169, in welchem in der Zeit von 1697 bis 1790 81 mal Ausbildungen zum
Uhrmacher und 5 mal Ausbildung zum Emailleur eingetragen sind.
Was bedeutet dies?
Es heißt jedenfalls nicht, dass ab 1697 eine nach bestimmten Normen stattfindende
Ausbildung zum Uhrmacher, von der Obrigkeit überwacht, möglich war. Dieses
Register ist lediglich eine Auflistung der notariell beurkundeten Ausbildungsver-
träge, die abgeschlossen wurden.
Vertragsfreiheit, wie wir sie heute kennen, gab es um diese Zeit noch nicht. Zwei
Partner, Lehrlingsvater und Lehrherr, vereinbarten in dem Vertrag Rechte und
Pflichten, und diese Rechte und Pflichten wurden offiziell durch den Distrikt regis-
triert. Mit Sicherheit wurde auch jeder andere Vertrag der damaligen Zeit ent-
sprechend registriert.
Zum Zweck einer Ausbildung zum Uhrmacher wurde vor einem Notar ein Vertrag
besiegelt, in welchem dann geregelt wurde, was der Uhrmacherlehrling erlernen
konnte bzw. durfte, und welche Vergütung dafür von der Familie des Lehrlings an
den Lehrherrn gezahlt werden musste. Der Lehrherr vermittelte Wissen, gab aber
seinem Lehrling auch ein Dach über dem Kopf, Ausbildung mit Kost und Logis.
Wie es gute und schlechte, begabte und weniger begabte Lehrherren gab, so gab es
natürlich auch gute und schlechte, begabte und weniger begabte Lehrlinge. Nach
Abschluss einer Lehre hatten die Lehrlinge somit nicht den gleichen Kenntnisstand
im Uhrmacherhandwerk. Sie hatten den Kenntnisstand, um die Uhrwerke zu bau-
en, die in der Werkstatt des Lehrherrn gebaut wurden.
Ein begabter Mayet Lehrling konnte somit in einer Lehre bei einem tüchtigen
Meister die theoretischen Grundlagen des Uhrmacherhandwerks erlernt haben,
aus denen heraus (allein oder zusammen mit seinen Brüdern) er eine eigene Haken
Hemmung entwickeln konnte. Zeitlich würde dies alles gut passen. Ausbildung
zum Uhrmacher um 1700 mit anschliessender Gesellenzeit bis ca. 1710 bei sei-
nem Meister, um danach erste Comtoise Hausuhren des Haut-Jura Typs zu bauen
Seite
99BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
und um die Mayet-Hemmung in der Zeit nach 1710 zu entwickeln, die dann in
England von Claude du Chesne in einem Uhrwerk vor/um 1715 eingebaut wurde.
Georg von Holtey führt in seiner Arbeit über: Jean Baptiste Cattin ( 1687-1767 ) in
Chronométrophilia No. 65/2009 auf Seite 40 die Vertragsbedingungen eines Lehr-
vertrags aus dem Jahr 1767 dahingehend aus, dass der Vater des Lehrlings für eine
fünfjährige Lehrzeit seines Sohnes „zwölf Pfund“ (monnaie du roayaume ) zahlen
muss. „Dafür verpflichtet sich der Uhrmachermeister ihm die Kunst seines Hand-
werks zu lehren, allerdings nur für den Bau von Gewichtsuhren mit acht Tagen
Laufzeit und langem Pendel, die Stunden und Viertelstunden schlagen und ein
Weckwerk haben.“ Im Originaltext heisst es: „ seulement pour les horloges tenants
huit jours à poids“ ( Nur für 8 Tage Gewichtsuhren ).
Der Lehrherr besserte mit den Einnahmen aus einem solchen Vertrag sicherlich
auch sein eigenes Einkommen auf, war aber dennoch darauf bedacht, dass sensi-
bles Wissen nicht einfach weitergegeben wurde, sondern als ‚Betriebsgeheimnis‘ in
der eigenen Familie verblieb. Allgemeines Wissen, welches man als Lehrlings bei
dem einen oder anderen Meister lernen konnte, wurde gegen Vergütung weiterge-
geben, spezielles Wissen, welches nur in der eigenen Werkstatt, in der eigenen Fa-
milie vorhanden war, verblieb auch in der Familie. Ein guter und begabter Schüler
entwickelte sich auf der Basis des Erlernten weiter, ein durchschnittlicher Schüler
verblieb möglicherweise auf dem Niveau des Erlernten und baute dann während
seines Arbeitslebens viele schöne Uhren.
Wenn es ab 1697 möglich war, eine notariell besiegelte Uhrmacherlehre bei einem
Meister zu beginnen, dann bedeutete dies nicht zwangsläufig, dass der Meister, bei
dem man in die Lehre ging, auch eine Lehre bei einem Meister durchlaufen hatte.
Auf den Turmuhren der Mayet vor und bis 1685 hatten wir z.B. die Signaturen ge-
lesen:
„Fait par Jean Claude et ses frères horlogeurs a Moubier“ ( Gemacht durch Jean
Claude Mayet und seine Brüder Uhrmacher in Moubier )
„Fait à Morbier Par Jean Claude et Pierre Mayet et ses frères Horlogeurs L‘an
mille six cent huictante cinq“ ( Gemacht in Morbier durch Jean Claude und Pierre
Mayet und ihre Brüder Uhrmacher im Jahr 1685 )
Die Mayet bezeichneten sich bereits selbst als ‚Uhrmacher‘,obwohl sie keine Aus-
bildung durchlaufen hatten.
Nicht ungewöhnlich, denn es war vielfach möglich, dass sich jemand als Uhrma-
cher bezeichnete, der auf Grund seiner Berufserfahrung Uhren gefertigt hatte.
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Anders als in großen Städten, wo das Zunftwesen den Ausbildungsstandard fest-
legt, aber auch eifersüchtig über die eigenen Pfründe des eigenen Handwerks
wachte, gab es auf dem Land kein Zunftwesen. Die handwerklichen Fähigkeiten
wurden vom Vater auf den Sohn weitergegeben und der Eigentümer des Hand-
werksbetriebs, also z.B. der Schmied,. war damit der *Meister*. Im Hohen Jura
hätten auch keine jungen Männer in Zünften Ausbildung in einem Handwerk ab-
solvieren könne, da die jungen Männer gemäss eines besonderen Erbrechts, der
*Mainmorte*, Hörige waren. Hörigen, aber auch bestimmten Gruppen der Gesell-
schaft, wie z.B. den Juden, war die Mitgliedschaft in einer Zunft untersagt. Auf
dem Land lebende Handwerker schlossen auch Verträge ab, und in den entspre-
chenden notariellen Urkunden werden dann Schmiede oder Uhrmacher oder an-
dere Handwerker als ‚Meister‘ betitelt. Möglicherweise war die Ausbildung auf
dem Land ohne die hierarchischen Zwänge der Zünfte sowieso einfacher und
schneller. Im Hohen Jura, zumindest in dem Bereich, in welchem das Erbrecht der
*Mainmorte* ( Tote Hand ) galt, gab es sozusagen Gewerbefreiheit.
Wenn es ab 1697 möglich war, eine notariell besiegelte Uhrmacherlehre bei einem
Meister zu beginnen, dann bedeutete dies nicht zwangsläufig, dass es in Morbier
nicht schon vorher oder nun aktuell im Jahr 1697 keine Uhrmacher gab.
Anscheinend gab es bereits vor dem Erscheinen der Haut-Jura Comtoise Uhr eine
andere Produktion von Uhren in Foncine, d.h. es muss also bereits Uhrmacher ge-
geben haben, denn Foncine ist nur einen ‘Steinwurf‘ von Morbier entfernt. Es
heißt sogar, dass Uhrmacher aus Foncine im ganzen Land bekannt waren und die
Uhrmacherei in Foncine so verbreitet und florierend war, dass die Gebr. Mayet
auch nach Foncine kamen, um an diesem Geschäft teilzuhaben. Diese Tatsache,
dass sich Mayet in Foncine niederließen, ist auch aus anderen Quellen bekannt
und geschah nach 1660, genaues Datum ( möglicherweise im Jahr 1685 ) ist nicht
bekannt, jedenfalls im 17. Jahrhundert und nicht wie der Autor M. Munier
schreibt im 16. Jahrhundert.
Dies scheint aber fast unbekannt zu sein. Es muss sich dabei um hölzerne Uhren
gehandelt haben, vergleichbar den Schwarzwälder Uhren. Darüber lesen wir auf
den Seiten 134 – 138 bei M. Munier, NOTICE SUR L'HORLOGERIE dans les
montagnes du Jura. Revue Chronométrique, 1859-1861
"C'est donc à la suite de cette époque, et peu après elle, qu'elle s'implanta dans nos
parages; aussi elle s'y généralisa tellement que, dès les temps les plus reculés, Fon-
cine était en possession de fournir des horloges et des horlogers à toute la France.
En effet, dans toutes les villes, partout et dès une époque très-ancienne, vous trou-
vez des horlogers sortis de ce pays; autrefois les horloges de cuisine n'etaient con-
nues que sous le nom d'horloges de Foncine. Morez n'était pas encore né, car il y a
moins d'un siècle que le lieu occupé par Morez était sans habitation. En 1666, un
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forgeron-cloutier, J.-B.Dolard, ayant acquis sur la Bienne du chapître de Saint-
Claude le terrain nécessaire pour y établir une petite forge, vint la fair rouler avec
quelques ouvriers qui l'avaient suivi. Ces hommes laborieux se logèrent près de
l'usine, et leurs maisonnettes formèrent le noyau de cette commune aujourd'hui si
florissante.
L'horlogerie était déjà si répandue et si prospère à Foncine dans le XVIe siècle que
les frères Mayet, de Morbier, horlogers eux-mêmes, vinrent y établir une maison
pour servir d'entrepôt au commerce d'horlogerie qu'ils voulaient établir sur une
plus vaste échelle."
frei übersetzt: "Es ist doch im Anschluss an diese Epoche, ein wenig nach ihr, dass
sie sich in unserer Gegend ansiedelte; aber sie weitete sich dort dermaßen aus, dass
Foncine, von den weitest zurückliegenden Zeiten an, in der Lage war, Uhren und
Uhrmacher nach ganz Frankreich zu liefern. In der Tat findet man überall in allen
Städten seit dieser sehr alten Epoche Uhrmacher, die aus diesem Land kamen;
damals waren die Küchenuhren nur unter dem Namen 'Uhren aus Foncine' be-
kannt. Morez war noch nicht geboren, denn vor weniger als einem Jahrhundert
war der Platz, den Morez belegt, noch ohne Einwohner. Im Jahr 1666 begann ein
Schmied/Nagelmacher, J.-B. Dolard, der das notwendige Terrain an der Bienne
vom Kloster in St. Claude erhalten hatte, um dort eine kleine Schmiede zu betrei-
ben, betrieb mit einigen Arbeitern, die ihm gefolgt waren, ihren Betrieb. Diese ar-
beitsamen Menschen siedelten sich nahe der Werkstatt an und ihre Häuschen
formten den Kern dieser heute so wirtschaftlich blühenden Gemeinde.
Die Uhrmacherei war im 16. Jahrhundert in Foncine schon so verbreitet und flo-
rierend, dass die Brüder Mayet aus Morbier, selbst Uhrmacher, dorthin kamen,
um ein Haus zu errichten, welches als Lager für den Uhrenhandel dienen sollte,
den sie auf eine breitere Grundlage stellen wollten.“
Solang nicht das Gegenteil bewiesen werden kann, sollten wir also davon ausgehen,
dass es bereits vor und während der Entstehungszeit der Haut-Jura Comtoise Uhr
Uhren und Uhrmacher im Hohen Jura gab, die in ganz Frankreich bekannt waren.
Jedenfalls wurden die Ausbildungsverträge im Distrikt Morbier ab 1697 nicht auf
Grund eines Mangels an und einer bewussten Förderung von Uhrmachern regis-
triert, sondern einfach, weil notarielle Verträge nun ab diesem Datum registriert
wurden.
Es heißt, dass in der Zeit von 1697 bis 1790 81 mal Ausbildungen zum Uhrmacher
und 5 mal Ausbildung zum Emailleur eingetragen sind.
Innerhalb von 93 Jahren wurden 81 mal Ausbildung zum Uhrmacher registriert,
d.h. noch nicht ‚ein einziger ganzer‘ Ausbildungsvertrag pro Jahr! Wobei natür-
lich noch nicht untersucht wurde, wieviel Ausbildungsverträge z.B. in den Jahren
1697 bis 1720 registriert wurden. Sollten die Ausbildungsverträge gleichmässig
über den Zeitraum von 93 Jahren verteilt sein, so lässt sich aus der Tatsache, dass
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ab 1697 nun Uhrmacherausbildung registriert wurde, keinesfalls das plötzliche
massive Vorhandensein von Haut-Jura Uhren im allgemeinen und die Vielzahl si-
gnierter Comtoise Uhren im besonderen in der Zeit von 1710 bis 1740/50 begrün-
den. Es besteht also Forschungsbedarf in erheblichem Umfang!
Gibt es die in der Quelle von Munier beschriebenen Uhren aus Foncine? Wie sehen
diese Uhren aus? Wer kann mir eine solche Uhr in die Hand legen?
Wurden ab 1697 nur die notariell beglaubigten Lehrverträge im Register des Di-
strikts Morbier registriert, wie ich glaube, oder gab es ab diesem Zeitraum eine
Art Anleitung, was eine Uhrmacherausbildung an Wissen vermitteln musste?
Ich glaube nicht, dass es bereits zu dieser Zeit eine vom ‚Staat‘ festgelegte Ausbil-
dungsverordnung im Uhrmacherhandwerk gab, die dann im Register eingetragen
wurde. In den großen Städten hatte sich im 17. Jahrhundert vielfach erst die Uhr-
macherzünfte gebildet, die ihre eigenen Handwerksordnungen festlegten! Hier auf
dem Land im Örtchen Morbier soll dies der Staat dann bereits um 1700 gemacht
haben?
Es gab Uhrmacher, die sich selbst als Meister und von anderen als Meister be-
zeichnet wurden, die die Ausbildung vom ‚Vater auf den Sohn‘ erhalten hatten, es
gab Uhrmacher, die eine Lehrzeit absolviert hatten und dann als Geselle im Be-
trieb ihres Meisters weiter arbeiteten oder auch als Geselle die Typen Uhren bau-
ten, die sie in ihrer Ausbildungszeit erlernt hatten, und es gab natürlich auch Ge-
sellen, die nach der Lehrzeit bei ihrem Meister noch auf Wanderschaft gingen und
somit dann Wissen und Erfahrung aus anderen Landesteilen wieder mit in die
Heimat zurückbrachten ( oder auch Wissen und Erfahrung aus der Heimat in an-
dere Landesteile gebracht hatten ).
Meister war derjenige, der in einer eigenen Werkstatt Uhren baute und der in sei-
ner Werkstatt Ausbildung zum Uhrmacher anbot, obwohl er selbst die Ausbildung
‚vom Vater auf den Sohn‘ erhalten hatte oder Uhren baute und gebaut hat, somit
entsprechende Erfahrung vorweisen konnte. Diese ‚Meister‘ signierten dann ihre
Uhren mit Namen und Ort, evtl. noch mit Jahreszahl. Signierte Uhren konnten
vom Meister selbst, mussten aber nicht komplett vom Meister selbst gebaut sein,
denn Gesellen und/auch Hilfskräfte ( Frauen und Kinder ) konnten am Bau betei-
ligt sein.
Ein Geselle konnte natürlich auch in eigener Werkstatt Uhren bauen, aber nicht
signieren, da er den Meisterstatus nicht besaß. Es war mit Sicherheit so, dass die
Meister darauf achteten, und dies war in den Städten bei den Zünften auch so,
dass nur die Meister ihre Produkte signierten.
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Dies würde erklären, dass es in der Entwicklungszeit und der 1. Periode der Haut-
Jura Comtoise Uhr ca. 20 - 30 bekannte Familiennamen gibt, die wir als Signatu-
ren auf Uhren in dieser Zeit vorfinden, also auf den Uhren der Meister, und sehr
viele unsignierte Uhren in dieser Zeit, also auf den Uhren der Gesellen. Die Gesel-
len fertigten natürlich baugleiche Uhrwerke an, so wie sie es von ihren Meistern
erlernt hatten. Man darf diese nicht signierten Comtoise der Gesellen nun nicht
den signierten Comtoise der Meister zuordnen. Welchen Grund soll ein Meister
gehabt haben, die eine von ihm gebaute Uhr zu signieren, die andere von ihm ge-
baute Uhr aber nicht zu signieren. Der einzige Unterschied besteht nur in der Si-
gnatur? Nur in einer Punzierung oder Gravur?
Diese Zuordnung, wie sie Georg von Holtey in der Zeitschrift CHRONOMÉTRO-
PHILIA der Schweizerischen Gesellschaft für die Geschichte der Zeitmessung,
Ausgabe Été/Sommer 2012, No. 71, in seinem Aufsatz „Handschriften der Uhrma-
cher des Hohen Jura in ihren Uhren aus dem frühen 18. Jahrhundert“ vorgenom-
men hat, halte ich für falsch. Lesen Sie darüber später mehr im Kapitel 13.
Das bereits oben erwähnte Erbrecht der *Mainmorte* ( Tote Hand ), welches ei-
nerseits Einfluss auf das Ausbildungswesen der Zünfte in den Städten hatte, ande-
rerseits aber auf dem Lande mehr Freiheit als in den Städten bedeutete, besagte,
dass Grund und Boden nebst allen darauf stehenden Gebäuden Eigentum des
Lehnsherrn/Grundherrn waren. Der Besitzer, der Bauer, hatte nur das Benut-
zungsrecht für das Land und die Gebäude. In der Regel musste er einen Teil der
Ernte an seinen Lehnsherrn/Grundherrn abgeben und/oder Frondienste/Herren-
dienste, wie Pflügen, Säen und Ernten, auf dem Land des Lehnsherrn/Grundherrn
verrichten. Er war an das Land, die Scholle, gebunden und konnte ohne Zustim-
mung seines Herrn z.B. nicht umziehen, nicht heiraten und auch das Land von ei-
nem Verstorbenen Familienmitglied nicht übernehmen. Der jüngste Sohn eines
Bauern ( l‘ainé oder le cadet ) war erbberechtigt. Andere Söhne waren aber als
Hörige auch an das Land gebunden und konnten nicht einfach ‚auswandern‘. Der
Lehnsherr/Grundherr holte solche ‚Auswanderer‘ oftmals mit Gewalt zurück. Die
Familien wuchsen, und es mussten weitere Anbauten oder Häuser gebaut werden,
so dass gleichsam kleine Weiler entstanden, in denen alle Familienmitglieder zu-
sammen lebten. Da es jedoch keine Zünfte gab, konnten die Bewohner solcher
Höfe/Weiler relativ frei Nebentätigkeiten nachgehen, d.h. es entwickelten sich
Hausgewerbe, mit welchem sie Geld verdienen konnte, um das zur Aufbesserung
der Ernährung notwendige Getreide kaufen zu können. Manchen verdienten mit
ihrem Hausgewerbe derart gut, dass sie sich sogar von der Hörigkeit freikaufen
konnte, dass sie evtl. von ihrem Lehnsherrn/Grundherrn selbst Land erwerben
konnte und damit ‚frei‘ wurden. Während der französischen Revolution wurde
dann auch diese Form des Erbrechts aufgehoben, da alle feudalen Rechte für erlo-
schen erklärt wurden.
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Das Erbrecht der *Mainmorte* band die Menschen zwar an das Land, auf wel-
chem sie lebten, aber es ermöglichte ihnen auch Nebenerwerbe. Neue Produkte,
wie z.B. die Comtoise Hausuhr, fanden schnell interessierte Nachahmer. Nur so ist
es zu erklären, dass innerhalb weniger Jahre eine Vielzahl von Uhrmachern vor-
handen ist, die identische signierte und nicht signierte Produkte herstellten, und
gut verkaufen konnten.
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10. SCHRAUBEN - BEFESTIGUNGSSCHRAUBEN
AN COMTOISE UHREN DES HAUT-JURA TYPS.
Bei keinem Uhrentyp, wie z.B. bei den Gotischen Hausuhren des 16. und frühen
17. Jahrhunderts und bei den Laternenuhren des 17. Jahrhunderts, selbstver-
ständlich auch nicht bei allen bis zum Ende des 17. Jahrhunderts gebauten Turm-
uhren, die fast alle von Schmieden gebaut worden waren, aber auch nicht bei Car-
teluhren oder Religieuse Uhren, die in der Regel von Uhrmachern gebaut worden
waren, wurden jemals zuvor derart konsequent Schrauben, d.h. Befestigungs-
schrauben, verwendet. Bei den Haute-Saône Comtoise Uhren kommen schon Be-
festigungsschrauben vor, wesentlich mehr als bei den Laternenuhren, aber noch
nicht so konsequent wie bei den Haut-Jura Comtoise Uhren. Dieser Eindruck mag
natürlich täuschen und ist vermutlich sehr dadurch beeinflusst, dass es vergleich-
bare Mengen von Comtoise Uhren aus Haute-Saône nicht gibt, wie es sie ab
1710/1720 im Hohen Jura gibt.
Die bei Comtoise Uhren verwendeten Schrauben und Muttern haben entscheiden-
den Anteil am Erfolg der Uhr!
Die Haut-Jura Comtoise Uhr ist die mit Abstand modernste Uhr ihrer Zeit!
Die nur durch Befestigungsschrauben mögliche spätere Massenfertigung von Gü-
tern während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wird hier im Hohen Jura
bereits in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts praktiziert, allerdings noch individu-
ell, d.h. ohne Normierung!
Schauen wir uns die Schrauben verschiedener Uhren aus verschiedenen Zeiten an,
so kann man klar eine Entwicklung der Schrauben feststellen, so dass man sagen
muss:
Es gibt eine Genealogie der Befestigungsschrauben der Haut-Jura Comtoise Uhr!
Wir finden z.B. bei den Haut-Jura Comtoise Uhren Befestigungsschrauben mit
eckigen, runden oder tropfenförmigen Schraubenköpfen. Alle diese verschiedenen
Formen wurden sicherlich nicht zur gleichen Zeit verwendet.
Doch um dies alles besser verstehen zu können, sollen erst einmal nachfolgende
Fragen beantwortet werden.
1. Welche Typen von Schrauben kommen an den ersten einzeigrigen Comtoise Uh-
ren im Hohen Jura vor?
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107BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
2. Wie ist der Stand der Technik der Schraubenfertigung gegen Ende des 17. zu
Beginn des 18. Jahrhunderts in der Literatur dargestellt?
3. Stimmen bei Schraubenfertigung im Hohen Jura Praxis und Theorie überein?
4. Wie fertigte man im Hohen Jura die Schrauben für die Comtoise Uhren?
1. Welche Typen von Schrauben kommen an den ersten ein-
zeigrigen Comtoise Uhren im Hohen Jura vor?
a) Die 4 Stabplatinen werden im Werkkäfig durch 4 Schrauben befestigt, welche in
die am oberen Ende der Platine eingeschnittenen Innengewinde eingedreht wer-
den.
b) Der Pendelkamin wird durch 2 in die obere Käfigplatte eingedrehte Schrauben
gesichert, Außengewinde (Vatergewinde ) in Innengewinde ( Muttergewinde ).
c) Auch der Glockenständer wird mittels Außengewinde ( Vatergewinde ) am un-
teren Ende in das Innengewinde ( Muttergewinde ) in der oberen Deckplatte des
Käfigs eingedreht.
d) Die Glocke selbst wird auch durch eine Mutter gesichert, Innengewinde in Mut-
ter auf Außengewinde der Glockenstange.
e) Die Front- und Rückseite werden in der Regel mit jeweils 2 Schrauben auf den
Käfigpfeilern befestigt.
f) Die Messingreifzifferblätter und die Eckverzierungen/Aufzugslochschliesser
werden mit winzigen Eisenschrauben auf dem Tragblech befestigt.
g) Das Messingfronton wird an einem Halter mit einer winzigen Eisenschraube be-
festigt, wobei der Halter entweder mit seinem am Fuss befindlichen Außengewinde
( Vatergewinde ) in das in der oberen Deckplatte des Käfigs befindliche Innenge-
winde ( Muttergewinde ) eingedreht wird oder direkt in die Deckplatte eingenietet
wird.
h) Die Halterung des Minutenrads wird mit einer Schraube auf einem Tragarm
der Vorderplatine ( später dann mittlere Eisenstrebe des Käfigs ) befestigt, eben-
so die Halterung des hinteren Spindelachsenlagers auf der Rückplatine.
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i) Der untere Zapfen der Spindelradachse steht in einem Lagerfutter eines Trag-
armes, dessen Ende mit einem Vierkant und Außengewinde ( Vatergewinde ) ver-
sehen ist, welches durch eine Bohrung der Vorder- oder Hinterplatine gesteckt
wird und dann durch eine aufgedrehte Mutter mit Innengewinde (Muttergewinde)
befestigt wird.
j) Der obere Zapfen der Spindelradachse wird in einer Bohrung in einem Messing-
halter gelagert, welcher auf der Oberseite der Käfigplatte durch eine Gewinde-
schraube ( Vatergewinde ), eingedreht in ein in die Käfigoberplatte eingeschnitte-
nes Innengewinde ( Muttergewinde ) , befestigt wird.
k) Der Stundenzeiger wird durch eine Mutter mit Innengewinde durch Aufdrehen
auf ein Außengewinde ( Vatergewinde ) der feststehenden Zeigerachse gesichert.
Sehr sehr selten wird der Zeiger noch durch einen Stift gesichert. Bei den Later-
nenuhren z.B. werden die Zeiger fast durchweg durch Stifte gesichert.
l) Die Andruckfeder für die Hammerachse des Halbstundenschlags wird mittels
einer Gewindeschraube ( Vatergewinde ) in einem Innengewinde ( Muttergewinde )
der Platine befestigt.
Einige dieser o.a. Befestigungen, wie z.B. b),c),e),g),h) und k) hätte man auch
durch Vernietungen und Stifte ausführen können, so wie dies auch bei anderen
zeitgenössischen Uhrentypen üblich war.
Bei den Comtoise Uhren werden fast ausnahmslos Schrauben, d.h. Gewinde-
schrauben ( Vatergewinde ) und Innengewinde ( Muttergewinde ), sowie Muttern
mit Innengewinde ( Muttergewinde ) eingesetzt.
In den weiteren Ausführungen wird nur noch von Gewindeschrauben mit Außen-
gewinden und Muttern und Bohrungen mit Innengewinden gesprochen, kurz nur
noch von Schrauben und Muttern.
2.) Wie ist der Stand der Technik der Schraubenfertigung gegen Ende
des 17. zu Beginn des 18. Jahrhunderts in der Literatur dargestellt?
Im allgemeinen Sprachgebrauch spricht man von *aufgeschnittenem* oder *ein-
geschnittenem* Gewinde. Mit dieser Bezeichnung der „eingeschnittenen Gewinde“
sollte man jedoch im Zusammenhang mit Schrauben und Gewinden im 17. + 18.
Jahrhundert und sogar noch weit ins 19. Jahrhundert behutsam umgehen, da da-
mit ausgedrückt wird, dass hier etwas *geschnitten* wurde. Schneiden würde be-
deuten, dass vom Material etwas abgeschnitten, entfernt wird. Schneiden würde
bedeuten, dass man dafür entsprechende Werkzeuge gehabt haben müsste.
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109BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Wir benutzen heute zur Gewindeherstellung entsprechende Werkzeuge.
Auf einen Rundstab aus Metall kann ich mit Hilfe eines Gewindeschneiders ein
genau festgelegtes Gewindeprofil ( Außengewinde ) einschneiden, d.h. beim Drehen
des Gewindeschneiders wird durch die Schneidflanken Material weggeschnitten,
so dass das Gewindeprofil übrig bleibt.
In eine Bohrung in einer Metallplatte kann ich mit Hilfe eines Gewindebohrers ein
genau festgelegtes Gewindeprofil einschneiden, d.h. beim Drehen des Gewindeboh-
rers wird durch die Schneidflanken Material weggeschnitten, so dass das Gewin-
deprofil ( Innengewinde ) übrig bleibt. Gewindeschneider und Gewindebohrer sind
genormt, so dass die entstehenden Außengewinde und Innengewinde bei gleichen
Größen immer passen. Geschnittene Gewinde sind in der Regel scharfkantig und
die Gewindegänge sind alle gleich.
Ab wann gibt es Werkzeuge, mit denen man Außen- und Innengewinde schneiden
kann?
Um diese Frage zu klären, hilft nur der Blick in die entsprechende Fachliteratur,
soweit vorhanden. Allein die Suche nach Literatur, in welcher wir etwas über die
uns interessierende Befestigungsschraube erfahren könnten, gestaltet sich schon
schwierig, denn kaum jemand hat sich über Befestigungsschrauben, bzw. über de-
ren Herstellung Gedanken gemacht.
Das Standardwerk scheint jedenfalls von Rudolf Kellermann und Wilhelm Treue
zu sein:
Die Kulturgeschichte der Schraube.
Zweite erweiterte Auflage und bis zum 20. Jahrhundert fortgeführte Auflage
VERLAG F. BRUCKMANN MÜNCHEN 1962
Liest man das Buch oder schaut man sich nur das Inhaltsverzeichnis an, so fällt
auf, dass man über die Befestigungsschraube in der Zeit von 1650 bis 1750 fast
nichts findet. Befestigungsschrauben waren bekannt, insbesondere im Schmiede-
handwerk bei den Plattnern, welche im Mittelalter die Ritterrüstungen herstellten.
Auch bei Uhrmachern wurden schon Schrauben eingesetzt, man vermied jedoch
die Anwendung von Befestigungsschrauben möglichst und nietete oder sicherte mit
Befestigungsstiften.
Über die Befestigungsschraube, die uns interessierende Gewindeschraube ( wir
würden heute von Maschinenschrauben sprechen ) mit der dazugehöriger Mutter-
schraube, nicht die Holzschraube oder andere Schrauben, wie z.B. die Archimedi-
sche Schraube, wird dann eigentlich erst mit der Schraubenfertigung in der zwei-
ten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit dem Beginn der Industrialisierung ausgeführt.
Aus den Ausführungen vermag ich die Entwicklung, die Neuheiten, die Erfindun-
gen zur Herstellung der Befestigungsschraube erfahren, aber wie der Stand der
Technik im allgemeinen zur Herstellung von Befestigungsschrauben in der Zeit um
1700 war, erfahre ich nicht. Dass man konkret etwas in dem verdienstvollen Werk
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110BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
von Kellermann/Treue über den Stand der Befestigungsschraube im Hohen Jura
um 1700 erfahren würde, wäre sicherlich zu erwarten vermessen gewesen.
Die fast ausnahmslose Verwendung von Befestigungsschrauben bei Comtoise Uh-
ren im frühen 18. Jahrhundert haben Kellermann und Treue wohl nicht gekannt,
denn sonst hätten sie auf Seite 173 nicht ausführen können:
„DIE SCHRAUBE ZWISCHEN HANDWERK UND INDUSTRIE.
Die vorstehenden Kapitel haben die Geschichte der verschiedenen Erscheinungs-
formen der Schraube von deren Anfängen bis in die Zeit des Merkantilismus, des
Barock, des Rokoko verfolgt. In allen diesen vielen Jahrhunderten wurde die
Schraube, wenn überhaupt, stets nur in wenigen Exemplaren von einem Hand-
werker angefertigt und verwendet, der wohl im allgemeinen über dem Durch-
schnitt seiner Kollegenmeister stand. Sie wurde bei verhältnismäßig wenigen Gele-
genheiten, nicht selten bei der Verarbeitung von Kostbarkeiten benutzt und daher
nicht allein werkgerecht geformt, sondern häufig zugleich auch im Kunststil der
Zeit gestaltet oder verziert. Solange weder ein Bedarf nach vielen gleichartigen
Schrauben bestand, noch Einrichtungen existierten, die es erlaubt hätten, große
Mengen solcher Schrauben herzustellen, blieb dieser Zustand, das Gleichgewicht
von Anwendungs- und Herstellungsmöglichkeit, erhalten.“
Ich muss also unterstellen, dass Neuheiten, Erfindungen zur Herstellung von Be-
festigungsschrauben, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gemacht wor-
den waren, auch aus dieser Zeit stammten, d.h. in der ersten Hälfte des 18. Jahr-
hunderts und davor unbekannt gewesen waren.
„Bei kleineren und mittleren Schrauben wurden auch in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts die Gewinde fast ausschließlich *geschnitten*. Die hierzu ver-
wendeten Schneideisen hatten noch keine eigentliche Schneide, sondern bestanden
nur aus einer gehärteten Mutter. So wurde das Gewinde mehr durch Quetschen als
durch Schneiden hergestellt; es war infolgedessen gewöhnlich recht unansehnlich.
Im Jahr 1785 verbesserte der Mechaniker Keir aus Camdantown das Schneidei-
sen, indem er es zweiteilig machte und mit zwei Schneiden versah. Das vom ihm so
gestaltete Schneideisen war in einem Halter untergebracht und konnte mit einer
Stellschraube verstellt werden. Auf diese Weise wurde aus dem Schneideisen die
verstellbare Schneidkluppe. Allerdings konnte diese erst in der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts allgemein in Anwendung genommen werden, da Keir seine Er-
findung zunächst geheim hielt und nicht vor 1825 bekannt gab.“ so beschrieben
es Kellermann/Treue auf Seite 189 ihrer Arbeit.
Diese o.a. Ausführungen bedürfen einer Ergänzung.
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111BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Da man sowohl als auch von Schneidwerkzeug spricht, wenn man eine gehärtete
Mutter oder eine Kluppe zur Herstellung eines Gewindes gebrauchte, muss man
wissen, dass die Kluppe natürlich nicht von Keir im Jahre 1785 erfunden wurde.
Die Kluppe ist wesentlich älter. Bis zum Jahr 1785 sollte man sich eine Kluppe als
Halter einer geteilten Schraube vorstellen, die eben auch nur das Material
verformte und nicht wirklich abspante.
Erst Keir versah sein Kluppe mit Schneidklingen, die nun das Material wegschnitt,
also wirklich abspante.
Verfolgt man die Entwicklung von Werkzeugen, insbesondere natürlich solcher
Werkzeuge, mit denen man evtl. Gewinde fertigen konnte, so muss man feststellen,
dass es theoretisch die entsprechenden Werkzeuge gegeben hat, die aber in der
Praxis nicht existierten.
Bereits gegen Ende des 15. Jahrhunderts gab es Drehbänke zum Schneiden von
Gewinden. Gewinde wurden vielfältig benötigt, z.B. an Weinpressen, an Buch-
druckpressen, an Münzprägen, an Textilpressen, an vielerlei Kriegshandwerks-
zeug, an Folterinstrumenten, wie Daumenschrauben ( noch heute kennen wir den
Ausdruck *jemandem die Daumenschrauben anlegen* ), wie Beinschrauben und
Würgbirnen. Alles Schrauben, aber keine Befestigungsschrauben.
Befestigungsschrauben werden in dieser Zeit auch schon benutzt, man findet sie
an Schmuckstücken für die Damenwelt, an Harnischen der Ritter. Das bekannteste
für einen Ritter angefertigte Stück ist eine Prothese. Die eiserne Hand des Götz
von Berlichingen wäre ohne die Verwendung von Schrauben nicht möglich gewe-
sen. Alle diese kleinen Befestigungsschrauben mussten jedoch einzeln von Hand
geschmiedet und gefeilt werden. Dass dies äußerst kompliziert gewesen sein muss-
te, erkennt man allein an dem extrem seltenen Gebrauch solcher Schrauben. Nur
dort, wo es absolut unumgänglich war, wurde eine Befestigungsschraube einge-
setzt, ansonsten wurde genietet oder mit Stiften und Keilen befestigt bzw. gesi-
chert.
An den Turmuhrwerken, an den ersten gotischen Hausuhren, an den Laternenuh-
ren des 17. Jahrhunderts, und auch noch weit in das 18. Jahrhundert hinein, wur-
de alle notwendigen Befestigungen und Sicherungen durch Stifte und Keile ausge-
führt, Schrauben wurden nur im Notfall eingesetzt.
Bei den Comtoise Uhren des Hohen Jura ist es nun zu Anfang des 18. Jahrhun-
derts genau umgekehrt. Jedwedes zu sicherndes Teil wurde mit Hilfe einer
Schraube gesichert, Stifte und Keile wurden nur noch sehr vereinzelt eingesetzt.
Nun könnte man auf den Gedanken kommen, dass just zu dem Zeitpunkt, als die
Comtoise Uhr im Hohen Jura entstand, auch Werkzeuge zur Herstellung von Be-
festigungsschrauben zur Verfügung standen. Diesen Eindruck kann man in der Tat
Seite
112BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
haben, denn
„Die verschiedenen Gewindeschneidzeuge gab zum ersten Male der Franzose
Charles Plumier 1701 in Lyon in seinem Werk über die Drechslerei an. In seiner
*L‘art de tourner* nannte der die Kluppe, den Gewindebohrer und das Schneidei-
sen.“ ( Seiten177/178 Rudolf Kellermann und Wilhelm Treue. Die Kulturge-
schichte der Schraube ) Auch dies im Jahre 1701 eigentlich nichts Neues, hatte
doch bereits Leonardo da Vinci in seinen Aufzeichnungen um 1500 eine Zeichnung
mit einem Gerät zum Gewindeschneiden hinterlassen, Abb. auf Seite 69 der Arbeit
von Rudolf Kellermann und Wilhelm Treue.
Herbert Maschat schreibt in Kapitel 4.8 Gewindeherstellung auf den Seiten
159/160 seines Buches: LEONARDO DA VINCI und die Technik der Renaissance,
Profil Verlag GmbH, München, 1989: „ Vom einfachen Gewindeschneidezeug bis
zur komplizierten Gewindeschneidemaschine auf der über auswechselbare Stirn-
räder Schrauben mit unterschiedlicher Ganghöhe erzeugt werden können, reichen
Leonardos Vorschläge zur Herstellung präziser Gewinde. Von aktueller Bedeutung
ist eine Skizze in den Madrider Manuskripten, da er hier ein Drehwerkzeug dar-
stellt und beschreibt, das in dieser Form noch unverändert in den Werkstätten be-
nutzt wird. Und der Drehstahl, der die Nut herstellt, muss notwendigerweise einen
spitzen Winkel haben, wie in m o gezeigt wird, weil er den Grund der Nut punkt-
förmig berühren muss. Der Zapfen, in dem er rund ist, berührt auch seinen Dreh-
stahl in einem Punkt.55 Dieser Drehstahl ist schon mit allen wichtigen Schneiden
und Winkeln versehen, die ein heute verwendeter *Drehmeißel* aufweist. Deutlich
sind die Spitzen-, Span-, keil- und Freiwinkel am Schneidkopf erkennbar.“
Zwischen Theorie und Praxis, Anspruch und Wirklichkeit lagen jedoch mehr als
ganze Kontinente. Vielleicht gab es eine Handvoll gelehrter Menschen, die die Auf-
zeichnungen Leonardo da Vinci’s kannten, die ihre Erkenntnisse auch in Büchern
veröffentlichten, wie z.B. Charles Plumier 1701 in Lyon/Frankreich oder Jacob
Leupold im Jahre 1724 in Deutschland in seinem Werk: Theatrum Machinarum
Generale, in welchem er Schrauben, Schneideisen und Kluppen abbildete und
schrieb: „ Die eiserne Schraube aber sei zehnmal kräftiger als die hölzerne oder
*wird wohl 10 mahl weniger Platz einnehmen, denn eine höltzerne*. Ihrem Effect
und Vermögen nach übertrifft die Schraube alle anderen Rüst-Zeuge oder Potenti-
en..... weil sie in einem so kleinen und kurtzen Begriff verfasset ist und also durch
eine Machine, die nur etliche Zoll im Umfang ist, mehr kann gethan werden, als
durch andere, die viel Schuh und Ellen groß sind; dannenhero ihr Nutzen und Ge-
brauch mit keiner Feder genügsam zu beschreiben und also diese Erfindung vor
eine der allernützlichsten in der Welt zu achten ist.“ ( Seite 178 der Arbeit von Ru-
dolf Kellermann und Wilhelm Treue. Die Kulturgeschichte der Schraube )
Wahrscheinlich die erste Niederschrift der Erkenntnis, dass die Befestigungs-
schraube eine der wichtigsten Erfindungen der Menschheit ist.
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113BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Die Erkenntnis war theoretisch vorhanden, die Praxis jedoch war ernüchternd!
Ein gutes Beispiel dafür ist die in Uhrenkreisen wohlbekannte Fa. JAPY aus
Beaucourt.
In ihrer* Kulturgeschichte der Schraube* schreiben Rudolf Kellermann und Wil-
helm Treue auf Seite 262: „In Frankreich war es die heute noch führende Firma
Japy Frères & Co., die sehr schnell aufblühte und für die Entwicklung der ganzen
französischen Schraubenindustrie anregend und entscheidend geworden ist. Be-
reits 1767 errichtete Frédéric Japy in dem kleinen Dorfe Beaucourt am Jura nahe
Belfort eine kleine Werkstätte zur Herstellung von Taschenuhren. Die Uhrwerke
wurden damals noch mit der Hand gemacht, aber Frédéric Japy tat sehr bald den
entscheidenden Schritt zur mechanischen Herstellung; er konstruierte eine Reihe
von Maschinen, die sich praktisch und nützlich erwiesen und bereits vor der gro-
ßen Revolution eine Produktion von 1000 bis 1200 rohen Uhrwerken jährlich er-
möglichten. In den 90er Jahren nahm man dann die Herstellung von Wand- und
Pendeluhren auf, wobei nun auch Holzschrauben gebraucht wurden, die von den
Uhrmachern einzeln mit der Hand zurechtgefeilt wurden. Damit blieb die Schrau-
benfabrikation jedoch hinter der Arbeitsgeschwindigkeit und Genauigkeit der
Uhrmacher etwa um soviel zurück, wie in jenen Jahrzehnten vor der Erfindung
der mechanischen Spinnerei die Handspinnerei von der mechanischen Weberei
überholt wurde. Der erste Schritt, um diesen Mißstand zu beseitigen, bestand ge-
wissermaßen in der Abstellung von Uhrmachern ausschließlich für die Schrauben-
fertigung. Da nun aber viele andere Uhrenteile auf Drehbänken und anderen Ma-
schinen hergestellt wurden, lag es nahe, derartige Maschinen auch für die Schrau-
benfabrikation zu entwickeln.“
Etwa um die Mitte des 18. Jahrhunderts standen den Uhrmachern Drehbänke zur
Verfügung, auf welchen der Drehstahl mit Hilfe einer Leitspindel zwangsweise ver-
schoben werden konnte. Gewindeschrauben konnten also gefertigt werden, aber
nur in Einzelanfertigung. Abstellung von Uhrmachern ausschließlich für die
Schraubenfertigung heiß also auch und immer noch *EINZELFERTIGUNG* bei
JAPY.
Neben der Herstellung von Gewindeschrauben für die Uhrwerke entwickelte Japy
auch Maschinen zur Herstellung von Holzschrauben (für die Holzgehäuse der Uh-
ren ) und seine Firma nahm einen unerhörten Aufschwung. Die hergestellten
Schrauben setzen Maßstäbe, und in England und Deutschland war man lange Zeit
nicht in der Lage, derartige Schrauben, die unter der Qualitätsbezeichnung „fran-
zösische Holzschraube“ verkauft wurden, selbst zu produzieren.
ENDLICH gelang es dem Engländer Maudslay im Jahre 1797 eine Leitspindel-
drehbank zu konstruieren, auf der es nun möglich war, exaktere Befestigungs-
schrauben schneller zu fertigen. Doch obwohl man nun im 19. Jahrhundert Befes-
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114BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
tigungsschrauben auf Maschinen fertigte, muss man leider festhalten, dass jede
Schraube und Mutter noch lange Zeit ein individuelles Produktpaar blieben. Erst
in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts verbesserte sich die Situation durch die Nor-
mierung von Schrauben für viele Produzenten von Industriewaren deutlich, und
erst der ungeheure Bedarf an Schrauben für den Eisenbahnbau und die Rüstungs-
güter des 1. Weltkriegs hinterließen dann genormte Gewinde für Schrauben und
Muttern, so wie dies für uns heute selbstverständlich ist.
Rudolf Kellermann und Wilhelm Treue schreiben deshalb in ihrer* Kulturge-
schichte der Schraube* auf Seite 246:
„Allerdings bedurfte die Massenfertigung von Schrauben der Erfüllung gewisser
Voraussetzungen, deren erste die Austauschbarkeit war. Noch in den 70er Jahren
des 19. Jahrhunderts waren nach gegebenen Maßen angefertigte Schrauben und
Muttern so ungenau, daß sie keineswegs ausgetauscht, d.h. daß sie nicht durch an-
dere, mit den gleichen Maßen hergestellte Schrauben oder Muttern ersetzt werden
konnten. Im allgemeinen paßte keine andere Mutter als die ausdrücklich zu dieser
einzigen Schraube gefertigte.“
Weiter auf Seite 252:
„Es bedeutet keine Herabsetzung des menschlichen Genies, wenn man behauptet,
daß die weltweite Anwendung vieler wichtiger Erfindungen nicht möglich gewesen
wäre ohne die Entwicklung der modernen Schraube mit ihrer immer größeren Zu-
verlässigkeit, Festigkeit und Verwendbarkeit.“
Wenn man bedenkt, dass es fast 2er Jahrhunderte bedurfte, Schrauben in einer
Menge und Qualität zu erzeugen, dass die Menschen diese genialen Befestigungs-
teile als so selbstverständlich vorhanden akzeptieren, als ob sie immer vorhanden
gewesen wären. Niemand denkt darüber nach, welche unendlichen Probleme gelöst
werden mussten. Schrauben sind in unserem heutigen Alltag einfach da, als *wür-
den sie vom Himmel fallen*. Unzählige Erfindungen des 19. und 20. Jahrhunderts
hätten ohne Schrauben gar nicht realisiert werden können.
Würdigt man dies alles im Zusammenhang mit der Entwicklung der Comtoise Uh-
ren im Hohen Jura zum Beginn des 18. Jahrhunderts, dann kann man nur feststel-
len, dass zu diesem Zeitpunkt vor 300 Jahren ein absolut geniales Produkt geschaf-
fen wurde.
Das Produkt „Comtoise Uhr“ war so genial, dass es fast zwei Jahrhunderte gebaut
werden konnte und erst Anfang des 20. Jahrhunderts vom Markt verschwand.
Es verschwand nicht aufgrund technischer Überalterung, sondern weil der Markt
gesättigt war, und weil sich der Kundengeschmack infolge des großen Angebots
an Wand-, Stand- und Kaminuhren anderer Hersteller in Frankreich und in ande-
ren Ländern geändert hatte,
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115BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Würde man heute einem Ingenieur die Aufgabe stellen, aus Eisen und Messing eine
preiswerte, wartungs- und reparaturfreundliche, langlebige Gebrauchsuhr mit
Schlagwerk zu konstruieren, ein Uhrwerk von Comtoiser Bauart wäre vermutlich
das Resultat.
Die Comtoise Uhr um 1710/1720 ist ihrer Zeit eigentlich um 200 Jahre voraus,
denn sie erfüllt bereits zu dieser Zeit alle Merkmale einer industriell produzierten
Uhr, ohne dass auch die Merkmale der Industrialisierung vorlagen.
3.) Stimmen Praxis und Theorie bei der Schraubenfertigung im Hohen
Jura überein?
Diese Frage kann man eindeutig mit NEIN beantworten.
Obwohl es also bereits in dieser Zeit Werkzeuge zur Herstellung von Gewinden
gab, wurden solche Werkzeuge im Hohen Jura nicht benutzt. Ob diese Werkzeuge
bekannt waren, kann vermutlich heute niemand mehr beantworten. Eine positive
Antwort auf diese Frage würde allerdings auch nichts ändern, denn die verwende-
ten Schrauben an Comtoise Uhren lassen nur den Schluss zu, dass sie in Handar-
beit gefertigt wurden. Selbst wenn man Werkzeuge gehabt hätte, dann hätte man
damit auch nur immer Schrauben einzeln fertigen können. Mit Werkzeugen gefer-
tigte Schrauben wären sicherlich ein wenig präziser gewesen, ob sie dann aller-
dings preiswerter als in Handarbeit gefertigte Schrauben gewesen wären, wage ich
zu bezweifeln. Die Werkzeuge wären mit Sicherheit sehr teuer gewesen, doch
Frauen- und Kinderarbeit waren in jedem Fall preiswerter. Damit kommen wir
auch zur Frage 4.
4. Wie fertigte man im Hohen Jura Schrauben für Comtoise Uhren?
Wie stellte man um 1700/1720 Außengewinde und Innengewinde her? Gewinde-
schrauben mit Außengewinde und Mutterschrauben mit Innengewinden? Genau
diese Schraubentypen finden wir bei den ersten Comtoise Uhren im frühen 18.
Jahrhundert in großer Vielzahl an den Comtoise Uhren.
Bei der Aufzählung der an den Comtoise Uhrwerken vorkommenden Schrauben
fallen besonders die Schraubentypen a) und b) auf.
a) Die 4 Stabplatinen werden im Werkkäfig durch 4 Schrauben befestigt, welche in
die am oberen Ende der Platine eingeschnittenen Innengewinde eingedreht wer-
den.
b) Der Pendelkamin wird durch 2 in die obere Käfigplatte eingedrehte Schrauben
gesichert, Außengewinde (Vatergewinde ) in Innengewinde ( Muttergewinde ).
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116BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Bei den frühen Haut-Jura Comtoise Uhren haben die 4 Schrauben zur Sicherung
der Stabplatinen immer einen viereckigen Schraubenkopf, abgeflachte Seiten,
punzierte Punkte 1-4, notwendig für die Zuordnung zum passenden Innengewinde
der Stabplatine. Die Stabplatinen sind ebenfalls mit Punkten von 1-4 punziert. Die
beiden Schrauben zur Befestigung des Pendelkamins weisen nur bei den allerers-
ten Haut-Jura Uhren diesen eckigen Schraubenkopf auf, nach wenigen Jahren
werden die eckigen Köpfe dann durch zylindrische, seltener durch tropfenförmige
Köpfe ersetzt.
Im Hohen Jura gab es bereits im 17. Jahrhundert zahlreiche Schmiede, größere
Schmiede, wie die der Mayet, die bereits Turmuhrwerke produzierten, aber auch
viele kleine Schmiede, die überwiegend geschmiedete Nägel für die Bauindustrie in
Frankreich fertigten. Die Nagelschmiede fertigten alle Größen an Nägeln, vier-
eckig konisch geschmiedete Stifte mit im Feuer angeschmiedeten eckigen Köpfen,
siehe Bild 1 Bilderteil Seite 1. Aus einem kleinen geschmiedeten Nagel kann man
nun sehr leicht den Rohling einer Schraube machen, indem man nur den eckig ge-
schmiedeten Schaft des Nagels abrundet und auf die gewünschten Länge ab-
schneidet. In diesen entstandenen Rundschaft wird nun das Gewinde per Hand
eingefeilt, eine Arbeit prädestiniert für Frauen und Kinder. Der für die Herstel-
lung vorgesehene geschmiedete Nagel war natürlich durch den Schmied nicht ge-
härtet worden, so dass der Schaft leichter rund gefeilt und auch das Gewinde leich-
ter eingefeilt werden kann. Diese kleine Schraube wurde nun durch den Schmied
gehärtet ( rotglühend in Wasser getaucht ) und dann als *Gewindebohrer* ver-
wendet, indem der Schmied diese gehärtete Schraube in das Loch der dann wieder
rot glühend erhitzen Stabplatine, in welche vorher ein Loch eingebohrt worden
war, eindrehte. Die Gewindegänge der Schraube ( Vatergewinde ) schnitten nun in
der heißen Stabplatine das entsprechende Innengewinde ( Muttergewinde ).
Schraube und Stabplatine wurden entsprechend ihrer Platzierung im Werkkäfig
punziert. Außen- und Innengewinde, Vater- und Muttergewinde bilden ein un-
trennbares Paar. Nur dieses eine Paar passt perfekt zusammen! Andere sehr ähnli-
che Schrauben passen mitunter auch, aber niemals perfekt! Wir reden zwar vom
*Gewindeschneiden*, aber es dürfte klar sein, dass bei diesem Verfahren die Ge-
winde nicht geschnitten werden, sondern geformt werden. Das Bohrloch, in wel-
ches ein Gewinde geformt werden soll, muss natürlich auch eine dem Gewinde-
gang angepasste Größe haben, denn das glühend heiße Material wird verformt. Ist
das Bohrloch zu klein, kann die gehärtete Schraube nur sehr schwer eingedreht
werden, evtl. wird das Material insgesamt aufgebeult/aufgewölbt. Ist das Bohrloch
zu groß, gibt es kein Material, welches der Gewindegang der gehärteten Schraube
verformen kann. Vorstellbar ist natürlich, dass sich der Schmied ein Werkzeug mit
einer gehärteten Schraube schafft, so dass er dieses Werkzeug öfter in gleiche Boh-
rungen eindrehen kann und somit schon einen Gewindegang vorformt. Die indivi-
duelle gehärtete Schraube muss aber dann trotzdem noch einmal in das heiße
Werkstück eingedreht werden.
Seite
117BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Muttern mit Innengewinden wurden genauso hergestellt, z.B.
d) Die Glocke selbst wird auch durch eine Mutter gesichert, Innengewinde in
Mutter auf Außengewinde der Glockenstange. Das Gewinde an der Glocke wird
eingefeilt, gehärtet, um dann in die Bohrung eines rot glühenden Flacheisenstabs
eingedreht zu werden. Vom Flacheisenstab wird das Stück mit dem eingeschnitte-
nen/eingeformten Gewindeabgeschnitten, das kleine Vierkantstück wird entgratet
und glatt gefeilt. Viereckige Mutter mit Innengewinde passt dann perfekt auf das
obere Gewinde des Glockenhalters.
Ähnlich verhält es sich beim unteren Gewinde, mit welchem der Glockenträger in
das Gewinde der Käfigoberplatte eingedreht wird. Oftmals kann man hier beob-
achten, dass sich um das Gewinde in der Käfigoberplatte ein Wulst gebildet hat,
ein deutliches Zeichen für Materialverformung. Auch an den oberen Enden der
Stabplatinen kann man oftmals Materialverformungen erkennen.
Es wäre auch denkbar, durch Benutzung einer gehärteten Mutter mit Innengewin-
de als Werkzeug das Aussengewinde einer Schraube zu schneiden/zu formen. Da
das Innengewinde der Mutter aber nicht wirklich geschnitten werden konnte, also
bereits geformt und somit nicht scharfkantig war, wird wohl das aufgeformte Aus-
sengewinde der Schraube noch flacher gewesen sein, als bei umgekehrter Handha-
bung. Ausserdem dürfte es viel komplizierter sein, den rot glühenden Schaft einer
dünnen Schraube durch die gehärtete Mutter zu ziehen oder zu drücken. Theore-
tisch denkbar ist dieser Weg, aber in der Praxis wohl zu umständlich.
Anfangs war die Uhrenherstellung eine Domain der Schmiede, da die Uhrenteile
alle aus Eisen geschmiedet werden mussten. Das weichere Messing löste im Laufe
des 17. Jahrhunderts mehr und mehr Eisen ab, und die Herstellung von kleineren
Uhren wurde nun die Domain der Uhrmacher. In der Regel arbeiteten die Uhrma-
cher in der Stadt und fanden dort ihre Kundschaft. Die Schmiede arbeiteten mehr
im ländlichen Raum und fanden dort weiterhin ihre Kundschaft. Für Uhrmacher,
die wesentlich mehr mit Messing arbeiteten, war die Verwendung von Schrauben
weniger problematisch als für die Schmiede.
Mit einer gehärteten Gewindeschraube kann man das notwendige Innengewinde
im Messing durch Eindrehen in das entsprechend gebohrte Loch selbst herstellen,
ohne dass es notwendig wäre, das Messing rot glühend zu erhitzen. Das gehärtete
Eisen formt als Stahl das Gewinde in das Messing.
Die Herstellung der Comtoise Uhren im Hohen Jura war jedoch weiterhin der Ar-
beit von Schmieden. Die nicht geschmiedeten Teile der Uhr, d.h. die aus Messing
bestehenden Uhrenteile, wurden jedoch nicht von Uhrmachern, sondern durch an-
gelernte Arbeitskräfte in Heimarbeit hergestellt.
Seite
118BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Die für die gesamte Uhr benötigten Schrauben gab es jedoch nicht bei einem Her-
steller zu kaufen, sondern jeder Lieferant fertigte neben seinen Uhrenteilen auch
die benötigten Schrauben. Nur so ist es zu erklären, dass an einer Uhr zahlreiche
Schrauben ähnlicher Größe aber mit unterschiedlichen Schraubenköpfen vorhan-
den sind. Warum sollte nämlich ein Hersteller, der alle Teile selbst gefertigt hat,
unterschiedliche Schraubentypen verwendet haben?
Eine größere Schmiede fertigte die Werkkäfige inklusive der Stabplatinen, denn
diese mussten passgenau im Käfig verschraubt sein. Die notwendigen Befesti-
gungsschrauben fertigte der Schmied im eigenen Betrieb. Als Schmied fertigte er
aus den geschmiedeten Nagelrohlinge mit den eckigen Köpfen die Befestigungs-
schrauben mit den charakteristischen eckigen Köpfen. Evtl. fertigte er auch noch
den Kamin für die Pendelaufhängung, so dass dann auch die entsprechenden ecki-
gen Schraubenköpfe vorkommen.
Die zahlreichen im Hohen Jura vorhandenen Nagelschmiede waren natürlich die
prädestinierten Zulieferer für kleinere geschmiedete oder auch gedrehte Teile,
denn oftmals war bei diesen kleineren Werkstätten auch ein einfacher Drehstuhl
vorhanden, so dass auch Befestigungsschrauben mit zylindrischen oder Rundköp-
fen gefertigt werden, jede Schraube in Einzelfertigung.
Zahlreiche Uhrmacher/Uhrenhersteller kauften bei einigen wenigen größeren
Schmieden ( zwei, drei oder mehr als 5 solcher größeren Schmiede ? ) ein Ein-
heitsmodell als Werkkäfig vielleicht sogar inkl. der Vorder- und Rückbleche sowie
der Türen. Diese Teile konnten natürlich auch durch jeden anderen kleineren
Schmied gefertigt werden.
Aufgrund der *Einheitskäfige* weniger Schmieden, entstanden dann auch vielfach
*Einheitsuhren*, die sich nur in Nuancen voneinander unterschieden. Manche der
Hersteller von Comtoise Uhren, die ihre Uhren auch mit ihren Namen signierten,
bearbeitetet bestimmte Teile, indem sie diese verzierten, oder sie benutzen auch
Schrauben mit bestimmten Köpfen, so dass das ganze Produkt eine individuellere
Handschrift bekam.
Uhrmacher in den großen Städten mussten die Schrauben für Ihre Werke selbst
auf Drehstühlen herstellen, so dass wir in den ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
oftmals Schrauben mit tropfenförmigen Köpfen ( vgl. Bild 12 Bilderteil Seite 3
Schraubenköpfe von Comtoise Uhren ) vorfinden. Bilder 5+6 Bilderteil Seite 2
zeigen Ihnen ein typisches Uhrwerk eines Pariser Uhrmachers aus der Zeit Louis
XV, der solche tropfenförmigen Schrauben verbaut hat. Auch am Uhrwerk mit
Mayet Hemmung von Claude du Chesne findet sich eine solche Schraube zur Si-
cherung der Pendelbrücke. vgl. Abb. 41+42 Bilderteil Seite 10.
Kommen an einem Comtoiser Werkkäfig solche Befestigungsschrauben mit diesen
Seite
119BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
tropfenförmigen Köpfen vor, so sollte man davon ausgehen, dass der Auftraggeber
diese Schrauben zur Erhöhung der individuellen Handschrift ( etwas anderes und/
oder etwas Besseres anbieten als der Nachbar ) seinem Käfiglieferanten angeliefert
hat. Diese Befestigungsschrauben sind eindeutig auf einem Drehstuhl hergestellt,
der wahrscheinlich nicht in der Schmiede des Lieferanten stand.
Je mehr dann ab 1740/1750 ein Einheitsmodell gefertigt wurde, desto mehr ging
dann natürlich auch die individuelle Handschrift bestimmter Uhrmacher verlo-
ren.
Genealogie der Schrauben an frühen Comtoise Uhren des Hohen Jura.
1) von 1710 bis ca. 1730 ausschliesslich Befestigungsschrauben für die Platinen
( vereinzelt auch für die Kamine der Pendelaufhängung ) mit eckigen Schrauben-
köpfen Nach ca. 1730 gibt es weiter eckige Schraubenköpfe neben anderen
Schraubentypen
2) vereinzelt Befestigungsschrauben für die Platinen mit tropfenförmigen Schrau-
benköpfen in der Zeit 1730 bis 1750 neben anderen Schraubentypen.
3) ab 1740/50 kommen als Befestigungsschrauben der Platinen auch Schrauben
mit zylindrischen bzw. runden Köpfen vor ( Schraubentyps des Einheitsmodells )
4) zu allen Zeiten können individuelle Schraubenköpfe, wie z.b. zylindrische,
Rundköpfe, sogar Linsenkopf für andere Befestigungen neben der eckigen
oder tropfenförmigen für die Platinen vorkommen.
Die verschiedenen Typen der Schrauben liefern somit wichtige Hinweise für die
Datierung einer Uhr. Als es schon lange Zeit zweizeigrige Uhren gab, wurden im-
mer noch einzeigrige Uhren gefertigt. Solche einzeigrigen Uhren besaßen aber si-
cherlich keine eckigen Schraubenköpfe für die Platinen. Eine Uhr aus der Zeit
1760/1770, alles alt, kein Neuteil, aber eine interessante Signatur, nach welcher die-
se Uhr in die Zeit 1730/40 datiert werden müsste. Passen Signatur und Schrauben-
typ nicht zusammen, dann sollte man die Finger von einer solcher Uhr lassen. Ins-
besondere vor Jahren erworbene signierte Uhren kann man hinsichtlich Schrau-
bentypen überprüfen.
In Zukunft wird der informierte Fälscher auch auf Übereinstimmung von Signatur
und Schraubentypen achten. Die Fälscher, und davon gibt es einige, lernen
schliesslich auch dazu.
Seite
120BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
11. WARUM ENTSTAND DIE COMTOISE IM
HOHEN JURA?
Nachfolgend soll nun untersucht werden, in welchem Umfeld ( geografisch, wirt-
schaftlich, historisch und sozial ) die ersten Comtoise Uhren gegen Ende des 17.
und zu Beginn des 18. Jahrhunderts im Hohen Jura entstanden sind, und welche
Erkenntnisse sich aus den o.a. genannten provokanten Feststellungen für den Ur-
sprung der Comtoise ergeben.
Zuerst lassen wir einige Textpassagen einer Quelle aus dem Jahr 1822 auf uns wir-
ken, nämlich den „Essai Sur L‘État Actuel De L‘Agriculture Dans Le Jura“ ( Ar-
beit über den aktuellen Stand des Ackerbaus im Jura ) von S. Guyétant, erschienen
in Lons-le-Saunier, dann erhalten wir einen tiefen Einblick in das Leben der Men-
schen im Hohen Jura, der uns Erkenntnisse bzgl. der Herstellung von Comtoise
Uhren in der Vergangenheit gibt. Zum Beispiel lesen wir auf den Seiten 58 - 60.
„Dans la partie de la Haute Montagne où l'on ne cultive que l'orge, l'avoine et la
pomme de terre, on cocoit que le produit des terres arrables offre trop peu d'im-
portance pour que les habitants n'aient pas recours à des ressources plus certaines.
Ensevelis dans les neiges pendant sept mois de l'année, la plus affreuse misère au-
roit été leur partage, si leur industrie ne s'étoit tournée vers les arts mécaniques. Ils
s'y livrent avec d'autant plus d'activité que le sol est plus ingrat, et c'est un specta-
cle curieux pour l'observateur qui traverse le Jura du couchant au levant, de voir
la misère disparaitre insensiblement des campagnes à mesure que la domaine de la
culture se rétrécit, et de trouver enfin une aisance à peu près générale, quand il est
arrivé sur les plateaux arides des Rousses ou de Septmoncel.
Im Teil des Hohen Berglands, wo man nur die Gerste, den Hafer und die Kartoffel
anbaut, erkennt man, dass das Produkt der bebaubaren Erde zu wenig Auskom-
men anbietet, und dass die Einwohner keinen Zugriff auf viel sichere Hilfsquellen
haben. Verschüttet im Schnee während sieben Monaten des Jahres, wäre es das
abscheulichste Elend gewesen, wenn ihre Industrie sich nicht den mechanischen
Künsten zugewendet hätte. Sie gaben sich dort mit umso mehr Hingabe hin, je un-
dankbarer der Boden ist, und es ist ein merkwürdiges Schauspiel für den Beob-
achter, der den Jura von West nach Ost durchquert, zu sehen, wie das Elend des
Landes unmerklich in dem Maße verschwindet, wie der Bereich der Kultur sich
einengt und schließlich einen fast allgemeinen Wohlstand findet, wenn man auf den
trockenen Hochebenen von Rousses oder Septmoncel angekommen ist.
En exercant des professions mécaniques, l'habitant de la Haute Montagne ne sub-
ordonne plus son existence aux caprices des saisons et aux vicissitudes du climat. Il
sait qu'à l'exception des paturages, il ne doit pas compter sur les produits d'une
Seite
121BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
terre qui reste, les deux tiers de l'année, sous l'empire des frimats, et qui est soumi-
se ensuite, pendant la courte durée de la belle saison, à l'influence d'une tempéra-
ture presque toujours froide et variable. Sa subsistance étant assurée par un tra-
vail manuel auquel il associe toute sa famille, femmes, enfants, vieillards, son éco-
nomie rurale se borne à nourrir quelques vaches à lait qui lui fournissent, indé-
pendamment des produits consommés dans son ménage, une quantité proporti-
onnée de fromage d'une vente aussi avantageuse que certaine. Avec les engrais de
son bétail, il fertilise un petit jardin et quelques parcelles de terre sur lesquelles il
hasarde un semis d'orge ou d'avoine, réservant pour la culture du chanvre et du
lin, les meilleures parties de son enclos.
Indem er die mechanischen Berufe ausübt, ordnet der Bewohner des Hohen Berg-
lands seine Existenz nicht mehr den Launen der Jahreszeiten und den Wechselfäl-
len des Klimas unter. Er weiß, dass er mit Ausnahme der Weiden nicht auf die
Produkte einer Erde rechnen darf, die zwei Drittel des Jahres unter der Herrschaft
des Frostes verbleibt und die schließlich während der kurzen Zeit der schönen
Jahreszeit dem Einfluss einer Temperatur unterworfen ist, die beinah immer kalt
und wechselhaft ist. Seine Existenz wird durch seiner Hände Arbeit gesichert, an
welcher er seine gesamte Familie, Frauen, Kinder, Alte teilnehmen lässt und seine
bäuerliche Wirtschaft beschränkt sich darauf, einige Milchkühe zu ernähren, die
ihm, unabhängig von den in seinem Haushalt verzehrten Produkten, eine ange-
passte Menge Käse liefert für einen ebenso vorteilhaften wie sicheren Verkauf. Mit
dem Dünger seines Viehs macht er einen kleinen Garten und einige Erdparzellen
fruchtbar, auf welchen er eine Aussaat von Gerste und Hafer wagt, die besten Teile
seines eingezäunten Grundstücks für die Kultur von Hanf und Leinen reserviert.
La simplicité de ces pratiques agricoles montre, en quelque sorte, la naissance de
l'art chez les peuples pasteurs, et c'est la raison pour laquelle j'ai donné la premiè-
re place, dans ce tableau de notre économie rurale, à la plus haute région du Jura.
Mais en descendant les gradins de ce vaste amphithéatre, nous verrons l'industrie
abandonner insensiblement les arts mécaniques, et se livrer davantage à l'agricul-
ture, à mesure qu'un climat plus doux et un terrain moins ingrat, lui donnent plus
d'espérances.
Dans la plus haute vallée du Jura, sur les montagnes qui la séparent du bassin de la
Bienne, et dans le Grandvaux, l'agronome n'a pas d'objets plus importants à étu-
dier que le mode d'entretien des betes à grosses cornes, le régime des fruitières, et
la fabrication des fromages.
Comme les produits de cette fabrication sont une des principales ressources de ces
cantons élevés, les vaches sont presque les seuls animaux qu'on y nourrit, et la ri-
chesse d'un propriétaire est estimée en raison des paturages qu'il possède, et du
nombre de tetes dont se compose son troupeau.
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122BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Die Einfachheit dieser landwirtschaftlichen Praktiken zeigt gewissermaßen die
Entstehung der Kunst bei den Hirtenvölkern, und dies ist der Grund, aus welchem
ich die erste Stelle in dieser Tabelle unserer Landwirtschaft der höchsten Region
des Jura gegeben habe. Aber wenn man die Ränge dieses ausgedehnten Amphi-
theaters herabsteigt, sehen wir die Industrie unmerklich abnehmen an den mecha-
nischen Künsten und sich mehr dem Ackerbau auszuliefern in dem Maße wie ein
milderes Klima und ein weniger unfruchtbares Terrain ihm mehr Hoffnung geben.
Im höchsten Tal des Jura, auf den Bergen, die es vom Becken der Bienne trennen,
und im Grandvaux, hat der Bauer keine wichtigere Aufgabe als die Art der Hal-
tung des Hornviehs, die Molkereiwirtschaft und die Herstellung des Käses zu
überwachen.
Da die Produkte dieser Herstellung eines der wichtigsten Auskommen dieser hohen
Kantone sind, die Kühe beinah die einzigen Tiere sind, die man ernährt, und der
Reichtum eines Besitzers wird in Anbetracht der Weiden, die er besitzt und nach
den Köpfen, aus denen sich seinen Herde zusammensetzt, geschätzt.
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L'habitant des plus Hautes Montagnes fertilise avec ces engrais, un jardin, une
chenevière, et quelques champs où se cultivent la pomme de terre, l'orge, l'avoine
et le lin.
Dans cette région où la neige couvre ordinairement la terre jusqu'au commence-
ment de mai, la moitié à peu près des terres arables est en culture. L'autre moitié
reste en jachère complète et prolongée, mais se couvre naturellement d'herbes
fourragères qu'on fauche, dès la première année, à la fin de juillet ou au commen-
cement d'aout.
Der Bewohner des Hohen Berglands macht mit diesem Dung einen Garten, ein
Hanffeld und einige Felder fruchtbar, wo die Kartoffel, die Gerste, der Hafer und
der Flachs angebaut werden. In dieser Region, wo der Schnee gewöhnlich die Erde
bis Anfang Mai bedeckt, ist fast die Hälfte des Ackerlands in Kultur. Die andere
Hälfte bleibt in vollständiger und verlängerter Brache, aber bedeckt sich natürlich
mit Futtergräsern, die man schon vom ersten Jahr an Ende Juli oder Anfang Au-
gust mäht.
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L'habitant de nos montagnes est d'une taille ordinairement au-dessus de la mo-
yenne, surtout dans la haute région. Sa conformation est belle, les muscles de ses
membres sont bien prononcés, son embonpoint est médiocre. Il a le teint coloré, les
dents blanches et les gencives saines, les yeux bruns et vifs, les cheveux chatains ou
noirs. Sa physionomie très-expressive annonce la vivacité de son imagination et la
promptitude de ses perceptions. Son tempérament est marqué par la prédominan-
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123BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
ce des systèmes sanguin et musculaire sur le système lymphatique, et la puberté ne
se manifeste guère avant l'age de dix-huit ans.
Der Einwohner unserer Berge ist gewöhnlich von einer Größe über dem Durch-
schnitt, besonders in der hohen Region. Seine Gestaltung ist schön, die Muskeln
ihrer Mitglieder sind gut betont, ihre Leibesfülle ist mittelmäßig. Er hat eine ge-
färbte Gesichtsfarbe, weiße Zähne und ein gesundes Zahnfleisch, braune und leb-
hafte Augen, braune oder schwarze Haare. Seine sehr ausdrucksstarke Physio-
gnomie kündet von der Lebhaftigkeit seiner Vorstellungskraft und von der Schnel-
ligkeit seiner Wahrnehmung. Sein Temperament wird geprägt durch die Vorherr-
schaft der Blut- und Muskelsysteme über das lymphatische System, und die Pu-
bertät manifestiert sich kaum vor dem Alter von achtzehn Jahren.
Les femmes sont en général d'une taille moyenne. Leur figure sans etre belle, an-
nonce la santé par son coloris et son embonpoint. La puberté s'annonce chez elles à
l'age de seize ou dix-sept ans; leur tempérament est marqué dans l'age adulte par
l'équilibre des systèmes sanguin et lymphatique, mais en approchant de la vieillesse
le dernier de ces systèmes prend sur les autres une prédominance sensible.
Die Frauen sind im allgemeinen von einer durchschnittlichen Größe. Ihre Gestalt,
ohne schön zu sein, zeigt Gesundheit durch ihre Farbe und ihre Leibesfülle an. Die
Pubertät kündigt sich bei ihnen im Alter von sechzehn oder siebzehn Jahre an; ihr
Temperament wird im Erwachsenenalter durch das Gleichgewicht der Blut- und
lymphatische Systeme markiert, aber bei Annäherung des Alters gewinnt das letz-
tere der Systeme eine empfindliche Vorherrschaft über die anderen Systeme.
On vit long-temps, en général, dans cette région du département, beaucoup d'indi-
vidus, surtout dans les cantons les plus élevés, parviennent à l'age de quarte-vingt-
dix ans, et il n'est pas rare d'y voir des centenaires.
Les deux sexes sont laborieux et doués d'une intelligence native bien supèrieure à
celle des habitants de la Plaine.
Im allgemeinen lebt man lange in dieser Region des Departements, viele Individu-
en, insbesondere in den höchst gelegenen Kantonen, erreichen ein Alter von 90
Jahren, und es ist nicht selten, dort hundertjährige zu sehen. Die beiden Ge-
schlechter sind arbeitssam und mit einer angeborenen Intelligenz ausgestattet, die
höher als diejenige der Bewohner der Ebene ist.
On remarque beaucoup plus d'industrie dans la Haute Montagne où les produc-
tions de la terre ne suffisent pas aux besoin de la population, que dans les autres
parties de cette région où le sol est plus fertile et les cultures plus étendues.
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Le régime des habitans est partout des plus sobres. Dans la Haute Montagne, il n'y
a que les particuliers aisés qui mangent du pain de froment pur. Dans la plupart
des familles agricoles il est composé de froment, d'orge on de seigle par partie éga-
le, et quelquefois seulement d'orgée.
On fait usage aussi d'une bouillie préparée avec la farine de froment et du lait; on
mange de la soupe maigre, du sérai, des pommes de terre, et dans la belle saison,
des plantes potagères et surtout de l'oseille. Les jours de fete on associe à ces mets
simples un peu de lard et de vache salée.
L'eau est depuis plusieurs années la boisson habituelle du peuple qui ne boit du vin
que dans les cabarets ou aux fetes villageoises. Quelques familles préparent une
liqueur vineuse avec les prunelles des haies, les pommes sauvages, les baies du ge-
nièvre et l'eau, mais cet usage est peu répandu.
Man bemerkt wesentlich mehr Industrie im Hohen Bergland, wo die Erträge der
Erde nicht für das Bedürfnis der Bevölkerung ausreichen wie in den übrigen Tei-
len dieser Region, wo der Boden fruchtbarer ist und die Anbauflächen ausgedehn-
ter sind.
Das Essensplan der Bewohner ist überall der nüchternste. Im hohen Bergland gibt
es nur wohlhabende Privatleute, die Brot aus reinem Weizen essen. In den meisten
bäuerlichen Familien ist er zusammengesetzt aus Weizen, Gerste und Roggen zu
gleichen Teilen und manchmal ausschließlich aus Roggen.
Man macht auch Gebrauch von einem Brei, der aus Weizenmehl und Milch zube-
reitet wird; man verzehrt eine dünne Suppe aus Käsemilch und Kartoffeln und
während der schönen Jahreszeit Gemüse und insbesondere Sauerampfer. An Feier-
tagen fügt man diesen einfachen Gerichten ein wenig Speck und gesalzenes Kuh-
fleisch hinzu.
Das Wasser ist seit mehreren Jahren das übliche Getränk des Volkes, welches den
Wein nur in Weinstuben oder an Dorffesten trinkt. Einige Familien setzen einen
likörhaltigen Wein an mit Heckenfrüchten, wilden Äpfeln, Wacholderbeeren und
Wasser, aber dieser Brauch ist wenig verbreitet.
L'habitant de la Basse Montagne ne se nourrit guère, surtout depuis quelque
temps, que de pommes de terre cuites sous la cendre ou à lèau avec un peu de sel,
de pain de mêlée, et de bouillie de mais. Il ajoute quelquefois à ces alimens qui sont
la base de son régime, les gruaux d'orge et d'avoine, les légumes farineux secs, et
les differens produit du lait.
Der Bewohner des niedrigen Berglands ernährt sich fast nur von Kartoffeln mit
ein wenig Salz, die in der Asche oder im Wasser gekocht werden, von Mischbrot
und von Maisbrei. Manchmal fügt er diesen Nahrungsmitteln, die die Basis seiner
Ernährung sind, Gersten- oder Hafergrütze , mehlige Hülsenfrüchte und verschie-
dene Milchprodukte bei.
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Les habitations sont vastes et commodes dans la Haute Montagne. Elles ont la
forme de pavillons carrés, ayant souvent de trente à quarante mètres de face et
quelquefois davantage. Toutes ont un étage sur le rez de chaussée, et ce dernier est
presqu'entièrement consacré au logement des animaux. Il y a une écurie pour les
chevaux, une autre pour les betes à corne et à laine, et entre les deux se trouve la
grange qui est pavée en grandes dalles ou pourvue d'un bon plancher.
Die Behausungen im hohen Bergland sind groß und bequem. Sie haben die Form
viereckiger Häuser, die oft Seiten von 30 bis 40 Meter und darüber hinaus haben.
Alle haben ein Stockwerk über dem Erdgeschoss und dieses letztere ist beinah aus-
schließlich der Unterbringung der Tiere vorbehalten. Es gibt einen Stall für die
Pferde, einen anderen für die Hornviecher und die Schafe, und zwischen beiden
befindet sich eine Scheune, die mit großen Steinplatten gepflastert oder für einen
Fußboden vorgesehen ist.
La grange est séparée des écuries par des cloisons en planches percées de distance
en distance d'ouvertures qui correspondent aux rateliers des bestiaux et par les-
quelles on introduit le fourrage destiné à la consommation journalière. Ces cloisons
sont soutenues par des piliers en bois qui s'élèvent jusqu'au faite du batiment et
concourent à soutenir la charpente dont le poids est très-considérable et l'assem-
blage fort bien soigné.
C'est au-dessus des écuries et de la grange qu'on dépose les récoltes de fourrages et
de grains. L'habitation de la famille se trouve communément à une extrémité du
batiment, quelquesfois aux deux, et tout l'espace intermédiaire est occupé par les
dépendances de la grange.
Die Scheune wird von den Ställen durch Trennwände mit durchbohrten Brettern
abgetrennt, die abschnittsweise Öffnungen haben, die den Futterkrippen der Tiere
entsprechen und durch welche man das Futter einführt, welches für den täglich
Verzehr bestimmt ist. Diese Trennwände werden durch Holzpfeiler unterstützt, die
sich bis zum Dachstuhl des Gebäudes erheben und dazu beitragen, das Gebälk zu
unterstützen, dessen Gewicht sehr ansehnlich und die Zusammenfügung sehr sorg-
fältig ist. Oberhalb der Ställe und der Scheune wird die Futter- und Kornernte ge-
lagert. Die Wohnung der Familie befindet sich im allgemeinen am Ende des Ge-
bäudes, manchmal an beiden, und der gesamte Zwischenraum wird benutzt durch
die von der Scheune abhängigen Teile.
Le sapin et surtout l'épicéa fournissent la bois nécessaire à ces grandes construc-
tions. Les murs en sont batis solidement en maconnerie et bien crépis à la chaux
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tant en dedans qu'en dehors, et les ouvertures des portes et fenetres sont toutes en
pierre de taille.
Les maisons sont couvertes en petites lames de sapin qui remplacent la tuile, et
qu'on nomme ancelles, tavaillons ou bardeaux. Ce genre de toiture est léger, propre
et meme élégant, mais la moindre étincelle peut l'enflammer, et l'on rapporte avec
raison à cette circonstance les ravages affreux que les incendies causent presque
chaque année dans le haut Jura.
Les maisons de la Basse Montagne, bâties pareillement en pierre, sont infiniment
moins vastes et moins commodes. La plupart sont étroites, peu éclairées, mal dis-
tribuées et sales dans leur intérieur...
Die Tanne und insbesondere die Fichte liefern das für diese großen Konstruktionen
notwendige Holz. Die Wände sind solide aus Mauerwerk errichtet und drinnen wie
draußen gut mit Kalk verputzt, und die Öffnungen der Türen und Fenster beste-
hen ganz aus behauenem Stein. Die Häuser sind mit kleinen Tannenschneiden be-
deckt, die die Dachziegel ersetzen und die man Holzschindeln nennt. Diese Dachart
ist leicht, sauber und selbst elegant, aber der kleinste Funken kann es entzünden
und man berichtet mit Recht über schreckliche Verwüstungen, wenn man mit
Recht über diesen Umstand berichtet, welche die Feuersbrünste jedes Jahr im ho-
hen Jura verursachen.
Die Häuser im niedrigen Bergland, gleichermaßen aus Stein gebaut, sind unendlich
weniger groß und weniger bequem. Der größte Teil ist eng, wenig beleuchtet,
schlecht eingeteilt und schmuddelig in seiner Einrichtung....
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L'industrie, d'autant plus active dans le Jura que le sol est plus ingrat, a fait naitre
une aisance à peu près générale dans la Haute Montagne où les arts mécaniques
occupent presque toute la population. Après les labours et les semailles, les femmes
suffisent aux travaux de l'agriculture, aux soins du bétail et de la laiterie. Pendant
l'hiver, dans certains cantons, les hommes quittent le pays pour aller peigner la
chanvre; d'autres en plus grand nombre se livrent au commerce de transport et
parcourent la royaume en conduisant chacun, de deux à six chariots à un seul col-
lier, et en faisant de cinq à sept lieus par jour. Ceux qui sont sédentaires battent les
grains pendant la mauvaise saison, font des ancelles, réparent les harnois, les chars
et les instruments d'agriculture, font du droguet ou de la toile. Les femmes filent le
chanvre et le lin, soignent le bétail et fabriquent les fromages d'hiver.
Die Industrie, um so aktiver im Jura je unfruchtbarer der Boden, hat einen fast
allgemeinen Wohlstand im hohen Bergland entstehen lassen, wo die mechanischen
Künste beinah die gesamte Bevölkerung beschäftigen. Nach dem Pflügen und der
Aussaat beschäftigen sich die Frauen mit den bäuerlichen Arbeiten, sorgen für das
Vieh und die Molkerei. Während des Winters verlassen die Männer in einigen
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Kantonen das Land, um den Flachs kämmen zu gehen; andere in viel größerer
Zahl verdingen sich dem Transportgewerbe und durchqueren das Königreich, in-
dem jeder zwischen zwei und sechs Fuhrwerke am Riemen führt und täglich fünf
bis sieben Orte besucht. Diejenigen, die sesshaft sind, dreschen das Korn während
der schlechten Jahreszeit, fertigen Schindeln, reparieren die Harnische, Pflüge und
landwirtschaftlichen Geräte, fertigen Wollstoffe oder Leinwand. Die Frauen spin-
nen Hanfgarn oder das Leinen, versorgen das Vieh und fertigen die Käse des Win-
ters.“ Zitatende.
Hatte es bereits nach wenigen Jahren Ansätze zu einer Arbeitsteilung gegeben, in-
dem man Glocken, Kartuschenzifferblätter und ganz zum Schluss auch Emailzif-
ferblätter aus Le Locle zukaufte, so darf man als sicheres Zeichen für eine stark
gestiegene Produktion und Nachfrage die Tatsache werten, dass ein Emailleur aus
Le Locle abgeworben werden konnte, der sich in Morbier niederließ, um die neu-
artigen Emailzifferblätter für die Comtoise Uhren zu fertigen. Die steigende Pro-
duktion konnte nur durch Arbeitsteilung an Ort und Stelle geschaffen werden.
Da die Anzahl der Schmiede/Uhrmacher aber nicht beliebig erweiterbar war,
musste man also die Arbeitsweise ändern, um die Produktion steigern zu können.
Der einzelne Schmied/Uhrmacher fertigte nun nicht mehr alle Teile selbst an, son-
dern ließ geeignete Teile von Bauern der Umgebung, d.h. von ungelernten Arbeits-
kräften, in Heimarbeit anfertigen. Dieser Beginn einer Arbeitsteilung setzt natür-
lich voraus, dass sich ein Schmied/Uhrmacher zum Unternehmer wandelte, der die
Gesamtproduktion überwachte, die er in einzelne Arbeitsschritte aufteilte und
dann in Heimarbeit fertigen ließ. Dieser Übergang vom Handwerker zum Unter-
nehmer bedurfte abgesehen vom Organisationstalent noch einer anderen entschei-
denden Voraussetzung, die da hieß: Kapital.
Bevor also ein Schmied/Uhrmacher als Unternehmer tätig werden konnte, musste
er erst einmal Kapital ansparen. Mit diesem Kapital musste er das Material vorfi-
nanzieren, dass er seinen Heimarbeitern zur Verfügung stellte. Im günstigsten Fall
brachte ihm sein Heimarbeiter dann einmal wöchentlich die gefertigten Teile, im
ungünstigsten Fall konnte dies im Winter, wenn der Heimarbeiter eingeschneit ist,
auch schon mal ein paar Wochen dauern. Trotzdem musste der Heimarbeiter so-
viel Arbeitsmaterial in seinem Haus haben, dass er immer beschäftigt war, egal
wie das Wetter war.
Das Wetter wiederum war der größte Verbündete der Unternehmer, denn sie konn-
ten auf ein großes brachliegendes Arbeitskräftepotential zurückgreifen. Die Winter
im Hohen Jura sind hart und lang. Es ist nicht ungewöhnlich, dass von November
bis April, manchmal bis in den Mai, der Schnee die Bauern an ihre Höfe band.
Das Vieh musste zwar im Stall versorgt werden, aber im Winter hatten die Bauern
doch wesentlich mehr Leerzeit als im Sommer, die nun für den Nebenerwerb zur
Verfügung stand. In ihren Häusern konnten sie an ihren kleinen Werktischen und
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Drehstühlen arbeiten, die sicherlich überwiegend durch Fußbetrieb in Gang gehal-
ten wurden. Es gab aber in den Häusern auch kleine Schmiedefeuer, deren Blase-
bälge durch Wasserkraft angetrieben wurden, es wird sogar von durch Hunde an-
getriebene Laufräder berichtet, die die nötige Energie lieferten.
Das Gebiet des Hohen Jura ist monatelang von Schnee bedeckt, es friert beständig
und doch sprießen, wenn der Frost nicht zu extrem ist, stets kleine Quellen aus
dem Boden, und Gebirgsbäche führen permanent Wasser. Dies ist auch nicht ver-
wunderlich, besteht doch der Gebirgszug des Jura aus Kalk, der so porös ist, dass
Wasser sehr schnell versickert. Im Laufe der Jahrmillionen hat sich ein Netz von
unterirdischen größeren und kleineren Wasseradern und Reservoirs gebildet, wel-
ches ganzjährig für den Wasserfluss sorgt. Im 18. Jahrhundert bildete dieser per-
manente Wasserfluss der kleinen Bäche die einzige verfügbare nutzbare Energie
zum Antrieb von Maschinen, z.B. über Wasserräder wurden Mühlsteine oder
Hammerwerke in Schmieden angetrieben. Die Gletscher, die während der Eiszeit
das Gebiet bedeckten, hinterließen bei ihrem Rückzug Lehmschollen, auf welchen
man heute im Hohen Jura auch einen bescheidenen Ackerbau oder Viehwirtschaft
treiben kann. Fehlt die Wasser haltende Lehmschicht, versickert das Nieder-
schlagswasser sehr rasch, und es bilden sich Trockengebiete, es sei denn, dass der
poröse Kalk sein unterirdisches Wasser in Form von Quellen wieder ans Licht
kommen lässt. In allen diesen Gebieten mit Kalkuntergrund finden sich die vielfäl-
tigen Erscheinungsformen der Verkarstung, wie Dolinen, Klüfte, Schlucklöcher
( ein Flüsschen verschwindet in den Untergrund ), unterirdische Fluss- und Höh-
lensysteme, Tropfsteinhöhlen usw. Die Grenze zwischen Laub - und Nadelhölzern
liegt bei etwa 800 m. Die meisten Orte des Hohen Jura, in denen für die Uhrenin-
dustrie gefertigt wird, liegen im Nadelholzbereich.
Das Wasser der Bienne hat im Laufe der Zeit in den Kalk ein tiefes Kerbtal ero-
diert, welches am Grund, wie es Lequinio im Fall des Städtchens Morez beschrie-
ben hat, so schmal ist, dass gerade einmal Platz für eine Straße mit 2 Reihen Häu-
ser zur Verfügung steht. Kein idealer Ort für die Gründung einer Siedlung, aber
aufgrund des permanent fließenden Wassers ein idealer Standort mit kostenloser
Energie.
Die Menschen erkannten diesen Standortvorteil schnell und Lequinio berichtet
von einem ausgeklügelte Wasserbewirtschaftungssystem, um möglichst jede Werk-
statt und Fabrik mit der kostenlosen Energie zu versorgen. Mit dieser Energie
konnten Hammerwerke betrieben werden, um Eisen und Metalle zu schmieden
und zu schneiden, aus welchen dann die einzelnen Räder, Triebe und Hebel der
Uhrwerke gefertigt wurden, und nur dank dieser Energie war die Produktions-
ausweitung möglich.
Der Unternehmer kaufte das Metall beim Schmied, möglicherweise waren sogar
Unternehmer und Schmied ein und dieselbe Person, und er organisierte die Ferti-
gung der Einzelteile durch seine Heimarbeiter. Die Uhren wurden dann aus diesen
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Teilen zusammengebaut und letztendlich von einem Fachmann kontrolliert und
zum Laufen gebracht. Innerhalb von ca. 50 Jahren hatte sich die Produktion der-
art gesteigert, dass praktisch jedes Haus in der Umgebung von Morez eine Werk-
statt beheimatete, wie uns Lequinio berichtete, in welcher Teile für diese Uhren
gefertigt wurden. Innerhalb von 50 Jahren war aus einer kleinen Ansiedlung an
der Bienne die Stadt Morez ( Gründungsdatum 1776 ) entstanden, die um 1800 ca.
1200 Einwohner hatte. Morez hat sich innerhalb kürzester Zeit zum führenden
Produktions- und Vertriebsort für die Metallverarbeitung des Hohen Jura entwi-
ckelt.
In anderen Gemeinden des Hohen Jura fertigten die Bauern-Mechaniker unter
vergleichbaren Bedingungen neben ihren landwirtschaftlichen Produkten, d.h.
insbesondere Käse für den Verkauf in andere Landesteile, Gebrauchsgüter, wie Si-
cheln und Sensen, geschmiedete Nägel, hölzerne Artikel aber auch Comtoise Uh-
ren. Alle diese von Bauern-Mechanikern gefertigten Artikel und von Bauern-
Transporteuren vertriebenen Artikel weisen einige Gemeinsamkeiten auf, nämlich:
1. Das Grundmaterial ( Metall und Holz ) ist am Ort vorhanden und/oder wird
vom Unternehmer gestellt.
2.. Bei der Herstellung wird bei vielen Artikeln der Drehstuhl oder die Drechsel-
bank gebraucht, und diese Arbeitsleistung wird durch Heimwerker erbracht, wo-
hingegen die Fertigstellung des Produkts von einem Unternehmer besorgt wird.
3. Der Gewinn aus den Produkten generiert sich aus der hohen erbrachten, hand-
werklichen Arbeitsleistung, nicht aus dem Grundmaterial.
4. Die hergestellten Produkte sind relativ klein und leicht, aber von hohem Wert, so
dass sich der Transport über große Entfernungen lohnt.
Ein weiterer entscheidender Grund für den Erfolg der Kleinindustrie des Hohen
Jura lag darin, dass die arbeitenden Handwerker zwangsläufig mehr Arbeitsstun-
den für die Herstellung der Produkte leisteten, als dies andere Handwerker in an-
deren Teilen Frankreichs taten. Zwangsläufig ?
Im Mittelalter und auch noch im 18. Jahrhundert war der komplette Jahresablauf
durch die katholische Kirche geregelt, d.h. es gab eine Vielzahl von Feiertagen, an
denen nicht gearbeitet wurde. Es waren wesentlich mehr Feiertage, als wir uns dies
heute vorstellen können. Teilweise wurde nur an der Hälfte aller Tage eines Jahres
gearbeitet. Die Erträge der Landwirtschaft waren auch aus vielerlei anderen
Gründen ( Steuerabgaben, Leibeigenschaft, Güte des Ackerbodens usw. ) gering.
Die Erträge reichten mehr recht als schlecht zur Ernährung der Bevölkerung aus,
und Kapital, welches für Investitionen benötigt wird, ließ sich aus den Gewinnen
der Landwirtschaft nicht ansparen.
Im Hohen Jura hingegen war eine intensive Landwirtschaft aus klimatischen und
geographischen Gründen nicht möglich, es wurde eine extensive Weidewirtschaft
betrieben. Die Milch wurde zu lagerfähigem Käse verarbeitet, der verkauft wurde
und dadurch den Lebensunterhalt sichern half. Seit Alters her bekannte Käsesor-
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ten des Jura sind z.B. Le Comté, Le Mont-d'Or, Le Bleu du Haut-Jura, Le Morbier
und Le Munster.
Diese Produkte konnten jedoch nicht im Jura verkauft werden, so dass sich ein
Transportwesen für den Vertrieb dieser landwirtschaftliche Erzeugnisse entwickel-
te.
Während der Wintermonate, in denen viele Bauern monatelang in ihren Häusern
eingeschneit waren, entwickelte sich eine handwerkliche Produktion hochwertiger
Güter, die ebenfalls durch das bereits existierende Transportgewerbe vertrieben
werden konnten. Vielfach konnten die Bauern-Mechaniker, wenn ihr Häuser ein-
geschneit und Wege unpassierbar waren, an der Vielzahl kirchlicher Feiertage und
sicher auch Sonntagen weder die Kirche besuchen noch die Feste feiern, so dass
also zwangsläufig an diesen Tagen auch gearbeitet wurde. Diese geleistete Mehrar-
beit war sicherlich auch ein Grund für den Wohlstand des Hohen Jura, denn man
konnte nicht nur gut davon leben, sondern auch Kapital für Investitionen anspa-
ren. Lequinio berichtet nicht umsonst von Reichtum in Morez, der sich auch in
entsprechenden Häusern manifestiert. Den Unterschied der Gebäude zwischen
Hohem Jura und Ebene beschreibt auch S. Guyétant, wie wir oben gelesen haben.
Wenn allerdings S. Guyétant die Unterschiede auf unterschiedliche Intelligenz der
Bewohner des Hohen Jura und der Ebenen zurückführt: "Les deux sexes sont la-
borieux et doués d'une intelligence native bien supèrieure à celle des habitants de
la Plaine. Die beiden Geschlechter sind arbeitssam und mit einer angeborenen In-
telligenz ausgestattet, die höher als diejenige der Bewohner der Ebene ist.", so
muss dies doch stark bezweifelt werden. Den Menschen war sicherlich keine unter-
schiedliche Intelligenz in die Wiege gelegt worden, vielmehr dürften die Heraus-
forderungen, bedingt durch unterschiedliche geographische und klimatische Ge-
gebenheiten zwischen Hohem Jura und Ebene, den Erfindungsgeist der Menschen
angespornt haben. Nicht umsonst heißt es: Not macht erfinderisch.
Die Uhrenproduktion war auf ein bestimmtes Gebiet mit dem Zentrum Morez/
Morbier beschränkt, in welchem eine Metallverarbeitung vorherrschte, welche
sich durch die nutzbare Energie der Wasserkraft der Bienne daselbst entwickelt
hatte.
Nicht nur Metalluhren, sondern auch Bratenwender wurden produziert. Uhren
und Bratenwender haben eines gemeinsam, nämlich ein Räderwerk, welches durch
Federzug bzw. durch Gewicht zum Ablauf gebracht wird. Wird der Ablauf bei ei-
nem Uhrwerk durch eine Hemmung in immer wieder gleiche Abschnitte eingeteilt,
so wird auch der Ablauf des Bratenwender-Uhrwerks durch eine kontinuierlich
drehende Fliehkrafthemmung, so will ich dies einmal bezeichnen, geregelt. Pro-
duktionstechnisch für die Hersteller ein Aufwasch, Uhren und Bratenwender wa-
ren ideale Ergänzungsprodukte.
Aus dieser Metall verarbeitenden Kleinindustrie entwickelte sich gegen Ende des
18. Jahrhunderts dann ein weiterer Produktionszweig, der im 19. Jahrhundert
dann einen ungeahnten Aufschwung erfuhr und wesentlich zum Wohlstand der
Seite
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Bevölkerung, aber auch zum Niedergang der Uhrenindustrie beitrug. Es ist von
der Brillenindustrie die Rede. War Morez vom letzten Viertel des 18. Jahrhunderts
bis zum letzten Viertel des 19. Jahrhunderts die Hauptstadt der Grossuhrenindus-
trie ( Comtoise Uhren, Gebäudeuhren, Rahmenuhren ) in Frankreich, so wurde
Morez danach für etwa ein Jahrhundert die Hauptstadt der Brillenindustrie.
Extrem solide Comtoise Uhren, manchmal auch ein wenig geringschätzig als eiser-
ne Kästen bezeichnet, wurden durch eine perfekt organisierte Arbeitsteilung er-
folgreich produziert und verkauft. Es war mehr das Ergebnis einer Metall produ-
zierenden und verarbeitenden Kleinindustrie auf Heimarbeiterbasis als einer ech-
ten Uhrenindustrie. Uhrentechnisch gesehen wurden diese Uhren nicht von Uhr-
machern, sondern von begabten Mechanikern produziert.
Das dem so war, lässt sich vielleicht an 2 Beispielen, die auch in diesen Texten er-
wähnt werden, verdeutlichen.
Wären ausgebildete Uhrmacher in Morez vorhanden gewesen, die bereit gewesen
wären, als lohnabhängige Arbeiter zu arbeiten, dann wäre der hoffnungsvolle In-
vestor nicht gescheitert, der im Jahr 1766 kleine Pendeluhrwerke, vermutlich ver-
gleichbar den Pariser Uhrwerken der damaligen Zeit, produzieren wollte. Dass er
auf Protestanten aus der Schweiz zurückgreifen musste, belegt doch eindeutig,
dass man kleine Pendeluhrwerke nicht mit begabten Handwerkern und schon gar
nicht von Heimarbeitern herstellen lassen konnte, er brauchte qualifizierte Uhr-
macher.
"Un particulier, qui y avait établi en 1766 une petite fabrique de pendules, avait
dû, ne trouvant pas dans le pays des ouvriers suffisamment habiles, en faire venir
de Suisse“. Ein Privatmann, der dort im Jahr 1766 eine kleine Fabrik für Pendel-
uhren gegründet hatte, musste, da er im Land nicht genügend geschickte Hand-
werker fand, sie aus der Schweiz kommen lassen." hatten wir doch im Text von
Ernst Girod gelesen.
Qualifizierte Uhrmacher waren sicherlich vorhanden, aber als selbstständige
Uhrmacher, die Comtoise Uhren produzierten und verkauften, konnten sie mehr
verdienen, als für einen anderen Unternehmer als lohnabhängige Arbeiter dessen
Uhrwerke zu produzieren.
Das 2. Beispiel entnehmen wir auch diesem Text, wenn wir lesen:
"Cette même année, le célèbre horloger, Antide Janvier de St-Lupicin (1) vint se
cacher au hameau des Chalettes de Morez, pour se dérober aux poursuites dont il
était l'objet de la part d'un ministre puissant. Il y demeura près d'un an et contri-
bua puissamment à perfectionner la fabrication de l'horlogerie par les lecons de
principes qu'il donna avec autant de zèle que de désintéressement pendant son
séjour, à quelques ouvriers ses voisins“. Im selben Jahr versteckte sich der be-
rühmte Uhrmacher Antide Janvier aus St-Lupicin (1) im Weiler Chalettes von Mo-
rez, um sich den Verfolgungen zu entziehen, von denen er der Gegenstand seitens
Seite
132BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
eines mächtigen Ministers war. Er verbrachte dort beinah ein Jahr und trug kräf-
tig dazu bei, die Uhrenfabrikation durch Grundsatzlektionen zu verbessern, die er
mit genauso viel Fleiß wie Uneigennützigkeit verschiedenen Arbeitern seiner
Nachbarschaft gab." ( es handelt sich um das Jahr 1771 ).
Wenn Antide Janvier, der zur ersten Garde französischer Uhrmacher zählt,
Grundsatzlektionen im Fach 'UHRMACHEREI' an Arbeiter, vermutlich Heimar-
beiter, gab, so belegt auch dies deutlich, dass ausgebildete Uhrmacher kaum oder
gar nicht vorhanden waren.
Comtoise Uhren von vor 1770/1780 zeugen teilweise von einer exquisiten Qualität,
die von begabten Schmieden/Uhrmachern stammten, die sich von Schmieden zu
Uhrmachern im Sinne von Uhrenmachern entwickelt hatten, aber eben nicht von
Uhrmachern, die bei Uhrmachern in die Lehre gegangen waren. Oder doch? Über
Ausbildung und Meister hatten Sie im Kapitel 9 gelesen.
Auf Grund der Höhe des Hohen Jura über N.N. konnte man viele Pflanzen, insbe-
sondere Weizen, nicht anbauen und man war auf den *Import* von Weizen ange-
wiesen. Die Bewohner des Hohen Jura waren schon seit Alters her nicht nur Bau-
ern, die ausschliesslich Viehwirtschaft betrieben, sondern immer auch Schmiede
und Zimmerleute. Schmiede bearbeiteten das Eisen, Zimmerleute bearbeiteten das
Holz. Schmiede und Zimmerleute waren die wichtigsten Berufe der damaligen
Zeit, denn alles, was gebaut und hergestellt wurde und die fachkundige Bearbei-
tung des Werkstoffes voraussetzte, wurden von ihnen erledigt. Die Produkte der
*Agro-Schmiede* und der *Bauern-Mechaniker* konnten dann in anderen Ge-
genden Frankreichs verkauft bzw. gegen Weizen eingetauscht werden.
Eisen und Holz waren vorhanden. Eisen nicht direkt im Hohen Jura, aber in nied-
riger gelegenen Gebieten wurde Eisen aus *RASENEISENSTEIN*, auch *Rasen-
eisenerz* genannt, in Rennöfen geschmolzen. ( Unter den entsprechenden Suchbe-
griffen finden Sie im Internet Erläuterungen ). Das derart produzierte Eisen
zeichnete sich durch hohen Kohlenstoffgehalt aus, der entweder durch erneutes
Erhitzen und/oder durch Schmieden entfernt werden musste. Es wurden dann
schliesslich Eisenstäbe und Eisenbleche gefertigt, die dann an die Schmiede, die es
in jedem Ort gab, als Halbfertigwaren geliefert wurden. Teilweise mussten die
Schmiede dann das Eisen noch ‚nachbearbeiten‘, d.h. hämmern ( schmieden ), um
die benötige Qualität zu erhalten. Dass es unterschiedliche Qualitäten gab, kann
man oft an den verwendeten Blechen für Frontplatten, Rückseiten, Türen, selbst
an den Käfigplatten erkennen. Man findet saubere glatte Metalloberflächen, aber
auch wellige Oberflächen mit unterschiedlichen Stärken in geringen Abständen
voneinander.
Der komplette Fertigungsprozess vom Raseneisenerz bis zum fertigen Eisenblech
ist ein langwieriger Prozess und würde in ausführlicher Darlegung sicher den Um-
fang eines Buches erreichen, hier aber nicht das Thema der Untersuchung ist.
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Dies war die Grundlage der Agro-Schmiede vor Entstehung der Uhrenproduktion.
Die Viehwirtschaft lieferte die Milch zur Käseerzeugung und die geschmiedeten
Nägel ( oder Sicheln, Sensen oder aus Holz gefertigte Gebrauchsgegenstände ) die
*Devisen* für die Importe. Kleinere Schmiedfeuer fertigten Nägel, größere
Schmiedefeuer, an denen mehrere Schmiede miteinander arbeiten konnten, wie
z.B. die Mayets, Carts, Malfroys, Fumeys usw. fertigten Turmuhren oder auch ge-
schmiedete Eisenkäfige, mit denen andere Schmiede/Uhrmacher Comtoise Uhren
bauten.
Doch wer baut noch Häuser und benötigt Baunägel, Türangeln, Anker für Balken,
oder welcher Kirchturm benötigt noch ein Turmuhrwerk, geschweige denn ein bis
dato unbekanntes Produkt, wie z.B. eine Comtoise Hausuhr, wenn das ganze Land
Hunger leidet und friert?
Während der *Kleinen Eiszeit* vom 15. bis 19. Jahrhundert sanken nämlich in der
2. Hälfte des 17. Jahrhunderts, nicht nur in Frankreich, nicht nur im Hohen Jura,
sondern in ganz Europa, bedingt durch das sogen. Maunder-Minimum - einer
ausgedehnten Phase verminderter Sonnenaktivität - die Durchschnittstemperatu-
ren auf das niedrigste Niveau der gesamten Phase. Heute kaum denkbar, konnten
damals die Londoner Bürger im Winter auf der Themse regelmäßig Schlittschuh-
laufen, auch in den Niederlanden können wir in dieser Zeit auf den Gemälden alter
Meister diese Winterfreuden regelmäßig betrachten. Die Betonung liegt auf regel-
mäßig!
Im Jahr 1668 führten Schweden und Dänemark Krieg gegeneinander, und die
schwedische Armee konnte über die zugefrorene Ostsee einfach gegen Dänemark
aufmarschieren.
Das ohnehin schon beschwerliche Leben im Hohen Jura wurde um die Jahrhun-
dertwende vom 17. zum 18. Jahrhundert noch härter, denn Hunger war vielfach
an der Tagesordnung.
Genau in dieser Phase des letzten Jahrzehnts des 17. Jahrhunderts und des ersten
Jahrzehnts des 18. Jahrhunderts müssen die ersten Comtoise Uhren im Hohen
Jura entstanden sein. Gefunden haben wir leider bis heute keine eindeutig in diese
Periode datierbare Comtoise Uhr. Selbst wenn die Schmiede/Uhrmacher des Ho-
hen Jura in dieser Zeit Hausuhren gebaut hätten, dann hätten sie für diese Uhren
wahrscheinlich keine Käufer finden können, denn jedermann kämpfte aufgrund
der allgemeinen wirtschaftlichen Misere mit Hungerjahren ums Überleben.
Weggehen, auswandern, um sein Glück anderswo zu versuchen, wäre nur unter
Verlust seines gesamten Besitzes wegen des herrschenden Erbrechts, *mainmorte*
( der toten Hand ) möglich gewesen. Selbst dies war oft unmöglich, denn entflohene
Hörige wurden mit Gewalt durch die Lehnsherrn/Grundherrn zurückgeholt. Über
das Erbrecht der *mainmorte* hatten Sie in den Kapiteln 6 + 9 gelesen.
Seite
134BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Doch auch anderswo herrschte Hunger wegen des extrem schlechten Wetters, und
die Menschen verhungerten zu Hunderttausenden in Frankreich. Um 1705/10 war
diese Schreckenszeit jedoch vorbei, und es erscheinen die ersten Comtoise Hausuh-
ren im Hohen Jura. Nicht vereinzelt mal eine Uhr, sondern so massiv, da zahlreiche
Uhrmacher gleichzeitig Uhren produzierten. Innerhalb von 10 Jahren sind die
Comtoise Hausuhren des Hohen Jura ein erfolgreiches neues Produkt am Markt.
Alle bekannten Familiennamen des Hohen Jura finden wir als Signaturen auf den
ersten Comtoise Uhren der Frühzeit bis 1740/50.
In meinem Buch, Band II GESCHICHTE DER COMTOISE UHREN aus dem
Jahr 2009 hatte ich auf Seite 51 geschrieben:
„In dieser Zeit war der Schmied/Uhrmacher der alleinige Hersteller der Uhr, d.h.
alle Teile wurden von ihm gefertigt. Als Schmied bearbeitete er das Eisen und fer-
tigte die benötigten Eisenbleche und Vierkanteisen, aus denen die Käfige, Rohpla-
tinen, Rohtriebe und Kleinteile gefertigt wurden. Als Schmied hämmerte er die
Messingbleche auf die gewünschten Stärken.“
10 Jahre später, also nun im Jahr 2018, muss ich diesen Satz nun ein wenig abän-
dern:
„In dieser Zeit war der Schmied/Uhrmacher der alleinige Hersteller der Uhrenteile
Als Schmied kaufte er die Vierkanteisen und Eisenbleche bei den Hammerwerken
und schmiedete und schnitt aus diesen Halbfertigwaren die Käfige, Platinen, Pen-
delkamine, Rück- und Vorderseiten und Türen.“
Meine weiteren Aussagen auf Seite 51 des Buchs von 2009 muss ich nur hinsicht-
lich der ‚Mayet Periode‘ abändern:
Als „Schmied“ fertigte er auch die Rohtriebe, die er dann als „Uhrmacher“ mit
der Feile bearbeitete und alle benötigten Längen und Verzahnungen in mühsamer
Handarbeit ausfeilte. In die Messingbleche wurden die benötigten Innen- und Au-
ßendurchmesser mit dem Zirkel eingeritzt, die Schenkel eingeritzt, die Zahnteilung
eingeritzt, um dann endlich das Rad und die Verzahnung mit einer Säge auszusä-
gen bzw. auszufeilen. Einfache Drehbänke waren sicher vorhanden, so dass man
z.B. Zapfen an Trieben andrehen oder anfeilen konnte, aber Drehbänke mit Teil-
scheiben zur Ausfräsung der Verzahnungen gab es zu dieser Zeit noch nicht. Da-
neben waren Zirkel, Winkel- und Längenmaß, Feile und Säge und Hammer die
wichtigsten Werkzeuge eines 'Uhrmachers' dieser Zeit. Der Rest war viel Ge-
schicklichkeit, aber auch stumpfsinniges Einerlei des Sägens und Feilens. Schauen
wir uns die handwerklichen Einzelanfertigungen der Mayet Periode an ( heute im
Jahr 2018/2022 spreche ich nicht mehr von Mayet Periode, sondern von der ersten
Periode der Haut-Jura Comtoise Uhr ), so erkennen wir z.B. an vielen Rädern
noch Reste der eingeritzten Kreise und Linien, an den Ritzeln vielleicht noch Un-
ebenheiten durch das Feilen. Man kann nur voll größter Bewunderung für solch
perfekte Handarbeit sein, die einer gefräster Verzahnung in nichts nachsteht.
Seite
135BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Die Zifferblätter waren einfache Messingringe, in welche Zahlen und Linien mit
dem Stichel eingraviert wurden, die Zierecken wurden aus dem gleichen Blech
ausgesägt. Es ist anzunehmen, dass ein einziges Teil dieser Uhren der frühen Mayet
Periode ( der frühen Haut-Jura Comtoise Uhren ) nicht im Jura gefertigt wurde,
sondern ein Importteil war, nämlich die Glocken. Im Hohen Jura ist für diese Zeit
keine Giesserei nachweisbar, die Bronzeglocken hätte liefern können.
Bevor die Schmiede des Hohen Jura begannen, Uhren zu bauen, waren Sie als
Hersteller geschmiedeter Ackergerätschaften beschäftigt. Auch wurden in großem
Maßstab Nägel gefertigt, die Absatz in ganz Frankreich fanden. Diese Produkte
mussten zu den Kunden gebracht werden, so dass es einen organisierten Vertrieb
gab und man auf diese Weise in andere Landesteile zum Verkauf dieser Produkte
wanderte und dann bei dieser Gelegenheit natürlich bei Gießereien entsprechende
Glocken einkaufen konnte.
Dass es im Jura anfangs keine Messing- oder Bronzegießereien gab, kann man
auch daran erkennen, dass man aus Paris Messingguss - Kartuschenzifferblätter
für die Comtoise Uhrwerke importierte.
Anscheinend gab es bereits vor dem Erscheinen der Comtoise Uhr und in dieser 1.
Periode im Hohen Jura eine andere Produktion von Uhren, die aber fast unbe-
kannt zu sein scheint. Es muss sich dabei um hölzerne Uhren gehandelt haben,
vergleichbar den Schwarzwälder Uhren. Darüber lesen wir auf den Seiten 134 –
138 bei M. Munier, NOTICE SUR L'HORLOGERIE dans les montagnes du Jura.
Revue Chronométrique, 1859-1861
"C'est donc à la suite de cette époque, et peu après elle, qu'elle s'implanta dans nos
parages; aussi elle s'y généralisa tellement que, dès les temps les plus reculés, Fon-
cine était en possession de fournir des horloges et des horlogers à toute la France.
En effet, dans toutes les villes, partout et dès une époque très-ancienne, vous trou-
vez des horlogers sortis de ce pays; autrefois les horloges de cuisine n'etaient con-
nues que sous le nom d'horloges de Foncine.........L'horlogerie était déjà si répan-
due et si prospère à Foncine dans le XVIe siècle que les frères Mayet, de Morbier,
horlogers eux-mêmes, vinrent y établir une maison pour servir d'entrepôt au
commerce d'horlogerie qu'ils voulaient établir sur une plus vaste échelle."
frei übersetzt: "Es ist doch im Anschluss an diese Epoche, ein wenig nach ihr, dass
sie sich in unserer Gegend ansiedelte; aber sie weitete sich dort dermaßen aus, dass
Foncine, von den weitest zurückliegenden Zeiten an, in der Lage war, Uhren und
Uhrmacher nach ganz Frankreich zu liefern. In der Tat finden Sie überall in allen
Städten seit dieser sehr alten Epoche Uhrmacher, die aus diesem Land kamen;
damals waren die Küchenuhren nur unter dem Namen 'Uhren aus Foncine' be-
Seite
136BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
kannt. ....... Die Uhrmacherei war im 16. Jahrhundert in Foncine schon so verbrei-
tet und florierend, dass die Brüder Mayet aus Morbier, selbst Uhrmacher, dorthin
kamen, um ein Haus zu errichten, welches als Lager für den Uhrenhandel dienen
sollte, den sie auf eine breitere Grundlage stellen wollten."
Was für Uhren wurden also hier in Foncine produziert, die in ganz Frankreich als
'Uhren aus Foncine' bekannt waren? Wenn es aus Metall gefertigte Uhren gewesen
wären, so wären einige solcher Uhren erhalten geblieben. Es kann sich also nur um
hölzerne Uhren gehandelt haben. Auch an anderer Stelle in der Literatur wird von
hölzernen Uhren berichtet, die z.B. in St-Claude oder in Fourg gefertigt wurden.
Erinnern wir uns auch an die Mayet Legende, in welcher von einer hölzernen
Kirchturmuhr berichtet wird, die von den Mayet durch eine baugleiche eiserne
ersetzt wurde.
Bis heute scheint außer diesen Hinweisen nichts über eine ausgedehnte Produktion
von hölzernen Uhren im Hohen Jura bekannt zu sein, was natürlich nicht aus-
schließt, dass es sie nicht gegeben hat.
Die Wahrscheinlichkeit, dass es sie gegeben hat, ist jedenfalls größer als umge-
kehrt.
Anzunehmen ist aber, dass die soliden, reparatur- und wartungsfreundlichen Com-
toise Uhren sehr schnell diese Produktion der hölzernen Uhren in Foncine ver-
drängte. Die eisernen Uhren mit Pendel waren zwar teurer, aber die Genauigkeit
größer, die Folgekosten für den Käufer geringer, so dass das Qualitätsprodukt
‚Comtoise Uhr’ sicher sehr schnell den Markt erobert hat.
Es wäre natürlich nun höchst interessant, hölzerne Uhren zu finden, die definitiv
im Hohen Jura gefertigt wurden.
Seite
137BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Seite
138BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
12. SIGNATUREN AUF FRÜHEN COMTOISE UHREN 1700/1710 -
1740/50 bzw. mit Messing-, Zinn-oder Kartuschenzifferblättern sowie
Email-Zifferblättern bis ca. 1760
Abkürzungen der Quellen:
TB Comtoise Klokken, Ton Bollen, 1974
CUGS Die Comtoise-Uhr, Gustav Schmitt, 1985
MC Musée Crozatier,Quarte Siècles d‘Horlogerie FrancaiseÀPoids,1985
CUM Comtoise Uhren Museum, Düsseldorf
OCUM Online Comtoise Uhren Museum www.morbier-clocks.de
CUBD Geschichte der Comtoise Uhren,Bernd Deckert, 2009 Band 1 + II
CU05 Comtoise Uhren, Siegfried Bergmann, 2005
CU12/I-III Comtoise Uhren, Siegfried Bergmann, 2012, Band I, II, III, IIII
MM Maizner Moreau, La Comtoise La Morbier La Morez, 1985
MFS2004 Met Franse Slag, Ausstellung, Schoonhoven 2004
VTTH2011 Van Torenuurwerk tot Huisklok, Schoonhoven 2011
GVH Georg von Holtey, Chronométrophilia No. 71, 2014
Handschriften der Uhrmachermeister des Hohen Jura
GVH1 Georg von Holtey, Chronométrophilia No. 65, 2009
Jean Baptiste Cattin ( 1687 - 1767 )
CH2016 Chris Hooijkaas, Speciale Comtoises en Lantaarnklokken, 2016
CATTIN J.B.CATTIN AU FORT DU PLANNE, MFS2004 Abb 5,
CATTIN JEAN BAPTISTE CATTIN AU FORT DU PLASNE, GVH Seite 32,
CATTIN C L CATTIN AU FORT DU PLANE EN FRANCHE COMTE,
CU12/1 Seite 220
CATTIN MAXIMIN CATTIN, TB Bild 6
Seite
139BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
CATTIN FAIT PAR MAXIMIN CATTIN AU FORT DU PLASNE, GVH1 Seite 33,
CATTIN MN CATTIN AU FORT DU PLASNE, GVH1, Seite 34
CHAMPION G I CHAMPION A PARIS, CU12/III Seite 818, CU12/IIII Seite 1184,
CDG CDG ( auf MS Kartusche ) CUGS Seite 38
DAUTEL C.A.DAUTEL A PLOMBIER, CU05 Seite 32 + CU12/I Seite 72,
CUBD Band I Seite 283, CUBD Band 1 Seite 296
DUCHAUSSOY DUCHAUSSOY A ST.IAME, VTTH2011, Seite 20,
FAJAIRE F. FARJAIRE A ST ETIENNE, CUGS Seite 19, MC Seite 42,
FAVERET FAVERET A LAVIGNY, CH2016 Seite 143,
FRANCOIS CLAUDE FRANCOIS 1762, TB Bild 18,
FRANCOIS C.FRANCOIS LUXEUIL 1736, VTTH2011 Seite 5,
FRANCOIS FRANCOIS LUCEUL, TB Bild 20,
FM FM ( in MS Zierfront ), MFS2004 Abb.1c,
GRAND D GRAND A MIGNOVILLARD 1784, CU12/I Seite 213,
D GRAND A MIGNOVILLARD 1761, CU12/I Seite 306,
GRAND D GRAND A MIGNOVILLARD POUR NICOLET 1780, CH2016 Seite 67
GRAND P.M.GRANDVAUX A VOITEUR PAR DESIRE GRAND HORLOGER A
MIGNOVILLARD 1775, CUBD Band I Seite 292,
GROS JOSEPH GROS, VTTH2011 Seite 13,
GUIETEANT GUIETEANT A MACON, CU12/II Seite 437, CUBD Band 1 Seite 299,
GUYDEVAUX JEAB GUYDEVAUX 1747, GVH Seite 10, ..... 1724 = GVH Seite 29,
JANNIN A.JANNIN A FONCIONE LE BAS EN COMTÉ, MM Seite 16
AJJ A.J.JANNIN, VTTH2011 Seite 8, GVH Seite 34 + gekröntes C
JEUNET JEUNET A CLUNY, CU05 Seite 80 + CU12/I Seite 211
JEUNET P.F.JEUNET A FONCINE, VTTH2011 Umschlag Rückseite
JOBEZ LES FRERES JOBEZ, CU05 Seite 42 + CU12/I Seite 88,
IOUFFROY PIERRE SIMON IOUFFROY AU FORT DU PLASNE EN CONTEE
Seite
140BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
TB Bild 26, CU12/I Seite 78
IOUFFROY IOUFFROY AU FORT DU PLASNE, VTTH2011 Seite 8,
IOUFFROY IOUFFROY EN CONTEE, MC Seite 42,
IOUFFROY FAIT PAR JEAN IOUFFROY AU FORT DU PLASNE, GVH Seite 31,
LANCE LANCE A FONCINE EN CONTE, CU12/I Seite 94,
MARTINET JEAN BAPTISTE MARTINET AU FORT DU PLASNE, TB Bild 27,
MAYET I B MAYET A BELLE FONTAINE, TB Bild 4, CU05 Seite 42 +CU12/I Seite 87
MAYET I B MAYET A FONCINE, TB Bild 25, CU12/II Seite 489, CUGS Seite 47,
MFS2004 Abb.2, VTTH2011 Seite 4, MS Seiten 40+44, GVH Seite 33,
CUBD Band 1 Seite 5
MAYET JEAN BAPTISTE MAYET A FONCINE, VTTH2011 Seite 14, CH2016 Seite 84
MAYET JEAN BTE MAYET A BELLE FONTAINE, GVH Seite 32
MAYET I B MAYET A MORBIER, CU05 Seite 82 + CU12/I Seite 214,
CUBD Bd.II Seite 41, CUBD Band I Seite 194,
MAYET I MAYET CUGS Seite 572 + MC Seite 46,
MAYET J.MAYET ET FILS 1756, CUBD Band II Seite 39,
MAYET C.P.MAYET A MORBIER, CU12/II Seite 427,
MAYET P.F.MAYET A MORBIER, CU05 Seite 29 + CU12/I Seite 67, MFS2004 Abb.6
CUBD BAND 1 Seite 217,
MAYET PIERRE MAYET A BELLE FONTAINE 1709, GVH Seite 41,
MAYET PIERRE ALEXIS MAYET A BELLE FONTAINE M DCC XXX JJJ AN
CONTE DE BORGONE, CU05 Seite 369 + CU12/IV Seite 961,
MAYET P.CL.MAYET A MORBIER, VTTH2011 Seite 16,
MAYET PIERRE CLAUDE MAYET A MORBIER, CH2016 Seite 49, GVH Seite 28
MICHAUD FAIT PAR I.MICHAUD HORLOGER A VIENNE EN DAUPHINE,
CUo5 Seite 81 + CU12/I Seite 212,
MIDOL MIDOL A BEAUNE 1748, CU12/II Seite 491,
Seite
141BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
MIDOL MIDOL A BEAUNE 1743, TB Seite 24, CUBD BAND 1 Seite 285,
MOREL ALEXIS MOREL A BELLEFONTAINE, CU12/I Seite 219,
MOREL MOREL A MORBIER, MM Seite 419 Bild XXI,
MOREL MOREL A VALENCE, CUGS Seite 28 + MC Seite 81,
MOREL MOREL A BAISSEY, VTTH2011 Seite 22,
PERRAD ALEXIS PERRAD A MORBIER, CU12/III Seite 771
C.P. ALEXIS PERRAD
P.L.R. P.L.R. ( auf Messing Kartusche ) CUGS Seite 44,
RIBE FAIT PAR JEAN BAPTISTE RIBE AU MONTET, CUGS Seite 15
THOVVEREZ ABEL THOVVEREZ A ILAY PRES POND, TB Bild 10
VALLET C J VALLET A FONCINE AN CONTE 1732, CUBD Band 1 Seite 203,
VERMOT GROS JEAN ETIENNE JOSEPH VERMOT GROS JEAN, CU05 Seite 186 +
CU12/II Seite 483
NOVISSIMA TIBI LATET HORA-DIE LETZTE STUNDE BLEIBT DIR VERBORGEN
TB Bild 5, CU05 Seite 41 + CU12/I Seite 84, VTTH2011 Seite 8, MC Seite 83
ESTOTE PARATI- MM Seite 16, VTTH2011 Seite 8
SIC TIBI VITA FLUIT - SO FLIESST DIR DAS LEBEN DAHIN, CU12/I Seite 220
VTTH2011 Seite 7,
DE DIE ET HORA + NEMO SCIT - 1752 TAG UND STUNDE DES TODES KENNT
NIEMAND, TB Bild 6, CU12/II 496, VTTH2011 Seite 21,
HAEC HORA MULTIS ULTIMA - VIELEN IST DIES DIE LETZTE STUNDE
VTTH2011 Seite 9
ULTIMA LATET HORA - DIE LETZTE STUNDE IST VERBORGEN
LOQUOR SINE LINGUES ET VOCIBUS XXXXXXXXXXXXX VTTH2011 Seite 9
Seite
142BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
QUACONQUE HORA MORS METIT - ZU WELCHER STUNDE AUCH IMMER DER
TOD NIMMT DICH, CU12/III Seite 81, MC Seite 43
SICUT HORA VITA TUA FLUIT - WIE EINE STUNDE VERFLIESST DEIN LEBEN
OMNIMOMENTO TIME MOMENTUM - IN JEDEM AUGENBLICK FÜRCHTE DEN
AUGENBLICK, VTTH2011 Seite 12
LATET ULTIMUS DIES ET HORA - LETZT STUNDE UND TAG BLEIBEN VERBOR-
GEN
HORA FUGIT - DIE ZEIT ENTFLIEHT
L‘HEURE PASSE LA MORT S‘APPROCHE - DIE ZEIT VERGEHT DER TOD
NÄHERT SICH
VIGILATE QUIA NESCITIS QUA HORA ..... Math.24 Der komplette Spruch lautet:
VIGILATE QUIA NESCITIS QUA HORA DOMINUS VESTER VENTURUS SIT
DARUM WACHET DENN IHR WISSET NICHT WELCHE STUNDE EUER HERR
KOMMEN WIRD. CUBD Band I Seite 284
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OCUM ONLINE COMTOISE UHREN MUSEUM www.morbier-clocks.de
Im Online Comtoise Uhren Museum gibt es den Ordner URSPRUNG , zu welchem vor-
erst nur die Leser dieses Buches mittels einen PASS WORTS Zugang haben. In diesem
Ordner finden Sie ca. 50 signierte Comtoise Uhren, die bisher noch nicht in der Literatur
veröffentlicht wurden. Ergänzungen und/oder Änderungen des Textes werden hier dann
ebenfalls eingestellt werden. Die Leser dieses Buches werden darüber per e-Mail infor-
miert.
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dem Autor vorliegt. E-Mail Adresse des Verfassers Bernd Deckert: deckert@comtoise.de
Der Autor behält sich das Recht vor, in einigen Jahren den Zugang zu diesem Ordner allen
Besuchern der Web-Seite zu ermöglichen
Im Ordner URSPRUNG finden Sie
BARTHELET A ST.POINT
JEAN JOSEPH BADOZ A FONCINE
Seite
143BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
FERDINAND BEAUD A ST.PIERRE 1749
JOSEPH BIGNET 1735
BLONDEAU A NOZEROY + BLONDEAU A NOZEROY 1741
JEAN BAPTISTE CATTIN AU FORT DU PLASNE EN CONTE + FAIT PAR JEAN
BAPTISTE CATTIN AU FORT DU PLASNE 1734 + I BTE CATTIN AU FORT DU
PLASNE + I BTE CATTIN DU FORT DU PLASNE OMNIMOMENTO TIME MO-
MENTUM + I BTE CATTIN AU FORT DU PLASNE + JEAN BTE CATTIN AU FORT
DU PLASNE
MIN CATTIN AU FORT DU PLASNE FE + FAIT PAR MAXIMIN CATTIN DU PLAS-
NE ( 3 Uhren ) + MAXIMIN CATTIN AU FORT DU PLASNE ( 2 Uhren )
FAIT PAR MAXIMIN CATTIN AU FORT DU PLASNE OMNIMOMENTO TIME
MOMENTUM ( CAPUCINE TISCHUHR)
MINCATTIN AU FORT DU PLASNE
DAUTEL A PLOMBIER
D GRAND A MIGNOVILLARD 1761
C FRANCOIS A LUXEIL 1736
JEAN GUYDEVAUX 1730 + JEAN GUYDEVAUX 1747
PIERRE SIMON IOUFFROY AU FORT DU PLASNE EN CONTEE ULTIMA LATET
PIERRE SIMON IUOFFROY AU FORT DU PLASNE EN CONTEE
IUOFFROY AU FORT DU PLASNE NOVISSIMA TIBI LATET HORA
PIERRE SIMON IOUFROY AU FORT DU PLASNE EN CONTES
PIERRE SIMON IOUFROY AU FORT DU PLASNE EN CONTEE ESTOTE PARATI
PIERRE SIMON IOUFROY AU FORT DU PLASNE EN CONTEE
LES FRERES JOBEZ
PIERRE FRANCOIS MALFROY
ASPICE VEDEBIS HORAM VIGILATE HAEC HORA MULTIS ULTIMA
PIERRE ALEXIS MAYET A BEL FONTAINE SIC NOSTRA VITA FLUIT
I B MAYET A FONCINE
MAYET AU FORT DU PLANE
MAYET A MORBIER
Seite
144BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
PIERRE CLAUDE MAYET A MORBIER
PIERRE MAYET A MORBIER
PIERRE FRANCOIS MAYET A MORBIER
P.F.MAYET A MORBIER
MENON A VESOUL
P.MORAND PT DE VAUX
A.MORREL A MORBIER
PERRAD A MORBIER
A.P. ALEXIS PERRAD
FAIT PAR JEAN BAPTISTE RIBE AU MONTET
JEAN BAPTISTE RIBE AU FORT DU PLASNE 1730
ABEL THOVVERREZ DU PONT DE LAME EN FRANCHE COMTEZ
F X VONIN A BEAUNE
+ CA. 25 STÜCK NICHT SIGNIERTE FRÜHE COMTOISE UHREN
Seite
145BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Seite
146BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
13. Originale, Kopien, Reproduktionen,
Imitationen, Mariagen, Fälschungen, etc.
Im Zusammenhang mit Comtoise Uhren hört man immer wieder von Originalen,
Kopien, Reproduktionen, Imitationen, Nachbauten, Nachbildungen, Nachahmun-
gen, Repliken, Replika, Replikaten, Mariagen, Falsifikaten, Fälschungen, Verfäl-
schungen.
Original:
Man spricht von einer * Original antiken Comtoise Uhr *, wenn an dieser Uhr alle
Einzelteile zusammengehörig aus der Zeit ihrer Entstehung stammen. Auch an ei-
ner Original Uhr kann es natürlich Reparaturen gegeben haben, die aber erkenn-
bar sind und akzeptiert werden sollten, da ein funktionierendes Uhrwerk Ver-
schleiß unterworfen ist.
Reproduktion, Kopie, Nachbildung, Replika, Repliken:
Von einer Original Comtoise Uhr werden Reproduktionen angefertigt, was bedeu-
tet, dass das Original in allen Teilen und Eigenschaften vervielfältigt wird. Diese
Reproduktionen werden auch als Nachbildungen, Kopien, Replika, Repliken be-
zeichnet.
Seit Beginn der 1970er Jahre wurden sicherlich weit mehr als 100.000 Comtoise
Nachbildungen in Ungarn /Niederlande, Korea Deutschland und Frankreich her-
gestellt, wobei es bei den einzelnen Produktionen Unterschiede in den Teilen und
Eigenschaften gab; manche kamen dem Original sehr nah, andere weniger, da mo-
dernere Mittel, wie z.B. Sprengringe anstelle von Vorsteckstiften und Ähnliches,
gewählt wurden. Der *originalgetreuste* Nachbau eines Comtoise Uhrwerks mit
Ankergang war der ungarisch/niederländische der Fa. Sierimpex von 1972 bis
1977 und der Fa. Deckert ab 1981 bis 2005 in Deutschland.
Imitation, Nachahmung:
Eine Imitation oder Nachahmung bilden das Original nicht in allen Teilen und Ei-
genschaften nach. Man kann Unterschiede zum Original erkennen, vielfach Unter-
schiede in Material, Herstellungsweise und Aussehen.
Es wurden Uhren gebaut, die vom Aussehen her den Comtoise Uhren entsprachen,
von der Technik her aber mit Uhrwerken deutscher Grossuhrenhersteller ausge-
rüstet waren.
Mariage:
Der Begriff *Mariage* ( Hochzeit ) wird nur in der Uhrmacherei benutzt; er be-
zeichnet eine Uhr, deren Teile von diversen anderen Uhren stammen.
Seite
147BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
In zahlreichen Standesämtern wurden Comtoise Ehen ( Mariagen ) am Fliessband
gestiftet, indem antike Comtoise Uhrwerke mit Teilen anderer antiker Comtoise
Uhren zusammengebaut wurden oder aber mit neuen Teilen der Repro-Produkti-
on, wie z.B. Zierblechen, Pendeln und Zifferblättern, versehen wurden.
Wie lang wird eine antike Uhr als original bezeichnet? Ab wann wird aus dem
Original eine Mariage?
Alle Reparaturen, die dazu dienten, das Uhrwerk lauffähig zu halten, also z.B.
neue Lagerbuchsen, eingelaufene Zapfen der Radachsen ersetzen, gebrochene Auf-
zugsfedern ersetzen, einzelne Zähne an Rädern ersetzen, gebrochene Zeiger durch
Löten reparieren usw. erhalten noch den Status des Originals.
In dem Moment, in dem bei einer Reparatur, ob heute, vor 50 oder 150 Jahren,
baugleiche Ersatzteile aus einer anderen Uhr eingesetzt werden, müssen wir von
einer Mariage sprechen. Der Nachweis solcher baugleicher Ersatzteile ist sicherlich
in vielen Fällen schwer. Handelt es sich jedoch um baulich ähnliche Teile, dann
wird der Nachweis leichter.
Die Menschen brachten in früheren Zeiten ihre Uhren nicht nur wegen Reparatu-
ren, d.h Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit, zum Uhrmacher, sondern oft
auch wegen einer Verbesserung der Genauigkeit, d.h. die vorhandene Hemmung
der Uhr wurde durch eine genauer arbeitende Hemmung ersetzt. Uhren waren
teuer, und man kaufte sich nicht mal eben eine neue, bessere Uhr. Es war
vielfach preiswerter, die bereits vorhandene Uhr umzurüsten.
Wir alle kennen solche Beispiele von Modernisierungen.
Einige englische Laternenuhren mit Radunrast wurden nach 1658/59 auf Spindel-
gang und Kurzpendel umgebaut, nach ca. 1680 dann nur noch auf Ankergang mit
Langpendel, teilweise auch solche Uhren, die kurz vorher schon auf Spindelgang
und Kurzpendel umgebaut worden waren.
Viele Religieuse- und Carteluhren des 17. und 18. Jahrhunderts, die ursprünglich
mit Spindelgang und Kurzpendel gebaut worden waren, wurden später auf An-
kergang, vielfach im 19. Jahrhundert nach 1840 auf Brocot-Hemmung umgebaut.
Alle diese Veränderungen muss man als Mariagen bezeichnen. Zum Zeitpunkt der
Veränderungen/Umbauten der Uhren wurden diese Uhren von ihren Eigentümern
nicht als weniger wertvoll betrachtet, im Gegenteil. Für uns stellen diese Mariagen
aber heute eine Wertminderung dar, weniger wert als das Original, da wir diese
Uhren als Antiquitäten ansehen. Vielfach werden heute solche einstmals umgebau-
ten Uhren wieder in den Originalzustand rückgebaut!
Oft wird die Theorie vertreten, dass auch schon in der Produktionszeit der Com-
toise Uhren Modelle entstanden sind, die wir heute als Mariagen betrachten, von
den Menschen damals aber als ganz normale Uhren angesehen wurden, da die
Uhrmacher Teile auf Vorrat, wie Gussspangen, geprägte Messingschilde, Ziffer-
blätter, Zeiger usw., einkauften, um den Kunden bei Bestellung die entsprechenden
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148BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Modelle zusammenzubauen. Es könnte also vorgekommen sein, dass z.B. ein
Emailzifferblatt eines alten Typs von 1825/30, z.B. kleine Viertelstundenangaben,
nach langem Schlaf im Lager dann 10 oder 20 Jahre später verbaut wurde, als die-
ser Zifferblatttyp durch solche ohne Viertelstundenangaben bereits ersetzt worden
war. Diese Theorie wird meist damit begründet, dass man an der Uhr keinerlei
Veränderungen habe feststellen können. Die Uhr ist ursprünglich so gebaut wor-
den, obwohl doch 99,99% aller anderen Uhren dieser Zeit die Zifferblätter der
neueren Zeit tragen. Ähnliches könnte auch für geprägte Messingschilde gelten,
also ein Schildtyp, z.B. Drachenmotiv der 1820er Jahre auf einem Uhrwerk der
späten 1840er Jahre. Es wäre demnach auch denkbar, ein Messingschild aus der
Zeit um/nach 1830 auf einem 10 Jahre älteren Uhrwerk zu finden. Wohl bemerkt,
es muss doch wohl so sein, denn an den Uhren lassen sich nicht die geringsten
Hinweise auf eine nachträgliche Veränderung feststellen!
Die Hersteller der Comtoise Uhren des Hohen Jura verkauften Ihre kompletten
Uhren nicht direkt an den Endverbraucher, sondern belieferten ihre Kunden, d.h
Uhrmacher/Händler in ganz Frankreich. Es wurden also keine Einzelteile geliefert,
aus welchen dann die gewünschten Modelle vor Ort zusammengebaut wurden,
sondern es wurden komplette Uhren geliefert.
Wären die Uhren nämlich aus Einzelteilen vor Ort montiert worden, so hätte dies
bedeutet, dass die Uhrmacher/Händler entsprechende Uhrwerke, Zierbleche und
insbesondere personalisierte Zifferblätter hätten bevorraten müssen. Der Kapital-
aufwand für diese Art der Produktion wäre immens größer gewesen, als einige
komplette Modelle vorrätig zu haben und diejenigen Modelle, bei welchen die
Kunden eine Lieferzeit zu akzeptieren bereit waren, beim Hersteller im Hohen
Jura zu bestellen.
Wäre es so gewesen, dass Uhren örtlich aus Einzelteilen zusammengebaut worden
wären, dann wären in den Jahrzehnten seit den 1960er Jahren bis heute mit Si-
cherheit solche Einzelteile, wie z.B. geprägte Zierbleche oder ungebohrte persona-
lisierte Emailzifferblätter oder Zeiger ohne Vierkante aus irgendwelchen Uhrma-
chernachlässen im Antikhandel aufgetaucht.
Ich jedenfalls kann sagen, dass ich von 1967 - in diesem Jahr kaufte ich meine erste
Comtoise Uhr in Frankreich - bis heute niemals ein geprägtes Messing-Zierblech
gefunden habe, welches ohne individuelle Löcher für die Befestigung gewesen
wäre, niemals ein oder mehrere Emailzifferblätter, welche ohne irgendwelche An-
zeichen einer Befestigung auf einer Zifferblattgrundplatte montiert gewesen wäre.
Solche Restbestände von aus Messing geprägten Zierblechen, evtl. sogar noch von
Messingguss-Spangen mit Hahn oder Adler, könnte es zum Ende der Produktions-
zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei Herstellern im Hohen Jura noch gegeben
haben, aber wir dürfen davon ausgehen, dass 2 Weltkriege dafür gesorgt haben,
dass alle Metallteile recycelt wurden. Wären die Einzelteile über ganz Frankreich
in den Werkstätten der Uhrmacher verteilt gewesen, dann wären mit Sicherheit
auch einige dieser Einzelteile in den letzten Jahrzehnten aufgetaucht.
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149BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Ich kann mich daran erinnern, dass ich Anfang der 1970er Jahre bei einem Antik-
händler in Foncine-le-Haut - sozusagen im Zentrum der Comtoise Uhren Ferti-
gung des Hohen Jura - ein ganze Kiste mit 15 bis 20 Stück Glaspendellinsen ge-
kauft habe, die sicherlich aus dem Bestand eines ehemaligen Comtoise Uhren Her-
steller stammten. Sie hatten die beiden Weltkriege überlebt, da nicht kriegsrele-
vant. Restbestände irgendwelcher Eisen- oder Messingteile der Comtoise Fertigung
gab es bei diesem Händler nicht zu kaufen.
Nach meiner Überzeugung haben die örtlichen Uhrmacher/Händler also keine
Einzelteile für die einzelnen Comtoise Uhren Modelle bevorratet, so dass auch
nicht mal eben auf Kundenwunsch Emailzifferblätter oder sogar geprägte Zier-
blätter ausgetauscht werden konnten. Was nicht heißt, dass es solchen Austausch
nicht gegeben hat. Austausch oder Ersatz wurde also dann für den Kunden vom
örtlichen Uhrmacher/Händler beim Hersteller im Hohen Jura bestellt.
Vielfach können wir heute derartige Uhren, bei welchen z.B. geprägte Zierbleche
nach vielen Jahren ausgetauscht wurden, nicht als Mariagen identifizieren, es sei
denn, ein Uhrwerk, welches eindeutig datiert werden kann, erhielt dann beim Aus-
tausch ein Zierblech, welches zum Zeitpunkt der Entstehung des datierbaren
Uhrwerks selbst noch nicht existierte.
Zum Beispiel: Ein Uhrenfreund präsentierte mir ein mit *Chavin à Grenoble
1821* signiertes datiertes Comtoise Werk, welches allerdings das bekannte Zier-
blech mit der Siegesgöttin Nike auf Halbmond trug, mit der Bemerkung, dass also
dieses Zierblech schon 1821 entstanden wäre. Dies wäre ganz sicher so, denn es
gäbe keinerlei Hinweise darauf, dass dieses Zierblech nachträglich montiert wor-
den sein könnte. Alle Schrauben, alle Bohrlöcher würden stimmen, alles wäre un-
angetastet.
Mein Uhrenfreund setzt voraus, dass Mariagen in den letzten 50 Jahren entstan-
den sind und dass es Mariagen im 19. Jahrhundert nicht gegeben hat. Dies ist mit
Sicherheit auch bei 99% aller Mariagen der Fall. Doch auch im 19. Jahrhundert
hat es Mariagen gegeben, und diese Uhr beweist dies offensichtlich.
Unabhängig von der Tatsache, dass das Zierblech der Nike auf Halbmond mit
Lorbeerkranz und Posaune in den Händen um 1830 entstand, als nämlich der
Freiheitskampf der Griechen mit der Entstehung des griechischen Staates einher-
ging und Lorbeerkränze üblicherweise anlässlich eines Sieges, also nach einem
Kampf, ( Jahr 1830 ) und nicht zum Beginn eines Kampfes ( Jahr 1821 ) überreicht
werden, ist für mich die *unangetastete* Comtoise Uhr des Jahres 1821 mit dem
Zierblech der Nike auf Halbmond durchaus erklärbar.
Ein Kunde kaufte bei seinem örtlichen Uhrmacher/Händler eine Uhr mit Signatur
und Datum 1821 des Uhrmachers Chavin à Grenoble, und einem um das Jahr
1821 üblichen Zierblech. Nach 1830 sieht dieser Kunde dann bei seinem Uhrma-
cher das neue Modell des Jahres 1830 - Nike auf Halbmond - und bittet seinen
Uhrmacher, diese neue Modell auch auf seiner Uhr des Jahres 1821 zu montieren.
Der Uhrmacher bestellt nun das *moderne* Zierblech bei seinem Hersteller in
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150BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Morez. Das *unmoderne* Zierblech wird demontiert und über das *moderne*
Zierblech gelegt, so dass man alle Bohrlöcher für die Befestigungsschrauben de-
ckungsgleich durchstechen kann. Nach erneuter Montage des *modernen* Zier-
blechs kann man keinerlei Veränderungen feststellen, und es sieht so aus, als ob es
bereits im Jahr 1821 montiert worden wäre.
Diese Uhr stellt für mich den Prototyp einer Mariage dar, allerdings einer Mariage,
die nicht *bewusst* hergestellt wurde und schon gar nicht solchen Mariagen ent-
spricht, die heutzutage hergestellt werden, um finanzielle Vorteile zu erzielen.
Der gleiche Sachverhalt wird gelten, wenn eine Comtoise Uhr ein Zierblech mit
Nike und Halbmond trägt, bei welcher das Zifferblatt mit Viertelstundenangaben
auf dem Zierblech liegt, wie dies bei den ersten geprägten Zierblechen in der Zeit-
spanne von 1810 bis ca. 1820 üblich war. Dann müsste man daraus ja auch den
Schluss ziehen, dass das Zierblech mit Nike und Halbmond noch älter als 1821 sein
könnte.
Vertritt man allerdings die These, dass der Uhrmacher zahlreiche Einzelteile auf
Lager hatte, dann könnte es auch vorgekommen sein, dass mit Zifferblättern mit
Viertelstundenangaben und Zierblech Nike mit Halbmond diese Uhr auch in den
Jahren 1821 bis 1829 entstanden sein könnte. Ich vertrete diese These nicht, wie
ich oben bereits dargelegt habe.
In den Jahrzehnten zwischen 1970 und 1990, als Comtoise Uhren noch hohe Preise
erzielten, entstanden sehr viele Mariagen im Zusammenhang mit Uhren der Zeit-
spanne von 1810 bis 1820.
Ab 1810 erscheinen neben den Comtoise Uhren mit Gussspangen ( Sonnenkopf/
Adler) die ersten Comtoise Uhren mit geprägten Zierblechen, die noch unter den
Emailzifferblättern befestigt wurden. Die Uhrwerke, Zifferblätter und Zeiger wa-
ren bei beiden Comtoise Typen gleich. Nicht gleich jedoch waren die Verkaufsprei-
se, denn für eine Uhr mit gegossener Spange konnten Händler den drei- bis fünffa-
chen Verkaufspreis erzielen. Massenhaft wurden nun die geprägten Zierbleche mit
Sonnenkopfmotiv entfernt und durch eine gegossene Spange ersetzt. Zahlreiche
Giessereien, überwiegend in den Niederlanden und Frankreich, lieferten zahlrei-
che, wirklich gute Nachgüsse.
Da diese Umbauten vorsätzlich geschahen zum Zweck der Erzielung eines höheren
Gewinns, liegt hier natürlich ein Betrugstatbestand vor, der, wenn er denn ange-
zeigt und nachgewiesen worden wäre, eine Verurteilung des Verkäufers nach § 263
STGB nach sich gezogen hätte.
Jede Comtoise Uhr, deren Originalzustand nachträglich verändert wurde, ist eine
Mariage, wobei es keine Rolle spielt, wann diese Veränderung vorgenommen wur-
de - nach 1 Woche, nach 10 Jahren oder nach 100 Jahren. Eine Repro Comtoise
Uhr kann durchaus in Ausführung und Qualität einer echten antiken Comtoise
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151BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Uhr ebenbürtig sein, lediglich der Zeitpunkt der Herstellung macht den Unter-
schied. Wird eine Comtoise Mariage oder Reproduktion dem Käufer vorsätzlich
verschwiegen, so wird aus der Comtoise Uhr eine Fälschung, und der Verkauf wird
zum Betrugsfall, da Erschleichung von Gewinn unterstellt werden kann.
Weiss der Verkäufer allerdings nichts von der Mariage oder Reproduktion, so
handelt er sicherlich grob fahrlässig, wenn er die Uhr als echte Antiquität anbietet.
Wenn Sie sich von einem Verkäufer betrogen fühlen und Anzeige erstatten, dann
werden Sie nur Erfolg haben, wenn dem Verkäufer Vorsatz nachgewiesen werden
kann oder aber der Verkäufer Ihnen schriftlich z.B. auf der Rechnung bestätigt
oder vor Zeugen zugesichert hat, dass es sich bei der Uhr um ein Original aus der
Zeit handelt.
Wer glaubt, dass es bei frühen Comtoise Uhren des
Haut-Jura Typs keine Fälschungen gibt, der kennt die
Arbeitsweise und die Tricks der Fälscher nicht!
Wer glaubt, dass er selbst beurteilen kann, ob es sich
um ein Original oder eine Fälschung handelt, der muss
neben Fachwissen auch mit einer gehörigen Portion
gesunden Selbstvertrauens ausgestattet sein!
Ich darf Ihnen versichern, dass es extrem schwer ist, nur aufgrund äußerlicher Be-
trachtung eine Fälschung zu erkennen. Ich rede jetzt hier nicht von Uhren, bei de-
nen man schon von weitem erkennen kann, dass die Zeiger aus einer anderen Epo-
che sind, oder das Zifferblatt ein Reproblatt ist, oder es sich ganz offensichtlich um
metrische Schrauben handelt, oder, oder usw.
Bei zahlreichen Prachtexemplaren stimmt optisch alles, stilmässig gehört alles zu-
sammen, und trotzdem handelt es sich um Fälschungen, die erst dann erkannt
werden, wenn man die Uhren auseinander baut, die Zifferblätter und alle Teile
und Schrauben genau ‚unter die Lupe‘ nimmt. Das ‚unter die Lupe nehmen‘ mei-
ne ich wörtlich, denn vieles, was nicht in Ordnung ist, erkennt man erst unter der
Vergrößerung.
Bei 2 Sammlern, die Ton und ich besucht hatten, entlarvten wir drei Uhren als Fäl-
schungen. Die Fälschungen wären auch beinah als Originale durchgegangen, wenn
die Sammler uns nicht immer wieder gefragt hätten: „ist das auf wirklich
original?“ Wir denken, dass wir weitere Fälschungen in Sammlungen gesehen
hatten, aber wir hatten unsere Bedenken nur dann geäußert, wenn wir von den
Sammlern auch konkret angesprochen wurden. Wir haben auch Uhren fotogra-
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152BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
fiert, die wir später nach Betrachtung der Fotos als nicht ‚sicher original‘ einstuf-
ten.
Eine MAYET signierte Uhr wurde als Fälschung erst später am heimischen Com-
puter auf Grund von Vergrößerungen von Makroaufnahmen erkannt, davon spä-
ter mehr.
Eine weitere Uhr wurde nach Demontage des Messingziffernrings als Fälschung
entlarvt, da unter dem Ziffernring die Umrandung eines anderen, ein wenig klei-
neren Ziffernrings, sichtbar wurde.
Bei einer dritten Uhr eines anderen Sammlers wurde die gravierte Signatur:
P.A.BROCARD A LA CHAPELLE DES BOIS EN CONTE als Fälschung entlarvt.
Der Verkäufer, ein wohl bekannter Händler, hat diese Uhr dann zurückgenommen,
aber uneinsichtig, denn sie wurde später auf seiner Internetseite wieder als Origi-
nal angeboten und hängt heute wahrscheinlich in einer anderen Sammlung.
Die o.a. angeführten ersten beiden Uhren wurden vom Verkäufer nicht zurückge-
nommen, der Sammler in der Schweiz wollte auch keinen Prozess in Deutschland
führen. Der Verkäufer dieser beiden Uhren argumentierte noch, dass der Ziffern-
ring zwar ein anderer wäre, aber doch passen würde, dass das Uhrwerk doch mit
oder ohne Signatur drauf in jedem Fall ein Mayet Werk wäre. Er hätte die Signa-
tur deshalb für diese Uhr angefertigt.
Es scheint also Verkäufer zu geben, die den Begriff ‚Original‘ ganz schön weit aus-
legen. Auf ein Comtoise Uhrwerk, welches offensichtlich aufgrund verschiedener
Kriterien, man könnte evtl. auch von Handschriften sprechen, signierten Uhren
eines Meisters sehr ähnlich sind, kann man also dann einfach auch den entspre-
chenden Namen drauf schreiben.
Eine solche Einstellung wundert mich nicht, denn in der Zeitschrift CHRONO-
MÉTROPHILIA der Schweizerischen Gesellschaft für die Geschichte der Zeit-
messung, Ausgabe Été/Sommer 2012, No. 71, hatte GEORG VON HOLTEY in sei-
nem Aufsatz „Handschriften der Uhrmacher des Hohen Jura in ihren Uhren aus
dem frühen 18. Jahrhundert“ folgendes geschrieben:
Auf Seite 11: „ Neben der Beschreibung der gefundenen charakteristischen Eigen-
schaften in den von ihrem Hersteller signierten Comtoise Gewichtsuhren, eröffnet
sich die Möglichkeit, an Hand der gefundenen Merkmale nicht signierte Uhren ih-
rem Hersteller zuzuordnen“
Auf Seite 24: „ Eine unsignierte Uhr kann einer anderen Uhr oder einem Uhrma-
cher zugeordnet werden, wenn sie die meisten Merkmale, darunter alle spezifi-
schen Kennzeichen, gemeinsam haben“
Die beiden in Klammern gesetzten Zahlen hinter der zitierten Uhr, oder Gruppe
von Uhren, geben die Anzahl der von diesem Uhrmacher signierten Uhren mit
gleichen Merkmalen in der Menge der untersuchten Comtoise an, während die
zweite Zahl die Anzahl der unsignierten, aber eindeutig dem Meister zugeordneten
Seite
153BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Uhren bezeichnet. Also (2,3) würde bedeuten, dass zwei signierte Uhren dieses
Meisters mit weitgehend identischen Merkmalen gefunden wurden, und weitere
drei unsignierte Uhren aufgrund ihrer Merkmale dem Meister zugeordnet werden
konnten.“
Auf Seite 40: „Darüber hinaus erlaubt die erkannte Handschrift eines Meisters,
unsignierte Uhren mit der gleichen Handschrift diesem Meister zuzuordnen. In der
hier beschriebenen Studie gelang es so fünfzehn der 27 unsignierten Uhren ihren
Herstellern mit guter Sicherheit zuzuschreiben. Die Besitzer dieser Uhren sind
damit nicht unzufrieden“.
Bedauerlich, dass Georg von Holtey diesen, wie ich glaube, Fehlschluss gezogen
hat.
Warum sollten Hersteller wie, Brocard, Cattin und Mayet - man könnte alle be-
kannten Namen auflisten – identische oder fast identische Werke bauen, wovon
dann einige signiert, die restlichen aber nicht signiert werden? Ich gehe davon aus,
dass ein Cattin oder ein Mayet seine von ihm hergestellten Uhren auch mit seinem
Namen versehen hat.
Für mich sind die unsignierten, identischen Uhren durch Schüler/ Lehrlinge herge-
stellt, die später als selbständige Uhrenhersteller dann natürlich ihre eigenen Uh-
ren in der Art und Weise bauten, wie sie es bei ihren Lehrherren gelernt hatten.
Eine von einem bekannten Meister hergestellt und signierte Uhr war sicherlich
teurer als eine identische oder fast identische Uhr eines Gesellen, der auch Uhren
baute. Verkauft wird bekanntlich über den Preis, und ein nicht so betuchter Käu-
fer zieht sicherlich eine preiswertere unsignierte Uhr einer signierten teureren Uhr
vor.
Meiner Meinung nach könnte man identische, unsignierte Uhren einer Gruppe von
Herstellern zuordnen, die alle aus einer Quelle, d.h. als Lehrlinge/Schüler aus einer
Werkstatt kamen.
Den Betrügern, d.h. den Fälschern, die seit vielen Jahren gutgläubige Sammler mit
signierten frühen Comtoise Uhren abzocken, hat von Holtey mit dieser Schlussfol-
gerung natürlich nun einen unschätzbaren Vorteil geboten.
Mit seiner Arbeit ist es nun viel einfacher geworden, die unsignierten, identischen
Uhren mit dem passenden Namen des großen Meisters zu versehen.
Bedurfte es bis dato schon eines großen Fachwissens, um den richtigen Namen auf
die richtige Uhr zu schreiben, so kann man nun leicht bei Georg von Holtey nach-
schauen, welche identischen Merkmale für welchen Hersteller relevant sind.
Seite
154BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Wenn man allerdings unterstellt, dass nicht jeder Fälscher das ausreichende
Fachwissen besaß bzw. besitzt, dann sollte man insbesondere Uhren genau unter-
suchen, bei welchen man hinsichtlich der identischen Merkmale eine andere Signa-
tur als die auf der Uhr vorhandene Signatur erwarten würde.
Dies bedeutet, dass man hinsichtlich der Untersuchung aller nicht direkt das Uhr-
werk betreffenden Teile, d.h. der Prüfung der Echtheit von Signaturen, Zifferblatt,
Schliessern des Aufzugslochs, Zierecken, Zeiger und insbesondere aller für die Zif-
ferblattmontage verwendeten Schrauben allergrößte Sorgfalt walten lassen muss.
Es kann sein, dass inzwischen mehr gefälschte Uhren eines Herstellers im Umlauf
sind, als noch vorhandene echte Uhren. Die Mehrheit vorhandener identischer Si-
gnaturen ist somit leider kein Kriterium für die Echtheit.
Diese allergrößte Sorgfalt hat leider Georg von Holtey seiner verdienstvollen Ar-
beit nicht im voraus walten lassen, denn er schreibt selbst auf Seite 14: „ Das Ge-
sicht der Uhren, also Zifferblatt, Zeiger, Weckerscheibe, Aufzugslochverkleidun-
gen, Zierleisten, Verzierungen in den Zwickeln und ausgesägte Messingaufsätze,
ist nicht sehr aussagekräftig, da diese Teile einmal nur selten Uhrmacher spezifisch
sind, und darüber hinaus oft verändert oder auch ersetzt wurden.“
Diese Aussage von Georg von Holtey kann ich nach meinem Ermessen nur als
fahrlässig einstufen, denn nur wenn ich mit der allergrößten Sorgfalt überprüft
habe, ob die für meine Untersuchung benutze Uhr auch wirklich original ist, dann
kann ich als Ergebnis auch feststellen, dass es für einen bestimmten Hersteller
auch identische Merkmale seiner Uhren gibt.
Da die Signaturen nicht innen auf Werksteilen vorhanden sind, sondern nur außen
auf Aufzugslochschliessern, auf Messing Filets, evtl. auf dem Fronton oder im Zif-
ferblatt vorkommen, muss sehr sorgfältig untersucht werden, um absolut sicher zu
sein, dass alles das, was man frontal sieht, auch original zusammengehörig ist. Nur
dann, wenn man wirklich sicher sein kann, dass diese Signaturen von Brocard,
Cattin und Mayet usw. auch wirklich echt sind, kann man auch die entsprechende
Handschrift des Uhrwerks für diesen bestimmten Uhrmacher verbuchen. Findet
man mehrere identisch signierte Uhren, die nach eingehender Überprüfung das
gleiche Ergebnis bringen, dann kann man von einer Handschrift eines Uhrmachers
oder seiner Werkstatt sprechen. Hat der Uhrmacher die Uhr mit der bestimmten
Handschrift selbst in eigener Werkstatt hergestellt, wird er sie wohl signiert haben.
Hat ein ehemaliger Schüler/Geselle die Uhr mit der bestimmten Handschrift selbst
in eigener Werkstatt hergestellt, dann wird er sie nicht signiert haben, da er kein
Meister war. Diese Praxis der Signierung bzw. Nichtsignierung besteht nur in den
ersten Jahrzehnten der Fertigung des Haut-Jura Comtoise Uhren, denn bereits ab
ca. Mitte des 18. Jahrhunderts hört die ‚individuelle‘ Fertigung weitestgehenst auf,
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155BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
denn ein Einheitsmodell wird nun mit Hilfe von Heimarbeitern produziert. Das
Einheitsmodell brauchte keine Signaturen mehr!
Insbesondere die Untersuchung aller im ‚Gesicht der Uhr‘ verwendeten Schrauben
ist extrem wichtig. Alte original Schrauben können niemals metrische Gewinde
aufweisen. Gibt es jedoch Schrauben mit metrischem Gewinde, dann ist sofort
höchste Wachsamkeit erforderlich. Im Kapitel 10 hatten Sie über die individuellen
Schrauben gelesen. Ein kleines Sortiment aller gängigen metrischen Schrauben bis
M4/M5 und/oder auch entsprechender Zollschrauben inkl. eines kleinen Schrau-
benziehers sollte man evtl. bei einem Besuch einer Uhrenbörse in der Tasche ha-
ben, so dass man leicht mal testen kann, ob an dem angebotenen Prachtexemplar
auch Originalschrauben oder evtl. moderne Massenschrauben vorhanden sind. Es
gibt moderne Massenschrauben aller Größen und Ausführungen, aber eben nicht
mit gefeilten Gewinden. Moderne Gewinde mögen annähernd passen, aber niemals
so genau, wie die individuellen Vater- und Muttergewinde der Originalteile.
Es gibt zahlreiche Fälschungen, also Uhren, die vorsätzlich zum Betrug von Com-
toise Uhren Sammlern hergestellt wurden. Fälschungen haben natürlich in einer
Untersuchung über den Ursprung der Comtoise Uhren nichts zu suchen.
Fälschungen allerdings von Comtoise Uhren, die nicht als Fälschungen entlarvt
werden, können zu Fehlurteilen führen.
Der Idealfall für einen Fälscher ist natürlich das Auffinden einer in allen Teilen
kompletten Uhr, bei welcher dann nur noch die passende Signatur graviert werden
muss. Alte Schrauben, altes Messingblech, alles alt. Auch eine Materialanalyse
kann nun nur ergeben, dass das Material alt ist.
Wenn man schon auf diese Art Uhren fälscht, dann muss man es natürlich richtig
machen und nicht, wie der Fälscher einer ‚Pierre Petit Mayet , einen so offensicht-
lichen Fehler machen, dass es sofort auffällt. In 2014 wurde auf einer niederländi-
schen Internet Verkaufsplattform eine Mayet Uhr mit der Signatur ‚PIERRE PE-
TIT MAYET A BELLE FONTAINE 1706‘ angeboten. Der jüngste der 4 Mayet
Brüder hieß: Petit-Pierre Mayet, also ‚Kleiner Peter‘. Schreibt man jedoch ‚Pierre
Petit Mayet‘, so heißt dies nicht mehr ‚Kleiner Peter‘ sondern abwertend ‚Peter-
chen klein‘, so ähnlich wie ‚Hans‘ und ‚Hänschen klein‘. Wie man die Handschrif-
ten der alten Meister studieren kann, so kann man natürlich auch die Handschrif-
ten der Fälscher studieren. Es wäre wünschenswert z.B. diese Pierre Petit Mayet
Uhr hinsichtlich der Signatur untersuchen zu können, etvtl. auch noch andere Uh-
ren auffinden zu können, wie z.B. auch die im Internet angebotene Uhr vom Mai
2014, die mit PIERRE MAYET AV FORT DU PLANE EN CONTE signiert war.
Stammen die beiden Signaturen von einem Fälscher und sind in ihrer Machart
identisch, dann kann man daran lernen und dann evtl. andere Signaturen des Fäl-
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schers auffinden. Es ist nicht anzunehmen, dass der Fälscher seine Arbeiten jedes
Mal in einer anderen Art und Weise ausgeführt hat.
Ob eine Signatur gefälscht ist, kann man nur noch daran erkennen, ob diese mit
den Signaturen des alten Meisters oder des neuen Fälschers übereinstimmt ( oder
auch nicht ).
Beispiel: Ich vergleiche eine Signatur mit 10 anderen bekannten Signaturen eines
Herstellers. Ich stelle fest, dass meine zu beurteilende Signatur mit 5 Signaturen
übereinstimmt, aber auch mit 5 Signaturen nicht übereinstimmt.
Es ist nicht anzunehmen, dass ein Meister mit unterschiedlichen Buchstabentypen
unterschiedlicher Größe in unterschiedlicher Ausführung signierte. Die Signaturen
dürften wohl gleich gewesen sein.
Dann finde ich eine Uhr, also Uhr Nr. 11 und meine 11. Signatur stimmt nicht mit
den beiden 5er Gruppen Signaturen überein.
Was kann dies bedeuten?
Es kann alles bedeuten. Immer vorausgesetzt, dass es sich um altes Messingblech
aus der Zeit handelt.
1) Meine 11. Signatur ist die einzige echte Signatur. Die anderen 10 sind Fäl-
schungen von 2 verschiedenen Fälschern.
2) 5 Signaturen einer 5er Gruppe sind echt, d.h. die anderen 5 Signaturen und
meine 11. Signatur sind unecht.
Es kann sein, dass inzwischen mehr gefälschte Uhren eines Herstellers im Umlauf
sind, als noch vorhandene echte Uhren. Die Mehrheit vorhandener identischer Si-
gnaturen ist somit leider kein Kriterium für die Echtheit.
Nur eine Materialanalyse des Messingblechs aller 11. Signaturen kann vielleicht
Aufschluss geben, falls doch einmal neues Messingblech verwendet wurde.
Eine positive Messinganalyse in einer 5er Gruppe würde bedeuten, dass auch die 4
anderen auf altem Messingblech vorhandenen Signaturen gefälscht sind.
Diese Gruppe scheidet nun aus, die Wahrscheinlichkeit, dass die anderen Signatu-
ren der anderen 5er Gruppe höchstwahrscheinlich echt sind, ist sehr stark gestie-
gen.
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157BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Das obige Beispiel ist natürlich sehr konstruiert, denn es ist doch beim Erwerb ei-
ner signierten Comtoise Uhr kaum möglich, auf viele Abbildungen gleichartiger
signierter Comtoise zum Zweck des Vergleichs zugreifen zu können.
Aber man kann lernen, wie die einzelnen Meister signiert haben.
Der Meister X hat seine Signatur immer mit Punzen geschlagen,
der Meister Y dagegen hat seine Signatur graviert
und der Meister Z hat die Buchstaben seiner Signatur nur aus
Strichpunzierungen zusammengesetzt. Mit einem einzigen Punzen,
der eben nur einen Strich oder auch Halbkreis schlägt, kann ein
ganzer Name punziert werden.
Kapitel 12 kann Ihnen nun ein wenig helfen, denn es ist eine Auflistung aller in der
bisherigen Literatur vorkommenden signierten Comtoise Uhren. Sie suchen einen
Namen und finden diesen dann an der genannten Literaturstelle.
Die im Online Comtoise Uhren Museum www.morbier-clocks.de
im Passwort geschützten Ordner HAUT-JURA COMTOISE abgebildeten signier-
ten Comtoise Uhren können Sie nun hinsichtlich der Signaturen untereinander,
aber auch mit Ihren eigenen oder zum Kauf anstehenden Uhren vergleichen.
Die häufigsten gefälschten Signaturen werden vermutlich MAYET, aber natürlich
auch CATTIN Signaturen sein, da Uhren mit diesen Namen am bekanntesten und
am einfachsten zu verkaufen sind. Drucken Sie sich die Signaturen aller Uhren
aus, so dass Sie diese zum Vergleich nebeneinander legen können.
Wenn Sie z.B. alle Cattin Signaturen nebeneinander legen, so können Sie DIREKT
vergleichen. Es ist nicht nicht anzunehmen, dass Uhrmacher wie Jean Baptiste
Cattin oder Maximin Cattin auf unterschiedliche Art und Weise signiert haben.
Insbesondere bei Punzierungen müssen die Buchstaben gleich sein, auch bei ver-
schiedenen Uhren. Es wurde auch mit Gross- und Kleinbuchstaben gearbeitet. Die
Grossbuchstaben bei Cattin sind ca. 4 mm hoch, die Kleinbuchstaben ca. 2,8mm
hoch. Die notwendigen Schlageisen zum Punzieren der Buchstaben haben die Fäl-
scher sicherlich nicht angefertigt, nicht anfertigen können. Aber auch hier werden
Fälschungen der Signaturen hergestellt, so dass die einzelnen Buchstaben den mit
den Punzen geschlagenen Buchstaben entsprechen.
Signaturen, die wie graviert oder punziert aussehen, kann man auch ätzen, d.h.
über Film kopieren und dann, und daran kann man dann die Fälschung erkennen,
mittels eines notwendigen Punkt-Rasters auf die Messingoberfläche übertragen.
Solche Signaturen sind dann an den Rändern nicht ganz sauber, meistens auf alt
‚geschwärzt‘, um evtl. Rasterpunkte abzudecken. Ein gutes Vergrößerungsglas
Seite
158BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
wirkt hier Wunder! Wenn Sie Rasterpunkt entdecken, lassen Sie die Finger von
der Uhr!!! Ein gutes Vergrößerungsglas sollte man beim Besuch einer Uhrenbörse
schon mal in der Tasche haben!
Der Fälscher hat 2 Möglichkeiten. Er fotografiert entweder die Signatur eines Ori-
ginaluhr oder eine gute Abbildung einer Signatur in der Literatur.
Bei Ablichtung einer bereits gedruckten Signatur wird dann bei Macro-Einstellung
des Objektiv sicherlich als Ergebnis auch der Raster der Vorlage ersichtlich wer-
den. Dieses Foto kann man nun bearbeiten und den Raster an allen Stellen entfer-
nen, die später glatt bleiben sollen. Der Raster bleibt stehen an denjenigen Stellen,
die später als Linien, Kreise, Buchstaben, Blümchen usw. nach dem Ätzvorgang
sichtbar sind, dann allerdings noch geschwärzt werden. Auch bei Ablichtung der
Originalsignatur muss das Foto noch bearbeitet werden, um evtl. Unsauberheiten,
die als Rasterpunkte später wiedergegeben werden könnten, zu entfernen. Je sau-
berer die Vorlage ist, desto sauberer wird nach dem Ätzvorgang das Ergebnis aus-
fallen. Das, was als Ergebnis nachher als ‚SIGNATUR‘ sichtbar sein wird, ist eine
weggeätzte Fläche, an deren Rändern noch Rasterpunkt vorkommen können, die
man natürlich unter einer Vergrößerung erkennen kann.
Sicherlich gab es im frühen 18. Jahrhundert auch schon Flüssigkeiten, mit welchen
man geätzt hat. Zum Zeitpunkt der Entstehung einer Cattin oder Mayet Signatur
bei den Comtoise Uhren in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es aber noch
kein Raster, welches vergleichbar gleichmäßig war.
Es gab ein Raster bei der Aquatinta Technik ( auf einer Platte angeschmolzene
Harzkörnchen ), aber diese Technik wurde erst nach 1760 von J. B. Leprince er-
funden. Diese Harzkörnchen stehen aber nicht in Reih und Glied, wie bei einem
Buchraster.
Diejenigen Stellen, die glatt bleiben sollen, wurden früher mit Asphalt, heute mit
anderen Substanzen, abgedeckt. An den Stellen, die also nicht abgedeckt waren
und die somit der ätzenden Säure ausgesetzt wurden, wurde das Messingblech
weggeätzt. Die Tiefe der Einätzung in das Messingblech hing also von der Zeit ab,
die die Säure einwirken konnte. Bei dieser Einwirkung und der damit verbunde-
nen Tiefenätzung aus dem Messingblech heraus, wurden auch die mit Asphalt ab-
gedeckten Bereiche unterätzt, denn die Ätzflüssigkeit ätzt natürlich nicht gradlinig
nach unten, sondern auch seitwärts.
Unabhängig davon, ob vor 300 Jahren oder heute geätzt wird, eine Unterätzung
findet durch die einwirkende Säure immer statt, so dass man natürlich immer ver-
dächtige Signaturen auf Unterätzung untersuchen muss.
Eine solche spektakuläre Ätzung einer Mayet Signatur habe ich beim Fotografie-
ren einer Uhr bei einem Sammler dann leider aufgedeckt, mit bloßem Auge nicht
erkennbar, aber bei entsprechender Vergrößerung auf dem Bildschirm am heimi-
schen Computer wunderschön zu erkennen.
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159BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Eine Uhr, für welche der Sammler viel Geld bezahlt hat, und die leider nur im
Dämmerlicht ihre Ausstrahlung behielt!
Der Fälscher hat einmal eine gefälschte Uhr erfolgreich an den Mann gebracht.
Was hält ihn davon ab, eine zweite oder dritte Uhr auf die gleiche Art und Weise zu
fälschen? Wenn Sie eine Uhr mit Signatur: MAYET AV FORT DV PLANE besit-
zen, dann sollten Sie mit Ihrer Digitalkamera einmal ein FOTO IN MACRO EIN-
STELLUNG von der Signatur ( Sie können damit auch jede andere Signatur über-
prüfen, um eine geätzte Signatur zu entlarven ), um sich dann das Foto in maxima-
ler Vergrößerung auf dem Computer Bildschirm anzuschauen. Wenn die Signatur
geätzt wurde, dann werden Sie Reste des Rasters an Rändern finden!
ICH WAGE ZU BEHAUPTEN, DASS 10% BIS 20% ALLER IN DEN LETZTEN
20/25 JAHREN VERKAUFTEN MAYET ODER CATTIN UHREN GEFÄLSCHT
SIND. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine in den 1970er Jahren erworbene Mayet
oder Cattin Uhr echt ist, ist sehr hoch.
Wer den Wunsch äußert, eine Mayet oder Cattin Uhr kaufen zu wollen, kann da-
mit rechnen, dass ihm eine solche Uhr auch angeboten wird. Eine solche Uhr er-
scheint nicht auf dem Verkaufstisch an einer Uhrenbörse, eher unter dem Tisch
und nur für den bestimmten Sammler bestimmt, oder aus dem Kofferraum drau-
ßen auf dem Parkplatz, da nur für den bestimmten Sammler aus einer sehr alten
Sammlung organisiert, so dass beim Verkauf auch keine Vergleiche oder Untersu-
chungen angestellt werden. Es wird eine schöne Geschichte um das ‚gute Stück‘
herum erzählt und der Sammler soll natürlich nicht weiter erzählen, woher das
‚gute Stück‘ letztlich stammt, oftmals aus der Sammlung des Vaters, der bereits in
den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts als einer der ersten in Frank-
reich noch die schönsten Uhren hat kaufen können und aus dessen Sammlung man
nun aus dem einen oder anderen Grund mal eine Uhr abgibt, natürlich nur in gute
Hände, die ein solches Stück zu schätzen wissen. Aber nicht weitererzählen, denn
sonst kommen andere Sammler auch angelaufen, um auch ein solch einmaliges
Stück aus dieser Sammlung erwerben zu können.
Eine solche Uhr verschwindet nun in einer kleinen Sammlung, sicherlich ein sehr
schönes Uhrwerk, aber leider kein Exemplar desjenigen Uhrmachers, dessen Si-
gnatur drauf steht. Die Wahrscheinlichkeit, dass evtl. die Echtheit einer solchen
Uhr jemals überprüft werden wird, ist sehr gering.
Handelt es sich bei den meisten Fälschungen, die ‚in einer schönen Geschichte ein-
gepackt‘, verkauft werden, um restaurierte Uhren, so kann man natürlich auch bei
nicht restaurierten, signierten Uhren viel Geld ausgeben, so etwa bei der ‚CLAU-
DE MAYET A MORBIER 1715‘ Uhr, die im Januar 2017 bei Ebay France zu ei-
nem Preis um Euro 6000,00 verkauft wurde. Wenn die Gier größer als Wissen und
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160BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Verstand ist, dann zahlt man halt viel Geld, in diesem Fall vermutlich viel Lehr-
geld!
Wenn Sie eine teure antike Uhr erwerben, dann lassen Sie sich vom Verkäufer
ausdrücklich schriftlich bestätigen, dass es sich um eine Uhr handelt, die in allen
Teilen zusammengehörig aus der Zeit ist.
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161BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
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Hagen 20
Nachwort 2008
Meine beiden Bücher, Band 1 Bildband, Band 2 Textband sowie die 3 Anhänge,
sind das Ergebnis jahrelanger Forschung und einer mehr als vierzigjährigen Er-
fahrung mit antiken Comtoise Uhren. Als Hersteller von Repro Comtoise Uhren
und Ersatzteilen kenne ich natürlich meine eigenen Produkte, sowie diejenigen
meiner Mitbewerber, so dass diese Kenntnisse auch Ihnen als Leser nützlich sein
sollen.
Die vorliegende Arbeit stellt meinen Wissensstand zum Ende des Jahres 2008 dar.
Ich bin mir sicher, dass ich auch in den nächsten Jahren noch viele neue Dinge
über und mit Comtoise Uhren lernen werde und ich hoffe, dass dann auch diese
Erkenntnisse in eine weitere Auflage meiner Bücher einfließen werden.
Wenn auch Sie dazu beitragen möchten, meinen Wissensstand zu erweitern, so
werde ich neue fundierte Erkenntnisse und auch Ihre konstruktive Kritik gerne
annehmen.
Bernd Deckert am 24.11.2008
Nachwort 2018
Vor 10 Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, dass die Suche nach dem Ur-
sprung der Comtoise Uhren im Hohen Jura ein Ergebnis bringen könnte, dass all
dem widersprechen wird, was jedermann bis heute darüber zu wissen glaubte.
Es gibt weiteren Forschungsbedarf, z.B. nach ‚hölzernen Uhren aus Foncine‘, aber
insbesondere natürlich die Suche nach Haut-Jura Comtoise Uhren, die vor 1710
datiert werden können. Die Ur-Comtoise kann noch gefunden werden!
Wenn Sie denken, dass Sie Informationen haben, die für die Frage nach dem Ur-
sprung der Haut-Jura Comtoise Uhr von Belang sein könnten, dann dürfen Sie
mich gern ansprechen und meinen Horizont erweitern.
Seite
169BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR
Kritik, die ich wie nach meinem Buch von 2008 auch diesmal erwarte, wird hof-
fentlich sachlich bleiben. Auch Kritik, wenn diese sachlich fundiert ist, wird mei-
nen Horizont erweitern.
Bernd Deckert am 24.08.2018
Comtoise Uhren Museum, Bonifatiusstr. 61, 40547 Düsseldorf - Alt Lörick
Tel. +49 - 211 - 33 45 45 www.comtoise.info e-Mail: deckert@comtoise.de
Nachwort 2022
In meinem NACHWORT 2018 hatte ich geschrieben:
„ Die Ur-Comtoise kann noch gefunden werden“
Dass ich sie finden würde, hätte ich mir nie vorzustellen gewagt.
Dass diese Uhr nun sogar im Comtoise Uhren Museum steht und somit öffentlich
zugänglich ist, kann ich nur als Wunder bezeichnen.
Nach fast 50 Jahren der vergeblichen Suche einer Haute-Saône oder Haut-Jura
Comtoise Uhr, ist nun endlich eine solche Haute-Saône Comtoise Uhr des 17. Jahr-
hunderts aufgetaucht, eine Uhr, die man definitiv als UR-COMTOISE bezeichnen
kann.
Es kann natürlich nicht ausgeschlossen werden, dass noch ältere Haut-Jura Com-
toise Uhren von vor 1709 gefunden werden. Nach meiner festen Überzeugung aber
wird niemals eine eindeutig ins 17. Jahrhundert datierbare Haut-Jura Comtoise
Uhr auftauchen, da es sie einfach nicht gegeben hat.
Wenn Sie persönlich in Ihrer Sammlung eine Haute-Saône Comtoise Uhr oder Hy-
brid Comtoise Uhr besitzen, dann zögern Sie bitte nicht, mit mir Kontakt aufzu-
nehmen. Jedes zusätzliche Uhrwerk, welches ein Zwischenstadium zwischen La-
ternenuhr und Comtoise Uhr aufweist, ist ein weiterer Beweis dafür, dass die Haut-
Jura Comtoise Uhr Vorläufer/Vorbilder hatte.
Bernd Deckert am 01.03.2022
Comtoise Uhren Museum, Bonifatiusstr. 61, 40547 Düsseldorf - Alt Lörick
Tel. +49 - 211 - 33 45 45 www.comtoise.info e-Mail: deckert@comtoise.de
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170BERND DECKERT - URSPRUNG DER COMTOISE UHREN - VON DER LATERNENUHR ZUR COMTOISE UHR